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Selbstzensur ad absurdum: Bei Wolfenstein 2 musste gar Hitlers sekundärer Männlichkeitsbeweis dran glauben

Schämt sich für den deutschen Umgang mit dem Hakenkreuz bei Games: Wolfgang Walk (57) (Foto: Titus Tamm)

Ruhrbarone: Herr Walk, in einem aktuellem Artikel für gamespodcast.de kritisieren Sie den Umgang mit dem Hakenkreuz in deutschen Videospielen. Was stört Sie?

Wolfgang Walk (WW): Vor allem die Ungleichbehandlung mit allen anderen Kunst- und Medienformen. Bei denen wird völlig richtigerweise gesagt: Es kommt bei Hakenkreuzen auf den Zusammenhang an. §86 Absatz 3 StGB regelt das. Seit 2008 mittlerweile sind Games als Kulturgut vom Kulturrat offiziell anerkannt. Aber aus sehr albernen Gründen soll für Games diese Regelung nicht gelten. So wird das Game als Kunstform am Erwachsenwerden gehindert – und umgekehrt wirft man uns vor, nicht erwachsen zu werden. Dabei ist die Rechtslage eigentlich eindeutig, wird nur von der für das Prüfungsverfahren zuständigen Obersten Landesjugendbehörde – wie ich finde: feige – so interpretiert, als müsste da erst mal der erste Senat des Bundesverfassungsgerichts höchstpersönlich einen Passierschein ausstellen, was natürlich Quatsch ist.
Statt also mal ein wenig Rückgrat zu zeigen, verschanzt man sich hinter einem 20 Jahre alten und wahrscheinlich sogar rechtsfehlerhaften Urteil – und verhindert so eine zeitgemäße Anwendung geschriebenen Rechts auf das Spiel als Medien- und Kunstform.

Öffnet man nicht Nazipropaganda-Spielen Tür und Tor, wenn man an der bestehenden Regelung rütteln würde?

WW: Nein. Die USK, welche die Urteile letzten Endes fällen würde, jetzt aber Spiele mit verfassungsfeindlichen Symbolen nicht mal zur Prüfung annehmen darf, hätte natürlich nach wie vor das Recht und auch die Fähigkeit, die Verwendung solcher Symbole nach der gültigen Rechtsprechung gegen §86 zu prüfen – und im Zweifelsfall die Nichtanwendbarkeit des Absatz 3 festzulegen, sprich: dem Spiel die Altersfreigabe zu verweigern, weil die im Gesetz genannten Ausnahmen nicht greifen – was bei Propaganda offenbar der Fall wäre.
Der große Vorteil eines USK-Verfahrens und einer Altersfreigabe ist die Rechtssicherheit. Man ist anschließend als Publisher, Entwickler und Händler vor Strafverfolgung erst mal geschützt. Erst mit diesem Schutz kann man so eine Veröffentlichung überhaupt riskieren – weswegen dann in Deutschland im Fall Wolfenstein 2 sogar Hitlers sekundärer Männlichkeitsbeweis dran glauben musste: Selbstzensur ad absurdum.
Das alles gilt heute schon in Games für andere mögliche Straftatbestände wie Pornografie und Aufruf zur Gewalt. Warum sollte dasselbe für die Verbreitung verfassungsfeindlicher Symbole nicht gelten oder funktionieren können?

Das Ganze klingt insgesamt sehr nach einer Politisierung der Gaming-Szene. Oder ist die ohnehin politisch? Wie schätzen Sie das ein?

WW: Wer unpolitisch sein will, trifft damit ja eine der politischsten Entscheidungen überhaupt. Wir wollten – in den 90ern und noch in den Nullern – unpolitisch sein. Dann hat uns die sogenannte „Killerspieldebatte“ gezeigt, dass das Unpolitische offenbar auch das Sprachlose ist. Jeder hat über diese Games eine Meinung gehabt, nur wir wurden erst gar nicht gefragt. Wir waren ja unpolitisch.

Hat sich da in den letzten Jahren und Jahrzehnten was geändert?

WW: Ja, da tut sich ganz gewaltig was, und seit 5-10 Jahren mit wachsender Geschwindigkeit. Vor zehn Jahren war ich da in Deutschland nur einer von ganz wenigen. Inzwischen ist die Branche sehr politisiert. Und auch wenn er da in meiner Kolumne schlecht wegkommt: Daran hat auch der game Verband große Verdienste. Eine Killerspieldebatte und auch gamergate dürfen uns nicht wieder so unvorbereitet passieren. Da sind wir uns eigentlich alle einig. Und auch bei der Regelung um § 86 StGB wollen wir im Prinzip das Gleiche. Wir streiten uns eher über das „Wie“.

Das betrifft die Gamer, aber auch die Industrie und die Presse. Und dafür gibt es Beweise: So ein Ding wie der gamespodcast, wo meine Kolumne erschienen ist, wäre vor 5 Jahren undenkbar gewesen, trägt sich aber heute über diverse Portale wie Patreon und SteadyHQ wirtschaftlich sehr gut. Das wäre ohne eine wachsende Politisierung nicht möglich.

Insgesamt räkelt sich da ein Riese noch ein wenig ungelenk in seinem Bette. Aber die Kunstform erwacht, und diese Diskussion ist da nur das Knarzen der Gelenke. Es wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sehr spannend werden. Und es wäre schön, wenn da die Verwaltung dieses Landes aufhören würde, uns immer wieder Ketten in die Speichen zu schmeißen.

Vielen Dank für dieses Gespräch

WW: Ich habe zu danken!


Wolfgang Walk, 57 Jahre alt, macht Games und schreibt sowie lehrt über Games als Kunstform.
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