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Greta: Reduziert sie nicht auf ihre Krankheit

Greta Thunberg Foto: Anders Hellberg Lizenz: CC BY-SA 4.0

Die Bandbreite menschlichen Verhaltens ist unfassbar. Eine der ironischen „Rules of Internet“ lautet sinngemäß: Wenn du es dir vorstellen kannst, gibt es Pornographie darüber. Ich glaube das aufs Wort, auch ohne meinen Browserverlauf zu besudeln. Auch ohne eine psychische Erkrankung machen Menschen ungewöhnliche und unverständliche Dinge. Das Netz ist voll davon. Aber in dem Moment, in dem eine Diagnose auftaucht, tendieren wir dazu, den Menschen nur noch unter diesem Stempel zu betrachten. Bemerkenswerterweise kann die Diagnose sowohl zu einer Abwertung als auch zu einer Überhöhung führen.

Greta Thunberg wird von ihren Feinden nicht nur aufs übelste beschimpft, gerne erklären diese ihr Engagement auch mit ihrer Erkrankung. Dass sie so vehement für das Klima kämpft, wird als eine Art pathologischer Zwang gewertet. Auf der anderen Seite findet man hingegen Kommentare, in denen ihr Asperger-Syndrom als Voraussetzung für ihre Leistung gesehen wird. Bei denen postuliert wird, nur deswegen habe sie das Durchhaltevermögen, den Mut oder auch eine ganz spezielle Aura, die sie zur Symbolfigur prädestiniert. Die Erkrankung wird so fast zu einem mystischen Element, wie das zweite Gesicht oder die göttliche Eingebung.

Dabei stellt sich die Frage, inwieweit es überhaupt legitim ist, das Verhalten einer Person mit einer etwaigen Erkrankung zu erklären.

Juristisch und wissenschaftlich verhältnismäßig eindeutig ist dies bei der Frage der Schuldfähigkeit geregelt. Wenn jemand eine Straftat begeht, gibt es klare Kriterien, anhand derer beurteilt wird, ob dem Betroffenen für sein Verhalten eine Schuld zugesprochen werden kann. Im Einzelfall ist aber auch diese Beurteilung stets ein Graubereich. So kann es sein, dass ein Täter vielleicht aus wahnhaften Motiven gehandelt hat, aber dennoch in der  Lage war, das Unrecht seiner Tat zu erkennen. Aber hier sprechen wir von extremen Situationen, in denen ein kranker Mensch eine ungeheuerliche Tat ausgeführt hat.

Können wir aus solchen Fällen darauf schließen, dass psychisch Kranke auch für normale Verhaltensweisen eigentlich nicht verantwortlich gemacht werden können? Können wir sagen, dass sie nur aufgrund einer Erkrankung so handeln? Dürfen wir überhaupt irgendetwas jenseits des konkreten Symptoms mit der Krankheit begründen?

Auch wenn Psychiater bemüht sind, objektive und systematisierte Kriterien für ihre Diagnosen zu finden, so ist die Frage, wo Krankheit beginnt, doch immer Interpretationssache. Leichter ist es vom anderen Ende her: Ab einem gewissen Grad steht außer Zweifel, ob jemand krank ist. Wenn sich ein Mensch acht Stunden täglich die Hände wäscht, deswegen nicht arbeiten kann und schon bedrohliche Hautveränderungen hat – von den Wasserkosten ganz zu schweigen – dann wird kaum einer in Frage stellen, dass dies Krankheitswert hat. Doch was ist, wenn derjenige nur überdurchschnittlich stark auf Sauberkeit achtet? Ist er nicht vielleicht sogar gesünder als der Schmutzfink, der ohne Händewaschen das Klo verlässt? Was ist, wenn derjenige es selbst etwas übertrieben findet, es ihn aber nicht wirklich stört? Oder wenn es ihn zwar fraglos beeinträchtigt, aber doch nur ein bisschen? Sobald wir erfahren, dass diese Person eine diagnostizierte Zwangsstörung hat, sogar in Therapie ist, verändert sich schlagartig unser ganzes Bild. Ist er nicht auch bei der Arbeit übermäßig gewissenhaft? Ist sein Hobby (zum Beispiel die perfekte Hifi-Anlage) nicht nur der projizierte Versuch, etwas Makelloses zu erschaffen? Kleidet der sich nicht auch immer so überkorrekt?

Der menschliche Geist beinhaltet so viele Facetten, dass diese niemals nur psychiatrisch oder nur soziologisch oder, sagen wir, nur literarisch erfasst werden können. Weder die Psychoanalyse, die meinte jedes Verhalten durch die Brille der Sexualentwicklung deuten zu können, noch die moderne Hirnforschung, die glaubt, alles zu verstehen, sobald sie es nur abbilden kann, werden dieser Vielfalt gerecht. Der Mensch mit einer psychischen Krankheit hat in einem oder mehreren Bereichen seines Geistes Schwierigkeiten, die über das hinausgehen, was der durchschnittliche Gesunde ebenfalls an Schwierigkeiten hat. Jeder kennt Misstrauen, aber nicht bei jedem steigt es ins Unermessliche. Jeder hat Gewohnheiten, die er lieber los wäre, aber nicht jeder muss sie ausführen, bis ihm die Hände bluten. Jeder fragt sich, ob er seine Mitmenschen richtig versteht, aber nicht jeder ist dabei so ratlos wie ein Autist.

Aber egal, wie stark diese Symptome sind und egal, auf wieviele Aspekte des Lebens und Denkens sie sich auswirken: Der Rest ist immer noch ein normales Gehirn und das allermeiste in diesem Gehirn funktioniert so wie es soll und auch der Kranke kann sprechen und sich anziehen und erinnert sich daran, welches Eis er als Kind am liebsten gegessen hat und mag manche Menschen mehr als andere und friert, wenn es kalt ist und hat eine politische Meinung, die vielleicht durch die Erziehung geprägt ist oder umgekehrt, ein Auflehnen gegen diese bedeutet.

Ihnen das abzuerkennen, den „Verrückten“ zu unterstellen, auch ihr Musikgeschmack oder ihr leidenschaftliches politisches Engagement oder ihr Kleidungsstil wären verrückt, das ist vielleicht die brutalste unter den vielen Respektlosigkeiten, die sie ertragen müssen. Bis zum Beweis des Gegenteils ist alles normal, alles Teil der individuellen Persönlichkeit, das nicht eindeutig „das Symptom“ ist.

Amy Winehouse war nicht eine Kranke, deren Krankheit sie zum Singen getrieben hat. Sie war eine Musikerin. Punkt. Und vielleicht haben darüber hinaus ihre seelischen Probleme auch ihre Kunst beeinflusst. Donald Trump ist ein taktloser Machtmensch. Daran änderte sich nichts, selbst wenn wir eines Tages erfahren würden, dass man bei ihm tatsächlich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung festgestellt hätte. Das wäre dann nicht alles plötzlich verzeihlich oder weniger schlimm. Auch das verlangt der Respekt: Jemandem nicht die Verantwortung für sein Handeln abzusprechen, sofern er nicht gerade im Ausnahmezustand der Schuldunfähigkeit gehandelt hat. Und Greta Thunberg ist eine überdurchschnittlich engagierte und erfolgreiche Klima-Aktivistin. Bis zum Beweis des Gegenteils hat das nichts mit ihrer Krankheit zu tun. Weder im negativen, noch im positiven Sinne.

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19 Kommentare zu “Greta: Reduziert sie nicht auf ihre Krankheit

  • #1
    Aufrecht

    "… inwieweit es überhaupt legitim ist, das Verhalten einer Person mit einer etwaigen Erkrankung zu erklären." Was ist denn "legitim" für eine Kategorie? Was soll dieser Artikel voller Relativierungen?
    Nennen wir die Dinge doch beim Namen. Greta zeigt typische Symptome einer schweren psychischen Störung. Damit wird sie von den Medien und den Aktivisten mißbraucht.
    Das ist verantwortungslos und rücksichtslos. Aber es ist nicht illegal. Jeder am Missbrauch beteilige soll sich aber seiner Verantwortung für das Kind bewusst sein. Für den unausgegorenen politischen Stuss ist jeder selbst verantwortlich. Ich halte die Bewegung für schlicht totalitär.

  • #2
    Gerd

    Greta ist ein Kind. Keine Lebenserfahrung und deswegen leicht manipulierbar. In diesem Fall u.a. von ihren Eltern. Ihr Asperger-Syndrom steigert lediglich ihren PR Wert. Da sie weiterhin nur eine Gallionsfigur ist, sollte sich Kritik nicht an sie, sondern die Strippenzieher richten, die die sie ins Rampenlicht gezerrt haben.

  • #3
  • #4
    Klaus Lohmann

    @#1: Rein interessehalber: ist "Aufrecht" auch ein Zustand, eine eingebildete Krankheit oder nur eine Behauptung? Ich halte Ihre Art, "Dinge beim Namen zu nennen", schlicht für reaktionär und menschenverachtend. Die Dinge, die FFF klar beim Namen nennt, bedrohen akut die Existenz unserer Spezies.

  • #5
    puck

    @ Gerd, @ Aufrecht

    Greta ist kein Kind. Sie ist nicht eine kleine Shirley Temple oder Michael Jackson, die von Erwachsenen vorgeführt wird wie ein dressiertes Äffchen.
    Sie ist eine Jugendliche. Damit ist sie sicher keine voll ausgereifte Persönlichkeit (obwohl ich Leute kennen, die auch mit 60 noch keine ausgereiften Persönlichkeiten sind… na, lassen wir das…) aber auch kein willenloses Objekt das nicht in der Lage ist, für sich selbst zu denken und Entscheidungen zu treffen. (Eine feine Unterscheidung, die sich übrigens auch im Strafrecht widerspiegelt, wo Jugendliche zwar nicht gleich behandelt werden wie Erwachsene – aber eben auch nicht wie Kinder)

    Nur eins finde ich noch verlogener als die Herumreiterei auf Asperger: Die "Sorge" um das "Kind" Greta.

  • #6
    Thomas Weigle

    Die Klimawandelleugner und andere dubiose sich zu Wort meldende nehmen eine mögliche psychische Störung zum Anlass den Menschen Greta Thunberg und ihr Anliegen zu diskreditieren. Wie armselig. Deshalb Dank an R.v.Cube!!
    Wenn heute auch totalitäre Maßnahmen in die Diskussion gebracht werden, dann doch deshalb, dass es um die Freiwilligkeit bei klimapolitischen Maßnahmen nicht so wirklich gut bestellt ist, die Zeit aber ziemlich drängt.

  • #7
    Berthold Grabe

    Im Prinzip stimme ich dem Autor zu, allerdings gehört zu ihrer Störung die Ausprägung von Inselbegabungen typischerweise hinzu, was erklären würde, warum sie so totalitär einseitig das Problem sieht und angeht.
    Sie vermittelt beständig, das ihr die Implikationen und Wechselwirkungen mit Ökonomie, Sozialem, Macht und Gesellschaft nicht wirklich bewusst sind.
    Hinzu kommt das die Polarität solcher Einseitigkeit politisch opportun ist und in politischem und auch ökonomischen Umfeld unredlicherweise regelmäßig missbraucht wird.
    Das hat auf der einen Seite was mit Arbeitsteilung und daraus folgenden zu geringen interdisziplinären Abgleich zu tun und dem Bedürfnis der Politik möglichst einfache Wahrheiten zur Mobilisierung der Wähler zu verkaufen. Was leicht dazu führt, das am Ende nur noch einfache Wahrheiten gesehen werden oder Überzeugungen letztlich mit zu einfachen Schlagworten begründet werden, die einmal geprägt nicht mehr hinterfragt werden.
    Es gibt Vieles was innerhalb einer Fachrichtung absolut logisch und damit wahr erscheint, aber im Widerspruch zu der absoluten Logik und erscheinenden Wahrheit anderer Disziplinen steht.
    Der Klimahyp um Greta bestätigt das meiner Meinung nach vollumfänglich.

  • #8
  • #9
    Aufrecht

    @Klaus Lohmann
    Aufrecht ist einfach nur mein Name. Machen Sie daraus was Sie wollen.
    Wenn Sie glauben, die Existenz unserer Spezies sei bedroht: Die Fakten sprechen dagegen. Es geht der Menschheit gut wie nie zuvor. Informieren Sie sich mal wie viel Segen allein der Fortschritt der letzten Jahrzehnte gebracht hat. Als Lektüre empfehle ich dazu "Factfulness" von Hans Rosling.
    Die größte Bedrohung geht derzeit von hysterischen Forderungen ungebildeter, satter Schulschwänzer und ihrem totalitären Gedankengut aus.

  • #10
    Thomas Weigle

    @ Aufrecht Was erlauben Greta, gelle? Es ist natürlich verdammt ärgerlich, dass da eine schwedische Teenagerin kommt, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, aber locker all die in die Tasche gesteckt hat und steckt, die da glauben sie seien Die Fachleute, was Tuten und Blasen angeht. Da kann man schon mal aus der Haut fahren. Doppelkicher.
    @ puck Volle Zustimmung.

  • #11
    Aufrecht

    @Thomas Weigle
    Greta ist zu jung, ich halte das für Mißbrauch.
    Ich bin aber überrascht, wie schnell die Anhänger des Totalitären wieder aus ihren Ecken kommen. Sie haben sich auch ja direkt geoutet – ich zitiere Sie mal:
    "…es um die Freiwilligkeit bei klimapolitischen Maßnahmen nicht so wirklich gut bestellt ist, die Zeit aber ziemlich drängt."
    Das, finde ich, ist ziemlich undemokratische Kacke.

  • #12
    Thomas Weigle

    @ Aufrecht Sie mögen das Kacke finden, aber mit jeder neuen Wetterkatastrophe werden diese Forderungen mehr. Und das liegt auch an Leuten wie Ihnen, die sich die Klimakatastrophe schön reden. Ich befürworte solche Forderungen auch nicht, aber wenn`s weiter so geht wie bisher, wird der Ruf nach drakonischen Maßnahmen lauter werden. Das ist unausweichlich.Mir ist das eigentlich auf Grund meines Alters relativ egal.

  • #13
    Martin Marheinecke

    An und für sich ein guter Artikel. Allerdings ist Autismus keine Krankheit, sondern eine Anomalie der Gehirnrinde, die u, A. dazu führt, dass die Betroffenen Sinnesreize, aber auch Emotionen, weniger stark "filtern" als Nicht-Autisten. Autismus kann eine schwere Behinderung sein, oder im Alltag völlig unauffällig. Faustregel: kenne ich einen Autisten, kenne ich genau eine Form des Autismus. Nicht von ungefähr hat die Diagnose "Autismusspektrum-Störung" ältere Kategorien wie "frühkindlicher Autismus" oder Asperger-Autismus" abgelöst. Wobei "Asperger-Autismus" nicht etwa "leichter Autismus" ist, sondern Autismus in Verbindung mit normaler oder hoher Intelligenz und gutem sprachlichem Ausdrucksvermögen.
    Das Klischee "Inselbegabung" trifft nur selten zu, das Klischee "unfähig zu Empathie" so gut wie nie.

    Es ist in der Tat völlig verfehlt, Greta Thunberg auf ihre Diagnose zu reduzieren, bzw.alles, was sie macht und sagt, auf ihren Autismus zurückführen. Aber ohne Auswirkung auf ihr öffentliches Auftreten ist ihr Autismus nicht, wie sie ja selbst einräumt.

  • #14
    Klaus Lohmann

    @"Aufrecht": Wenn es Ihnen und der Menschheit doch "so gut wie nie zuvor" geht, ist Ihr Dauer-Rant und diskriminierendes Genöle gegen Thunberg, Andersdenkende und Umweltschutz wohl das, was manche Klimawandelleugner so unter "mir scheint die Sonne aus dem Ar…" verstehen. Dann wollen wir Ihre gute Laune und buddhistische Entspanntheit mal nicht weiter stören;-)

  • #15
    Aufrecht

    @Klaus Lohmann
    Sie verhalten sich wie ein Ideologe. Das Interesse am Wohl der Menschen erscheint Ihnen schnöde oder gar amoralisch. Mir scheint, viele (vor allem junge) Menschen sind einfach nur übersättigt und verlieren darüber den Kontakt zu den Grundlagen, dem Boden.

  • #16
    abraxasrgb

    Stimmt, für den Quatsch, den Greta verzapft, gib es keine Entschuldigung 🤣
    Weder Mitleid noch mildernde Umstände…

  • #17
    Klaus Lohmann

    Wie es Sibylle Berg gestern über die Greta-Hasser treffend anmerkte: "Vielleicht haben die Pöbler einfach Angst" (https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/hass-gegen-kinder-im-internet-habt-ein-wenig-anstand-kolumne-a-1300015.html)

  • #18
  • #19
    Thomas Weigle

    # 18 Ein nicht kleiner Teil der Kritiker der jungen Frau outet und reduziert sich durch pöbelnde Wortwahl genau zu Greta-Hassern, wie @Klaus Lohmann richtigerweise zu bedenken gibt.
    #15 Ideologen sind doch wohl die, die das Bestehende auf Teufel komm raus verteidigen und es nicht ertragen können, dass ihnen von einer jungen Frau der Spiegel vorgehalten wird.

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