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Hakenkreuze im Zeitalter der Entschleunigung

Deutscher Kanzler vor und nach dem 9.8.2018 (v.r.n.l.) (Grafik: Wolfgang Walk)

Am 9.8.2018 wurde in Deutschland Kulturgeschichte geschrieben – und so gut wie niemand der Feuilleton-Leser dieses Landes hat es mitbekommen. Wie auch, wenn so gut wie jede Kulturseite dieses Landes die Meldung erst gar nicht brachte.  Die fand man nämlich wahlweise unter „Netzwelt“, „Digitales“, „Panorama“ oder – besonders albern: „Deutschland und die Welt“. Wolfgang Walk mit Ausführungen zum Hakenkreuz-Beschluss und der Ignoranz vieler Medienkollegen.

Wovon ich rede: Die Oberste Landesjugendbehörde dieses Landes hat endlich und mit ziemlich genau 25 Jahren Verspätung die Rechtsgrundlage dafür geschaffen, dass Computer- und Videospiele künftig unter die Sozialadäquanz-Klausel fallen. Auf deutsch: Das Verbot der Darstellung verfassungswidriger Symbole unterliegt jetzt auch für das Computerspiel einer Einschränkung. Wenn die Darstellung nämlich „der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken dient“ – so §86, Absatz 3 StGB – dann ist die Darstellung eines solchen Symbols nämlich nicht strafbar.

Außer – bis zum 9.8.2018 – im Computerspiel.

Was diesen Tag historisch macht und natürlich viel über die nach wie vor zugehaltene Nase (und weitere Beeinträchtigungen des nördlichsten Körperteils) größerer Teile der selbsternannten Eliten beim Thema Games aussagt. Und deutlich weniger über die Kunstform selbst, die längst und in vielerlei Form sowohl ihre Kunstfähigkeit nachgewiesen hat als auch ihre sehr speziellen Qualitäten, die seit Jahren schon für Forschung, Lehre, Aufklärung und Berichterstattung eingesetzt zu werden.

Jetzt also endlich unterliegt das Game – genauso wie schon seit Jahrzehnten der Film – keinem automatischen Verbot für Hakenkreuze und ähnliche Symbole mehr und kann sich mit der Thematik Nationalsozialismus endlich seriös befassen. Und das keine Sekunde zu früh.

Ich hatte ja selbst noch vor einigen Wochen „Skandal“ geschrien, als das oben bereits verlinkte Spiel „Attentat 1942“ in Deutschland nicht auf dem Berliner A.Maze-Festival ausgestellt werden und nur als Filmtrailer laufen durfte. Ich hatte damals auch den Branchenverband game sehr hart angepackt, der die grandiose Peinlichkeit, um nicht zu sagen politische Obszönität, unkommentiert ließ: ein Spiel, gemacht von den Opfern, um ihre Demütigung zu verstehen und nachfolgenden Generationen zu erklären, wird im Land der Täter verboten!

Derselbe game hat allerdings jetzt hinter den Kulissen ganze Arbeit geleistet und zusammen die oberste Landesjugendbehörde endlich zur Anerkennung der Sozialadäquanz überredet, und dafür verdient er sich nicht nur ein großes Lob, sondern auch Rehabilitation: Ich bin zwar nach wie vor der Meinung, dass man sich zu Attentat 1942 konkret öffentlich hätte äußern müssen, und sei es nur wegen der unfassbaren Erbärmlichkeit des Vorgangs, sehe allerdings keinen Grund mehr, game-Geschäftsführer Felix Falk und seinen Leuten die Ernsthaftigkeit ihres Bemühens zu bezweifeln. Das war offenbar vorhanden und arbeitete längst und lange schon an einer Lösung. Vielen Dank dafür!

Alles in Butter also?

Keineswegs. Denn wie oben schon angemerkt: Da wird eine Kunstform endlich und nach Jahrzehnten der Denunziation rechtlich allen anderen Kunstformen gleichgestellt – und bis auf die löbliche Ausnahme der ausgerechnet FAZ kriegt das nicht eine Kulturredaktion der großen News-Plattformen Deutschlands mit. Weder bei Welt noch bei Süddeutsche, bei Frankfurter Rundschau oder SpOn oder bei Zeit online erschien die Meldung dort, wo sie hingehört. Bei der TAZ erschien sie, Stand 9.8.2018, 20:00 Uhr gar nicht. Da konnte man sich wahrscheinlich nicht entscheiden, wie man das findet, mit diesen Hakenkreuzen und so.

Vor genau zwei Jahren hatte ich mich schon einmal über die bräsige Ignoranz des deutschen Feuilletons aufgeregt, damals im Zusammenhang damit, dass ein Internet-Archiv mehr als 10.000 Amiga-Spieleklassiker online gestellt hatte, was seinerzeit ebenso ignoriert wurde wie jetzt die rechtliche Gleichstellung einer neuen Kunstform. Was ich damals schrieb, gilt heute offenkundig noch genauso:

Hör mal, Feuilleton: Dreh mal die Wagner-Arien leiser, damit du den Schuss wieder hörst! Seit mindestens den mittleren 70er Jahren sind Computerspiele Teil der menschlichen Kultur. 40 Jahre ist das her! Reine Jugendkultur sind sie also, nach Adam Riese, spätestens seit 1990 nicht mehr. Auch in euren Redaktionen müssen Mitfünfziger sitzen, die als Jugendliche im Bistro an der Slot Machine für eine Mark Pacman gezockt haben. Ist das die reine Arroganz, dass ihr eine solche Meldung nicht für eure Sparte reklamiert? Oder ist es Ignoranz? Oder – wie ich vermute – aus der Arroganz geborene Ignoranz?“

Vielleicht sollte man von vornherein jeder Kulturredaktion misstrauen, die nicht alle 5 Jahre komplett ausgetauscht wird mit Menschen, die noch eine Art Restneugierde dafür besitzen, was jenseits der hochsubventionierten Kulturtempel ganz unmumifiziert vor sich hinwuchert. Ganz bestimmt aber ist mal wieder bewiesen, dass mit der legalen Anerkennung der Kunstform Game die soziale noch keinen entscheidenden Schritt näher gerückt ist.

Nein, wir werden von den meisten Menschen nicht mehr als Produzenten potenzieller Serienmörder beargwöhnt. Und seit die Industrie die Gamifizierung und das technologische Potenzial von Games für sich entdeckt hat, können wir sogar darauf hoffen, demnächst nicht mehr der Paria unter den Industriezweigen zu sein.

Aber bis die Mehrheit der deutschen Feuilletonisten begreift, dass sie seit mindestens 1993 (DOOM! Igitt!!!) die wirkmächtigste, am weitesten verbreitete und innovativste Kunstform des Planeten weitgehend ignorieren, werden noch eine Menge Ringzyklen den Bayreuther Hügel hinabgeschmettert werden. Was der deutsche Feuilletonist nicht studieren konnte, so scheint es, das kann für ihn keine Kultur sein.

Der Kampf geht also erst mal weiter, bis in vielleicht zehn Jahren dann die letzten vor 1970 Geborenen die Spinnweben unter ihrem Arsch zerreißen, nämlich genau dann, wenn sie ihn in Richtung Ruhestand erheben und endlich einer Generation von Feuilletonisten Platz machen, der es keine idiosynkratischen Schockzustände bereitet, ganz ohne Naserümpfen eine dann mittlerweile 50 Jahre alte Kunstform, die Mitte der 70er zum ersten Mal das Weihnachtsgeschäft in Deutschland beherrschte, als solche zu behandeln. Nicht in der Rubrik „Deutschland und die Welt“, sondern ganz offiziell unter „Kultur“.

Nur noch zehn Jahre! Entschleunigung ist doch was Wunderbares!


Wolfgang Walk, 57 Jahre alt, macht Games und schreibt sowie lehrt über Games als Kunstform.
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6 Kommentare zu “Hakenkreuze im Zeitalter der Entschleunigung

  • #1
    Robert Müser

    Für mich sind elektronische Spiele keine Kunstform, sondern einfach Unterhaltungselektronik mit einer begrenzten Lebensdauer. Auch fehlt mir der Zugang zu einer angeblichen Kunstform, wo in manchen Spielen möglichst viele Lebenwesen auf besonders originelle Art und Weise getötet werden müssen, um einen möglichsten hohen Punktestand zu erreichen. Das ist für mich Gehaltverherrlichung und führt eher zu einer Verrohung der Gesellschaft. Kann man aber bestimmt als Kunstform anders sehen, in diversen Wagner-Opern wird ja gemeuchelt …

    Spiele, wo als Deko dann noch Nazi-Symbolik auftaucht, können für mich auch in der Zukunft im Giftschrank liegen bleiben. Ich stelle mir gerade die Frage ob in der Zukunft es Spiele geben wird, wo man Lagermanagement zur Perfektion treiben soll …

  • #2
    Peter Rast

    Welche Videospiele sind denn bitte sozialadäquat? Donald Duck’s Playground vielleicht, aber sonst fällt mir nicht allzuviel ein.

    Gegen die Wolfenstein-Spiele spricht die Gewaltverherrlichung, die alleine schon Grund genug für eine Indizierung sein sollte.

    Ich persönlich halte die Entscheidung für falsch. Immerhin geht es hierbei um verfassungsfeindliche Symbole, die in Deutschland verboten sind. Ich fand diese Zensur bisher immer für berechtigt, als Statement. Einfach irgendwo eine Grenze ziehen gegenüber revisionistischen Tendenzen, denn aus der Ecke kam häufig die Kritik an der Zensur.

  • #3
    FBeye

    Ich frage mich, ob die Kommentatoren 1 & 2 schon einmal aktiv ein Computerspiel gespielt haben. Vermutlich nicht. Aber Filme wie die Indian Jones Reihe stehen Möglicherweise hoch im Kurs.
    Sicherlich gibt es Spiele, über deren Gewaltgrad oder "Spielziel" zu diskutieren wäre. Aber auch in der Film- und Theaterwelt gibt es Produktionen, die vor Gewalt und Blut nur so strotzen. Aber während es auf der Bühne Kunst ist (Die vielleicht 0.1% der Bevölkerung versteht) ist es in Spielen (Die inzwischen von deutliche mehr Menschen konsumiert werden) Gewaltverherrlichung und Verrohung.
    Und in Spielen wie Wolfestein ist es (Ähnlich wie offensichtlich in Anschlag 1942) besonders lächerlich die Symbole zu verbieten, da sie dort ja das absolut Böse Kennzeichnen sollen, aber bisher nicht dürften.
    Im Prinzip bestätigen sie mit ihren Aussagen die These des Autors. Ihh Bäh Teufelszeug usw weil ich dazu keinen Zugang finde.

    Funfact: In den Anfangstagen der bewegten Bilder wurde auch der Untergang von Anstand und Moral durch dieses Medium prophezeit.

  • #4
    Fabian Fischer

    Hallo, Robert! Ein paar Anmerkungen:

    "Auch fehlt mir der Zugang zu einer angeblichen Kunstform, wo in manchen Spielen möglichst viele Lebenwesen auf besonders originelle Art und Weise getötet werden müssen, um einen möglichsten hohen Punktestand zu erreichen."

    Dass dir der Zugang fehlt, glaube ich. Nur lässt sich weder daraus eine Aussage zur grundsätzlichen Kunsthaftigkeit des Mediums ableiten, noch aus einzelnen Beispielen. Andernfalls sind Filme wohl auch keine Kunstform, wenn ich mir die modernen Action-Blockbuster und ihre "Gewalt-ist-ganz-schön-cool"-Orgien anschaue. Und es soll ja, Skandal, sogar gewaltverherrlichende Romane geben.

    "Ich stelle mir gerade die Frage ob in der Zukunft es Spiele geben wird, wo man Lagermanagement zur Perfektion treiben soll …"

    Hier missverstehst du schlicht die Rechtslage. Die ist bei Spielen jetzt nicht "Die dürfen alles!", sondern eben genau so wie bei Film und Roman: Sozialadäquanz. Glorifizierung ist nach wie vor nicht erlaubt, die kritische und aufklärerische Auseinandersetzung mit der Thematik (ohne Auslassung eindeutiger historischer Bezüge) aber sehr wohl. Kontext!

    Hallo, Peter! Ein paar Anmerkungen:

    "Welche Videospiele sind denn bitte sozialadäquat?"

    Lies nochmal nach. Das jüngste Paradebeispiel Attentat 1942 wird mehrfach im Text und den weiterführenden Links erwähnt.

    Über die Gewaltdardtellung der neuen Wolfensteins kann man streiten. Darum geht es hier aber gar nicht. Den Nationalsozialismus verherrlichen sie jedenfalls nicht. Im Gegenteil, da steckt viel Satire und Spott drin. Offenbar sozialadäquate Hitlerparodien gibt es ja auch im Film nicht erst seit gestern.

    "Ich persönlich halte die Entscheidung für falsch. Immerhin geht es hierbei um verfassungsfeindliche Symbole, die in Deutschland verboten sind."

    Auch hier scheint die Rechtslage nicht klar zu sein. Sie sind eben nicht prinzipiell und in jedem Kontext verboten. Nämlich nach § 86 StGB dann nicht, wenn die Darstellung "der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken dient". Wenn du natürlich ernstlich der Meinung bist, das alles sollte tatsächlich besser unterbunden werden, dann müssen wir eine ganz andere Diskussion führen als eine über Spiele.

  • #5
    Wolfgang Walk

    Ich würde gerne noch ergänzen, dass es hilfreich ist sich sachkundig zu machen, bevor man irgendwo kommentiert. Eine Frage wie: "Welche Videospiele sind denn bitte sozialadäquat?" ist in diesem Zusammenhang etwa so sinnbefreit wie die Frage nach dem Verfallsdatum der Kolbenrückholfeder eines Verbrennungsmotors.
    Denn ob ein Spiel sozialadäquat ist, das ist gar nicht die Frage. Der Begriff ist ein juristischer und bezieht sich eindeutig und im Sinne des Kommentars nie auf das Medium selbst, sondern IMMER auf den Umgang mit verfassungswidrigen Symbolen in einem Medium. Dieser Umgang kann sozialadäquat sein – oder nicht. Ob er das ist, das kann aber nicht an der Medienform selbst liegen. Ich kann nicht sagen: In Spielen KANN er nicht sozialadäquat sein, in anderen Medienformen aber doch, ohne für diese Behauptung empirische Beweise zu liefern. (Genau DAS war aber die – unhaltbare – rechtliche Situatioin bis vorgestern)
    Das Problem dieser Beweisführung: ein einziges Gegenbeispiel reicht aus, um zwingend erforderlich werden zu lassen, dass Spiele rechtlich genauso behandelt werden wie andere Medienformen: mit Einzelfallprüfung. Und zwar völlig unabhängig davon, ob man sie als Kunstform anerkennt oder nicht. Und diese Einzelfallprüfung gilt ab jetzt.

    Ein solches Gegenbeispiel ist ganz eindeutig "Attentat 1942". Da sich die Herren Kritiker aber ganz offenkundig nicht einmal die Mühe des schnellen Googelns gemacht haben, worum es in diesem Spiel geht, kan man, wie ja auch FBeye erwähnt hat, die beiden ersten Kommentare beinahe als Beleg meines Kommentars lesen.

    Bleibt nur die Frage: Sind die Herren Kulturredakteure?

  • #6
    ke

    Die traditionelle Kulturfilterblase wird immer kleiner. Sie wird noch weiter viele Subventionsmillionen kassieren, bis sie sich irgendwann selbst auflöst.

    Die Regelung ist sinnvoll. Im nächsten Schritt werden wir bspw. immer mehr Virtual REality Spiele erleben und in Welten eintauchen. Das hat viel Potenzial.

    Die WDR Produktion um den Kölner Dom (http://dom360.wdr.de/) ist beispielsweise sehr gelungen. Nur wie sollten historische KOntexte in dieser Art in Form von Spielen bspw. aus der NS-Zeit ohne Symbole der Zeit aufklären können. Sie würden doch einfach nur lächerlich wirken.

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