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Gaucks blasse Geschichtsbilder

Gestern hat der von SPD und Grünen als Bundespräsident nominierte Joachim Gauck eine Grundsatzrede gehalten. Gauck wollte eine Woche vor der Bundesversammlung sagen, was er für einer ist. Publikum und Presse zeigten sich begeistert von seinem Aufruf zu Freiheit, Bürgersinn und Verantwortung. Ich bin es weniger. Gaucks Rede klebt in der Wendezeit und vermeidet klare Aussagen zu Nazideutschland. Schade.

Gauck schickte vorweg, es gehe ihm nicht um Thesen, sondern um seine Erfahrungen. Aber er macht es sich ziemlich leicht, seine Rede beginnt im Ungewissen. Er sei 1940 geboren, deshalb kenne er nicht den „Glanz“ in den Augen der vom Führer „Verführten“, aber er kenne die Augen der Angst der Erwachsenen in den Bombennächten. Nach Kriegsende wisse er von abgeholten Männern zum Arbeitsdienst oder zur Erschießung, er erinnere sich an furchtsam verhüllte Frauen. Mit einem „Krieg, Diktatur und wieder Diktatur“ rast er durch die dunkelste Periode, um schnell in den 1950er Jahren anzukommen, bei seinem von den Kommunisten verschleppten Vater, den in Moskau erschossenen freiheitlichen Jugendlichen. Mir geht das ein bisschen zu schnell.

Ein künftiger Bundespräsident sollte mehr bieten, als die leidvollen Erfahrungen mit dem Kommunismus, sollte mehr ausführen zum Krieg, als dass er „verloren“ ging und „Deutschland einem schrecklichen Ende“ entgegen ging. Zum Beispiel: Wer Schuld trägt, dass es nicht nur Verführte, sondern viele Täter gab. Und Millionen Opfer. Dass nach dem Krieg auch Menschen abgeholt wurden, die Schuld hatten.

Doch Gauck schaut zu mit großen Kinderaugen. Lernt Schiller, die Freiheit schätzen, den Westen. Bis die Mauer kommt, später das Einnisten trotz aller Widersprüche, noch später erst vorsichtige Opposition, schließlich ein „Freiheitssturm“. Und das gefällt mir eigentlich gut, wie er vom langsam werdenden Widerstand bis zur Verblüffung über die eigene Stärke gegenüber den Unterdrückern spricht. Welche Kraft „Wir sind das Volk“ habe – auch wenn der Vergleich mit Barack Obamas Wahlkampfschlager „Yes, we can“ so manchen Bürgerrechtler zornig machen könnte.

Doch nun bleibt Gauck stehen, 1989, 1990. Für ihn gab es eine „Revolution“ in Deutschland und alles was der Prediger zu heute sagt, hat diesen Ausgangspunkt. Die Kritik an Kapitalismus und System sei auch deshalb nur eine Flucht vor den Problemen, vor allem von denen, die sich immer noch unwohl fühlten in Deutschland. Er kenne viele, die damals Angst davor hatten, verhaftet zu werden, und jetzt vor dem sozialen Abstieg. Ziemlich konstruiert, nach immerhin zwanzig Jahren. Was haben die Bekannten die ganze Zeit getan, außer Angst haben? Und: Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Des Rätsels Lösung, Gauck glaubt heute so stark an die Freiheit im Westen, an westliche Werte, das westliche Militärbündnis, dass er Andersdenkende, Experimentierfreudige, Unzufriedene, Systemkritiker als Angsthasen, als Fluchtinstinktive abwatscht. Ich wünsche mir allerdings einen Bundespräsident, der mehr Freiheit im Denken, im gesellschaftlichen Ausdenken zulassen kann.

Und noch ein entschiedenes Nein, Herr Gauck! Die Probleme des Kapitalismus – Finanz- und Weltwirtschaftskrisen, ergo globale Ausbeutung, Verelendung – mit Fouls im Fußball und Doping im Radsport zu vergleichen, die Sportarten würde man ja auch trotz ihrer Schattenseiten weiter betreiben, greift arg kurz. Gauck hat schön gesprochen, es ist ein Rhetor am Pult, ein gut aussehender zumal. Die einen mag das freuen, mir ist der Mann zu verstockt und so bin ich froh, in einer Woche nicht abstimmen zu dürfen.

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33 Kommentare zu “Gaucks blasse Geschichtsbilder

  • #1
    Gauckelei

    Und jetzt soll er sich vom Spiegel gekauft haben lassen: http://www.theeuropean.de/reichstagsreporter

  • #2
  • #3
    Uwe-Jürgen Ness

    Wenn man – so wie es Joachim Gauck ganz offenkundig tut – sein Welt- und Geschichtsbild lediglich biografisch begründet, kann man in der Tat nur eine verzerrte, fragmentarische Sicht der Dinge bekommen. So kommt es, dass ihm offenbar die Aktenberge der STASI – eben weil er persönlich bespitzelt wurde – ähnlich dramatisch erscheinen wie die Leichenberge des nationalsozialistischen Deutschland. Warum sonst spricht er immer in einem Atemzug von den zwei Diktaturen? Bloß, dem Menschen sind zwei Gaben gegeben, nämlich Empathiefähigkeit und Abstraktionsvermögen. Beide in Kombination führen dazu, dass wir nicht alle Dinge selbst erlebt haben müssen, um sie als schlecht und verurteilenswert zu empfinden. Und auch, dass es eben fundamentale Unterschiede zwischen dem NS-Terror mit seiner industrialisierten Menschenvernichtung in Auschwitz und einem Unrechtsstaat nach DDR-Facon gibt. Gauck hingegen leitet sein Weltbild aus persönlicher Betroffenheit ab. Das ist weder redlich noch intellektuell wertvoll.

  • #4
    SpreeBlicker

    Sorry, war vor Ort. Kann die Schilderungen überhaupt nicht teilen. Ich war (bin weder Parteimitglied, Journalist oder sonst etwa) ziemlich begeistert nach Jahren der intellektuellen Armut im Amt des Bundespräsidenten…… Im Gegensatz zu Wulff hat Gauck ein Thema. Wulff hat nur Merkel.

  • #5
    Thomas

    >Ein künftiger Bundespräsident sollte mehr bieten, […] sollte mehr ausführen zum Krieg, als dass er “verloren” ging und “Deutschland einem schrecklichen Ende” entgegen ging.

    Der WW II wurde nicht verloren, er wurde gewonnen. Deutschland ist befreit worden. Von den Allierten.

    Von Schukow im Osten, von Churchill im Westen.

    BTW Churchill:

    http://de.wikipedia.org/wiki/We_Shall_Fight_on_the_Beaches

    http://www.youtube.com/watch?v=MkTw3_PmKtc

    Lässiger, nuschelnder und understatement-orientierter kann man den großen Plan der Befreiung gar nicht dartun.

    Von Churchill sollte sich der in der Pose des pietistischen Pfarrers rhetorisierende Gauck mal eine Scheibe abschneiden.

    Um endlich staatstragend zu wirken.

  • #6
    Christoph Schurian Beitragsautor

    @spreeblicker
    Ich war nicht vor Ort, habe die Rede gelesen und meine Meinung dazu aufgeschrieben. Es geht nicht darum wie begeisternd er auftreten kann, es geht auch nicht darum, ob Gauck ein Thema hat und Wulff nur Merkel, Gaucks Rede blieb trotzdem historisch blass und fest gefahren. Manchmal ist es eben doch besser, zu lesen, als einem an den Lippen zu hängen.

  • #7
    Sven

    Ich kann die Kritik nicht nachvollziehen.

    Du wirfst Gauck vor, dass er nicht die von Dir erwarteten Aussagen zum 2. Weltkrieg gemacht hat? Gegenfrage: Warum sollte er es denn? Und vor allem, was sollte er denn dabei für Überraschungen präsentieren?

    Es gab Täter und Opfer und Mitläufer. Stimmt. Und Wasser ist nass.
    Zum Glück ist das doch gesellschaftlicher Konsens. Warum soll er das nochmal betonen?
    Gauck hat auch nichts über die Todesstrafe gesagt. Er hat sich auch nicht explizit gegen Mord ausgesprochen. Oh mein Gott 🙂

    Ich finde es im Gegenteil erfrischend, wenn er sich in der Rede auf seine eigenen Erfahrungen konzentriert an statt einmal quer durch alle Standardthemen mit den altbekannten Sätzen zu hetzen.

  • #8
    Christoph Schurian Beitragsautor

    @sven
    Der Mann redet über den Krieg, über Deutschland, nicht übers Wetter, über Wasser oder was auch immer. Er redet über abgeholte Männer. Kriegserinnerungen. Mir ist das zu wenig, nicht reflexhaft, ich habe das wirklich vermisst, ich denke, viele finden es „erfrischend“, nicht mehr die alte Platte (die ja angeblich gesellschaftlicher Konsens ist) anhören zu müssen, aber kann man sich das ersparen? Nö.

  • #9
    ch_we

    Im Angesicht der parteiübergreifenden Zustimmung, die Gauck erfährt, sollte man eigentlich meinen, dass seine Haltung viel eher einen Konsens ausdrückt als „die alte Platte“. Spiegelt sich ja auch hier in den Kommentaren wieder.

  • #10
    Uwe-Jürgen Ness

    @ch_we Es wäre schlimm um diesen Land bestellt, wenn man mit Sätzen wie „Im Westen währte die braune Diktatur 12 Jahre, im Osten aber kamen noch 44 rote Jahre dazu“ (J. Gauck) einen „Konsens“ beschreiben würde. Die Reihe an Gauck-Zitaten kann man auch fortführen. Von einem derartigen Konsens sind wir zum Glück weit entfernt und Deine Aussage stimmt natürlich auch nicht, weil es im Netz eine ganze Menge an Gauck-kritischen Artikeln, Blogbeiträgen und Blogs gibt. Nur weil das zu Deinem Wunsch passt, stimmt es noch lange nicht.

  • #11
    Stefan Laurin

    Der Satz “Im Westen währte die braune Diktatur 12 Jahre, im Osten aber kamen noch 44 rote Jahre dazu” beschreibt schlicht die historische Wirklichkeit. Nach zwölf Jahren Nazidiktatur wurde der Westen zu einer Demokratie. Im Osten wurde eine neue Diktatur errichtet. Sie hatte einen anderen Charakter als die Nazidiktatur, wandelte sich in ihrem Bestehen mehrmals, aber blieb bis zum Winter 89/90 eine Diktatur. Natürlich hat die DDR keinen Völkermord begangen und keinen Weltkrieg begonnen, aber das haben viele andere Diktaturen auch nicht getan.

  • #12
    Victor

    @ Thomas

    „An empty taxi arrived at 10 Downing Street, and when the door was opened, Atlee got out.“ Churchill

    „Ein leeres Taxi kam am Bundeskanzleramt an, und als die Tür geöffnet würde, stieg Merkel aus.“ N.N., den wähl ich!

  • #13
    ch_we

    @U-J Ness

    Da sie es ja offensichtlich wissen: Was genau wünsche ich mir denn?

    Das Netz wählt nicht den Bundespräsidenten und Luc Jochimsen ist für die Bevölkerung nicht existent und für die Mehrheit in der Bundesversammlung nicht wählbar. Ich glaube nicht, dass Gauck über sein „blasses Geschichtsbild“ – eine Einschätzung, die ich übrigens teile – stolpern wird. Tun Sie das?

    @Stefan

    Deshalb ist die DDR für den Vergleich zwischen rechts- und linkstotalitärer Diktatur wenig tauglich, denn es fehlte ihr weitgehend die Dynamik, die zum Totalitarismus gehört, eine Dynamik, die in der Sowjetunion der dreißiger Jahre noch so bemerkenswert war. Mit anderen Worten: Der Vergleich zwischen zwei Herrschafts- und Gesellschaftssystemen muss auch ein historischer Vergleich sein, er muss die veränderten Umstände, die das Jahr 1945 brachte, in Betracht ziehen, er muss dem Einfluss der kollektiven Erinnerung an die nationalsozialistische Zeit auf die spätere (SED-)- Diktatur gerecht werden.

    In gewissem Sinne existierte die DDR überhaupt nur deshalb, weil die Sowjetunion eine Wiederholung des nationalsozialistischen Krieges fürchtete. Der Krieg ist schließlich der Faktor, der den Vergleich der beiden Diktaturen, die auf deutschem Boden errichtet wurden, am meisten erschwert. Das Fehlen fast jeglichen Widerstandes der Bevölkerung der DDR gegen den Untergang ihres Staates steht in bemerkenswertem Kontrast zur Beharrlichkeit des Weiterkämpfens der Bevölkerung des „Dritten Reiches“ auch in den letzten, hoffnungslosen Monaten des Zweiten Weltkrieges.

    Das „Dritte Reich“ legitimierte sich unter anderem dadurch, dass es sich mit der gesamten deutschen Nation identifizierte: Eher Patriotismus als nationalsozialistische Überzeugung war es, was viele Deutsche dazu motivierte, den Krieg wenn nicht zu begrüßen, sodoch bis zum Ende durchzustehen. Sie kämpften nicht nur für Hitler, sondern auch, vor allem in den späteren Kriegsphasen, für Deutschland. Es gelang den Nationalsozialisten, ihre Interessen als weitgehend identisch mit den Interessen der Deutschen überhaupt darzustellen. Der DDR-Elite hingegen sollte es nie gelingen, für ihre Diktatur breite Legitimität zu gewinnen, und schon gar nicht, ihren Staat als Sachwalter der Interessen der deutschen Nation zu legitimieren.

    sagt Richard J. Evans und zwar hier: http://www.bpb.de/themen/KRYQKI,3,0,Zwei_deutsche_Diktaturen_im_20_Jahrhundert.html#art3

  • #14
    Stefan Laurin

    Dynamik ist kein festes Kennzeichen für Diktaturen sondern tritt nur in einzelnen Phasen auf. War Spanien in den 70ern besonders dynamisch? Nein.
    Diktaturen haben Gemeinsamkeiten: Es gibt keine Gewaltenteilung, keine Wahlen, keine freie Presse. Dynamik, Angriffskriege etc. können Kennzeichen von Diktaturen sein, sind aber nicht ihre Grundlage. Für die Ausdehnung des Sowjetimperiums ist eine neuer Krieg ein Grund, aber nicht der alleinige. Es ging auch um eine Vergrößerung des Machtraums, auch um wirtschaftliche Expansion. Die UDSSR war ein imperialistischer Staat.
    Schön ist der Satz: „Das Fehlen fast jeglichen Widerstandes der Bevölkerung der DDR gegen den Untergang ihres Staates (…)“ Die Bevölkerung hat den Untergang der DDR gewollt, eine Revolution gemacht und später frei Parteien gewählt, die die DDR abschaffen wollten – und das auch getan haben.

  • #15
    ch_we

    @Stefan:

    Es geht nicht darum zu behaupten, dass die DDR keine Diktatur war. Das tue ich nicht und das tut auch Evans nicht. Sondern darum, dass die DDR eben nicht ’nochmal 44 Jahre Diktatur‘ war. Das „nochmal“ ist das entscheidende Wort. Es gab einen Bruch 1945. Tut mir leid, wenn soviel historische Details dich überfordern.

    Darüber wie groß der jeweilige Anteil von Bevölkerung, Politibüro, BRD, Alliierten und UdSSR am Ende der DDR tatsächlich ist, können wir uns unterhalten, wenn alle entsprechenden Akten öffentlich sind. Evans sagt, dass die DDR es nie geschafft hat, dass ihr System die gleiche Zustimmung bei der Bevölkerung erfuhr wie Nazi-Deutschland. Und da würde ich ihm nicht widersprechen – du etwa?

  • #16
    Stefan Laurin

    Nochmal deutet ja nicht an, dass es einfach weiter ging. Natürlich gab es 45 einen Bruch – und auf die eine Diktatur folgte die andere. Das mit der Akzeptanz Nazi-Deutschlands stimmt sicher. Wobei es auch da unterschiedliche Phasen gab. Wie auch in der DDR: In der frühen Honecker-Phase Anfang der 70er war sie sicherlich höher als in der Ulbricht-Zeit.

  • #17
    Helmut Junge

    @all
    Ich habe diese Rede des Präsidentschaftskandidaten jetzt gelesen. Nichts daran hat mich überrascht.
    Dieser Mensch hat keinen Blick nach vorn.
    Meine sozialdemokratischen Vorfahren mögen mir verzeihen, aber im Moment überlege ich, ob ich mich nicht doch für Wulf entscheiden würde.
    Der ist zwar genau so konservativ, lebt aber wenigstens in unserer Zeit.
    Hoffentlich bleibe ich nicht bei diesem Gedanken. Satan weiche von mir.
    Und außerdem darf ich gar nicht wählen. Puh, das nenn ich Glück.

  • #18
    ch_we

    Und als Ergänzung: Wenn man nach Kontinuitäten zum NS schaut, wird man in beiden Staaten fündig. Nur den SS-Mann als Bundeskanzler hat einzig die BRD hervorgebracht.

  • #19
    ch_we

    „Nochmal“ deutet an, dass sich etwas wiederholt.

    Das Problem ist doch, dass dieses relative grobe Raster „Diktatur“ sehr schlecht dabei hilft, die jeweiligen Spezifika von NS und DDR zu begreifen. Vielleicht gibt es deshalb eigentlich auch kaum noch Forschung, die „Totalitarismus“ als Raster anlegt und Gemeinsamkeiten von DDR und NS betonen will. Wenn, dann stammt sie eigentlich aus einem rechts-konservativen Umfeld mit eindeutigen Absichten. Ob man sich mit solchen Leuten gemein machen möchte, bleibt einem natürlich selbst überlassen.

    Und nochmal: Lesen hilft. Evans sagt, Nazi-Deutschland hatte bei seiner Bevölkerung eine höhere Akzeptanz als die DDR bei ihrer. Das ist ein entscheidender Unterschied. Die DDR-Bürger waren mündiger als die Deutschen im NS. Zur Akzeptanz von NS-Deutschland in der DDR sagt er eigentlich nichts.

  • #20
  • #21
    Dirk Haas

    Na, man muss Gabriel und Trittin fast dankbar sein, dass sie mit der Nominierung Gaucks – der Larve: http://www.konkret-verlage.de/kvv/txt.php?text=a4 – auch das Vergleichen der zwei deutschen Diktaturen im 20. Jahrhundert noch mal zum gesellschaftlichen Thema machen.

    Daniela Dahn, also die Frau, die anders als Gauck nun nicht kandidiert, hat verglichen:
    http://www.neues-deutschland.de/artikel/147753.das-urteil-von-den-zwei-deutschen-diktaturen.html

  • #22
    Patrizia

    @Helmut Junge
    Ich stimme Ihnen zuuuuuuuuuu :-), obwohl ich nichts mit „Sozialisten“ oder
    „sozialistischen Demokraten“ oder „Sozialdemokraten“ und deren Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik etwas anfangen kann. Monsieur Gauck habe ich einmal im TV
    reden gehört; es ging um dieses Langweilerthema „DDR“. Ich meine das ist doch
    jetzt auch schon einige Jahre her. Es gibt sooo viele, soooooo viele Aufgaben und
    Probleme überall in Europa … und da meine ich wir sollten nach vorne schauen.
    Mit den ewig Gestrigen, ganz gleich welche politischen Farben sie vertreten, lässt
    sich die Zukunft nicht gestalten. Ich finde diesen Monsieur Wulff besser … aber
    mich fragt ja niemand :-). Was wir brauchen sind keine scharfen Geschichtsbilder,
    sondern superschlaue Entwürfe für lebenswerte Zukunftsperspektiven.

  • #23
    Helmut Junge

    @Patrizia,
    Eine so seltene Zustimmung, wie die Ihre freut mich natürlich.
    Die Zukunft ist doch auch viel wichtiger, als die Vergangenheit. Das hat auch nichts mit irgendeinem Links-Rechtsschema zu tun.
    Ich bin privat sehr an der Geschichte, sogar Prähistorik interessiert. Aber doch nicht in der Politik, sondern weil ich ein Mensch bin, der nach unseren Wurzeln sucht und manchmal aus der Geschichte glaubt Lehren ziehen zu können. Das aber mit der notwendigen Vorsicht. Denn alte Rezepte so einfach übertragen geht garantiert schief. Wir brauchen immer neue Ideen. Und Leute, die vor 20 Jahren in ihren Überzeugungen schon gefestigt waren, sind schlicht unbrauchbar für solche Aufgaben.

  • #24
    Philipp

    vielleicht interessiert es den ein oder anderen leser in diesem zusammenhang, was gauck, wulff und die kandidatin für die linke, luc jochimsen, über israel, antisemitismus und jüdischem leben in deutschland zu sagen haben.

    http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/7846

  • #25
    Wähler

    Warum hat Gockel Gauk nicht die DDR von innen bekämpft, als Fahrradfahrer war er wohl schneller von der Realität weg? Egal, einen alten Mann wie zb. Schmidt huldigen? Es ist peinlich.

  • #26
    Arnold Voß

    @ Patrizia und Helmut Junge

    Sorry, aber wer keine“scharfen Geschichtsbilder“ hat bekommt auch keine „superschlauen Zukunftsentwürfe“ hin. Personen die beides produktiv miteinander verbinden sind allerdings Mangelware. Gerade in Deutschland. Weder Gauck noch Wulff sind diesbezüglich die richtige Wahl.

  • Pingback: zoom » Thema Antisemitismus: Drei Fragen an die drei Kandidaten «

  • #28
  • #29
    Helmut Junge

    @Arnold Voss,
    Der Ausdruck von den „scharfen Geschichtsbildern“ stammt zwar von Patrizia, und die kann mit Sicherheit souverän begründen, wie sie das meint, aber ich erlaube mir mal vorab, zu erläutern, wie ich sie verstanden habe.
    Sie kritisiert das Festhalten an einer einmal gefaßten Sichtweise.
    Von alten Männern ist das häufig berichtet worden.
    Übrigens können wir Ereignisse, die weit in der Vergangenheit flexibler betrachten, als solche, die zeitnäher liegen.
    Ich würde mir Ihre Auffassung zu eigen machen, wenn Sie meinten, daß diejenigen, die keine Geschichte kennen, auch keine „superschlauen Zukunftsentwürfe“ hinkriegen.
    Das ist nämlich sowieso meine Meinung.

  • #30
    Philipp

    @ hannes

    schön, dass dir die interviews mit den drei kandidaten gefallen haben…

    „Bist Du der Autor?“ leider nein 🙂

  • #31
    Dr. Clemens Heni

    Interessanter Text. Hier gibt es für diejenigen, welche an der wenig bekannten Ideologie eines Gauck interessiert sind, einige Hinweise zu Antisemitismus, Holocaust – Verharmlosung und stolzdeutschem Raunen im Denken von Joachim Gauck:
    http://clemensheni.wordpress.com/2010/06/03/joachim-gauck-die-prager-deklaration-und-europaischer-antisemitismus-heute/

    http://clemensheni.wordpress.com/2010/06/17/%E2%80%9Egeistige-gesundung%E2%80%9C-%E2%80%93-joachim-gauck-und-die-neueste-deutsche-ideologie/

    MfG,
    CH

  • #32
    Bert Steffens

    Deutsches Theater –
    Gaucks Vorstellungen von Freiheit und Demokratie

    Kritische Analyse der Rede vom 22. Juni 2010 in Berlin

    Bert Steffens
    Freier Philosoph
    Andernach

    „Das war alles Theater…“, so bewertete 2002 Peter Müller, Ministerpräsident des Saarlandes, eine inszenierte Empörung seiner Kollegen. Auch in Berlin hätte sich der Aufmerksame gewarnt fühlen können. Immerhin fand das Einmannstück [ http://www.joachim-gauck.de/ ] in einem Theater statt.
    Gauck wusste, was die Zuhörer von ihm erwarteten – Worte, die ans Herz gehen, Worte aus seinen Erinnerungen und Wünschen, Worte eines guten und mutigen Deutschen, der sich als evangelischer Theologe und Pfarrer der DDR-Staatsgewalt entgegengestellt hat. Worte, die bestätigen, was die Zuhörer ohnehin wissen, dass für die geplagte deutsche Seele, die ihr Vertrauen in Politik und Politiker gänzlich verloren hat, es nur einen Bundespräsidenten geben kann: Joachim Gauck! Verdrängt wird die offensichtliche Tatsache, dass Gauck der Kandidat von zwei Parteien ist. Deren Größen zollten kräftig Beifall und konnten dabei ihre Hoffnung pflegen, dem politischen Gegner Probleme zu bereiten, die weit über die Wahl ihres Kandidaten hinausgehen soll – wenn er denn gewählt wird. Sehr praktisch und überhaupt: Man kann sich gegenseitig zum jeweils eigenen politischen Vorteil benutzen – Gauck einerseits und SPD und Grüne andererseits.
    Wahlkampf für den Kandidaten? Ach was, gegen solch schnöde Verdächtigungen wehrte sich der Kandidat mit Nachdruck schon vor seiner Rede.
    Wer fragt da schon ernstlich nach wirklicher Eignung des Kandidaten? Aber was heißt hier überhaupt „Eignung“? Gauck ist bekannt und kann reden – das ist Eignung genug! Bei solcher Eignung will sich kein Mensch an jene große Menge befähigter Redner der Jetztzeit und der Vergangenheit erinnern, die besser ihren Mund gehalten hätten. Warum? Weil es nicht auf die Eloquenz, nicht auf den Wortschatz und nicht auf das Äußere des Auftritts eines Redners ankommt, sondern nur auf den Inhalt seiner Rede und den Zweck, den er damit verfolgt.
    Aber wer will schon solches hören, wer will an seinem Idol gekratzt sehen. Man verhält sich ähnlich einer Menge von Teenagern, die ihrem Angebeteten kritiklos, sich ganz ihren Gefühlen hingebend, zujubeln. Dabei kann doch jedermann erkennen: Läge es an der Redebegabung politischen Redner, gleich welcher Partei und gleich aus welchem Land, dann könnten wir es – scherzhaft ausgedrückt – vor lauter Wohlstand, Frieden und demokratischen Verhältnissen kaum noch aushalten. Das aber ist ganz offensichtlich nicht der Fall, auch wenn Gauck – nicht nur am Ende seiner Rede – Vergleichbares suggerieren will.

    Gauck weiß, welche Reizworte und -begriffe besonders gut ankommen, weil sie positive Vorstellungen bei den erwartungshungrigen, ihm ohnehin zugeneigten Zuhörern hervorrufen, Worte und Begriffe, die sich bereits vor der Rede in deren „Seelen eingelagert“ haben: Sechsundvierzig Mal springen sie dem erwartungsvollen Zuhörer entgegen, diese vier Buchstaben FREI – beispielsweise als „Freiheit“, „Freiheitswillen“, „Freiheitsliebe, „Freiheitssturm“, „Befreiung“ oder in anderer Weise eingesetzt. Gauck hätte als Texter in einer Werbeagentur eine Chance – nur, was wäre das schon gegen das Amt eines Bundespräsidenten?
    Und so fehlte es auch nicht an Namen und Begriffen, die auch und insbesondere in deutschen Ohren einen besonderen Klang von Freiheit, Mut, Widerstand und manchmal auch von Intellekt haben, Namen und Begriffe, die sich mit dem Erinnerungsbild des Redners verbinden sollen (in der Reihenfolge von Gaucks Rede): Thomas Mann, Heinrich Heine, Friedrich Schiller, Wolf Biermann, Sarah Kirsch, Martin Luther King, Alexander Solschenizyn, Andrej Sacharow, Vaclav Havel und auch der freiheitsliebende, der ehedem die Polen unterstützende polnische Papst, wie auch Franklin Roosevelt bleiben nicht unerwähnt. Es fehlt eigentlich nur John F. Kennedy und sein „Ich bin ein Berliner“.
    So wie Gauck Schlüsselbegriffe und Namen wirkungsvoll einzusetzen und unterschwellig mit seiner Person zu verbinden weiß, fehlt es auch nicht an bekannten Sprüchen. So hörten seine Verehrer den bekanten Titel eines um 1800 entstandenen Volksliedes „Die Gedanken sind frei“. Nein – „Am Brunnen vor dem Tore“ wurde überraschender Weise nicht benutzt aber der Titel eines amerikanischen Folk Songs von 1940 „This ist My Country“ fand seinen Platz. Und dann die Worte eines – wenn man so will – Berufskollegen, des Baptistenpfarrers Martin Luther King, jenes amerikanischen Menschenrechtlers, der sich als Farbiger nicht weiter von den Weißen unterdrücken lassen wollte; einer der Mut bewies und seine Anhänger auf die Straßen Amerikas führte und eine Rede hielt, die den berühmt gewordenen Ausruf enthielt: „I have a dream!“. Deutschlands Martin Luther King als Bundespräsident – welche ein Gedanke! Geschickt greift Gauck die Metapher „Traum“ am Ende seiner Rede auf. Gauck: „Ich träume von einem Land…“. Und natürlich durfte dann auch Obamas „Yes, we can!“ in Verbindung mit „Wir sind das Volk!“ nicht fehlen.
    Aber auch Bilder der Bibel tauchen auf, ganz wie es sich für einen ordinierten evangelischen Pfarrer gehört. Vom „Garten Eden“ und von „den aus dem Paradies Vertriebenen“ ist die Rede.
    Manche der Zuhörer brachen in Tränen aus.
    Perfekt!
    Was aber verriet Gauck seinen Zuhörern über den Inhalt des Begriffs „Freiheit“? Nichts konkretes. Ein analytischer Geist war diesbezüglich nicht zu erkennen. Freiheit? Für Gauck ist Freiheit kein Rechtsbegriff, sondern Gefühl. Er gebraucht den Begriff „Freiheit“ wie in Schlagertexten der Begriff „Liebe“ benutzt wird. Dort wird auch nicht nach deren Inhalt und Ursache gefragt – man gibt sich einfach einer schwärmerischen Sehnsucht hin. So hat auch Gauck das, was Freiheit ausmacht und was dessen Ursache ist, nicht dargelegt. Er arbeitet einen diffusen Begriff von „Freiheit“ an dem ab, was, seiner Darstellung nach, er und andere erlitten haben. In der Nachkriegszeit lernten – so Gauck – seine Großmutter und Mutter das Fürchten vor dem „da draußen“. Ich erlaube mir hier – nur zur beispielhaften Erinnerung an Millionen andere Schicksale – einzuflechten, dass meine Großmütter, Großväter und meine Mutter nicht lange nach 1933 das Fürchten lernten, erst Recht mein Vater als Soldat an der Front, von der er teilamputiert und traumatisiert zurückkehrte. Er konnte nach dem Erleben des grausamen, menschenverachtenden Krieges nur noch hilflos und verbittert von den „Lumpen und Verbrechern“ reden. Den Begriff „posttraumatisches Belastungssyndrom“ gab es in den Jahren nach 1945 noch nicht. Heute wird gerne übersehen: Für ein „posttraumatisches Belastungssyndrom“ bedarf es des Krieges nicht. Ein Bürger kann solches auch dann erleiden, wenn er in einem Staate leben muss, der nur scheinbar eine demokratische Ordnung hat und in dem Organgewalten die Gesetze zu oft verletzten, sei es durch Missachtung oder Auslegung zum eigenen Vorteil.

    Gauck benutzt den Buchtitel des deutsch-amerikanischen Psychologen Erich Fromm „Furcht vor der Freiheit“ (1941 „Escape of Freedom“). Gauck – Fromm nicht minder – hat nie verstanden, dass der Mensch – auch als „Bewohner des Ostens“, wie Gauck formuliert – keine „Furcht vor der Freiheit“, sondern Furcht vor dem Unbekannten hat: Der Mensch kennt zu oft nicht das, was Freiheit bedeutet oder nicht bedeutet, weil es ihm nicht von Kind an gelehrt, vorgelebt und das Thema „Freiheit“ nicht immer und immer wieder in der Gesellschaft thematisiert wird.
    Wenn Gauck von der „Freiheit von etwas“ und einer „Freiheit zu etwas“ redet, dann zeigt dies: Er hat nie begriffen – jedenfalls kann ich solches seinen mir bekannten Reden nicht entnehmen –, dass in der Werteordnung des Menschen nicht „Freiheit“, sondern erstrangig Selbstbestimmtheit und damit auch Selbstverantwortung steht. Selbstbestimmtheit kann nicht beseitigt und nicht verliehen, wohl aber verletzt werden. An Stelle des Begriffs „Selbstbestimmtheit“ kann man auch den noch immer rechtsunbestimmten Begriff „Menschenwürde“ des Art. 1 Abs. 1 Grundgesetz setzen. Wird die Selbstbestimmtheit des Menschen nicht durch Gewalt, Abhängigkeit, Ausbeutung und Verdummung verletzt, kann er sich also aus seiner Selbstbestimmtheit heraus selbst gestalten, dann ist er auch frei. Aber: Freiheit allein ermöglicht dem Menschen zunächst nur, dass er all das zu tun vermag, was ihm innerhalb der Grenzen seiner Spezies möglich ist. Dies kann für die Menschengemeinschaft Vorteilhaftes oder auch Grausames sein. All diese Tun war und ist „menschlich“, weil es für den Menschen machbar war oder noch machbar sein wird. Erst das Erkennen der Notwendigkeit selbst geschaffener Schranken seines Handelns, schafft eine Freiheit in der Menschengemeinschaft, mit der alle leben können, wenn und nur wenn diese Schranken, die wir Gesetze nennen, auf demokratische Weise errichtet wurden. Dieses Wissen konnte und kann der Mensch immer wieder mittels seiner Erkenntnisfähigkeit, dem wesentlichen kennzeichnenden Merkmal seiner Spezies erfahren.
    Das Wissen um die Selbstbestimmtheit jedes Menschen erklärt auch die von Gauck erwähnte Metapher vom „Apfel im Garten Eden“. Als – so die Bibel – Adam und Eva vom „Baum der Erkenntnis“ kosteten, landeten diese nicht, wie Gauck ausführt, „unversehens im Gefilde der Arbeit und der Sorgen“, denn auch die frühen Menschen hatten wohl selbst für Nahrung, Kleidung und Behausung sorgen müssen. Die Metapher stellt den Versuch dar zu beschreiben, dass die Menschen ihre Erkenntnisfähigkeit erlangten und damit auch ihre Selbstbestimmtheit erkennen konnten. Damit wurde ihnen die Tatsache bewusst, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen konnten und auch mussten. Sie hatten damit ihre Freiheit und Selbstverantwortung entdeckt.

    Solche einfachen Zusammenhänge hört man vom Bundespräsidentschaftskandidaten Gauck nicht. Das erklärt auch, warum Gauck nicht erkennen will, welche Verletzung der Selbstbestimmtheit der Mehrheit der Bürger Afghanistans und auch der Mehrheit der Bürger Deutschlands durch eine deutsche “Parlamentsarmee“ angetan wird. Die Mehrheit der Bürger ist, wie das Grundgesetz, gegen den Afghanistankrieg. Gauck hat nicht begriffen, dass es keines Menschen Recht ist, einem anderen das aufzuzwingen, was er für „Glück“ und „Recht“ hält. Hilfe kann zwar angeboten und gegeben werden. Hilfe zur Selbsthilfe mit Gewalt aus Deutschland kombiniert – das geht nicht, weil dies die Selbstbestimmtheit des Mitmenschen verletzt. Hat Guck sich nie gefragt, was das für ein Staat ist, in dem – aus gutem Grund – Folter verboten, aber Morden im Ausland erlaubt ist, weit entfernt von jedem Selbstverteidigungsargument.

    Nie wieder Krieg! – mit diesen Aufschrei sind Millionen von Menschen, auch der Autor dieses Beitrages, nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen und es brannte sich in ihre Erinnerung als Verpflichtung ein.
    Und Gauck? Tage vor seiner Rede befragt, wie er zum mörderischen, grundgesetzwidrigen Kriegseinsatz in Afghanistan stehe, antwortete mit den haarsträubenden Sätzen „Ich kann ertragen, dass wir dort sind.“
    Sicher – Gauck kann’s zu Hause ertragen. Sein Leben ist durch Kriegshandlungen nicht gefährdet. Aber er hält es dennoch „nicht für besonders erwachsen“ die „Solidargemeinschaft der Kämpfenden“ zu verlassen.

    Dass Krieg, allein aus der Selbstbestimmtheit aller Menschen, nur im Verteidigungsfalle vertretbar ist, solches hört man vom Pfarrer Gauck, einem, der das Christsein zum Gegenstand seines Berufs gemacht hat, nicht. Dabei weiß auch er: Es gibt keinen „gerechten Krieg“ und selbst der Verteidigungskrieg zwingt den ehedem Gerechten in schreckliche Schuld. Und gerade diese Tatsache berechtigt vom Wahnsinn des Krieges zu sprechen. Wenn Gauck auch anderes in seiner Rede behauptet: Diesen Wahnsinn zu erkennen, war ihm und anderen auch in der DDR möglich. Auch dort hatte er die „Freiheit des Denkens“, auch dort konnte er diese „lernen und einüben“. Warum also diese larmoyante Selbstbemitleidung?

    Was anders kann man im Streit zum Thema „Krieg“ einem evangelischen Pfarrer berechtigter entgegenhalten als die Bibel? Worte der Bibel, wie „…denn alle, die zum Schwerte greifen, werden durch das Schwert umkommen.“(Matthäus 26,52) oder auch „Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg.“ (Jesaja 2,4) waren von Gauck nicht zu vernehmen. Man fragt sich unwillkürlich: Was hat einst der ordinierte Hirte Gauck seinen Schäfchen gepredigt? Hat er nicht, nach seiner Überzeugung, das „Wort Gottes“ verkündet und hat er nie von der Heuchelei aus Matthäus, Kapitel 15, Vers 7 – 11 gesprochen?
    Gauck kritisiert in seiner Rede den Afghanistan-Einsatz der „Parlamentsarmee“ nicht – sind doch die beiden Parteien, die ihn ins höchste Staatsamt bringen wollen, selbst für deren Einsatz mitverantwortlich. Und so stellt sich die Frage nach der Unabhängigkeit und einer selbstverschuldeten Unfreiheit Gaucks: Könnte ein Bundespräsident Gauck gegenüber den ihn fördernden Parteien überhaupt unabhängig agieren und so frei von deren Erwartungen sein? Der Autor bezweifelt das ausdrücklich.
    Am liebsten, so scheint es, hätte Gauck über Afghanistan geschwiegen. So ist Afghanistan auch nur einmal kurz Gegenstand seiner Rede im Deutschen Theater. Gauck: „Solange deutsche Soldaten […] dort eingesetzt werden und nicht aus deutschem Übermut, der einst Truppen in Bewegung setzte, um Länder zu erobern oder Ressourcen auszubeuten, kann ich einen derartigen Einsatz nicht verurteilen.“ Da war Horst Köhler doch ehrlicher. Der hatte klar zum Ausdruck gebracht, was der Zweck des Afghanistaneinsatzes ist: Machterweiterung mittels irriger Herrenmenschenideen. Gauck weiter: „Ich fühle mit, wenn ich die Trauer der Mütter der Kriegsopfer sehe. Aber nicht Verantwortungslosigkeit hat ihre Söhne geschickt, sondern aus Verantwortung wurden sie geschickt und aus Verantwortungsbereitschaft sind sie gegangen.“
    Gauck fühlt also mit. Bei solcher Art Gerede muss immer wieder die gleiche Frage gestellt werden: Haben sich die „Verantwortungsträger“ auch selbst oder ihre Kinder in einen sinnlosen Kriegseinsatz „geschickt“ oder bleiben sie eigens aus dem Grunde zu Hause, die heimkehrenden Toten in „zentralen Trauerfeiern“ beweinen zu können? Und – nachdem Gauck schon aus Altersgründen als Soldat nicht taugt: Ist eines seiner Kinder Soldat in Afghanistan? Das ist nicht zu hoffen, denn jeder Deutsche, der dort als Soldat weilt, ist einer zuviel.

    War Joachim Gauck in seiner Rede schon nicht in der Lage zu vermitteln, was Freiheit und deren Ursache ist, so konnte er zwangsläufig auch nicht darlegen, was Demokratie, deren Ursache und Rechtfertigung ist. So erwähnte Gauck kein einziges Mal den HAUPTSATZ DER DEMOKRATIE aus Artikel 20 Abs. 2 Satz 1 Grundgesetz: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“

    Demokratie ist keine nette “Gutmenschen”-Veranstaltung mit Trallalla, pastoralen Reden, Händchenfassen, Zapfenstreich und Nationalhymne (man höre ergänzend hierzu auch: Gauck beim DLF am 13.06.2010 „Denk ich an Deutschland“). Im mehrfachen Sinne falsch ist es zu behaupten, Demokratie sei „…keine ausschließlich rationale Veranstaltung.“ Richtig ist: Demokratie ist überhaupt keine „Veranstaltung“ und – beachtet man den HAUPTSATZ DER DEMOKRATIE – eine zudem überaus rational durchdachte Herrschaftsform (nicht Staatsform), in der alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht. Diese Herrschaftsform gründet auf der Selbstbestimmtheit und damit auch auf der Selbstverantwortung jedes Einzelnen der Spezies Homo sapiens, des Menschen. Da in einer organisierten Menschengemeinschaft, einem „Staat“, aus naheliegenden Gründen nicht alle „Staat machen“ können, muss die Gemeinschaft einen Teil ihrer Mitglieder, die sich zuvor dazu freiwillig bereit erklärten, mittels Wahlen delegieren, damit diese die notwendigen Aufgaben in den Organen übernehmen (Artikel 20 Abs. 2 S. 2 Grundgesetz). Die Menschengemeinschaft gibt damit ihre Macht nicht an Einzelne ab, sondern beruft diese nur auf Zeit Dienst zu leisten innerhalb einer der drei Organe (Legislative, Exekutive und Judikative) und damit auch an der Menschengemeinschaft.

    Die bereits erwähnte Selbstbestimmtheit hat ihre Ursache in der bereits erwähnten Erkenntnisfähigkeit des Menschen. Die Selbstbestimmtheit ist wiederum Ursache und Begründung des Anspruches, dass in einer Menschengemeinschaft, die wir „Staat“ nennen, alle Staatsgewalt (richtiger: Organgewalt) vom Willen der Menschengemeinschaft, dem Volke ausgehen muss.

    Der HAUPTSATZ DER DEMOKRATIE beschreibt das Demokratieprinzip, welches sich auch dadurch ausdrückt, dass die Wahrnehmung der Aufgaben und die Durchsetzung der Befugnisse der Organgewalten, sich stets auf den Auftrag, sprich den Willen der Mehrheit des Volkes zurückführen lassen muss und auch gegenüber diesem zu verantworten hat. Dieser Wille des Volkes muss in Gesetzen sichtbar sein, die mittels demokratischer Verfahren geschaffen wurden. So sieht es das Grundgesetz vor und nichts anderes meinte im Kern auch das Bundesverfassungsgericht in seiner Entscheidung BVerfGE 83, 71 ff.

    Der HAUPTSATZ DER DEMOKRATIE schreibt das Selbst- und Letztbestimmungsrecht der Bürger unabänderlich fest („Ewigkeitsklausel“ aus Art. 79 Abs. 3 Grundgesetz) und damit auch die Souveränität des demokratischen und sozialen Bundesstaats Bundesrepublik Deutschland (Artikel 20 Abs. 1 Grundgesetz). Das Letztbestimmungsrecht wird auch durch Artikel 20 Abs. 4 Grundgesetz ausgedrückt: Die Bürger können ihre demokratische Ordnung auch nach Innen hin mit Gewaltanwendung verteidigen, wenn eine andere, friedfertige Abhilfe der Gefahr nicht möglich ist.

    Es ist also mit der Demokratie nicht so, wie sich Gauck etwas kryptisch auszudrücken beliebt. Demnach sei Demokratie „…jenes lebendige Gebilde, das Partizipation ermöglicht und Identifikation neben den Parteien schafft.“ Dieses unbestimmte Reden wird auch nicht dann bestimmter, wenn sich Bürger „in Beziehung zu anderen setzen…“.
    Auch Gaucks Formulierungen gleich zu Beginn seiner Rede lassen erkennen, dass er die Beziehungen zwischen Demokratie und Freiheit nicht verstanden hat. Es gibt nicht Freiheit und Demokratie, so, als ob beides getrennt betrachtet werden könnte. Richtig ist vielmehr: Demokratie ist Ausdruck der Selbstbestimmtheit jedes einzelnen Mitgliedes in einer organisierten Menschengemeinschaft. Damit bedeutet Demokratie stets Freiheit und so ist in einer Menschengemeinschaft Freiheit nur mittels der Herrschaftsform Demokratie möglich.

    Solches, wie vorstehend zu den Begriffen „Freiheit“ und „Demokratie“ dargestellt oder zumindest etwas, was im Kern damit übereinstimmt – ist in der Rede des Bundespräsidentschaftskandidaten Gauck nicht auszumachen. Auch ist beispielsweise nichts von der zunehmenden Missachtung der Selbstbestimmtheit der Bürger durch die Politik zu vernehmen. Aber man kann ja hoffen.
    Wenn Joachim Gauck sich einmal bemüht hat zu verstehen, dass die Prinzipien der Demokratie auf der Selbstbestimmtheit jedes Menschen beruhen, dann wird er Demokratie auch nicht mehr – wie in den Schlusssätzen seiner Rede – mit dem unbestimmten, fast metaphysischen Begriff des „Glücklichseins“ gleichsetzen. Er wird dann begreifen, dass die Bürger keine Demokratie „haben“, so, wie man einen Gegenstand besitzt oder ein Recht hat, vielmehr die Bürger aus ihrer Selbstbestimmtheit heraus Demokratie selbst gestalten müssen. In solcher Selbstbestimmtheit können die Bürger – losgelöst von einem nur äußeren Rahmen aus Politik und Herrschaftsform – ihr persönliches Glück erhoffen und auch gestalten und damit auch zum Glücklichsein ihrer Mitmenschen beitragen. Der mehrdeutige Begriff „Glück“ kann, soweit ein Ergebnis des Zufalls gemeint ist, unerörtert bleiben.

    Zum Schlusse muss noch gesagt werden: Die vorstehende Kritik an Joachim Gaucks Rede soll keine Empfehlung anderer Bundespräsidentschaftskandidaten sein. Sie soll auch nicht darüber hinwegsehen, dass die weitaus überwiegende Mehrheit der wahlberechtigten Bürger zu einem Bundespräsidentschaftskandidaten weder ein NEIN, noch ein JA zum Ausdruck bringen kann. Und auch das ist eine der vielen Missachtungen der Selbstbestimmt der Bürger.

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