2

Gott, die Beschneidung und ich

Wie ihr wisst Leute, hatte ich schon mal eine Begegnung mit Gott. Glaube ich zumindest.  Aber ich habe es bislang für völlig unmöglich gehalten, dass er noch mal auftauchen könnte. Also ich meine in meinem ganz persönlichen Leben. Aber wie es der Teufel so …. sorry Leute, das ist mir jetzt nur so rausgerutscht, weil man es halt so sagt. War natürlich nicht ernst gemeint.

Wie auch immer. Ich saß auf einer Bank am Rhein Herne Kanal. Das Wetter war mittelprächtig, aber warm und vor allem trocken. Da taucht ein Typ auf, ich würde sagen faktisch aus dem Nichts, und setzt sich neben mich. Ziemlich abgerockte Klamotten hatte er an. Aber er sah trotzdem irgendwie elegant aus, war babyglatt rasiert und roch sehr angenehm nach einem sehr unauffälligen aber nichtsdestotrotz sehr teuren Parfum. Etwas seltsam wirkte bei diesem Wetter seine weiße Kapuze, die er über seinen Kopf gezogen hatte.

Dann, für den Bruchteil einer Sekunde, zog er sie nach hinten und entblößte sein schlohweißes, hinten zu einem kleinen Zopf zusammengeschnürtes Haar. Als er seine Kopfbedeckung wieder in die alte Position gezogen hatte, gab es für mich keinen Zweifel mehr. Er war derselbe der vor nicht allzu langer Zeit unangemeldet in meinem Büro aufgetaucht war. Gott hatte sich dieses Mal offensichtlich als Penner verkleidet, damit er in der Gegend nicht gleich auffiel. Ich war erst mal sprachlos.

Dann traute ich mich doch ihn sicherheitshalber zu fragen, ob er Gott sei. Er nickte fast unauffällig. Wobei, er hätte auch eine Sie sein können, so androgyn wie er wieder aussah. Judith Butler hätte seine helle Freude an seinen Gesichtszügen gehabt. Aber in den Klamotten und mit hochgezogener Hood hatte er, im Gegensatz zum letzten Mal,  nicht die geringste Ähnlichkeit mit Karl Lagerfeld. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Letztlich hat Gott das ja auch nicht nötig. Er steht über der Zeit und damit auch über der Mode.

Androgyn hin oder her. Mich hätte schon mal interessiert, wie er nackt aussieht. Ich meine so richtig nackt. Also welchen Geschlechtes Gott jetzt wirklich ist. Oder ob er es je nach Lust und Laune und nach Lage der Dinge frei wählen kann. Judith hätte die Gelegenheit sicher genutzt, die Sache ein für allemal zu klären, zumindest aber sie poststrukturell zu dekonstruieren. Ich aber traute mich einfach nicht. Irgendwie flößte der Typ mir wieder mal Respekt ein. Selbst wenn er nicht wirklich Gott wäre, dachte ich mir, sollte ich mich aus reiner Höflichkeit mit diesem Thema zurück halten.

Gott, oder wer auch immer, saß derweilen still da und zeigte nicht das geringste Interesse an einem Gespräch, sah aber ansonsten ganz relaxed aus. Also nicht abweisend, nicht mal verschlossen. Er schien mir vielmehr den Anfang bzw. die Themensetzung zu überlassen. Ich erinnerte mich an unser letztes Treffen. Im Prinzip konnte man mit ihm/ihr über alles reden. Nur Glaubens- und Religionsfragen waren ihm/ihr  nicht so angenehm gewesen. Das Problem war nur, dass ich dieses Mal schon eine dringende diesbezügliche Frage hatte. Ihr wisst ja mittlerweile aus meinen Kommentaren hier, wie  kritisch ich gegenüber der Beschneidung eingestellt bin. Aber mich interessierte schon sehr, wie Gott dazu steht.

Sogar brennend, denn die Befürworter dieser seltsamen Praxis berufen sich dauernd auf Gott, also auf ihn oder sie. Also auf den Typen neben mir. Ich gab mir einen Ruck. Fragen darf man doch noch stellen dürfen, dachte ich mir. Erst recht an einen Allwissenden. An wen eigentlich sonst? Wenn man es genau nimmt, war das die Chance meines Lebens, an diesem Allwissen teil zu haben. Und mehr als „Leck mich“ konnte Gott auch nicht sagen. Also fragte ich etwas zögerlich aber doch deutlich verständlich: „Was hältst du von der Beschneidung an Kindern bei den Juden und den Muslimen?“ Wir hatten uns beim letzten Mal auf das Du geeinigt, Leute. Also bitte keine unnötige Aufregung wegen Respekt und so.

Das Wesen mit der weißen Kapuze brauchte einige Zeit für die Antwort. Dann zischte es geradezu empört aus ihm heraus: „Machen die den Scheiß immer noch?“ Für einen Allwissenden eine etwas überraschende Antwort, fand ich. Aber eigentlich war es ja eine Gegenfrage. Und er konnte sich ja nun wirklich nicht um alles kümmern. Ich antwortete also wahrheitsgemäß: „Ja, und sie berufen sich dabei auf die heiligen Schriften.“

„Ich habe noch nie etwas geschrieben“ antwortete er lakonisch. „Warum sollte ich? Ich habe das alles erschaffen, und zwar so, dass es sich von selbst weiterentwickelt.“ Ich erinnerte mich an unsere erste Begegnung. Wie begeistert er von seinem Trick mit der automatischen Ausdehnung des Weltalls gewesen war. Auch die Evolution war offensichtlich seine ganz persönliche Erfindung. Klar, er wollte nach der anstrengenden Erschaffungswoche seine Ruhe haben.  Ein für alle Mal. Zumindest wollte er nicht dauernd nachschauen müssen, ob die Sache noch voran geht. Controlling war einfach nicht sein Ding.

„Bei der Entstehung des menschlichen Gehirns habe  ich noch mal persönlich nachgeholfen “, legte er zu meiner Überraschung nach. „Ich bin ein Kulturwesen, weißt du, und diesbezüglich lief die Evolution mir etwas zu langsam“. Ich war von den Socken. Gott ein Kulturwesen. Also nicht natürlich. Der allererste Kreative sozusagen. „Aber danach habe ich mich wieder zurückgehalten“. Das klang glaubwürdig. Ich erinnerte mich an unser letztes Gespräch. Er wollte nicht immer für alles verantwortlich gemacht werden. Allmacht ist halt auch eine Last, Leute.

„Aber warum findest du dann die Beschneidung an Kindern nicht gut?“ fragte ich. Er überlegte nicht lange und sagte:„Weil ich den Menschen den Verstand gegeben habe damit sie ihn gebrauchen!“ Er war etwas lauter geworden, aber das war kein Problem, denn weit und breit war Niemand der uns zuhören konnte. Aber er war nicht mehr so relaxed wie am Anfang unserer Begegnung und ich begann zu bereuen, dass ich ihn gerade mit diesem Thema belästig hatte. Aber dann, ich konnte einfach nicht anders, denn ich war von Geburt an neugierig. Zu neugierig. Es brach einfach aus mir heraus: „Bist du denn selbst nicht beschnitten?“

Jetzt hatte ich ihn doch noch sprachlos gemacht. Er verzog für Sekunden keine Miene. Wut und Belustigung schienen auf seinem Gesicht einen völlig ausgeglichenen Kampf miteinander zu führen. Dann zeigte sich, dass die Gelassenheit wohl sein stärkster Charakterzug war. Eigentlich nicht verwunderlich, wenn man allmächtig und allwissend ist. Aber sie brauchte dann doch ihre Zeit um zum Durchbruch zu kommen. Vielleicht suchte Gott aber auch nach einer Formulierung in der er sein Geschlecht nicht gleichzeitig mit offenbaren brauchte.

Allwissenheit basierte ja letztlich darauf, dass alle anderen eben nicht auch Alles wissen, und zu dem was sie auf keinen Fall wissen sollten gehört nach seiner Ansicht bestimmt sein Geschlecht. Wenn er es allerdings wirklich frei wählen könnte, was bei Gott dem Allmächtigen nicht unwahrscheinlich ist, dann wäre eine Antwort auf dieser Frage auch gar nicht korrekt möglich gewesen. Meine Gedanken wurde durch seine Worte unterbrochen: „Wieso sollte man etwas Perfektes verändern?  Wieso sollte man an etwas mit einem Messer herangehen an dem es nichts zum Abschneiden gibt, weil es vollkommen ist? Und wozu sollte man dazu auch noch Schmerzen verursachen?“

Er sprach wieder leiser, dafür umso deutlicher, und  ich war wieder von den Socken. Das war genau meine Position. Gott hatte mir sozusagen aus der Seele gesprochen. Klar er ist Pazifist, also gegen Gewalt. Und natürlich hält er sich selbst für vollkommen und würde deswegen an sich selbst nicht herum schnippeln. Ich wusste aber nicht, dass er auch den Menschen für vollkommen hält. Obwohl, letztlich war er ja, wenn ich Gott bis zu diesem Zeitpunkt  richtig verstanden hatte, sein Werk.

Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Gott sieht sich wesentlich als Künstler und welcher Künstler will schon, dass sein Werk nachträglich und obendrein nicht von ihm selbst verändert wird. Gut, Leute, es gibt mittlerweile einen erweiterten Kunstbegriff. Mehr partizipatorischer, auf Mitgestaltung des Rezipienten gerichtet. Aber was hat Gott mit Demokratie zu tun? Das wäre doch wohl ein Widerspruch in sich, oder? Wenn Jemand versuchen würde ihn abzuwählen würde er sich wahrscheinlich schlapp lachen, und nicht ängstlich kuschen wie Adolf Sauerland. Allmacht, Leute, ist eben nicht nur eine Last. Sie kann sogar richtig Spaß machen, glaube ich.

Aber was schweife ich hier ab. Ich als Nichtgläubiger und er als Herrscher  aller Gläubigen waren einer Meinung. Das ist das was zählt. Mein „Schöpfer“ und ich in einem geistigen Boot. Ein Wunder war geschehen. Oh Mann. Und ich war mitten drin. Ich hatte das Gefühl, dass der Kanal auf einmal ganz klares Wasser führte, ähnlich wie in nicht weiter Zukunft die Emscher, die parallel zu ihm verläuft.

Der Kanal der Klarheit und der Erleuchtung sozusagen. Ich bin ja ein überzeugter Anhänger der Evolutionstheorie, wie ihr wisst. Und ehrlich gesagt ist mir egal wer sie erfunden hat. Aber es war einfach schön zu hören, dass er sie auch für richtig hält.Oder war er in dem Moment gerade eine Sie gewesen. Er/Sie hatte mir sein/ihr Geschlecht ja nicht verraten.

Ok. Er, oder sie, hat sie eindeutig in Gang gesetzt um sich von weiterer Schöpfungsarbeit zu befreien. Mit Ausnahme des menschlichen Hirns, wie wir jetzt wissen. Sie, oder er, könnte also einfach nur ein fauler Sack sein. Aber Gott hatte wieder mal Stil bewiesen. Selbst als Penner. Und das ist das was heutzutage zählt, Leute: Style. Allwissenheit hin oder her, entscheidend ist wie man rüberkommt.

Wir hatten danach übrigens noch einen prima Nachmittag. Er/sie hatte nämlich eine Kühltasche dabei, die ich im ersten Moment übersehen hatte. Bisschen zum Futtern und viel zu trinken. Und wieder alles erste Sahne und Öko. Da steht Gott drauf, ganz klar. Und natürlich keine weiteren religiösen Frage mehr meinerseits, das war seine Bedingung.

Noch bevor die Abendsonne verschwand war ihr mein Geist zuvorgekommen. Er, Sie, Gott, Göttin, wer auch immer, war natürlich weg, als ich wieder zu mir kam. Nur die leeren Flaschen waren wieder über und die sind am Kanal nichts Ungewöhnliches. Ich bin mir auch nicht mehr sicher, ob alles genau so war, wie ich es hier niedergeschrieben habe. Aber ich halte es immer noch für möglich.

RuhrBarone-Logo

2 Kommentare zu “Gott, die Beschneidung und ich

  • #1
    Olaf

    Ich bin mir auch nicht mehr sicher, ob alles genau so war, wie ich es hier niedergeschrieben habe. Aber ich halte es immer noch für möglich.

    Endlich kann ich das auch mal sagen ohne mir an die Stirn hauen zu müssen: Das ist genauso wahrscheinlich wie das was in den heiligen Texten steht, also hier muss ich echt sagen: Lehrt die Kontroverse!

    Danke.

  • Pingback: Gott sieht alles… sogar ZDF! | Ruhrbarone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.