Halb so wichtig

2010 ist es  da: Das Kulturhauptstadtjahr.  Als  wir  es wurden, habe ich mich gefreut. Weniger, weil ich mich auf ein tolles Programm freute,  ich  lese lieber als das ich ins Theater  oder ins Konzert gehe,  sondern weil das Ruhrgebiet gemeinsam etwas gewonnen hatte und ich hoffte, dass das Lust auf mehr Kooperation macht.

Goethe und Schiller in Weimar. Foto: Flickr/froutes

Und  im ersten Augenblick habe ich  auch einen großen Marketingeffekt für das Revier gesehen. Doch dann bin ich in mich gegangen. Wen interessiert eigentlich die Kulturhauptstadt Europas? In den letzten Jahren habe ich immer mal rumgefragt, welche Stadt den gerade Kulturhauptstadt ist – kaum einer in meinem Freundeskreis wusste es. Mit der europaweiten Ausstrahlung konnte es also nicht so weit her sein. Und dann hat der Spiegel seine Archive geöffnet. Ich bin kein großer Feuilletonleser. Mein Referenzmedium ist der Spiegel. Also schaute ich nach, was das Magazin, das ich seit Jahrzehnten jeden Montag lese, über die letzte deutsche Kulturhauptstadt Weimar im Jahr 1999 so geschrieben hatte. Tatsächlich war Weimar in diesem Jahr ein  Riesenthema –  allerdings dominierte Monika Weimar die Berichterstattung.  Die doppelte Kindermörderin hatte seinerzeit ihr Revisionsverfahren.  Über die Kulturhauptstadt Weimar wurde auch berichtet – vor allem über Finanzprobleme, den Nachbau des Goethehauses neben dem Goethehaus und ein Bratwurstessverbot in der Innenstadt Weimars. Und dann feierte Goethe noch seinen 250. Geburtstag – auch bei diesem Thema kam an Weimar keiner vorbei, obwohl der Meister ja in Frankfurt geboren wurde. Aber die Kulturhauptstadt sorgte noch nicht einmal in Deutschland für sonderlich viel Aufmerksamkeit.

Das Essen für das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas geworden sei, sei das wichtige Ereignis gewesen, weil niemand der Stadt so etwas zugetraut hätte. Was im Jahr selbst passiert sei dagegen relativ unwichtig. Der Imagegewinn sei schon auf das Prestigekonto der Stadt eingezahlt – das erklärte ein Repräsentant Essens auf einem Wirtschaftsforum im vergangenem Herbst. Ist das zynisch? Es ist realistisch.  Wäre die Kulturhauptstadt ein Megaereignis – Hamburg, Frankfurt oder München wären in den Ring gestiegen – und nicht Braunschweig und Münster. Was Scheitt und Gorny über Nachhaltigkeit und Kreativwirtschaft erzählen, kann man getrost vergessen – es sind die Stichworte, die man heute  nun einmal benutzt, wenn man Fördermittel loseisen will.  Wir bekommen ein neues Folkwangmuseum und der U-Turm wird erhalten. Ein paar Jahre nach dem Ende der Kulturhauptstadt, wenn von Kreativwirtschaft niemand mehr redet, wird Langemeyer dort sein Museum haben. OK, zwei tolle Gebäude, eine Party auf der A40 und sicher ein paar schöne Veranstaltungen – das wird das Kulturhauptstadtjahr sein. Und am 1.1.2011 wird  alles so sein wie vorher. Events schaffen für eine Region keine neue Perspektive, sondern ein paar schöne Augenblicke. Das ist schon etwas. Aber wer glaubt, das Ruhrgebiet erfindet sich im Jahr 2010 neu und wird sich weltweiter Aufmerksamkeit erfreuen,  wird sicher enttäuscht werden, und das nicht nur, aber sicher auch, wegen Istanbul.

Und das Schlimmste: Es gibt keine einzige Idee für eine Kooperation im Revier  über das Jahr 2010 hinaus. Nichts. Nada. Niente. Die Chance, aus der einen erfolgreichen Kooperation eine Reihe zu machen, zu lernen, das man nur gemeinsam etwas erreicht, wurde vertan.

PS.: Da stehe ich beim Chinamann und während ich auf mein Chop Suey warte, blätter ich im Kinomagazin Trailer herum und finde ein Interview von Lutz Debus mit Jochen Malmsheimer zum Thema Kulturhauptstadt. Ihr müßt ein wenig herunterscrollen, aber der Text ist schlicht grandios. Ach, mehr als das, aber mir gehen gerade die Superlative aus.

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13 Kommentare

  1. #1 | Rolf sagt am 26. März 2008 um 14:06 Uhr

    Na, ich weiß nicht.

    Sicher ist es so, dass die Kulturhauptstadt etwa so viele Menschen ins Revier locken wird wie in einer Fußballsaison Schalke, Dortmund und Bochum an Zuschauern haben.

    Das Faszinierende am Ruhrgebiet ist aber, dass viele von denen wiederkommen, die sich einmal hergetraut haben. Insofern ist sicher der touristische Aspekt der Kulturhauptstadt 2010 wichtig: man hat einen Grund, ins Ruhrgebiet zu kommen. Und danach schau’n mer mal.

    Der andere Aspekt ist der: Ruhr 2010 tritt an als „Kulturhauptstadt neuen Stils“, sehr vernetzt, sehr groß, mit einer Vision zur Überwindung der sozialen und strukturellen Krise, die – jedenfalls laut Brüssel – nicht nur den Ballungsraum Ruhr betrifft. Das ist weit weg von dem ganzen Quatsch, der gerade ventiliert wird. Vergessen wir aber einmal einen Moment lang den Scheytt&Pleitgen-Aktionismus. Dann geht es nämlich um mehr als ein Jahr lang Party. Und um mehr als die Gleichung „Schrott + Neon = Industriekultur“.

    Ich teile den Pessimismus in Bezug auf Politik und Verwaltungen im Revier. Die werden noch eine Weile lang Provinz bleiben. Ich setze aber auf die Initiative der Unternehmen und Menschen im Ruhrgebiet, zum Beispiel in den Bereichen der Kunst, der Wissenschaft und des Tourismus.

  2. #2 | weltkind sagt am 26. März 2008 um 21:18 Uhr

    Die einzige Kulturhauptstadt, an die ich mich komischerweise erinnere, ist Lille(2004). Die habe ich auch besucht und muss sagen, die haben das ganz wunderbar geloest: Mit einer aehnlichen Industrievergangenheit und Strukturwandel-Problemen wie bei uns im Nacken, haben sie frisch Moderne und Tradition in den Dialog gesetzt: es gelang meiner Meinung nach https://www.schwarzaufweiss.de/kulturstaedte/lille2004/lille1.htm. Aber wir haben natuerlich auch keinen Rubens zu bieten, der die Massen zieht….

    Die Leute kommen zu den grossen Namen, auch in der Kunst. Das mag man nun gut finden oder nicht, ist aber Fakt. Es braucht eine Figur mit Leuchtkraft, wie Rubens halt, damit auch „Kulturferne“ kommen. Unsere Region hat aber keinen grossen Namen zu bieten – oder wem faellt eine kuenstlerische Ruhrgebietspersoenlichkeit ein von internationalem Rang? (ausser dem Bademeister aus Recklinghausen…..). Die grossen Namen gibt es – leider – erst in Duesseldorf….. Und Pina Bausch haben einst die Essener nach Wuppertal vergrault…..

  3. #3 | blog.50hz.de sagt am 26. März 2008 um 22:13 Uhr

    Bochum hat doch jetzt Pete Townsend…

    Heute Mittag habe ich den Ruhrbaron Stefan Laurin endlich persönlich kennen lernen dürfen. Ein knappe Stunde bei Milchkaffee im Tucholsky mit Gesprächen über das, was uns bewegt.
    Schade, dass wir uns erst jetzt getroffen haben und s…

  4. #4 | Arnold Voß sagt am 27. März 2008 um 15:54 Uhr

    Letztlich kommt es doch nur darauf an, was eine von anderen ernannte/ausgewählte Kulturhauptstadt aus sich selbst macht und wieweit sie darauf wert legt, damit ihren Bekanntheitsgrad ?in der Welt? zu erhöhen. Will sie letzteres, dann muss sie sich den ?Gesetzen? der Medien unterwerfen und das hat Folgen: Große Namen, markante Orte, räumliche Verdichtung und inhaltlich Zuspitzung.

    Große Namen kann man sich, wenn vor Ort keine vorhanden sind, und wenn man genug Geld hat, kaufen. Macht Ruhr schon seit längerem. Machen andere, trotz guter Eigenausstattung, als ?Additional? auch.

    Markante Orte/Bauten hat Ruhr genug. Hatte sie sogar schon vor der IBA. Aber danach noch mehr und auch einige mit nahezu weltweitem Alleinstellungsmerkmal. Es stellt sich sogar die Frage, ob sie davon überhaupt noch mehr braucht bzw. ob es in Zukunft nicht mehr auf Inhalte als auf weitere ?äußere Hüllen? ankommt.

    Räumliche Verdichtung fällt dagegen sehr schwer, weil diese ?Landmarken? sehr gestreut liegen und weil jede der vielen Städte natürlich seinen ?eigenen? Anteil daran präsentieren bzw. noch neue dazu (um)bauen möchte.

    Inhaltlich Zuspitzung ist dagegen eine ?Kunst in der Kunst?, also eine Frage des künstlerischen Könnens. Wem das auf anspruchsvolle Weise gelingt, bzw. wer solche ?Kreative? bei sich versammeln kann, der hat auch als ?urbaner Underdog? ein echte Chance. Und drum herum können die profitieren, die weniger Zuspitzung und dafür mehr Bodenständigkeit und Nachhaltigkeit bieten, wobei das eine das andere nicht grundsätzlich ausschließt.

    Der ?Rest? ist gutes, sprich witziges und spannendes Marketing, was allerdings (in der Regel) auch eine Menge Geld kostet, aber nicht muss. Zumindest nicht was die Ideenseite betrifft, denn da ist vor allem ?Köpfchen? gefragt.

    Mit einem Satz: Es liegt nicht an den ?bösen? Verhältnissen sondern ausschließlich an Ruhr und den dort Verantwortlichen selbst, ob was draus wird.

  5. #5 | Rolf sagt am 27. März 2008 um 16:16 Uhr

    @weltkind

    Natürlich haben wir im Ruhrgebiet Namen mit internationaler Leuchtkraft: Krupp, Haniel, Hoesch, um mal wahllos ein paar zu nennen. Hach, das wär doch was für die Briten: „Where the Kraut’s tanks came from“. Und dann stehen sie in Essen vor’m Colosseum bzw. vor IKEA. Das sollte sie doch beruhigen…

    Spaß beiseite: warum künstlerische Ruhrgebietspersönlichkeiten? Es geht nicht um eine Kunsthauptstadt sondern um eine Kulturhauptstadt. Und Kultur ist mehr als Kunst.

  6. #6 | Dirk E. Haas sagt am 27. März 2008 um 23:01 Uhr

    @Stefan Laurin: für ein ?halb so wichtig? fällt Ihre vorsorgliche Enttäuschung über die Kulturhauptstadt aber ziemlich superlativ aus. Und das finde ich auch richtig, denn Weimar ist kein Maßstab. Absolut nicht. Maßstab ist das, was man sich selbst vorgenommen hat (und zwar auch schon in der Bewerbungsphase um den Titel).

    Oder um es anders zu sagen: Man muss den Programmverantwortlichen nicht auch noch beim Zurückrudern helfen, indem man seine Erwartungen auf zwei Museen, eine Autobahn-Party und ?ein paar schöne Veranstaltungen? zurückschraubt. Und sehnsüchtig nach Istanbul schaut. Und sich über Menschen wie Malmsheimer freut, die Events sowieso für schädlich halten, weil sie ihren heimeligen Provinzialismus stören könnten (?Kultur entsteht, wenn Dinge unbehelligt wachsen können. Und das dauert.? ? Aaaarrrgh! Hier hat Bochum wirklich blöd gemacht).

    @Arnold Voß: Genau, dieser ?kritisch? verbrämte Defätismus, der sich immer nur über die bösen Verhältnisse und die unfähigen Politiker beschwert, hilft nicht. Endlich sind wir einer Meinung 😉

  7. #7 | weltkind sagt am 28. März 2008 um 00:45 Uhr

    @rolf: wie definierst du „kultur“? natuerlich kann man auch pilz- oder pilskulturen anlegen ;-). was meinst du, warum sollten gaeste z.B. aus brasilien oder burgund in die kulturhauptststadt 2010 reisen? wegen der villa huegel oder dem colosseum? oder gar wegen irgendwelcher geblaesehallen? also, da muss ich doch schmunzeln. was die einzelnen staedte, z.B. Gelsenkirchen, beisteuern wollen, ist mehr als laecherlich (fotos zum thema fussball etwa). da wird die kulturwelt noch in hundert jahren von reden….

  8. #8 | Stefan Laurin sagt am 28. März 2008 um 06:25 Uhr

    @Dirk Haas: Ich bin gar nicht enttäuscht. Ich glaube, die Kulturhauptstadt wird ein tolles Ereignis, aber sie wird, wie die Kulturhauptstädte vorher, nicht großartig über die Region hinauswirken. Ich hatte aber die Hoffnung, dass man nun mit Elan an andere Projekte gehen würde. Das ist leider nicht passiert.

  9. #9 | unruhr sagt am 28. März 2008 um 09:26 Uhr

    Es gibt Studien – u.a. von der EU selbst – zur touristischen Bedeutung der Kulturhaupstadt. Fast alle fallen nach dem Hauptstadtjahr wieder auf das Niveau der Vorjahre zurück. Das Ereignis ist selten nachhaltig. Weimar ist da interessanterweise eine Ausnahme; man muss allerdings dazu sagen, dass der Städtetourismus seit einigen Jahren in Deutschland ohnehin boomt und man die positive Entwicklung in Weimar nicht ursächlich auf das Kulturhauptstadtjahr zurückführen kann.
    Ich denke, dass das Ereignis immmerhin als Katalysator für einige Kulturprojekte und auch Infrastrukturprojekte wirkt. Die im Zuge von RUHR.2010 forcierten und umgesetzten Neubauten und Projekte waren zwar bereits vorher geplant. Aber die Investitionen, die jetzt fließen hätten sonst vmtl. noch Jahre auf sich warten lassen.
    RUHR.2010 kann ein neues Bild der Metropole Ruhr vermitteln ? müsste konzeptionell jedoch weitergeführt werden, sonst fällt das Ruhrgebiet in sein provinzielles Mittelmaß zurück. Ein Wandel durch Kultur wird nur stattfinden, wenn etwas folgt. Daran darf man jedoch getrost zweifeln, denn nach 2010 werden sich die Kassen für Kultur zunächst mal lange Zeit schließen. Das Ruhrgebiet wird sich durch RUHR.2010 strukturell nicht verändern. Dazu muss man kein Prophet sein.

  10. #10 | Arnold Voß sagt am 28. März 2008 um 14:43 Uhr

    Es ist nicht so, dass ich die Entgeisterung über Ruhr 2010 nicht nachvollziehen kann. Die Verantwortlichen selbst haben bislang zwar nicht absichtlich, nichtsdestotrotz aber nicht unerheblich, dazu beigetragen.Sofern dadurch ein „neuer Realismus“ eingekehrt ist, ist das vielleicht sogar gut.Wenn dieser jedoch in Apathie und/oder süffisanter bis fröhlicher Katastrophenberichterstattung umschlägt, nützt das niemandem und schon gar nicht Ruhr. Was also tun?

  11. #11 | unruhr sagt am 28. März 2008 um 19:10 Uhr

    Das Ruhrgebiet ist das, was man im Standort- oder auch Tourismusmarketing als „unterpositioniert“ oder auch „falsch positioniert“ bezeichnet. Soll heißen: Es ist reichlich Potenzial vorhanden, aber die eigene Identität ist unsicher bzw. im Wandel und das Außenbild falsch bzw. negativ. Das gilt v.a. auch für die Kultur- und Kreativwirtschaft. Insgesamt eine harte Nuss.
    Im Prinzip bedarf es verschiedener Strategien, um diese Nuss zu knacken. Eine davon sind Impulsprojekte, siehe etwa Bilbao oder eben auch eine Kulturhauptstadt. Aber: Diese müssen eingebettet sein in eine langfristige, abgestimmte Strategie, die einzelne Entwicklungsphasen nach dem Impulsprojekt dramaturgisch und sukzessive folgen lässt, und zwar auf den Ebenen Marketing, Infrastruktur und Organisation/Netzwerk. Über Jahre hinweg – fortgeschrieben vielleicht sogar über Jahrzehnte hinweg.
    Dieses Konzept sehe ich weit und breit nicht, schon gar nicht für die Kultur- oder Kreativwirtschaft. Eigentlich muss man eingestehen, dass die viel gescholtene TeamworkCapital dazu sogar noch der beste Ansatz wäre – wenn es denn mehr wäre als eine Marketing-Kampagne.
    Die IBA war der richtige Ansatz, aber niemend war in der Lage deren Erbe fortzuführen. Es wurde nur verwaltet. Der RVR und die Städte haben hier komplett versagt. Vor allem bedarf es neuer Köpfe und weniger politisch denkender Akteure.
    Vielleicht sollte man RUHR.2010 als die letzte Parade der alten Garde feiern, und in der Mitte einen Wachwechsel vollziehen. Scheytt und Pleitgen übergeben dann an zwei Kreative U30.

  12. #12 | Dirk E. Haas sagt am 1. April 2008 um 06:33 Uhr

    Offensichtlich sind verschiedene Arten von Enttäuschungen im Spiel; einige davon sind unumgänglich. Zum Beispiel: Bei 2000 Projektvorschlägen ist zu erwarten, dass mindestens 95% nicht realisiert werden können, zumindest nicht mit Geldern aus dem Etat der Kulturhauptstadt. Das ist schmerzhaft, denn es wird viele Projektideen treffen, die dem Ruhrgebiet zweifellos gut tun würden. Dafür können die Programmverantwortlichen aber nichts, ganz im Gegenteil: Sie haben als Direktoren die klare Aufgabe, diese wenigen Projektideen auszuwählen, für das dieses (natürlich immer zu wenig erscheinende) Geld aus dem Programmetat verwendet werden soll.
    Diese Arbeit sollten sie jetzt endlich tun, aber mit dem klaren Anspruch, dass mit dieser Kulturhauptstadt auch substanziell Neues ermöglicht wird: Wer die Welt da draußen überraschen und neugierig machen will, muss sich erstmal selbst überraschen. Eine riesige Ruhrtriennale oder ein Relaunch der IBA Emscher Park wären zweifellos schöne Ereignisse, aber sie wären keine Überraschungen ? nicht für uns, und auch nicht für die Feuilletons und Tourismusagenturen dieser Welt. Dieses Neue sehen wir (die wir keine Direktoren mit 2000 Vorschlägen auf dem Tisch sind) im Moment noch nicht ? und deshalb bekommt das wenige, was wir sehen oder uns vorstellen können, nämlich das längste Straßenfest der Welt, die ganze Enttäuschung ab. Unverdientermaßen, wie ich finde. Dass das Ruhrgebiet seine Kulturhauptstadt feiert, und zwar im größten öffentlichen Raum, den es hat, was soll daran falsch sein? Städte haben Straßenfeste, große Städte haben große Straßenfeste: Es gibt kaum ein einleuchtenderes, für jeden verständliches Format, mit dem sich das Ruhrgebiet als EINE Stadt feiern könnte. Nur ? substanziell neu ist so ein Straßenfest natürlich nicht. Deshalb erwartet die Öffentlichkeit, das nicht auch noch im Ruhrtal oder auf der Emscherinsel nur fröhlich beisammen gesessen wird.
    Eine dritte Art von Enttäuschung, die immer wieder artikuliert wird: Der mit der Kulturhauptstadt verbundene Schwung hat (noch) nicht andere Felder regionalen Handelns erreicht, zumindest nicht in dem Maße, wie es sich viele Ruhrstädter wünschen. Das mag ja sein, und etwas mehr Dynamik wäre natürlich nicht schlecht, aber ich will zwei Beispiele nennen, die eher für das Gegenteil stehen, nämlich regionale Kooperation wirklich beschleunigt zu haben. Die Anrainerstädte der A40 haben sich endlich entschlossen, ihren gemeinsamen Stadtraum A40 / B1 auch gemeinsam zu beplanen und zu entwickeln; da sind Städte wie Gelsenkirchen dabei, die streng genommen gar nicht an der A40 liegen, aber erkannt haben, dass die Gestaltung regionaler öffentlicher Räume eine wichtige Gemeinschaftsaufgabe ist. Das zweite Beispiel sind die Anrainerstädte des Rhein-Herne-Kanals, die aus sich selbst heraus ein gemeinsames Kulturhauptstadt-Projekt entwickelt haben (?Kulturkanal?), von dem ich mir wünsche, dass es nicht zu den oben genannten 95% gehören wird. Hier haben einzelne Städte über die gemeinsame Verantwortung für einen gemeinsamen Stadtraum ?Rhein-Herne-Kanal? zu intensiver inhaltlicher Zusammenarbeit gefunden.
    Das sind Formen stadtregionaler Emanzipation, die nicht darauf wartet, bis der RVR alle seine Kompetenzen, Instrumente und Experten fürs Regionale beisammen hat. ? Bevor nun aber die vielen Langemeyers dieser Region ?Ja! Genau! Meine Rede!? rufen, sollten sie eines wissen: Ohne den RVR gäbe es die Europäische Kulturhauptstadt im Ruhrgebiet überhaupt nicht. Soviel Wirklichkeitssinn muss schon sein.

    DH

  13. #13 | Arnold Voss sagt am 3. April 2008 um 17:49 Uhr

    Der Ansatz mit den regionalen öffentlichen Räumen und ihrer gemeinsamen, sprich zwischenkommunalen bzw. gesamtregionalen Umgestaltung und Reorganisation ist grundsätzlich richtig, weil hier auch die Bewohner jenseits der Gemeindagrenzen Ruhr als „Zusammenhängendes Ganzes“ sinnlich-räumlich und häufig im wahrsten Sinne des Wortes er-fahren. Da müsste dann auch noch der Emscher-Landschaftspark und die „Emscherinsel“ hinzukommen. Im Kern dreht es sich dabei im übrigen um ein stadträumliches Spezifikum von Ruhr: Sie ist nur als „Roadmovie“ medial repäsentierbar, nur als „Pfaderlebniss“ durch einen nicht im übetragenen sondern im realen Sinne immer weiter zuwuchernden Stadtdschungel anzueignen. Wer sich vorstellt, dass jemand über Nacht alle Schilder und Direktionhinweise aus dem agllomerativ verdichteten Teil von Ruhr entfernt hätte und er selbst auf einer der Brachlandschaften, wohlmöglich noch bei Nacht, „ausgesetzt“ worden wäre, der weiß was ich meine.

    Ich halte dagegen die A40 nicht für einen ruhrgebietstypischen „öffentlichen Raum“ auch wenn er von fast allen Bewohnern regelmäßig benutzt wird. Ich habe übrigens aus diesem Grunde auch nicht geschrieben, dass das lineare Straßenfest zusätzlich, sondern dass es alternativ z.B. entlang der Ruhr usw. stattfinden hätte sollen. Die A40 ist vielmehr einer der typischen „Überallräume“,was ich nicht für schlimm sondern für durchaus normal halte.Ihn zu einem „urbanen“ Raum zu machen, sprich ihn mit den um/anliegenden Städten diesbezüglich wahrnehmungs- und interaktionsmäßig zu verknüpfen, halte ich in weiten (nicht in allen) Teilen obendrein für äußerst schwierig, was kein absoluter Grund ist, es nicht wenigstens zu versuchen (sofern man nicht Besseres zu tun und genügend Geld über hat).

    Dagegen halte ich die überlokalen Fuß- und/oder Radtrassen in Zusammenhang mit der zukünftigen Wasser- und Gründlandschaft sozusagen als „ökologische und überlokale Boulevards“ diesebzüglich für wesentlich wichtiger und in ihrer Verbindung mit Stadt (Stadt-Dschungel)auch für ruhrgebietstypischer. Stadtautobahnen gibt es überall, aber eine solches zwischen- und mittlerweile auch innerstädtisches Radwegenetzt das zu einem großen Teil durch Grün und/oder am Wasser entlang führt ist in seiner Größe und urbanen Vernetztheit weltweit ebenso einmalig wie die Route der Industriekultur. Dieses Wegenetzt wird vor allem an regenfreien bis sonnigen Tagen jetzt schon von so vielen Menschen (auch als Treffpunkt) benutzt, dass es auch dort an bestimmten Stellen zu bestimmten Zeiten so zugeht wie an den innerstädtischen Kontenpunkten. Wenn das in Anbetracht der sich zuspitzenden Energieprobleme und des Klimawandels nicht Zukunft und zugleich weltweit urbanistischen Vorbildcharakter hat, dann weiß ich auch nicht.

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