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“Wenn ich mit dem Zug nach Gelsenkirchen komme, erkenne ich an den dreckigen und vemüllten Bahnhöfen, dass ich im Ruhrgebiet bin”

Essen: Blick über Stadtkern und Südviertel Foto: Denis Barthel Lizenz: CC BY-SA 3.0

Zu meinem Buch “Versemmelt” habe ich einige Mails bekommen. Diese möchte ich den Lesern dieses Blogs nicht vorenthalten.:

Hallo Herr Laurin,

danke für Ihre sehr ernüchternde, aber wahrscheinlich leider doch realistische Betrachtung des Ruhrgebiets.

Ich bin 1970 in Gelsenkirchen geboren, habe dort 34 Jahre meines Lebens verbracht, dann noch vier Jahre in Essen, bevor es mich aus privaten Gründen nach Stuttgart verschlagen hat. Ich war immer gerne Ruhrgebietsbürger und irgendwie auch stolz darauf, wenn ich auch heute keine Ahnung mehr habe, warum eigentlich.

In diesem Jahr habe ich ein paar Wochen in Essen verbracht, weil ich ernsthaft überlegt hatte zurück zu gehen. Aber mein Blick hat sich nach elf Jahren in einer sauberen, reichen, zugegeben privilegierten Stadt natürlich verändert. Obwohl ich in den letzten Jahren regelmäßig Besuche im Pott gemacht hatte, habe ich auf einmal nur noch Dreck, verkommene Häuser und vermüllte Straßen gesehen.

Nach elf Tagen wusste ich, es gibt keinen Weg zurück. Nach genau einem Tag mit der EVAG (heißt glaube ich jetzt Ruhrbahn) wusste ich wieder, warum ich früher NIEMALS mit den Öffentlichen gefahren bin. In Stuttgart überlege ich mein Auto abzuschaffen, da ich es fast gar nicht mehr nutze. Das ganze Nahverkehrsnetz in der Stadt und auch dem angrenzenden Speckgürtel ist aufeinander abgestimmt. Die Streckenführung der Busse und Straßenbahnen kommt mir viel durchdachter vor als in Essen. In Stuttgart brauche ich innerstädtisch um von einem beliebigen Punkt A zu Punkt B zu kommen gefühlt nie mehr als eine Dreiviertelstunde und muss maximal einmal umsteigen. In Essen habe ich manchmal, wenn der Bus ausgefallen ist, eine Dreiviertelstunde am Bahnhof gestanden ohne einen Zentimeter weiter zu kommen. Dieser „Busbahnhof“ ist ein Witz. Wenn es stark regnet, gibt es die Dusche gratis und es gibt keinerlei Sitzmöglichkeiten. Und es fahren auch Gehbehinderte mit den Öffentlichen. Die Taktung in Stuttgart ist viel kürzer und das bis 21 Uhr. In Essen braucht man nach 19 Uhr locker 1 ½ Stunde um von einem Stadtteil in den anderen zu gurken. Und das obwohl die Städte fast die gleiche Einwohnerzahl und die gleiche Flächengröße haben und Stuttgart eine wesentlich herausfordernde Topographie hat. Ich finde, die Zustände sind keine Katastrophe, sondern eine Zumutung. Im Ruhrgebiet fahren nur die Leute mit Öffentlichen, die sich kein Auto leisten können und dementsprechend ist das Klientel dann auch. Tagsüber fühlt man sich nur unwohl, aber abends kommt auch noch der Sicherheitsaspekt dazu, zumindest wenn man als Frau allein unterwegs ist. Das Auto ist unabdingbar, klimaschonend fahren leider nicht möglich. Eine Chance sind vielleicht die neuen Fahrradwege, die aus den alten Bahntrassen entstanden sind.

Am Erschreckendsten und unheimlich traurig ist für mich, was aus meiner (und Ihrer) Geburtstadt geworden ist. In den 80ern war es noch eine ganz ordentliche Stadt, in der man gut leben konnte. Aber was um Gottes willen ist aus der Stadt geworden und wie wird es da in zehn Jahren aussehen? Es ist mir unbegreiflich, wie man da noch leben kann. Die Neustadt war immer schon ein sozialer Brennpunkt, aber mittlerweile habe ich da auch tagsüber Angst alleine herzulaufen. Die Schwaben mögen es mit ihrer Kehrwoche übertreiben, aber es ist auch nicht schlimm, wenn es sauber ist und der Müll im Papierkorb und nicht auf der Straße landet.

Wenn ich mit dem Zug nach Gelsenkirchen komme, erkenne ich an den dreckigen und vemüllten Bahnhöfen, dass ich im Ruhrgebiet bin. Wo es am dreckigsten und trostlosesten ist, steige ich aus, da bin ich am Ziel.

Im Nachhinein war die Entscheidung nach Stuttgart zu gehen, die beste meines Lebens. (Auch wenn mir die Ruhris mentalitätsmäßig immer noch näher sind als die Schwaben :-)). Ins Ruhrgebiet zurück? Never ever. Woanders is auch scheiße? Nee, stimmt eben nicht. Das Leben geht weiter und zwar besser, aber für mich anderswo.

Viele Grüße aus dem Süden

Mehr zu dem Thema:

Hat das Ruhrgebiet noch eine Chance? Nein!

Versemmelt: Abgesang auf die Utopie einer blühenden Ruhrstadt

 

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28 Kommentare zu ““Wenn ich mit dem Zug nach Gelsenkirchen komme, erkenne ich an den dreckigen und vemüllten Bahnhöfen, dass ich im Ruhrgebiet bin”

  • #1
    AndiDort

    Wenn seit Jahrzehnten (!) ein Großteil sämtlicher Budgets aller Bundesministerien nach Bayern, Baden Württemberg und die Landeshauptstädte fließt, muss man sich nicht wundern, dass in stuttgart alles schöner ist, als im Ruhrgebiet.

  • #2
    Klaus Erstner

    "die sich kein Auto leisten können und dementsprechend ist das Klientel dann auch"

    und den Menschenschlag erkennt der zum Stuttgarter Aufgestiegene an welchem Merkmal?

  • #3
    Björn Wilmsmann

    zu #1: Wenn man im Ruhrgebiet eines kann, dann Ausreden fürs selbstverschuldete Versagen zu finden.

    Über Jahrzehnte wurden u.a. über Subventionen für die Steinkohle Milliarden ins Ruhrgebiet gepumpt, ohne dass damit auch nur ansatzweise etwas Sinnvolles passiert wäre. Man hat sich bräsiger "Der Kumpel darf nicht sterben!"-Romantik hingegeben und verrottende Industriebauten zu "Industriekultur" verklärt, statt in neue Industrien und Chancen zu investieren.

    zu #2: Vermutlich hat der Stuttgarter Emporkömmling einfach die hiesige Tracht – Jogginghose und Schalketrikot – als Zeichen für Armut gewertet …

  • #4
    Sarah F.

    Wie Recht die Person mit ihrem Text doch hat. Ich fand den Spruch "Woanders ist auch scheiße" schon immer grottenschlecht, verklärend und einfach unwahr. Ich kann verstehen, dass viele Leute am Ruhrgebiet hängen, weil sie von hier stammen, Familie, Freunde, soziale Bindungen haben. Aber für mich Zugezogene (allerdings wohne ich seit dem Studium hier, also mittlerweile 20 Jahre, weil es hier eben doch auch einige gute Jobs gibt) bleibt es nach wie vor befremdlich, wie sehr die Menschen hier den Müll, die Verwahrlosung, den schlechten ÖPNV, die hässlichen Innenstädte etc. pp mit aller Inbrunst gegen Kritik verteidigen.

    Die Retroperspektive zählt hier oft mehr als ein aktueller Blick. Als die BoSys im August oder so im Bermuda3Eck kostenfrei gespielt haben, da wurde natürlich auch das Steigerlied gespielt. Nervfaktor hoch Zehn für mich. Als ich dann einige Wochen später im Bahnhof Langendreer beim Rudelsingen war, wurde das Steigerlied gesungen. Ich dachte, ich flippe aus. Wann kommt mal etwas Vorwärtsgerichtetes?

  • #5
    Helmut Junge

    @Andidort, ob jemand seinen persönlichen Müll irgendwo einfach ablädt, oder hinschmeißt, hat nichts mit Fördermitteln zu tun. Ich habe während meines Urlaubs in Bayern nirgends Müll auf der Straße liegen sehen. Hier kann ich durch jede beliebige Straße gehen. Straßen ohne Müll gibt es nicht. Und wo es nachts nicht gut beleuchtet ist, laden Leute, wer auch immer, ganze Kofferraumladungen mit Müll ab, obwohl die Betriebshöfe tagsüber lange geöffnet haben.

  • #6
    Gerd

    #1: Falsch, Bayern und Co. subventionieren den großen Rest der Republik, nicht umgekehrt.

    "Wo es am dreckigsten und trostlosesten ist, steige ich aus, da bin ich am Ziel."

    Das wäre dann Duisburg, nicht Gelsenkirchen. Zumindest was den Bahnhof angeht.

  • #7
    Thomas Wessel

    #4 | "Steiger-Lied soll immaterielles Kulturerbe werden", berichtet klassik.com heute (ohne zu erwähnen, dass es sich um eine Melodie handelt, die kaum schlechter erdacht werden könnte):

    >> Düsseldorf, 30.10.2019. Der Ruhrkohle-Chor hat das "Lied des Bergmanns", auch als "Steigerlied" bekannt, als Kulturerbe für Deutschland vorgeschlagen. Das Bergbaulied solle ins bundesweite Verzeichnis lebendiger Kulturtraditionen aufgenommen werden, so der Antrag, der beim nordrhein-westfälischen Kulturministerium einging. In Bergbauregionen wie dem Ruhrgebiet werde das Lied noch immer häufig gesungen, so die Begründung des Vereins Ruhrkohle-Musik. Außerdem sei das Lied sehr alt. Dem Zentrum für Populäre Kultur und Musik der Universität Freiburg zufolge seien Teile des Steigerliedes bereits im 16. Jahrhundert zu finden. Bärbel Bergerhoff-Wodopia von der RAG-Stiftung, die den Antrag ebenfalls unterstützt, bezeichnete das Lied als "ein Stück der DNA der Bergleute", deren Werte in die Zukunft weitergetragen werden sollten. <<

  • #8
    ke

    Die Autostadt Stuttgart als Zentrum des Nahverkehrs?
    Da lief doch eine Sendung im Radio:
    https://www.swr.de/swr2/wissen/Mobilitaet-Autostadt-Stuttgart-Ringen-um-die-Verkehrswende,swr2-wissen-2019-10-29-100.html

    Wenn ich die Bahn betrachte, ist es fast überall Sch…

    Die Bahnhöfe im Ruhrgebiet sind eine Zumutung. Das trifft aber auch auf viele andere Städte zu. Hamburg hat bspw. einen grausamen Bahnanschluss. Berlin kommt einem nur so schnell vor, weil die Bahnen so klapprig sind.

    Die Straßenbahnen in Dortmund werden aber bspw. wohl überhaupt nicht gepflegt. Mir kamen die Bahnen noch nie so dreckig vor.
    Auch habe ich das Gefühl, dass die Straßen auch von den Gewerbetreibenden überhaupt nicht mehr gefegt werden. Ich bin immer wieder erstaunt, dass die Schnellgastronomie noch Kunden findet, die sich umgeben vom vielen Müll nicht abschrecken lassen.

  • #9
    Björn Wilmsmann

    > bezeichnete das Lied als "ein Stück der DNA der Bergleute", deren Werte in die Zukunft weitergetragen werden sollten

    Welche sollen das sein? Und warum sollten sie in die Zukunft weitergetragen werden? Meiner Meinung nach ist das – wie so vieles Im Ruhrgebiet – gefühlsduseliger, rückwärtsgewandter Quatsch.

    Oder sind damit vielleicht eher die Werte der RAG gemeint: Subventionen abgreifen und Fortschritt verhindern?

    Dass dieses Lied als Identifikationsmerkmal gesehen wird, ist von allen ehemaligen Bergbauregionem vermutlich auch nur im Ruhrgebiet so.

    Ich bin 40 und kenne Bergbau nur noch aus dem Geschichtsunterricht . Wenn Leute, die teilweise gerade einmal halb so alt sind wie ich beim fast schon rituellen Absingen des Steigerliedes Tränen in den Augen bekommen, dann kann ich nur mit dem Kopf schütteln.

  • #10
    D aus S

    #2 u. 3 Den Stuttgarter Emporkömmling stören nicht nur Schalker Jogginghosen (Schalker bin ich selbst und immer noch!) aber Menschen, die um 7 Uhr morgens schon mit der Pulle Bier im Bus sitzen
    #8 Dass die Stuttgarter über ihren Nahverkehr jammern, kriege ich selbst mit. Die kennen aber nichts anderes und wenn man den Unterschied kennt, ist das Jammern auf sehr sehr hohem Niveau. Besser geht`s immer.
    #6 richtig, Bayern und Baden-Württemberg sind die Zahlenden beim Länderfinanzausgleich und Duisburg ist tatsächlich als "Eingangsbahnhof" ein sehr trauriges Aushängeschild des Ruhrgebiets

    Grüßle 🙂

  • #11
    ke

    #9 B Wilmsmann
    Die Entwicklung einer Region und einer Gesellschaft kann nur verstanden werden, wenn man sich mit der Geschichte auseinandersetzt.

    Ich mag das Steigerlied. Es erinnert an unsere Historie. Aus dieser Erfahrung müssen wir sehen, wie wir in der globalisierten Welt unseren Weg finden.

    Aktuell ist ja das Thema: Olympia als Thema, um Förderungen abzugreifen.

    Der Süden ist geschickter. Die Minister für Geldverteilung kommen aus den Ländern und haben die entsprechenden Strukturen, um die Gelder auch abzugreifen.

    NRW hat viele Einwohner, wenig Stimmen im Bundesrat bezogen auf die Einwohnerzahl und Politiker, die wenig Engagement für eine Entwicklung der Region zeigen.

  • #12
    puck

    "Wo’s am dreckigsten ist, steige ich aus, da bin ich dann richtig", trifft es nicht ganz. Man erkennt, zumindest wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, dass man im Ruhrgebiet ist daran, dass man erst gar nicht dahin kommt, wo man will, sondern dass man einfach irgendwo aus der Bahn/Bus/Straßenbahn rausgeschmissen wird weil eine nicht näher bezeichnete Störung vorliegt, oder weil die Bahn "bereits erhebliche Verspätung hat" (sic!) oder… aber auf jeden Fall immer an Orten, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen!
    Aber das mit dem Müll stimmt natürlich.
    Das fällt einem erst so richtig auf, wenn man mal woanders ist und ich war in letzter Zeit viel woanders…
    Und damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich gehöre durchaus nicht zu der Die-Treppe-muss-bis-Samstag-12.00-geputzt-sein-Fraktion… aber wo bitte ist das Problem Abfall in den Abfalleimer zu werfen? Oder – vielleicht einmal die Woche – den Bürgersteig vor dem haus zu fegen? Da ergibt sich garantiert noch ein nettes Gespräch mit dem Nachbarn.

  • #13
    Helmut Junge

    Traditionspflege ist ja gut, aber als Zukunftsvision? Verstehe ich das richtig?
    Die indigene Bevölkerung des Ruhrgebiets singt sich nach vorne in die Zukunft.
    Haha.

  • #14
    Robin Patzwaldt

    @Helmut: Im Kreis Recklinghausen hat die SPD mit Kandidat Frank Schwabe im Bundestagswahlkampf 2017 noch mit dem Sloagan geworben: ‘Ich wähle SPD weil ich für Traditionspflege bin’ oder so ähnlich. Im Bild war auf dem Plakat der Bundestagskandidat (und spätere Wahlkreissieger) mit einem Bergmann in ‘Bergmannsuniform’. (Irgendwo muss das Bild noch auf meinem Rechner gespeichert sein.) Das sagt viel über das Ruhrgebiet aus, wie ich finde…. Viel zu viel Verklärung der Vergangenheit, keine konkreten Aussagen zur Zukunft. Bitter!

  • #15
    Thommy

    Wenn man im südlichen Baden-Würrtemberg ( Ortenau, Breisgau, Schwarzwald) -im übrigen eine wunderschöne Gegend und viel besseres Wetter- ins Kino geht, sieht man wie im Ruhrgebiet im Vorfeld Werbung. Der Unterschied – im südlichen Baden-Württemberg präsentieren sich in zehn von fünfzehn Werbespots mit großem Aufwand vor allem mittelständische Unternehmen, um Fachkräfte für offene Stellen anzuwerben .

    Während im Ruhrgebiet immer noch hohe Arbeitslosigkeit herrscht , werden dort händeringend Arbeitsplätze gesucht. Diese Schieflage nur auf den Strukturwandel im Ruhrgebiet zu schieben, schlögt fehl, denn auch der Süden hatte einen Strukturwandel von einer Agrarregion zu einem mittelständisch geprägten Wirtschaftsstandort zu bewältigen.

    Es ist in der Tat so, dass der Süden der Republik in vielen Bereichen -auch bei der Stadtentwicklung- deutlich besser dasteht als das Ruhrgebiet.

    Dem Ausgangsbeitrag kann ich nur zustimmen.

  • #16
    H. Böcker

    Kopf hoch Ruhris! Ich bin zugezogener aus Münster(Westf.) und kann hier nur sagen ,daß ich froh bin im Ruhrgebiet zu leben! Habe diese saubere Beamten- und Angestelltenstadt satt und weiß die Region hier zu schätzen! Zur Vielfalt gehört leider auch Müll und Abfall, ist auch in Berlin, New York und wohl auch London so. Ich brauche keine Stadt der Saubermänner, wo alles getrimmt ist und die Vorgärten ökologisch tot sind. Stuttgarter Raum ist Autostauraum hab ich mal gehört.

  • #17
    Björn Wilmsmann

    zu #16: Immer wenn von Ruhrgebiet und seiner angeblichen Vielfalt die Rede ist, frage ich mich, was damit eigentlich gemeint ist. Die meisten Innenstädte sind mit "Dönerläden, 1-Euro-Shops, Friseursalons" erschöpfend beschrieben. Und dort wo es so etwas wie ein vielfältiges kulturelles Angebot gibt, benötigt man dank der lächerlichen Veranstaltung, die im Ruhrgebiet als Nahverkehr bezeichnet wird, teilweise bis zu 2 Stunden, um überhaupt dorthin zu gelangen.

    Was den Müll angeht, ist es in New York und London mitnichten so schlimm wie im Ruhrgebiet. Berlin hat aber zugegebenermaßen ein ähnliches Problem.

    Das hat vielleicht auch mit einer positiven Identifikation mit der Stadt zu tun. Außer dem besoffenen Grölen des oben erwähnten Steigerliedes ist es im Ruhrgebiet damit nicht weit her.

  • #18
    Helmut Junge

    Es ist schlimm, aber so weit ist es hier aber hoffentlich noch nicht!
    19 Tonnen Müll nach einem Sturm im Rhein-Herne-Kanal sind doch hoffentlich unwahrscheinlich.

    https://www.improvemag.ch/tech/das-ist-mr-trash-wheel-er-frisst-den-muell-aus-fluessen/2880/

  • #19
    Claude

    Puh, wer war hier schon mal in Hannover?
    Ich seit 10 Jahren, und je nach Stadteil sieht es hier aus wie Essen Kettwig, Dortmund Kreuzviertel oder Gelsenkirchen Bismarck!
    Da wo ich wohne sieht es aus wie in Buer!
    Durch große industrielle Arbeitgeber und viel Verwaltung gibt es natürlich weniger Arbeitslosenquote, aber das kommt auch nicht in allen Wohnvierteln an.
    Dafür ziehen hier (anders als im Pott? ) die Mieten brutal an.
    Was allerdings wirklich spürbar anders ist, ist wohl die Mentaltät.
    Das ist natürlich Geschmackssache, aber für mich ist das tatsächlich ein Grund nächstes Jahr zurück in den Pott zu kommen!

  • #20
    Psychologe

    "Die meisten Innenstädte sind mit "Dönerläden, 1-Euro-Shops, Friseursalons" erschöpfend beschrieben. "

    Nein. Dönerläden, 1-Euro-Shops und Wettbüros.

    Und zur "kulturellen Vielfalt" ist ein Blick in das Angebot der "Ruhr top card" ganz aufschlussreich, denn da kann man eine Ruine nach der anderen, genannt "Industriekultur", bestaunen.

  • #21
    puck

    @Psychologe #20

    Über die Industriekultur würde ich gar nicht so herziehen, auch Besucher von Außerhalb finden die ausgesprochen spannend, konnte ich gerade an letzten Wochenende wieder feststellen, als auf der Zeche Zollverein die Contemporary Art Ruhr lief.
    Es ist nicht verkehrt, in alten Industrieanlagen einen auf Kultur zu machen.
    Es ist nur verkehrt zu glauben, dass man damit alleine den Verlust von Arbeitsplätzen während der letzten Jahrzehnte ausgleichen kann.

  • #22
    Psychologe

    @ Puck:

    Ich habe auch nichts gegen Industriekultur und halte vieles für interessant und erhaltenswert. Was ich kritisiere, dass das Ruhrgebiet in der Außendarstellung nur unter diesem Schlagwort mit all seiner rückwärtsgewandten und kitschigen Selbstzufriedenheit verklärt wird. Wir sind eben nicht mehr der "Pott" und einen leibhaftigen "Kumpel" habe ich ebensowenig wie einen Stahlarbeiter in Familie und Freundeskreis gehabt. Und so dürfte es vielen gehen. Warum also sollte dieser Kitsch solch ein Übergewicht bekommen? Das Ruhrgebiet dieser Tage bedeutet eben nicht mehr Kohle, Brieftauben und Abstich sondern dreckige Fußgängerzone, Dönerladen, Hartz IV und Clan-Kriminalität.

  • #23
    Ke

    Ich mag die Ruinen, entdecke spannende Veranstaltungen und nutze auch die Ruhrtopcard. Ein super Angebot für die Freizeitgestaltjng in der Region.

    In der Industriegeschichte sind immer wieder Entwicklung zu finden, die vergleichbar auch heute stattfinden.

    Was haben eigentlich viele andere Urlaubsziele zu bieten? Viel ist das meistens nicht.

  • #24
    Helmut Junge

    "Was haben eigentlich viele andere Urlaubsziele zu bieten? Viel ist das meistens nicht."
    @Ke, wenn ich um meine Wohnung einen Kreis von 4 Km ziehe, ist darin kein einziges Museum, aber etwa 250000 bis 400000 Menschen wohnen in diesen Kreis. Wählen Sie doch einen beliebigen Urlaubsort und ziehen einen Kreis, in dem etwa 400000 Menschen wohnen. Dann zählen Sie die Zahl der Museen.

  • #25
    Manuel

    Der Beitrag spricht mir aus der Seele. Bin gebürtiger Dortmunder und habe Jahrzehnte meine Heimatstadt geliebt, wie kaum etwas anderes – und habe dabei jahrelang sehr gerne in der Nordstadt gewohnt. Vor ein paar Monaten bin ich beruflich nach München gezogen und hat am Anfang noch die Option existiert, irgendwann einmal wieder in die Heimat zurückzukehren, kann ich mir das mittlerweile kaum noch vorstellen. Jedes Mal, wenn ich mit dem Zug in Dortmund ankomme und am HBF aussteige, möchte ich am liebsten sofort wieder einsteigen und zurück fahren. Beschränkt sich leider auch nicht nur auf die Bahnhofsgegend. Alles ist kaputt, dreckig und trist. Und ich sehe auch in naher Zukunft keine Besserung. "Woanders ist auch scheiße" gegen "Mia san mia". Sagt eigentlich schon alles.

  • #26
    DEWFan

    #25: Danke Manuel für diesen Beitrag. Schon jetzt leiden wir Dortmunder fast jedes Wochenende massiv unter over tourism. Und hören Englisch, Französisch, Niederländisch, Schwedisch und Schwäbisch in unserer Stadt. Diese wahre Vielfalt überfordert uns maßlos, denn gewohnt sind wir nur türkisch und arabisch.

  • #27
    Markus S.

    @#26: Danke für den humorvollen Beitrag. Kann ich nur bestätigen!

    Industriekultur und Ruhrnostalgie: Kinners, das ist Werbung für den Tourismus! Die Touristen muss man ja mit etwas herlocken. Und da ist die ehemalige Schwerindustrie sicher keine schlechte Idee. Klar, manchmal etwas Overkill. Aber alle mit denen ich solche Orte besucht habe, waren bisher sehr interessiert und begeistert. Natürlich ist das nicht alles, was das Ruhrgebiet ausmacht. Und es ist sehr kurzsichtig und auch ungerecht die Region auf schmutzige Bahnhöfe, unattraktive Innenstädte (warum ist aber zB der Westenhellweg Dortmund immer rappelvoll?) und verdreckte Wohnviertel zu reduzieren.

    @#26: Das ist schlicht nicht wahr! Ich wohne zB im Unionviertel. Früher, als es hier noch Industrie und die Brauereien gab, war es echt kaum auszuhalten. Es stank, war tatsächlich grau und trist und ich habe es gehasst meine Verwandten im Viertel zu besuchen. Gruselig! Heute lebe ich selber sehr gerne hier. Zu damals ist es ein himmelweiter Unterschied. Viele Häuser wurden saniert und das Viertel ist deutlich lebenswerter geworden. Jetzt sieht man, wie schön eigentlich die Häuser aus der Jahrhundertwende (19. -> 20. Jahrhundert) sind. Ich habe zwei Parks in der Nähe! Hier wohnen viele junge Familien mit Kindern, im Westpark kann man zB Open-Air-Tanzen gehen oder gemütlich im Cafe/Biergarten sitzen oder auf der Wiese grillen und den Klängen eines DJs zuhören.
    Über die kulturelle Vielfalt kann man auch nicht meckern. Nein, ich meine nicht den 25. Dönerladen an der nächsten Ecke oder den türkischen/griechischen/spanischen/kurdischen/tamilischen/marokkanischen (hab ich wen vergessen? Verzeihung!) Kulturverein. Neben den großen Veranstaltungen, wie Extraschicht oder ähnliches, gibt es ein so breites Angebot, dass man kaum weiß wohin zuerst. In Dortmund findet zB ab 7. November das f2-Fotofestival statt. Zuletzt habe ich die Museumsnacht besucht. Oder die TU hat regelmäßig Veranstaltungen der verschiedenen Fakultäten im Dortmunder U auf einer eigenen Etage. Und, und, und. Das lässt sich für die anderen Ruhrstädte endlos fortsetzen. Bochum Total, Castrop Kocht Über, Essener Lichtwochen um nur einige zu nennen.
    Natürlich ist nicht alles toll im Ruhrgebiet und es gibt noch viel zu tun. Aber deswegen muss man die Region nicht schlechter reden als sie ist. Das ist nämlich auch ein Cliché, das gerne vor allem von außen gepflegt wird: Das dreckige Ruhrgebiet, mit den unhöflichen Menschen, die alle untertage mit der Grubenlampe auf der Stirn oder direkt neben dem Hochofen mit der Flasche Bier in der Hand geboren sind.

  • #28
    Jesse

    Sehe ich leider genau so! Das mit der Sauberkeit mal kurz beiseite, solange hier zumindest ÖPNV-mäßig kein einziger Schritt in Richtung Ruhrstadt getan wird, bleibt das Ruhrgebiet das Provinzloch, das es eben ist. Ich komme aus – und wohne immer noch im Ruhrgebiet und die Zustände hier sind, was Vernetzung angeht, wirklich das Allerletzte. Mir fällt auf Anhieb auch kein "westlicher" Ballungsraum ein, in dem die Qualität des ÖPNV-Netzes derart schlecht ist. Jeder der mir sagt, dass wir in einer Metropole leben, den kann ich nur noch auslachen 😀
    Die allzu bekannten "Minderwertigkeitskomplexe" der Ruhris sind vielleicht auch einfach angemessen und den Tatsachen entsprechend korrekt. Ruhrgebiet = Metropole der Minderwertigkeit, von daher sollte man wohl eher von Bewusstsein, als von Komplexen sprechen. Mobilität ist meiner Meinung nach der erste Punkt, der hier Richtung Ruhrstadt bewegt werden sollte, damit sich so langsam vielleicht mal was ändern kann, alles andere ist nur Werbung. RUHR.2010 … haha, sehr witzig. Ich wette die Werbeargentur, die sich das ausgedacht hat sitzt nicht im Ruhrgebiet 😉

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