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Hans Albers und seine jüdische Geschichte – oder: wie man in Bayern Aufarbeitung verhindern will.

Hans Albers Foto: UFA Lizenz Gemeinfrei


So viel hören wir in der letzten Zeit darüber, dass man sich neu mit dem steigenden Antisemitismus in diesem Lande beschäftigen müsse. Man solle mit Respekt der Erinnerung der Shoa gegenübertreten, man müsse genauer aufarbeiten, wie der Zivilisationsbruch geschehen konnte, und es sei dringend geboten, Bezüge zu heute herauszustellen.
Und am 20. Mai dieses Jahres haben alle demokratischen Parteien im bayerischen  Landtag die Resolution „Antisemitismus entschieden bekämpfen“ eingebracht und beschlossen. Klingt wunderbar.

Aber wenn es ernst werden soll, finden sich offenbar doch wieder Altvordere Respektspersonen, die zu verhindern versuchen, dass man sich erinnere. Von unserer Gastautorin Sandra Kreisler.

Direkt am schönen Starnberger See, zwischen den idyllischen Orten Niederpöcking und Bernried, hatte im Jahre 1935 der Gesamtdeutsche Filmstar Hans Albers mit seiner Liebsten eine kleine Villa erstanden. Das charmante Häuschen (nebst Nebengebäude, kleinem Garten und direktem Seezugang) hatte damals schon eine illustre Geschichte, war schon fast hundert Jahre lang durch die Hände von Königen, Herzögen und dergleichen gegangen und war der perfekte Ort, dachte Hans Albers, um mit seiner Liebsten geruhsam leben zu können.
Nur, leider: Es war 1935 und seine Liebste war Jüdin.

Ab hier klafft die Wahrnehmung. Hans Albers – das ist unstrittig – war schlechterdings DER arische Schauspieler, er drehte Durchhaltefilme für die Nazis, er war der Seemann, den nichts erschüttern konnte, und so könnte man mit Georg Kreisler sagen, „er schüttelte jeder Siegermacht die gleichen Hände“.
Auf der anderen Seite aber schützte er seine Lebensgefährtin (die auch die Frau hinter seinem Erfolg war) nicht zuletzt durch ebendiese Popularität! Er verweigerte eine Trennung, er machte ostentativ Anti-Naziwitze in der Öffentlichkeit und ging aus Prinzip nie zu Veranstaltungen, bei denen er in die Situation kommen konnte, Nazigranden die Hand geben zu müssen. Seine Liebste, Hansi Burg, floh 1939, ohne es mit Albers abzusprechen, in die Schweiz, dann nach England – da sie begriff, dass sie ihn und auch sich nur so schützen konnte. Sie kehrte nach dem Krieg zu ihm, der diese Zeit wohl nicht verwinden konnte und zum Alkoholiker wurde, zurück. Sie lebten innig zusammen bis zu Hans Albers Tod 1960, er hinterließ ihr alles – auch die Villa.

Diese Geschichte von Hans und Hansi ist für viele „gemischte Beziehungen“ exemplarisch, anhand dieser Liebe kann man gut verdeutlichen, welcher Druck auf Paare ausgeübt wird, ist einer der Beiden plötzlich und grundlos verfolgt von der Obrigkeit. Wie geht man um damit? Kann man helfen, soll man es versuchen – was, wenn man es nicht kann? Viele Fragen, die heutige Jugendliche zu den Mechanismen einer menschenverachtenden Zeit haben, kann man exemplarisch hier abarbeiten.

Genau das plant der Verein „Respect & Remember Europa e.V“. Zunächst wurde daran gearbeitet, die Villa, die von Hansi Burg in den 70er Jahren unter dem schriftlichen Vorbehalt, dass sie „der Öffentlichkeit zu Erholungszwecken zur Verfügung gestellt werde“ an den Freistaat Bayern verkauft wurde, aus dem Dornröschenschlaf zu holen, in dem sie seit dieser Zeit liegt. Man erreichte es, dass das Haus unter Denkmalschutz gestellt wurde. Man ersann ein professionelles Konzept, um aus der Villa einen Lern- und Begegnungsort zu machen, wie es zur Übergabe der Villa geplant gewesen war.
Der mit viel Verve engagierte Deutsch-Jüdische Verein beschreibt die Zukunft der Villa so: „Sie soll ein lebendiger und bunter Raum für Jung und Alt aus nah und fern sein!
Seminare, Lehrerfortbildungen, Workshops und Diskussionen zu gesellschafts-politischen Themen um das Thema Antisemitismus sind Herzstück unseres Programms. Dabei wollen wir die neuen technischen Möglichkeiten und die veränderten Seh- und Hörgewohnheiten des Publikums und vor allem der jüngeren Zielgruppe nutzen, um unser Angebot wissenschaftlich nachhaltig und gleichzeitig multimedial und somit attraktiv für alle Altersgruppen zu gestalten.
Der Verein hat mit einem namhaften Architekten einen Plan erstellt, der dem Denkmalschutz gerecht wird, es gibt ein fertiges Nutzungskonzept mit Finanzierung – es fehlt eigentlich nur der Startschuss Bayerns, das sich ja den Kampf gegen Antisemitismus und für Toleranz – siehe oben – mit Brief und Siegel auf die Fahnen schrieb, und daher dankbar sein müsste, dass derart spannende und neuartige Projekte so kurz nach Staatsbeschluss bereitstehen!

Allein, es kann der Frömmste nicht in Frieden erinnern, wenn es dem bösen Nachbar… Und so erscheint nun, nach bald 2 Jahren Arbeit, die Respect & Remember Europa e.V. in die Revitalisierungspläne der Villa Albers gesteckt haben, wie ein Deus Ex Machina die Technische Universität München (TUM), und meldet offiziell „Staatsbedarf“ an.
Man versteht es zwar nicht ganz, denn die TUM hat wirklich etliche Liegenschaften, verteilt auf ganz Bayern, darunter auch riesige, was will sie also mit einem Häuschen mit lauter kleinen Räumen verteilt auf etwas über 170 m2 und einem Nebengebäude, (das die TUM aber expressis verbis gar nicht renovieren lassen will)? Doch die Bayerischen Bildungsinstitutionen -auch eine Dame der Politischen Akademie Tutzing spielt mit – und ihre Professoren kamen, 2 Monate nachdem sie von dem Projekt erfuhren, ganz plötzlich drauf, dass ihnen die Liegenschaft dringend unentbehrlich sei.
Ganz einig sind sich die Herr und Damschaften zwar nicht, wenn sie genauer befragt werden, was sie da planen: Nein, nein, man wolle die Albers-Villa nicht für eine Elite, sondern „Gesellschaftsrelevant auf hohem Niveau“ –  was natürlich insinuiert, dass die Auseinandersetzung mit Jüdischen Inhalten das nicht erfüllen könne.

Das Zoom-Gespräch mit dem Verein, das zu einer Klärung hätte beitragen sollen, liegt der Autorin in einer Abschrift vor, und ich muss gestehen, mir blieb der Mund offen, bei der Unverfrorenheit, mit der die interessierten Herr- und Damschaften von TUM und Politische Akademie durchblicken ließen, dass sie jüdische Belange da in dem Ort eigentlich nicht brauchen.  Ein Herr Professor – seinen Worten nach gut bekannt mit Bürgermeister und Vorsitzendem des Kulturvereins in Garatshausen, des Ortsbereichs in dem die Villa steht – wird in seinem Furor sogar von seinen Kollegen schnell unterbrochen, weil er zu deutlich den wahren Grund für das plötzliche Interesse an dem Haus offenzulegen droht.

Und zum Abschluss wird noch angeraten, Respect & Remember solle doch in einen „Blockbau“ in Feldafing umziehen, das passe besser.  Die Rede ist von den der ehemaligen „Reichsschule der NSDAP Adolf Hiter“, in der nach dem Krieg Displaced Persons untergebracht waren.

Da liegt also eine Villa, die zuletzt einer Jüdin gehörte, seit 40 Jahren brach und keiner interessiert sich für sie, obwohl es vertraglich ausgemacht war, dass sie für allgemeine Zwecke genützt werden solle. Dann wird ein Deutsch-Jüdischer Verein darauf aufmerksam, lässt sie unter Denkmalschutz stellen, arbeitet fast zwei Jahre lang mit Fachleuten daran, ein genaues und durchdachtes Konzept samt Businessplan und Finanzierungsmöglichkeiten zu erstellen, um die Geschichte und die Gegenwart von Juden und Jüdinnen für junge Leute auf interessante Weise fassbar zu machen – und kaum wird in der Region bekannt, dass „etwas Jüdisches“ in den beschaulichen bayrischen Ort kommen soll, erscheinen ein paar Professorentitel mit Naheverhältnis zur Region, werfen ihre Bekanntheit und ihr „Staatsinteresse“ herum, und wollen den Verein ausbooten.

Oh ja. Das hat etwas mit Antisemitismus zu tun. Es ist mit Händen greifbar – aber keiner will es sehen. Und genau so läuft es mit dem Antisemitismus hierzulande schon länger. Es bleibt nur zu hoffen, dass die staatlichen Stellen in Bayern das auch erkennen, und deutliche Schritte einleiten, die beweisen, dass der „Kampf gegen Antisemitismus“ nicht nur Lippenbekenntnis bleibt. Bis jetzt ist jedenfalls noch nichts entschieden, in diesem David gegen Goliath -Spiel in Bayern.

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5 Kommentare zu “Hans Albers und seine jüdische Geschichte – oder: wie man in Bayern Aufarbeitung verhindern will.

  • #1
    Gerhard Oberschlick

    Gibt es in D ein Schul-Unterrichtsfach "Politische Bildung", "Gesellschaftskunde" o.ä.? Der obige Text müsste dringend als Lehrbuchgeschichte in die Unterrichtsmaterialien aufgenommen werden!

  • #2
    Eric Kahn

    Das ist ein gutes Beispiel wie nicht die offizielle Einstellung zu beobachten, nach all den schoenen Worten…Die Professoren sollen sich nur selbst an den offiziellen halten und die "Villa" an dem urspruenglichen Zweck, besonders im Namen von Hans Albers, aufzustellen. Bitte Vergebung an mein spottides Deutsch !

  • #3
    sandra kreisler

    Offener Brief von Respect & Remember Europe e.V.

    5.Juli 2021

    Sehr geehrte Damen und Herren der Bayerischen Ministerien, des Bayerischen Landtags, der Presse und alle Interessierten,

    es ist bitter, dass wir uns jetzt veranlasst sehen, einen offenen Brief an Sie zu schreiben.

    Seitdem die TU München (TUM) Staatsbedarf für die Hans-Albers-Villa angemeldet hat, wurden so einige Intrigen über uns verbreitet und uns jetzt von mehreren Seiten mitgeteilt, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, Frau Dr. h.c. Charlotte Knobloch, habe gesagt, sie würde hundert Mal lieber mit der TUM als mit uns (Respect & Remember Europe e.V.) zusammenarbeiten.

    Wir wollten uns eigentlich nicht mit Verleumdungen und Beleidigungen beschäftigen, die über den Verein erzählt und nach München getragen werden, jetzt ist eine Grenze überschritten. Will man einen Keil zwischen Juden treiben, uns vorführen? Wie infam ist das?

    Seit es unseren Verein gibt, war und ist Frau Präsidentin Knobloch uns immer wohlgesonnen. Sie hat jede Veranstaltung von uns besucht, bewegende Reden gehalten und uns zur Gründung des Vereins ein sehr schönes Zitat geschenkt. Frau Präsidentin Knobloch ist eine der diskretesten Personen, die ich und wir kennen. Sie würde nicht einmal über ihren ärgsten Feind in der Öffentlichkeit ein negatives Wort verlieren. Wer Intrigen auf diesem Niveau nötig hat, weil vielleicht die konstruktiven Argumente fehlen, sollte jetzt dringendst innehalten. Uns allen sollte es um die Sache gehen, nicht mehr und nicht weniger.

    Wir fragen uns: Warum erhalten wir anders als andere Institutionen in der Vergangenheit kein Zeitfenster, in dem wir uns bewähren und den maßgeblich beteiligten Instanzen zeigen können, dass wir die Finanzierung fundiert und nachhaltig realisieren können? Wir wollen und können ein verlässlicher und nachhaltiger Partner sein. Dafür werden wir eine gemeinnützige Stiftung gründen und selbstverständlich transparent arbeiten.

    Wir fragen uns: Viele von Ihnen haben im Mai den Beschluss gegen Antisemitismus und für Erinnerungseinrichtungen im Bayerischen Landtag mitunterschrieben. Laut Beschluss sollen zivilgesellschaftliches Engagement unterstützt werden und Erinnerungsorte geschaffen werden, weil uns die Zeitzeugen verlassen. Wie kann man solchen politischen Beschlüssen und Reden noch trauen? Wird wenige Wochen später ein einmaliger Erinnerungsort für immer verschwinden? Wir erfüllen genau die Bedingungen des Beschlusses und werden dafür verleumdet und regelrecht abgeschmettert.

    Dabei wollen wir viel Geld für einen positiv besetzten, der Öffentlichkeit langfristig zugänglichen Ort bereitstellen. Dafür sollte man uns nicht als Bittsteller abtun und diskreditieren.

    Wir fragen uns: Warum geht seit einem halben Jahrhundert der im Kaufvertrag mit dem Freistaat Bayern geäußerte Wunsch Hansi Burgs, der Lebensgefährtin von Hans Albers, nicht in Erfüllung, das Anwesen der Öffentlichkeit für Erholungszwecke zur Verfügung zu stellen? Der Freistaat Bayern schien ihr der Garant dafür zu sein.

    Wir fragen uns: Wie kann das Konzept der TUM diesen authentischen Erinnerungsort verkennen und so breite Unterstützung in Verwaltung und Ministerien erfahren? Der Plan der TUM ist weder ortsgebunden noch in der Größe stimmig. Schließlich können die 40 Stipendiaten, die die Junge Akademie jährlich aufnimmt, keinen Platz in der 187 qm kleinen, verwinkelten Hans-Albers-Villa finden (für die wir übrigens erfolgreich den Denkmalschutzantrag gestellt haben). Mit Nebengebäuden und dem Bootshaus sind es knapp 300 qm. Warum nützt die TUM nicht zum Beispiel das weiträumige, landschaftlich wunderbar gelegene Kloster Raitenhaslach, das bereits vom Freistaat Bayern mit Millionen gesponsert wurde, oder eine der vielen weiteren Liegenschaften der TUM, die die Junge Akademie beherbergen können. Zudem gibt es sicherlich weitere Liegenschaften der Immobilien Freistaat Bayern in passender Größe, die der TUM angeboten werden könnten.

    Wir fragen uns: Warum schenkt man den Menschen am See so wenig Gehör? Viele, die am See leben, begrüßen unser Projekt – weil sie schon lange vor den verschlossenen Türen der Hans-Albers-Villa stehen und weil sie es für sehr wichtig erachten, dass es dort einen Erinnerungs- und Begegnungsort geben soll, der Wissen vermittelt, Kultur-, Kunst- und Freizeitangebote schafft und eine Brücke zwischen der Vergangenheit und Zukunft baut – gerade auch für ihre Kinder und Enkel.

    Wir werden uns von all den Falschmeldungen und Verleumdungen nicht abhalten lassen, weiter für unser wichtiges und wunderbares Projekt zu stehen, und uns weiter bemühen, gehört zu werden. Denn die Hans-Albers-Villa ist ein einmaliger, unwiederbringlicher deutsch-jüdischer Erinnerungsort. Hier geht es um zwei Menschen, die ihre Liebe nicht aufgaben und die Shoah mit allen lebensbedrohlichen Momenten überlebten. Hansi Burgs Familie wurde ermordet. Trotzdem kehrte sie in das Land zurück, das dafür verantwortlich war – wegen ihrer großen Liebe zu Hans Albers. Diese Lebens- und Liebesgeschichte birgt die einzigartige Chance, insbesondere junge Menschen zu erreichen.

    Die Hans-Albers-Villa könnte ein Leuchtturmprojekt für Bayern sein und ein Vorzeigeprojekt für die Region, das über die Erinnerung eine Brücke in die Gegenwart und Zukunft baut.

    Was uns jetzt wichtig ist: Wir möchten keine Juden gleich welcher Prominenz für uns reden lassen, nach dem Motto "da trommelt jemand seine jüdischen Seilschaften zusammen und dann bekommen die Juden ja doch immer, was sie haben wollen." Heute bitten wir die Nichtjuden, für uns zu sprechen. Angesichts des heftigen Antisemitismus, der sich gerade 76 Jahre nach der Shoah rapide wieder in unserem Land ausbreitet, rufen wir Sie auf, sich für unser Konzept einzusetzen. Wenn Beschlüsse gegen Antisemitismus gefasst werden, müssen Taten folgen. Worte reichen nicht mehr.

    Der Freistaat Bayern hätte mit der Hans-Albers-Villa die Chance, einen positiv besetzten, einzigartigen Ort der Erinnerung zu erhalten, bei dem Toleranz und jegliche Begegnungen geübt und gelebt werden könnten. Noch ist es nicht zu spät.

    Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich gerne an uns.

    Mit den besten Grüßen Gabriella Meros und Respect & Remember Europe e.V. und die Unterstützer der Hans-Albers-Villa

    Unsere derzeitige Webseite wird überarbeitet.
    https://respect-and-remember.com

  • #4
    Berthold Grabe

    Ich bezweifle, das Hans Albers oder seine Frau, an einer solche Aufarbeitung in Zusammenhang mit ihrem Nachlass interessiert gewesen wären.
    Man kann dem Narrativ das hier verfolgt wird folgen, aber ich halte es weder für schlüssig noch geboten, noch hilfreich.

  • #5
    Gabriella Meros

    Das kann man gerne für den Erhalt der Hans-Albers-Villa als öffentlichen Erinnerung-und Begegnungsort unterschreiben:
    http://chng.it/687xQt9Mwc

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