
Der Artikel auf klassegegenklasse.org, der Webseite einer trotzkistischen Sekte, der Teil der gerade boomenden autoritären Linken ist, ist ein typisches Beispiel für die aktuelle queer-ideologische Wendung großer Teile der „revolutionären Linken“. Er tarnt eine bürgerlich-idealistische Identitätspolitik als Klassenkampf und diffamiert radikalfeministische Positionen als „transfeindliche Hetzkampagne“, „Autoritarismus“ und „Spaltung der Arbeiter:innenklasse“. Aus materialistisch-feministischer Sicht ist diese Darstellung nicht nur faktisch verzerrt, sondern theoretisch rückschrittlich. Sie dient letztlich genau den kapitalistischen und patriarchalen Strukturen, die sie zu bekämpfen vorgibt. Unsere Gastautorin Ina Wagner ist Mitglied der Initiative „Lasst Frauen Sprechen!“
Die Autorin verrät sich selbst: „Eine Tendenz in der feministischen Bewegung, die es zu bekämpfen gilt.“ – nämlich die, die noch für Frauen kämpft.
1. Verdrehung der Fakten
Der Artikel behauptet, Rona Duwe habe eine „transfeindliche Hetzkampagne“ gestartet.
Falsch.
Sabine Maur hat Rona Duwe zuerst abgemahnt und verklagt, um die Verbreitung des Webinar-Ausschnitts zu verbieten. Das Gericht schlug eine Einigung vor, die Maur ablehnte. Rona Duwe hat nichts „gestartet“ – sie hat lediglich auf eine von Maur selbst ausgelöste juristische Auseinandersetzung reagiert.
„… ein 60-sekündiger Ausschnitt daraus [wurde] im Netz verbreitet – allen voran durch Rona Duwe.“
Falsch.
Der Clip wurde anonym im September 2025 zuerst von dem Account @EderKirsch veröffentlicht – und zwar mit großer Reichweite (über 230.000 Views und über 500 Reposts). Rona Duwe hat ihn später lediglich als Teil eines Threads repostet. Ihr Beitrag hatte vergleichsweise geringe Reichweite. Es gab mehrere andere Accounts, die das Video ebenfalls geteilt und kommentiert haben.
„Vor einem Jahr fällte das oberste Gericht in Großbritannien ein Urteil, wonach trans Frauen – gesetzlich betrachtet – nicht als Frauen anzusehen sind. […] Von den Olympischen Spielen […] sind trans Frauen nun […] ausgeschlossen […]“
Falsch.
Um eine „Transfrau“ zu sein, muss ein Mensch männlich sein. Das britische Gericht hat daher festgestellt, dass das biologische Geschlecht rechtlich entscheidend bleibt. Bei den Olympischen Spielen gilt dasselbe: Frauen sollen Fairness und physische Sicherheit im Sport behalten. Männer können weiterhin im Männerwettbewerb antreten – niemand wird ausgeschlossen, sondern die Kategorien werden nach biologischem Geschlecht getrennt.
„… cis Frauen, die einem bestimmten weiblichen Stereotyp nicht entsprechen, gleichermaßen negativ betroffen sein werden. Hier mischen sich queerfeindliche mit rassistischen Positionen. ,Feminist:innen‘ wie Duwe reihen sich in die Hetze von Konservativen und Rechten ein …“
Falsch.
Der Transaktivismus selbst beruft sich massiv auf Geschlechtsstereotype, um die Existenz einer „Genderseele“ im „falschen Körper“ zu begründen („Ich bin eine Frau, weil ich mich weiblich fühle / gerne Schminke trage / emotional bin“). Rechte nutzen dieselben Stereotype, um Frauen und Männer in starre Rollen zu pressen. Radikale Feministinnen lehnen beides ab: Sie bekämpfen Geschlechterstereotype und fordern die Befreiung aller Menschen davon – auf der Grundlage der biologischen Realität. Das ist der entscheidende Unterschied.
„Dass die Hetze von TERFs mit Angriffen bürgerlicher Staaten auf die Rechte von trans Personen Hand in Hand geht, ist kein Zufall. […] Im Kontext der autoritären Wende […] gewinnen traditionelle patriarchale Familien- und Rollenbilder enorm an Bedeutung […] Die bürgerliche, patriarchal geprägte Kleinfamilie ist ein zentraler Baustein der bürgerlichen Gesellschaft.“
Falsch.
Radikalfeministinnen stehen im offenen Konflikt mit Vaterrechtlern und dem patriarchalen Familienmodell. Sie lehnen die bürgerliche Kleinfamilie als Institution männlichen Besitzanspruchs über Frauen und Kinder seit jeher ab. Ihre Kritik an der Trans-Ideologie basiert nicht auf konservativen Rollenbildern, sondern auf der materialistischen Verteidigung des biologischen Geschlechts als Grundlage weiblicher Unterdrückung – unabhängig von traditionellen Familienkonzepten.
„Weiterhin dienen Sexismus ebenso wie Queer- und Transfeindlichkeit der Spaltung der Arbeiter:innenklasse, was wiederum den Interessen von Kapitalist:innen dient.“
Na, will hier jemand schon wieder die Frauenfrage zum Nebenwiderspruch erklären?
„Besagte Gentests sind aber ein anschauliches Beispiel hinsichtlich dessen, was es bedeutet, festzulegen, wer als Frau und damit politisches Subjekt des Radikalfeminismus gilt.“
Falsch.
Gentests beziehungsweise die biologische Geschlechtsbestimmung dienen im Sport dazu, Frauen Fairness und physische Sicherheit zu gewährleisten. Sobald Frauen ihre eigenen Räume und Kategorien schützen wollen, kommt prompt der Vorwurf, sie würden „ausschließen“ – das entspricht der klassischen Männerrechts-Logik.
2. Radikalfeminismus als „unradikal“? Die materialistische Kritik
Der Artikel wiederholt die Standardverleumdung der Queer-Theorie: Radikalfeministinnen wie Rona Duwe, Alice Schwarzer oder unsere Initiative „Lasst Frauen sprechen!“ seien „unradikal“, spalteten die Klasse und gingen mit dem bürgerlichen Staat Hand in Hand.
Das Gegenteil ist richtig. Der Radikalfeminismus ist die einzige materialistische Variante des Feminismus, die geblieben ist. Er analysiert Geschlecht (sex) als Klasse, die unter dem Patriarchat ausgebeutet wird – genau wie die Arbeiterklasse unter dem Kapitalismus. Simone de Beauvoir, Shulamith Firestone, Andrea Dworkin oder Sheila Jeffreys haben nie „Geschlecht als Gefühl“ propagiert, sondern Gender – also soziale Normen und Geschlechtsstereotype – als soziale Hierarchie auf Grundlage des biologischen Geschlechts beschrieben.
Die aktuelle Trans-Ideologie hingegen ist postmodern-idealistisch: Sie löst die materielle Realität in subjektive Identität auf. Das ist philosophisch der direkte Gegensatz zu Marx’ Materialismus. Wer Frauenräume, Frauensport, Frauengefängnisse und Mädchenumkleiden für Männer öffnet, spaltet nicht die Klasse – er zerstört die materialistische Grundlage weiblicher Kollektivität. Arbeiterinnen, die in Fabriken, Pflegeberufen oder als Alleinerziehende doppelt belastet sind, brauchen geschlechtsbasierte Rechte, keine „inklusiven“ Räume, in denen sie wieder einmal ihre Grenzen aufgeben sollen.
Frauen als Klasse haben ein selbstverständliches Recht, das politische Subjekt ihrer eigenen Befreiungsbewegung zu sein. Der Radikalfeminismus kämpft für geschlechtsbasierte Rechte, weil die Unterdrückung, Ausbeutung und Diskriminierung von Frauen eben geschlechtsbasiert ist. Diese grundlegende Definition darf nicht durch subjektive Gefühle aufgelöst werden.
3. Wer spaltet wirklich die Arbeiterklasse?
„Wenn Radikalfeminist:innen den Widerspruch anhand von Geschlecht behaupten, negiert dies den eigentlichen Gegensatz, der entlang von Klassen verläuft …“
Falsch.
Das ist die klassische Reduktion der Frauenfrage auf einen „Nebenwiderspruch“. Auch innerhalb derselben ökonomischen Klasse existiert ein klarer materieller Geschlechterwiderspruch:
Frauen leisten den Großteil der unbezahlten Reproduktionsarbeit (Care-Arbeit, Kindererziehung, Pflege), arbeiten häufiger in Teilzeit, erleiden Renteneinbußen durch Schwangerschaft und Mutterschaft, sind stärker von Altersarmut betroffen und tragen die physischen Folgen der Gebärfähigkeit. Das ist keine „Spaltung“, die man ignorieren dürfte, sondern eine real existierende doppelte Ausbeutung – durch das Kapital und durch Männer innerhalb der eigenen Klasse.
Wer das leugnet, betreibt keine konsequente Klassenpolitik, sondern liquidiert den materialistischen Feminismus zugunsten einer abstrakten Klassenreduktion. Marx und Engels selbst haben die Unterdrückung der Frau in der Familie als zentralen Bestandteil der bürgerlichen Gesellschaft analysiert – nicht als bloße Nebensache.
Der Artikel behauptet, radikaler Feminismus diene dem Kapitalismus, weil er „queere Rechte“ angreife. Das ist eine klassische Umkehrung:
- Das Kapital profitiert massiv von der Trans-Industrie (Pubertätsblocker, lebenslange Cross-Sex-Hormone, Operationen, Pharma-Gewinne). Früher vermarkteten Konzerne Tabak und Opioide, heute finanzieren sie „Gender-Affirming Care“.
- Queer-Theorie und Selbstbestimmungsgesetz fragmentieren die Klasse in immer feinere Identitätsgruppen (non-binär, agender, demiboy etc.) und ersetzen Klassenbewusstsein durch „gelebte Erfahrung“ und „Betroffenheit“. Das entspricht genau jener neoliberalen Strategie, die Marx bereits als „falsches Bewusstsein“ kritisierte.
- Historisch war die Linke – auch die revolutionäre – lange geschlechtsrealistisch. Die Stonewall Riots 1969 wurden von Lesben und Schwulen getragen, nicht von „queer“. Die heutige Trans-Lobby hat die homosexuelle Befreiungsbewegung gekapert und pathologisiert Homosexualität erneut („trans kids“ seien oft prä-homosexuell, Homosexualität werde als „Genitalfetischismus“ diffamiert).
„Patriarchale Strukturen aber lassen sich nicht abschaffen, ohne den Kapitalismus abzuschaffen.“
Ach wirklich?
Oder lässt sich der Kapitalismus vielleicht nicht abschaffen, ohne patriarchale Strukturen ernsthaft anzugreifen? Schon mal daran gedacht?
4. Autoritarismus-Vorwurf – die eigentliche Projektion
„Es geht nicht darum, sexualisierte Gewalt an Frauen zu verharmlosen … solche Forderungen sind Teil der offiziellen Linie des bürgerlichen Staates. Und so verwundert es auch nicht, dass Positionen von TERFs klingen, als seien sie von Konservativen und Rechten verfasst worden.“
Falsch.
Welche „materiellen Bedingungen“ begünstigen denn sexualisierte Gewalt genau? Meint die Autorin etwa das biologische Geschlecht – also dass die überwältigende Mehrheit der Opfer weiblich und die Täter männlich sind?
Es ist schon bemerkenswert: Beim Durchsetzen des Selbstbestimmungsgesetzes gegen jede materielle Realität setzt man plötzlich voll auf den bürgerlichen Staat. Aber sobald es um den Schutz von Frauen vor männlicher Gewalt geht, wird plötzlich anarchistisch gegen „Überwachung und Bestrafung“ argumentiert. Konsequenter Materialismus sieht anders aus.
„Radikalfeminismus wird zum Mittel für die Bürokratien von NGOs, sozialen Bewegungen und Gewerkschaften, um staatlichen Autoritarismus zu legitimieren … die Frauenbewegung wird kooptiert …“
Falsch.
Statt Radikalfeministinnen eine Unterstützung durch linke NGOs anzudichten, sollte die Autorin lieber die großzügigen Steuermittel und Förderungen betrachten, die transaktivistische Organisationen, queere Netzwerke und „Gender-Projekte“ erhalten.
Radikalfeministinnen sind eine echte Graswurzelbewegung: Sie erhalten keine staatliche Förderung, keine hauptamtlichen Stellen und keine NGO-Gelder. Frauen investieren ihre eigene Zeit, ihr eigenes Geld und ihre Energie, um ihre Rechte und ihre Räume zu verteidigen.
Frauen verdienen ihre eigene Interessenvertretung. Frauen sind das Subjekt ihrer eigenen politischen Bewegung – des Feminismus. Ihnen einzureden, sie seien „Spalterinnen“ oder „Mitspielerinnen autoritärer Tendenzen“, nur weil sie ihre Rechte verteidigen, ist frauenfeindlich und antifeministisch.
Das ist das Patriarchat in a nutshell.
Fazit: Der Artikel ist kein Klassenkampf, sondern liberaler Kulturkrieg im linken Gewand
Klasse Gegen Klasse verrät hier die materialistische Tradition der Linken zugunsten einer poststrukturalistischen Ideologie, die Geschlecht entmaterialisiert und damit die Grundlage jeder ernsthaften feministischen und sozialistischen Analyse zerstört.
Radikalfeminismus ist nicht „unradikal“ – er ist die einzige konsequente linke Position in der Geschlechterfrage: Geschlecht ist real. Klasse ist real. Beides muss materialistisch analysiert und bekämpft werden. Alles andere ist bürgerlicher Idealismus in Revoluzzerromantik.
„Radical feminist theorists do not seek to make gender a bit more flexible, but to eliminate it. They are gender abolitionists, and understand gender to provide the framework and rationale for male dominance.“
Sheila Jeffreys, Gender Hurts (2014)
„Radikale Feministinnen wollen Gender nicht ein bisschen flexibler machen, sondern abschaffen. Sie sind Gender-Abolitionistinnen und verstehen Gender als Rahmen und Rechtfertigung männlicher Vorherrschaft.“
Sheila Jeffreys, Gender Hurts (2014)