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„Genau wegen dieser manchmal magischen Momente bin ich als Knirps Fußballfan geworden!“

In Argentinien ist Diego Maradona ein Volksheld, es gibt alle möglichen Merchandising Artikel von und mit ihm / Foto: Peter Hesse

Wir stecken mitten in einer weiteren, ereignisreichen Fußballwoche. Gründe genug für einen weiteren Smalltalk über die aktuelle Lage hatten unsere beiden Autoren Peter Hesse und Robin Patzwaldt also. Diesmal standen der überraschend frühe Tod von Argentiniens Superstar Diego Maradona, die Situation beim DFB und einmal mehr der Absturz des FC Schalke 04 dabei im Mittelpunkt. Aber auch über den BVB und sogar das anstehende Europa League Spiel von Bayer 04 Leverkusen wurde von den beiden diskutiert:

Peter Hesse: Lieber Robin, nach der 0:6-Klatsche der Nationalmannschaft gegen Spanien herrscht eine ziemlich große Unzufriedenheit, wie es mit dem Team Bundesadler weitergehen soll. Nach dem WM-Titel von 2014 hat sich eine fatale Selbstzufriedenheit eingenistet, die selbst das Vorrundenaus bei der WM 2018 nicht nachhaltig erschüttert hat. Nach viel Euphorie hat das Team von Jogi Löw immer mehr die Bodenhaftung verloren und ist zu einem Marketingkonstrukt verkommen, was eher an eine klinisch reine Kosmetik-Marke mit Dax-Notierung erinnert, als an eine Truppe, die nach Schweiß, Spucke und Lehm unter den Stollen riecht. Die Einschaltquoten der Nationalelf sinken, weil die Zuschauer anscheinend keine Lust mehr auf ein glatt gebügeltes Markenprodukt mit Oliver Bierhoff als Produktmanager haben – und sicher in der Corona-Pandemie sich lieber andere Ablenkungsmanöver suchen. Auch wenn die Nationalelf in den sieben Partien 2020 vor dem Sevilla-Desaster zwar nicht begeistern konnte, so hatte sie auch kein einziges Mal verloren. Glaubst du, dass Jogi Löw seinen laufenden Vertrag beim DFB zu Ende bringt? Oder lässt er sich vielleicht schon ganz bald beurlauben? Vor ein paar Tagen sagte Rudi Völler von Bayer Leverkusen beim Sender Sky mit prophetischem Unterton: „Jogi Löw kann das noch eine Weile als Nationalcoach machen, aber irgendwann wird es Jürgen Klopp machen – das ist klar. Man hat das Gefühl, der Jürgen ist der einzige, der sich aussuchen kann, wann er Bundestrainer wird. Das hat er sich verdient.“ Was glaubst du?

Robin Patzwaldt: Hallo Peter! Joachim Löw hat doch schon seit Jahren unerklärlich weite Teile der DFB-Führung hinter sich, ansonsten ist sein Verbleib im Job nach der WM 2018 doch schlicht unerklärlich. Ich selber sehe seine Arbeit schon seit Jahren recht kritisch, was ich hier im Blog ja auch immer wieder betont habe. Er ist in jedem Falle mit ein wichtiger Grund dafür, dass mich das Produkt Nationalmannschaft schon lange nicht mehr interessiert. Oliver Bierhoff ist ein anderer Faktor. Es ist bezeichnend, dass der DFB kürzlich einen neuen Torjingle ausgewählt hat, der in der NHL schon viele Jahre lief. Um nur einmal ein kleines Beispiel zu nennen. Irgendwie klappt das an der DFB-Spitze einfach nicht mehr. Dass ich zuletzt vor vielen, vielen Jahren bei einem Länderspiel vor Ort war, es war ein Spiel gegen England in Dortmund, ich weiß so spontan gar nicht mehr wann, ist dafür doch auch ein untrügliches Zeichen. Überhöhte Preise und ein inzwischen recht unattraktives Produkt. Geht es schlimmer? Lass uns lieber interessanteren Dingen zuwenden. Was sagst du denn zu dem aktuellen Chaos auf Schalke? Kaderplaner Michael Reschke und zudem mehrere Spieler weg…. Das ist auch keine Woche, wie man sie sich als Fan wünscht. Siehst du noch einen Ausweg aus der Situation?

Peter Hesse: Es ist alles so verdreht. Schalke 04 ist ein Verein mit etwa 160.000 Mitgliedern, aber sonst läuft gerade nicht viel. Es ist kein Geld da, der sportliche Misserfolg hat den Club ans Tabellenende katapultiert – und nun gibt es auch noch Krach auf der Vorstandsebene. Im Sommer benötigte der Verein schon eine Bürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. Es dürfte wirklich schwierig sein, neue Geldgeber zu finden oder andere Einnahmequellen zu erschließen, um nochmal in der Winterpause am Transfermarkt aktiv zu werden. Wird Tönnies nochmal Geld raus tun oder Gazprom was lockermachen? Schwer zu sagen. Auch Corona wird bis zum Ende der Saison weitere Löcher in die Finanzplanung reißen, denn bis zum Ende der Saison wird Königsblau coronabedingt weiterhin vor leeren Rängen spielen. Ein anderes Thema, was den Fußball bewegt, ist natürlich das Ableben von Diego Maradona – ich beobachte ihn mein ganzes Leben als Fußballfan und bin sehr traurig, dass er nicht mehr da ist. Am Ball agierte er wie ein Zauberer, im Leben neben dem Sport hat sich für ihn so manche Hölle aufgetan: Drogen und Alkoholmissbrauch, Geschäfte mit der Mafia, Ehestreit, uneheliche Kinder sowie eine Reihe an gesundheitlichen Problemen. Ich habe mir gestern Abend nochmal sein erstes Spiel in der italienischen Liga der Saison 84/85 angeschaut: Diego mit dem SSC Neapel gegen Hellas Verona – der Gegenspieler bei dieser Partie war der aus Kaiserslautern stammende Hans-Peter Briegel – und der flinke Maradona lässt in vielen Szenen die „Walz aus der Pfalz“ wirklich alt aussehen. Am Ball war Diego ein Gigant, er war ein einzigartiger Fußballmagier. Mochtest du ihn auch?

Robin Patzwaldt: Ehrlich gesagt mochte ich ihn nicht sonderlich. Sein sehr frühes Ableben ist natürlich traurig, und doch zeigt es noch einmal sein Scheitern auf irgendwie passende Art und Weise. Ein wirklich extrem begnadeter Fußballer, der menschlich aber ziemlich neben der Spur war über all die Jahre. Er hat es leider nicht hinbekommen sein sportliches Talent in der Birne entsprechend verarbeitet zu bekommen. Das ist aus meiner Sicht tragisch. Ich habe mal vor einiger Zeit ein paar Dokus über ihn angeschaut. Erschreckend, was er da so abgelassen hat. Ein komischer Spagat zwischen viel Selbstvertrauen und völliger Selbstüberhöhung. Er hat sich darin auch mehrfach zu sportfremden Themen wie Politik geäußert, womit er offenkundig völlig überfordert war. Auch fand ich es komisch, dass er für die ‘Hand Gottes’ medial über Jahre hinweg regelrecht gefeiert wurde, während hierzulande Andi Möller für seine legendäre Schwalbe gegen Karlsruhe lange Zeit heftigst von der Öffentlichkeit fertiggemacht wurde. Das ist schon alles ein Stück weit verrückt, wenn du mich fragst. Dass Maradona einer der besten Fußballer war, ist natürlich bei all den Gründen ihn nicht zu mögen, die ich genannt habe, unbenommen. Aber drei Tage Staatstrauer in Argentinien? Machen wir das dann bei Beckenbauer in ein paar Jahren auch? 😉

Peter Hesse: Es gibt keinen einzigen Deutschen, der eine dreitägige Staatstrauer auslösen würde – das hat auch kein Helmut Schmidt und keine Hildegard Knef geschafft. Kommen wir mal zum BVB, der durch die Siege gegen Hertha und Brügge gerade ganz viel Aufwind hat. Hans Joachim Watzke hat vor ein paar Tagen BVB-Trainer Lucien Favre in Schutz genommen. Ein Aktionär hatte bei der online-Hauptversammlung die Entlassung des 63-Jährigen gefordert, weil dieser bislang mit dem BVB nicht Deutscher Meister geworden ist. „Einen Trainer allein nach Titeln zu beurteilen, greift zu kurz“, sagte dann der BVB-Geschäftsführer. Nun ist der BVB wieder ganz nah dran am FC Bayern – wenn die sich am Samstag in Stuttgart verstolpern und BVB gegen Köln alles klarmacht, könnte schwarz-gelb Tabellenführer sein. Ich würde mich freuen, du sicherlich auch. Aufsteiger Stuttgart ist übrigens sehr gut in die Saison gestartet und belegt mit nur einer Niederlage, fünf Unentschieden und zwei Siegen den achten Platz der Tabelle. Und die Kaderplanung, für die der ehemalige BVB-Talentscout Sven Mislintat zuständig ist, ist ja auch nicht von schlechten Eltern. Wie beurteilst du den VfB?

Robin Patzwaldt: Zunächst noch einmal kurz zurück zu Favre. Ich vermisse beim BVB seit Favre da ist einfach die notwendige Entwicklung. Gute Phasen werden immer von überraschenden Ausrutschern beendet. Das unterläuft den Dortmundern viel häufiger als dies bei den Bayern der Fall ist. Deshalb ist das mit Titeln in Dortmund aktuell auch so schwer. Akzeptiert man das, kann man Favre weiterwursteln lassen. Will man aber irgendwann tatsächlich zu den Bayern aufschließen, braucht es auch meiner Meinung dazu einen anderen Coach. Zum VfB: Bisher spielen die wirklich überraschend stark. Ich hatte sie vor der Saison, wie viele andere auch, als Abstiegskandidaten gehandelt. Daran hat sich nichts geändert, nach erst acht Spielen. Jeder Punkt, den Stuttgart jetzt holt, ist ein Punkt für den Klassenerhalt. Aufsteiger punkten ja traditionell mit dem Schwung des Aufstiegs im Rücken eher zu Saisonbeginn, lassen dann im Laufe der Monate regelmäßig nach. Das erwarte ich auch vom VfB, dessen Trainer Pellegrino Matarazzo für mich übrigens ein bisher nicht wirklich gut einzuschätzender Typ ist. Der wirkt auf mich seit Monaten ganz komisch. Aber das ist nur meine persönliche Empfindung. Der sportliche Erfolg seiner Mannschaft, der spricht natürlich klar für ihn.

Peter Hesse: Der Sportmoderator Werner Hansch sagte immer: ››Lachen ist die beste Art dem Gegner die Zähne zu zeigen‹‹ – denn es kommt darauf an, ob Favre jetzt weiter abliefern kann. Ich habe ein gutes Gefühl, denn der BVB ist in guter Form gerade. Aber natürlich sind die Bayern eine sportliche Übermacht, die sich nicht viele Fehler erlauben werden. Und auf den Plätzen 3 und 4 liegen schon Leverkusen und Leipzig in Lauerstellung. Bayer Leverkusen muss heute Abend im Gruppenspiel der Europa League gegen Hapoel Be’er Sheva ran, und in dieser Partie auf die Bender-Zwillinge Sven und Lars verzichten. Lars Bender hatte Probleme mit dem Oberschenkel, Abwehrchef Sven Bender bekam einen Schlag auf das Sprunggelenk. Wie beobachtest du die Lage um das Brüderpaar? Ich schätze sie sehr – und hätte mir auch mal gut vorstellen können, dass beide für den BVB spielen – aber dieser Zug ist abgefahren.

Robin Patzwaldt: Ich war auch traurig damals, als Bender den BVB verließ um zu seinem Bruder nach Leverkusen zu wechseln. ein feiner Kerl, der immer alles gegeben hat, seine eigene Gesundheit häufig hinten angestellt hat um dem Team zu helfen. Sowas ist toll mitzuerleben, wenn es seinen sportlichen Wert auch häufig gemindert hat, weil er wochenlang ausfiel. Die Europa League verfolge ich nicht. Da schaue ich nur auf die Ergebnisse. Jeden Tag Livefußball will ich auch gar nicht. Mein Schwerpunkt liegt auf der 1. und 2. Bundesliga. da ist man ja häufig schon von Freitag bis Montag jeden Tag stundenlang mit Fußball beschäftigt. Dienstag, Mittwoch und Donnerstag halte ich gerne weitestgehend fußballfrei, zumindest an den Abenden. Das gelingt mir durch die Champions League-Spiele des BVB auch nicht immer. Aber ich bemühe mich. Schaust du auch die Spiele im ehemaligen UEFA-Cup an?

Peter Hesse: Je nachdem, wie es gerade passt. Ich habe viele andere Interessen, meine Tochter zum Beispiel kann überhaupt nichts mit Fußball anfangen. Aber gestern Abend konnte ich sie überreden mit mir eine Maradona-Doku zu schauen. Wir haben Diego beim Aufwärmtraining beäugt – und er ließ wie ein Zauberer den Ball immer wieder vom Innenspann abtropfen und pfefferte ihn urplötzlich mit vollster Wucht in die Luft – um eine Nanosekunde später wieder den Ball aufzufangen und weiter in der Luft zu halten. Jeder Bewegungsablauf wirkte dabei so leicht – und tänzelnd. Und genau wegen dieser manchmal magischen Momente, bin ich als Knirps Fußballfan geworden.

 

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4 Kommentare zu “„Genau wegen dieser manchmal magischen Momente bin ich als Knirps Fußballfan geworden!“

  • #1
  • #2
    der, der auszog

    Eine Fußnote zu Weigle „Sein“ ersten Kommentar zu Diego. Das Spiel war nicht 1981, sondern 1982!! und es endete auch nicht 6:0 sondern 5:0.

    Historische Fakten sind irgendwie nicht wirklich „Sein“ Ding…

  • #3
    Martin

    @ thomas weigle

    wie sind denn nun die "Historischen Fakten"?

    1981 – 6:0

    oder:

    1982 – 5:0

    und was genau hat ein Fussball-Ergebnis mit "politisch-geschichtliche Haltung" zu tun?

    Finde ich gut, dass es jetzt ein "weigle-watch" gibt, schon allein wegen des penetranten "schmunzel"

  • #4
    thomas weigle

    @ Martin Schmunzel!! Was richtig ist? Dafür bemühe ich weder google noch mich. Schmunzel.

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