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Hat das Ruhrgebiet noch eine Chance? Nein!

Ruhrgebiets-Blogger Stefan Laurin liest aus seinem Buch „Versemmelt - Das Ruhrgebiet ist am Ende“

Ruhrgebiets-Blogger Stefan Laurin liest aus seinem Buch „Versemmelt – Das Ruhrgebiet ist am Ende“

 

Versemmelt. Das Ruhrgebiet hat seine Chance versemmelt. So sieht es Stefan Laurin, Journalist und Blogger, in seinem neuesten Buch, das ebenso heißt: „Versemmelt“. Seine Kernthesen legte Stefan Laurin kürzlich anläßlich der Vorstellung seines Buches dar. Hier die „Best of Laurin“ des Abends.

Das Ruhrgebiet ist für Stefan Laurin am Ende. Das Ruhrgebiet hatte viele Chancen bekommen, es hat alle vertan. Eine dilettantische Politik, reihenweise Fehler, weitverbreitete Ignoranz und mangelnder Gestaltungswille seien die Ursachen, so Laurin. Keine Region dieser Größe werde so schlecht regiert wie das Ruhrgebiet, in ganz Europa nicht.

Seine Kernthesen legte Stefan Laurin kürzlich anläßlich der Vorstellung seines Buches dar. Er las zentrale Passagen und diskutierte mit dem Publikum in Bochum. Nach der Lesung entwickelte sich eine äußerst lebhafte Diskussion, in der der Autor noch pointierter formulierte als in seinem Buch. Hier die „Best of Laurin“ des Abends:

Null Chance

Publikumsfrage: „Gibt’s eine Lösung für das Ruhrgebiet?“

Stefan Laurin: „Nein. Man kann das ein bisschen mit einem Menschen vergleichen: Man muss mit 16 keinen Schulabschluss machen und man muss mit 18 oder 19 kein Abitur machen. Man kann von mir aus eine Junkie-Laufbahn einschlagen. Aber wenn man mit 25 sagt, so jetzt lasse ich’s allmählich sein, ich mach‘ meinen Schulabschluss nach, ich mach‘ eine Lehre – dann kommt man wieder irgendwie in die Spur.

Aber wenn man Mitte 40 ist, ist es eigentlich auch egal. Dann hat man die Chance nicht mehr. Und genau so geht es einer Region auch. Es gibt einfach Zeitfenster – genauso wie es im Leben von Menschen Zeitfenster gibt, Abschlüsse zu machen, Berufsausbildung zu machen – so gibt es auch für Regionen Zeitfenster. Und ich glaube, für das Ruhrgebiet hat sich das Zeitfenster einfach geschlossen. Das wird man in Bochum, Dortmund, Essen nicht so stark merken, weil das die Städte sind, denen es am besten geht. Aber in Gladbeck, Gelsenkirchen, Herten, Hamm wird man es sehr stark merken.“

Paternalismus

Stefan Laurin: „Es gibt eine passive Erwartungshaltung der Menschen: Man muss mir was geben, damit ich was machen kann. Das ist ein sehr paternalistischer Geist, der hier herrscht. Man wartet, dass irgendein Großer kommt und mein Problem löst, irgendeine diffuse Adresse – die Politik, ein neuer Thyssen, ein neuer Weißichnichtwas, dem man folgen kann. Wir erleben das gerade mit der AfD: die können das virtuos bespielen, das tun sie im Osten übrigens auch. Das ist ein Grund dafür, dass sie reüssieren.“

AfD-Wahlergebnisse

Stefan Laurin: „Wir haben hier mit die höchsten AfD-Wahlergebnisse in Westdeutschland. In den Nordvierteln Duisburgs, Essens, Gelsenkirchens und Dortmunds, da hat die AfD teilweise 17 bis 20 Prozent. Selbst in Vierteln, die richtig slummig waren und jetzt schön gemacht wurden, hat sie 17-18 Prozent, selbst an Orten, wo es nicht so aussieht wie in Duisburg.“

Arbeitsplätze

Stefan Laurin: „In den letzten neun  Jahren sind in ganz Deutschland viele neue Arbeitsplätze entstanden, aber nirgendwo so wenig wie im Ruhrgebiet. Das heißt, der Abstand ist – nach dieser langen Wachstumsphase, die jetzt zu Ende geht – zu allen anderen Städten größer geworden. Man hätte als Ruhrgebiet im dieser Aufschwungphase eigentlich zusehen müssen, diesen Abstand abzubauen. Stattdessen ist der Abstand größer geworden als vor zehn Jahren.“

Der Norden schmiert ab

Stefan Laurin: „Was neu hinzukommt an Arbeitsplätzen ist zuwenig, zu wenig in Branchen, die ein gewisses Wachstumspotential bieten – und das auch nur in wenigen Städten. Wir reden dann wirklich nur von Bochum, Dortmund und ein bisschen Essen, wo es ein bestimmtes Reservoir an Köpfen gibt, mit denen man das voranbringen kann. Aber wir reden nicht über Gladbeck, Bottrop, Herne, den ganzen Kreis Recklinghausen, den ganzen Kreis Unna – das sind die Orte, in denen die meisten Menschen wohnen im Ruhrgebiet. Wir sind heute in Bochum, das ist ja verhältnismäßig die Insel der Seeligen.“

Ruhrgebiet attraktiv?

Stefan Laurin: „Mit der Digitalisierung verschläft das Ruhrgebiet gerade sehr viel. Bis wir das aufgeholt haben, bis wir das Know-How haben, sind die anderen schon viel weiter weg.“

Stefan Laurin: „Ich glaube nicht, dass eine Stadt gucken muss, dass sich bestimmte Unternehmen ansiedeln. Die Politik kann nicht die Brachen mit Zukunft bestimmen. Sie muss aber die Grundlagen dafür schaffen, dass irgendetwas passiert. Dazu gehören exzellente Bildung, vernünftige Kinderbetreuung, ordentliche Gewerbeflächen und – zunehmend wichtig, glaube ich, weil das Auto an Bedeutung verlieren wird – ein leistungsfähiger Nahverkehr.

Bundesweit liegt in den großen Ballungsgebieten die ÖPNV-Benutzung bei 20%. Im Ruhrgebiet liegt sie bei 12%. Das heißt, wir hängen fürchterlich hinterher. Es gibt Städte wie Waltrop und Datteln, die haben nicht mal einen Bahnanschluss. Eigentlich müsste man jetzt hingehen und sich gar nicht Gedanken machen, welche Unternehmen siedele ich an, sondern, welche Strukturen muss ich schaffen, um irgendwie attraktiv zu sein?“

Versemmelt: Das Ruhrgebiet ist am Ende

von Stefan Laurin (Autor), Oli Hilbrich (Cover Design)

erschienen im Verlag Henselowsky Boschmann, August 2019

Preis: 9,90 EUR

 

Josef Wissarionowitsch Stalin (mit Kippe) und Stefan Laurin (ohne Kippe) kurz vor der Lesung

 

In eigener Sache: „Versemmelt – Das Ruhrgebiet ist am Ende“

 

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8 Kommentare zu “Hat das Ruhrgebiet noch eine Chance? Nein!

  • #1
    Emscher-Lippizianer

    Ein wenig fehlen noch die Aussichten auf eine glorreiche Zukunft durch die so genannte "Kreativ- Industrie".

  • #2
    Daniel

    Ist natürlich viel Wahres dran und Abgesänge sind auch immer lustig zu lesen, es stellt sich nur die Frage: Was nun? Wir können ja nicht alle nach Berlin übersiedeln 😉

  • #3
    Alf

    Es gibt Städte wie Waltrop und Datteln, die haben nicht mal einen Bahnanschluss!

    Dazu gehören auch die Gemeinden Sonsbeck, Hünxe und Breckerfeld.
    Wir müssen uns aber auch fragen, benötigen wir in allen 53 Gemeinden ein Bahnanschluss?

  • #4
    Norbert Reuther

    Mit Verlaub, der Vergleich einer Region mit einem Menschen, dessen Entwicklung und Lebenserwartung ja im Gegensatz zur Entwicklung einer Region determiniert ist, kann ich nur als Blödsinn bezeichnen.
    Und lineare Projektionen, wie sie Herr Laurin hier ausspricht, sind noch immer an der Realität gescheitert.

  • #5
  • #6
    thomas weigle

    Ich habe da am Sonntag eine Sendung über ein Dortmund gesehen, dass ich gar nicht kenne-zumindest nicht aus diesem Blog. Aber "das Ende ist nah oder schon da" zu menetekeln ist natürlich viel lustiger als alles andere. Das macht Laurins Buch wie erwartet amüsant, aber mehr auch nicht.

  • Pingback: "Wenn ich mit dem Zug nach Gelsenkirchen komme, erkenne ich an den dreckigen und vemüllten Bahnhöfen, dass ich im Ruhrgebiet bin" | Ruhrbarone

  • #8
    Schmidt

    Wer die Entwicklung von Wattenscheid seit der Eingemeindung nach Bochum 1975 beobachtet weiß, dass das Ruhrgebiet keine Chance mehr hat. Eine Fahrt mit dem Auto entlang der Ückendorfer Strasse in Gelsenkirchen offenbart die Hoffnungslosigkeit für die Stadte des Ruhrgebiets.
    Ich habe meinen Abschied 1983 nicht bereut und einmal im Jahr schaue ich mir das Elend und die massive Überfremdung als Besucher an.

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