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Gabriel und Meßmer: Langweilige Rollenspiele…

Auf einer Podiumsdiskussion des Stern am 24. Oktober redeten SPD-Chef Sigmar Gabriel und die Netzaktivisten Kathy Meßmer (#aufschrei) aneinander vorbei. Und jetzt regen sich alle auf.

Für Jan-Peter Kleinhans von Netzpolitik ist das Gabriel-Meßmer Video ein weitere  Beleg für „fehlende Offenheit und mangelnde Wertschätzung“ von Netzaktivisten und Thoma Knüwer (Indiskretion Ehrensache) ein Beleg dafür, dass Gabriel unwählbar ist. Auch Sascha Lobo ist enttäuscht: „Da arbeiten hunderte Leute seit vielen Jahren in der SPD und im Umfeld der SPD, um die fatalen Gräben zuzuschütten zwischen online und offline. Und mit einer kurzen, aber völlig eindeutigen Aussage von Sigmar Gabriel, SPD wird klar, warum die Arbeit vergebens war.“

Sich in der SPD um Netzpolitik zu kümmern, war immer müßig – FDP und Piraten haben sich dieses Themas immer stärker angenommen als SPD und CDU. Bei der SPD haben nur ein paar Jusos in Wahlkampfzeiten Interesse an Netzpolitik simuliert. Die CDU war so ehrlich offen zu zeigen, dass ihr das Thema egal ist. Aber hey – Jusos. In den 70ern Jahren waren die interessant und egal. Seitdem sind sie nur egal.

Aber zurück zum Thema: Was ist passiert? Auf einer Podiumsdiskussion des Stern redeten SPD-Chef Sigmar Gabriel und die Netzaktivisten Kathy Meßmer (#aufschrei) aneinander vorbei. Meßmer beschrieb das Internet als ihren „Lebensraum“, Gabriel redete etwas von zwei Welten und die SPD müsse sich um die Welt außerhalb des Internets kümmern. Beide taten so, als ob es da zwei Welten geben würde – eine digitale, in der Meßmer lebt, und eine analoge, in der die Sozialdemokraten ihr Unwesen treiben.

Und nun sind alle sauer, das Gabriel der digitalen Welt nicht die nötige Referenz erwiesen hat, dabei war seine Aussagen nur genauso dumm wie die von Meßmer.

Auch wenn ich schon beim hören des Wortes „Ganzheitlich“ von Fieberkrämpfen geschüttelt werde: Es gibt nur eine Welt, nicht ein paar Dutzend und Kathy Meßmer, Sigmar Gabriel, der Aldi-Verkäufer und die NSA-Datenschutzbeauftragte leben zu jedem Zeitpunkt in der selben. Nur die Besatzung der ISS vielleicht nicht, würde sie aber spätestens nach dem Ausbleiben von Versorgungsraketen und gekappten Kommunikationsleitungen flott vermissen.

Das Internet gehört genau so zur Welt wie Wälder, Wüsten und Waschsalons. Es ist längst nichts exotisches mehr – 2,4 Milliarden Menschen sind online. Das Internet ist Alltag. Die Menschen sind mit ihren Computern, Smartphones und Fernsehern online und bald auch mit ihren Waschmaschinen. Der Online-Handel ist dabei den Einzelhandel so radikal zu verändern, wie es zuletzt beim Aufkommen des Warenhauses im ausgehenden 19. Jahrhundert der Fall war, die Finanzwelt ist wie wir sie heute kennen analog nicht vorstellbar. Aber in Amazons nordhessischen Lagern arbeiten Saisonkräfte und irgendwo und irgendwie wird alles, was wir so an Gadgets haben, ja auch erdacht und hergestellt.

Von zwei Welten zu reden betreibt puren Symbolismus.

Und so haben beide fröhlich nebeneinander her geredet und brav ihre Rollen gespielt: Meßmer die der Internet-Hipsterin und Gabriel die des verantwortungsvollen Vorsitzenden einer Volkspartei mit wenig Sinn für „Gedöns.“

Das Ergebnis dieses Nicht-Dialogs ist banal: Ja, die SPD täte gut daran, sich auch außerhalb ihrer heutigen Mitglieder umzuschauen – natürlich nicht nur online. Und Gabriel ist offenbar so klug, nicht allem hinterherzulaufen, was ihm die Medien als modern beschreiben – egal ob auf Totholz oder auf dem Screen.

Hätte ein schönes Gespräch werden können. War es nicht. Egal .Weitermachen.

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8 Kommentare zu “Gabriel und Meßmer: Langweilige Rollenspiele…

  • #1
    Andi

    Die Pointe bei der Nummer ist ja, dass Yasmina Banaszczuk – die im Wesentlichen wegen dieser Äusserungen Gabriels medienwirksam aus der SPD ausgetreten ist – vor kurzem erst im Prinzip in dieselbe Kerbe geschlagen hat wie der große Vorsitzende jetzt, nur von der anderen Seite:

    http://frau-dingens.de/?p=2684

  • #2
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Andi: Und das war die Austrittbegründung:
    http://frau-dingens.de/?p=2768
    Nico Lummas Replik fand ich ganz ok:
    http://lumma.de/2013/11/02/ein-unnoetiger-abschied/

  • #3
    der, der auszog

    die Talksequenz erinnert ein wenig an Alice im Wunderland, besonders die Angebote sich gegenseitig an die Hand zu nehmen und in irgendwelche Welten mitzunehmen.

    Sowas kennt man sonst nur von Leuten, die Pilze gefressen haben, was auch die Sprachlosigkeit von Genscher und Harpprecht, sowie den neuen Haarschnitt von Hans Ulrich Jörges erklären würde.

  • #4
  • #5
  • #6
    Klaus Lohmann

    „Die Menschen sind mit ihren Computern, Smartphones und Fernsehern online und bald auch mit ihren Waschmaschinen“

    Aber nicht die verbliebenen Stammwähler der SPD in z.B. der „Herzkammer der Sozialdemokratur“ Dortmund. Die warten immer noch darauf, wie es mit Boris Becker weitergeht, nachdem er ihnen was von „Ich bin drin!“ vorgejubelt hatte.

  • #7
    abraxasrgb

    „Hinterweltler betreten #Neuland?“
    Wobei das Wort „Netzgemeinde“ beinahe eine religiöse Konnotation hat 😉

    Wie zwei U-Boote, die sich die Welt aus ihrer Periskop-Perspektive schildern und darauf beharren, den jeweils größeren Horizont zu haben …

  • #8

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