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Funke streicht jeden dritten Arbeitsplatz bei Anzeigenblättern


Streichen, kürzen, kappen: Die Funke NRW Wochenblatt GmbH streicht Stellen bei ihren werbefinanzierten Anzeigenblättern.

„Dass ein so großes Haus wie Funke keine anderen Lösungswege findet, als sich von Mitarbeitenden zu trennen, ist ein Armutszeugnis“, attestiert Frank Stach, Landesvorsitzender des DJV-NRW.  Vor allem, da die Belegschaft schon im vergangenen Jahr schrumpfen musste.

In Kleve, Goch, Xanten, Arnsberg und dem Vest Recklinghausen bleiben künftig die Briefkästen leer: Die Funke NRW Wochenblatt GmbH stampft dort ihre Gratis-Wochenblätter ein. An weiteren Standorten, in Monheim, Hilden, Langenfeld, Emmerich, wird zukünftig nur noch eine von zwei Wochenausgaben erscheinen. Andernorts wird der Erscheinungstag geändert. Insgesamt kürzt der Verlag nach eigener Aussage 463.000 Exemplare. Unterm Strich werden danach 13 der insgesamt 33 Redakteur:innen nicht mehr benötigt. Die 21 Stellen in der Redaktionsassistenz bleiben erhalten.

Um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, wird allen Mitarbeitern angeboten, freiwillig auszuscheiden oder ihre Arbeitszeit verringern und dafür eine (Teil)Abfindung zu bekommen.  So geht es aus einem Schreiben des Geschäftsführers Axel Schindler hervor, das die Belegschaft erhalten hat. Wie der freiwillige Abschied konkret finanziell ausgestaltet wird, geht aus dem Schreiben nicht hervor. Und weil die Abwicklung schnell vollzogen werden soll, lockt die Geschäftsführung mit einer Sprinterprämie in Höhe von drei Monatsgehältern für diejenigen, die sofort zugreifen.  Denn: Schon am 01. Juli soll Schluss sein. Und Schindler drückt aufs Gas: Die Betroffenen werden aufgefordert, sich bis Freitag, 23. April, an die Personalabteilung zu wenden. Der DJV-NRW rät dabei, keine Verträge vorschnell zu unterschreiben: „Wir stehen unseren Mitgliedern bei der Entscheidung natürlich beratend zur Seite“, sagt DJV-NRW-Justiziar Christian Weihe und rät betroffenen Mitgliedern, sich beim DJV-NRW zu melden.

Nach den Kürzungen soll es mit reduzierter Mannschaft weitergehen. „50-25-25“ betitelt Funke das, was als „neues Redaktionskonzept“ verkauft wird. 50 Prozent der Inhalte sollen demnächst vom zentralen Servicedesk geliefert werden. Dafür sollen vier Serviceredakteur:innen sorgen. 25 Prozent sollen den jeweiligen Lokalzeitungen entnommen werden und „kuratiert“ in die Wochenblätter einfließen. Dementsprechend ist dabei auch nicht von Redakteur:innen, sondern von fünf „Kuratoren“ die Rede, die diese Tätigkeit umsetzen sollen. Ergänzt wird das Team durch sieben Reporter:innen.  Da sich Zuschnitt und Stellenbeschreibung durch dieses Konzept ändern, müssen sich die Mitarbeiter:innen auf die Stellen bewerben. Oder eben das Geld nehmen und gehen. Mit diesem Abbau verliert die Medienlandschaft in NRW schon wieder ein Stück lokale Vielfalt und journalistische Arbeitsplätze.

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7 Kommentare zu “Funke streicht jeden dritten Arbeitsplatz bei Anzeigenblättern

  • #1
    Philipp

    Lokaljournalismus hat keine wirtschaftliche Zukunft – er widerspricht der Logik eines globalisierten Kapitalismus: technisch veraltet, ineffizient und vor allem mangelnde Skalierbarkeit (wie auch – er ist der Definition nach lokal.)

    Der Staat muss im Lokalen mehr Ressourcen bereitstellen – den WDR Lokalzeiten aber auch den Rats- und Kreistagsfraktionen, die im Vergleich zu den Landtagen völlig unterfinanziert sind.

    Es hat schon seine Gründe, warum Funke die Zentrale in Essen nur geleast hat.

  • #2
    kassandro

    Das Bedürfnis nach lokalen Nachrichten bleibt bestehen, und lokale Nachrichten können nicht so leicht durch das Internet wegskaliert werden, wie dies bei den "großen" Nachrichten der Fall ist. Deshalb geht es dem gedruckten Lokaljournalismus deutlich besser als anderen Printbereichen. Ich würde sogar sagen, dass es ohne Lokalnachrichten überhaupt keine Tageszeitungen mehr gäbe. In den kostenlose Werbeblättern werden meistens nur ein paar Lokalnachrichten aus den Tageszeitungen recycelt. Durch den Konzentrationsprozess bei den Lokalredaktionen nimmt allerdings Qualität und Quantität der Lokalnachrichten immer mehr ab, so dass die Leute irgendwnn nicht mehr bereit sein werden, dafür zu zahlen. Man kann sich auch zu Tode sparen.

  • #3
    Bochumer

    Ich frage mich, wieso es diese überflüssigen Werbeträger mit redaktionellem Beiteil überhaupt noch gibt. Die sind ja sowas von überflüssig, … schade für die Mitarbeiter, ja, das ist richtig, aber das hat doch nichts mit Journalismus zu tun. Eher mit PR…. Ende der 80er habe ich die mal ausgetragen. Beliebt waren sie schon damals nicht, aber die ALDI-Beilage wurde sich er gelesen.

  • #4
    Wolfram Obermanns

    Ziel des wirtschaftlichen Handelns der Funke Gruppe ist seit längerem die Beherrschung des Anzeigenmarkt.
    So sehen die Blätter auch aus.
    So sehen die Auflagenzahlen aus.
    Die Digitalisierung gibt dem Konzept den Rest.

    Versuchen zur Zentralisierung sind Grenzen gesetzt. Corona zeigt das in exemplarischer Weise. Es sind insbesondere die großen Medienhäuser die auf einheitliche Regelungen bei der Bekämpfung der Epidemie bestehen, obwohl das kleinteilige Geschehen eigentlich etwas anderes nahe legt. Für viele Rezipienten sind die lokal, also z. B. für Köln, zutreffenden Horrormeldungen im eigenen Umfeld dann auch sachlich richtig so nicht nachvollziehbaren Zustände darum Fakenews. Was dann insofern richtig ist, als dass die Projektion Kölner oder Berliner Zustände in die Fläche grob fahrlässige journalistisch Arbeit ist.
    Diese Form der Berichterstattung, die mehr dem Geschäftsmodell der Verlagseigner entspricht und weniger der Sachlage, ist ein augenfälliges Problem.
    Lokale Berichterstattung ist unersetzlich. Die entstandeneLücke durch Aufgabe dieses Anspruchs versuchen manche Städte mit Öffentlichkeitsarbeit in Eigenregie zu schließen. Dagegen wehren sich die Verlage mit gutem Grund aber ohne weiterbestehende reale Grundlage.
    Wie das entstandene informelle Vakuum funktionierend geschlossen werden kann, ist eine spannende und für die Demokratie existenzielle Frage.

  • #5
    Angelika, die usw.

    #4 @Wolfram Obermanns
    Wer sich informieren will, der (klar, auch die …) kann das ohne die "…So sehen die Blätter auch aus…" gut tun.
    Zum Beispiel Infos zum Thema Corona: Net-Seite der Stadt. Jeden Tag aktuell. Infos, welche Jahrgänge sich wann zur Impfung anmelden können usw..
    In den "…So sehen die Blätter auch aus…" werden genau diese Infos aufgepeppt mit Fallbeispielen à la die 85jährige Änne P., begleitet von…, musste nicht lange warten….blubber… Ich brauche diese Geschichtchen nicht.

  • #6
    Philipp

    @2 Kassandro "Deshalb geht es dem gedruckten Lokaljournalismus deutlich besser als anderen Printbereichen."

    Können Sie diese Aussage erläutern? Die Auflagenentwicklung der WAZ im Vergleich zu Spiegel/Zeit/anderen nationalen Publikationen gibt das ja eher nicht her.

    Mit Skalierbarkeit meine ich Folgendes: Egal wie gut eine Geschichte im Lokalen ist, der Markt bleibt begrenzt, weil sich ein Münchner im Grunde nie für eine Geschichte in Duisburg interessiert. Im Kapitalismus ist das ein Problem: der Kuchen bleibt klein und begrenzt. Anders z.B. der Spiegel, der 80 Millionen Deutsche (und 15 Millionen Schweizer und Österreicher) ansprechen kann) oder gar die New York Times, der der Weltmarkt offen steht.

    Und das ist dann letztlich auch ein Effizienzproblem, für die die Lokal-/Regionalzeitungen nichts können. Stefan Laurin hat das hier auf den Rurhrbaronen mal sehr schön beschrieben:

    "…zu der Ratssitzung, auf der die einschneidenden Sparmaßnahmen beschlossen werden, Koalitionskrisen offensichtlich und Dezernenten gestürzt werden, würde ich gehen – und wahrscheinlich auch andere Blogger. In die langweilige Standardsitzung nie. Nur: in der muss man über Jahre gewesen sein, um zu verstehen, was in einem Rat passiert, um die Konfliktlinien zu erkennen und die handelnden Personen einzuschätzen." https://www.ruhrbarone.de/ein-paar-gedanken-uber-lokaljournalismus/3362

    Lokalredakteure zu hunderten von Ratssitzungen zu schicken, in denen wenig Aufregendes passiert, ist notwendig, damit, wenn es etwas Einschneidendes passiert, der jeweilige Redakteur Hintergründe und Akteure angemessen beleuchten kann.

    Betriebswirtschaftlich ist das total ineffizient, aber für die Demokratie absolut notwendig.

    Und die Politik täte gut daran das zu erkennen und entsprechend zu handeln.

  • #7
    Philipp

    Und um mal einen anderen Gedanken in die Debatte einzuführen:
    In Duisburg arbeiten derzeit 1487 Polizeivollzugsbeamte fürs örtliche Polizeipräsidium und erfüllen eine wichtige Wächterfunktion. https://www.waz.de/staedte/duisburg/nrw-verspricht-mehr-polizisten-aber-nicht-in-duisburg-id229529876.html

    WIe viele Journalisten arbeiten derzeit in Duisburg? Ist es noch eine dreistellige Zahl? Und erfüllen Journalisten nicht ebenfalls eine Wächterfunktion, die adequate Ressourcen bedarf?

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