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Hey, Friedensbewegung!

Foto: Friedensdemo-Watch

Foto: Friedensdemo-Watch

Mit dem Thema #Aluhut bin ich eigentlich durch. Dachte ich. Nach zwei frustrierenden Demo-Besuchen, einigen Artikeln plus Endlosdiskussionen mit den Freunden der reflektierenden Kopfbedeckung, habe ich ehrlich gesagt die Schnauze voll. Ein Videoschnipsel, auf dem ich kurz das Wort auf einer Aluhut-Demo ergreife, wird zehntausendfach geklickt. Oberaluhut KenFM droht mir mit lächerlichen Klagen wegen irgendwelcher Facebook-Kommentare (so viel zu Antizensur), und eine wirre Politsekte fordert Jutta Ditfurth auf, sich von mir zu distanzieren (true talk), worüber nicht nur ich herzlich gelacht habe. Kurz: Die letzten Wochen waren eine psychedelische Gehirnkirmes.

Dennoch nötigt man mir immer wieder

Stellungnahmen ab. Zum Beispiel, ob es sinnvoll sei, sich als Linker an den sogenannten „Friedensmahnwachen“ zu beteiligen. Zuletzt kam die Anfrage von einem freiheitsliebenden Politblog. Ob ich etwas dazu schreiben wolle. Ich wollte nicht. Vielleicht sollte ich es aber doch tun. Weniger, um jetzt den x-ten Bashingtext zu verfassen, sondern mehr, um meine Gedanken etwas zu ordnen.

Auf dem erwähnten Blog erschien der Text eines jungen Mannes, der sich, neben seiner Tätigkeit als Sprachrohr der Entrechteten, als Musiker verdingt. Er schreibt:

Da Linke ja ausdrücklich von Jebsen und anderen eingeladen wurden sich an den vermeintlich hierarchielosen und dezentralen Mahnwachen zu beteiligen, sollte sich die anti-imperialistische Linke tatsächlich fragen, ob sie diese Plattform nicht nutzen sollte, um die verkürzte Kapitalismuskritik von Mährholz und co. zu problematisieren, eine kritischere Auseinandersetzung mit Machthabern wie Putin anzustoßen und wichtige Inhalte wie die rassistische Flüchtlingspolitik der BRD zu thematisieren?“

Gosh! Ist denn die linke Bewegung derart heruntergekommen, dass sie sich an jede noch so reaktionäre Massenbewegung ranschmeißen muss, um endlich mal wieder Publikum zu bekommen? Wie ist es um eine Linke bestellt, die die Unterwanderung sektiererischer Vereinigungen zur politischen Strategie erklärt? Anscheinend schlecht, und das ist im Grunde ja auch nichts Neues. Die MLPD unterwandert Antifa-Demos mit Anti-Hartz4-Plakaten, die Aluhüte unterwandern MLPD-Demos mit Freie Energie-Plakaten, Neonazis und Palästina-Freunde demonstrieren gemeinsam gegen israelische Politiker, und alle zusammen stehen nun allmontäglich vor dem Brandenburger Tor herum und fröhnen dem gesamtdeutschen Kollektivismus. Alles im „kritischen Dialog“, versteht sich.

„Gerade jetzt“ sei es doch dringend notwendig, gegen den drohenden Krieg und für den Frieden auf die Straße zu gehen, ist der Tenor. Hier kommt eine alteingeübte deutsche Besonderheit zum Tragen: Krieg ist immer nur, wenn der Westen beteiligt ist. Hey, Friedensbewegung: wo wart ihr beim Gemetzel in Mali, wo bei den Menschenschlachtungen in Nigeria, im Kongo? Nicht mal Syrien habt ihr mehr auf eurem Plan. Stattdessen steht ihr blöd in der Gegend rum und philosophiert über Chemtrails, die FED, Rußland und Freigeld. Der Krieg, vor dessen Ausbruch ihr euch so sehr fürchtet, ist längst da.

Leute, die quasi erst seit gestern politisch sind, meinen, die Welt erklären zu können. Leute, die ihre Infos aus ganz genau drei Quellen beziehen, nämlich dem Compact-Magazin, den russischen Staatsmedien und des KenFMs dubiose Website, wollen mich über „gleichgeschaltete Medien“ aufklären. Ich habe genug gesehen.

Zurück zu unserem musikalischen Weltenretter:

Daher sollten sich Linke schon die Frage stellen und darüber diskutieren, ob sie in diesen mit dem politischen und wirtschaftlichen System unzufriedenen Menschen nicht strategische Verbündete sehen sollten, anstatt sie zu dämonisieren? Natürlich vorausgesetzt diese verfolgen keine rassistischen, homophoben, antisemitischen oder andere diskriminierende Meinungen und Ziele.“

Die Antwort auf die angeblich zu stellende Frage lautet: Njet. Eine Bewegung, deren einziger gemeinsamer Nenner die Unzufriedenheit mit dem System ist, gehört im Grunde bekämpft. Linke sollten grundsätzlich misstrauisch werden, wenn sich das Volk™ wider eine kleine, nicht näher definierte Gruppe zusammentut. Und da wo die Gruppe, die es nicht gibt, doch mal benannt wird, wären Linke gut beraten, umgehend im Strahl zu kotzen. Zudem ist der letzte Satz des zitierten Absatzes an sich Nonsens. Jeder Mensch kann wissen, was auf den Demos abgeht. Jeder kann wissen, was Oberguru Elsässer von Schwulen, Lesben, Migranten und so weiter hält. Auch KenFM und Andreas Popp sind keine Unbekannten. Wer bis dato immer noch nicht gecheckt hat, mit wem er es zu tun hat, der ist in der neuen Bewegung goldrichtig.

Alles Verschwörer? Nein. Polit-Neulinge, naive Esoteriker, kalkulierende reaktionäre Antiimperialisten, Rechte, Nazis. Und natürlich auch Verschwörungstheoretiker. Aber vor allem Wutbürger, die jeglicher substanzieller Kritik gegenüber resistent sind. Klar, jede und jeder darf reden. Nur nützt das nichts, wenn die Zuhörerschaft schon bei einem Anflug von Widerspruch geistig die Luken dichtmacht. Mit einem White Power-Emblem an der Mütze sei man kein Nazi, wurde mir gesagt. Und: Haha, ein Deutscher und ein Iraner stehen gemeinsam auf der Bühne, tolle Nazis einself. Facepalm.

Ach, und noch was, liebe Aluhüte und solche, die es werden wollen: Bemüht euch doch wenigstens mal um einen adäquaten Begriff von was (struktureller) Antisemitismus und rechte Argumentationsstruktur ist, bevor ihr hysterisch jede Anschuldigung von euch weist. Dabei ist es ganz einfach, sich nicht als Nazi bezeichnen zu lassen. Indem man einfach keinen Anlass dazu gibt.

 

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19 Kommentare zu “Hey, Friedensbewegung!

  • #1
    discipulussenecae

    Es gibt da für mich ein Problem: Leider bin ich nicht mehr ganz so jung und nutze auch kein Twitter. Lehrer bin ich auch nicht, und Kinder habe ich ebenfalls keine. Daher habe ich also keine Chance, aktuelle Tendenzen der (gerade angesagten) Sprachentwicklung mitzubekommen. Internet, e-mail und sms kann ich hingegen leidlich.

    Also: Wer oder was ist bitte ein ‚Aluhut‘? Ich kenne den Begriff nicht und las ihn vor ein paar Tagen zum ersten Mal in einem Beitrag von Stefan Laurin zur gegenwärtigen Lage der Friedensbewegung; verstanden habe ich ihn aber nicht. Ich stelle diese Frage völlig ernsthaft und würde mich über eine erläuternde Antwort freuen!

  • #2
  • #3
    Martin Niewendick Beitragsautor

    @1, und ich beantworte sie dir dann auch mal ernsthaft: Das ist ein Schmähbegriff für die Teilnehmer der „Neuen Friedensbewegung“ aka „Friedensmahnwachen“ unter der Fuchtel von Jürgen Elsässer und Co. Hintergrund ist der Hang zu verschwörungstheorien. Wie wir alle wissen, schützt ein Aluhut vor gedankenkontrollierenden Strahlen. Hier findest du einen guten Überblick: http://www.tagesspiegel.de/berlin/neue-montagsdemos-friedensbewegung-mit-brauntoenen/9786662.html

  • #4
    discipulussenecae

    Vielen Dank, ich wußte und kannte das wirklich nicht! Aber mir fällt dazu ein schon etwas älteres Wort ein: Krass …

  • #5
    Lisa Müller

    Der Glaube, durch irgendwelche Strahlen beeinflusst zu werden (von Verschwörern, UFOs, übernatürlichen Akteuren usw.) und das mit Aluhüten oder -kleidung, Regenschirmen, Metallverkleidung in der Wohnung usw. abwehren zu können, ist meist eine ernsthafte psychische Erkrankung. Soweit ich weiß, läuft das unter paranoide Schizophrenie. Das ist ein schwerer Leidensdruck für diese Leute und nichts, worüber man sich lustig machen sollte.

    Hier sieht ein bestimmter Teil des linken Spektrums, dass jemand auf die Straße geht und sich nicht ihnen unterordnet, da werden dann eben mal die üblichen braunen Farbeimer rausgeholt, und einige Spezialisten packen wohl auch schon mal Vermummung, Knüppel und Mollis ein. Nun, genauso, wie die Verschwörungsfans aus der Pyramide mit Auge auf den Dollarschein auf eine Verschwörung von Illuminaten und FED schließen, so schließen jene Linken, die keine anderen Demos außer ihren dulden wollen, aus solchen nebulösen Vorstellungen auf das antisemitische Bild vom hinter allen stehenden „jüdischen Weltherrscher“. An Logik tut sich das nicht viel.

    Ach so, da laufen auch mal zwei, drei Rechtsradikale auf Demos mit hunderten Leuten rum. Da gibt es natürlich für den, der eine Veranstaltung abhält, nichts wichtigeres zu tun, als alles stehen und liegen zu lassen und denen hinterher zu jagen…

  • #6
    SteLu

    http://bubgegenextremerechte.blogsport.de/2014/04/24/montagsverschwoerung-heil-dir-querfront/

    soviel dann zu den ein, zwei Rechtsradikalen…

  • #7
    SteLu

    http://bubgegenextremerechte.blogsport.de/2014/04/20/lechtsstattrinks-montagsdemos-brauner-sumpf-vereint/

  • #8
    Olaf Mertens

    @ #1: Tröste Dich – ich bin vor ein paar Monaten (auch hier glaub ich) in einem Beitrag, der vage oder am Rande mit Palästinensern zu tun hatte, gestolpert. Und zwar in der Konkreten Form „Aluhut-Fraktion“ und hab das eine ganze Weile für eine weitere palästinensische Abspaltung von irgendwas gehalten weil ich das „arabisch“ gelesen bzw ins Ohr bekommen hatte – also wie „Abu Simbel“ z.B.
    😉 Asche auf mein Haupt 🙂

  • #9
  • #10
    Alreech

    was soll die Linke auch machen ?

    Einst hat die Linke darauf gesetzt das die Arbeiterklasse sich erhebt und das wirtschaftliche und politische System umstürzt.
    Statt dessen hat sich die Arbeiterklasse zum einer Stütze des Systems entwickelt, da den Arbeitern ein Reihenhaus oder verbesserter Zugang zu Bildungseinrichtungen wichtiger ist als Revolution.
    Ganz besonders schändlich ist der Verrat der Arbeiterklasse wenn man bedenkt das sie damals zum Umsturz des real existierenden Sozialismus beigetragen hat – sie hat die Revolution für ein paar Bananen verraten.

    Alternativ setzte die Linke eine Zeit lang ihre Hoffnung auf die Bewohner des Trikont, die sie in ihrem antiimperialistischen und antikapitalistischen Kampf unterstützte.
    Das diese Unterstützung durch die Linke dennoch nicht verhindern konnte das sich immer mehr dieser Staaten für ein neoliberales System entschieden haben – selbst auf Kuba gibt es schon neoliberale Reformen ! – zeigt das auch die Bewohner des Trikont die Solidarität der Linken nicht verdient hatten.

    Selbst die Refugees die neuerdings von den Linken unterstützt werden wollen doch im Regelfall gar nicht das System stürzen, weder in ihrem Heimatland noch hier, sondern vom System profitieren.
    Nicht Revolution treibt sie an, sondern das Streben nach Glück, und wenn dieses Glück nur darin besteht das man einen Job als Tagelöhner in einem Land ausüben kann in dem nicht jeder Beamte korrupt ist und in dem die Infrastruktur nicht verrottet ist.

    Selbst das Einheimische Lumpenproletariat hat am Umsturz des Systems kein Interesse – mehr Hilfen gerne, aber ein anderes System bei dem wo möglich dann weniger zum verteilen übrig bleibt und die soziale Repression verstärkt wird ?

    Wenn die Organisatoren der Montagdemos wirklich an einem Umsturz des politischen und wirtschaftlichen Systems interessiert sind, dann sind sich bessere Verbündete als der Arbeiter, der Flüchtling, der Bewohner des Trikonts oder das Lumpenproletariat.

  • #11
    Nansy

    Zu diesem Thema hier noch ein interessanter Artikel:

    „Ein ambivalentes Protestphänomen fordert die Friedensbewegung, die politische Linke und unser Verständnis politischer Konfliktlinien heraus.“

    http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/das-allgemeine-unbehagen

  • #12
    KClemens

    Also bei Aluhüten fällt mir immer das

    http://www.spiegel.tv/filme/opendoku-die-mondverschwoerung/

    ein……..

  • #13
    Gerd

    In Halle gab es gestern wenigstens umfangreichen Gegenprotest, in Dortmund hat man gestern geschlafen !!!

    http://hallespektrum.de/nachrichten/vermischtes/montagsdemo3-in-halle-zwischen-frieden-antifa-rechts-links-und-nazis/94410/

    Grüne Jugend und Grüne Hochschulgruppe Halle, Jusos und Juso-Hochschulgruppe Halle, der Ring Christlich-Demokratischer Studenten Halle, die Liberale Hochschulgruppe und Junge Liberale Halle sowie die Linksjugend [‘solid] Halle und die Junge Union Halle waren gemeinsamer Veranstalter der “Aktion Aluhut”.

    Der Aluhut stehe symbolisch für Verschwörungstheorien. Durch die Montagsdemos solle eine “Querfrontbewegung” geschaffen werden, bei der Inhalte der Naziideologie übernommen und in die breite Gesellschaft getragen werden sollen, erklären die Jugendverbände in ihrem Aufruf. Etwa 50 Teilnehmer, darunter die Landtagsabgeordneten Henriette Quade, Swen Knöchel und Sebastian Striegel waren dabei.

  • #14
    SteLu

    Vielleicht noch ein paar Worte zur paranoiden Schizophrenie. Wenn all die, die an Repitloide, Haarp, Chemtrails, Hohlerde etc. glauben paranoid schizophren sind, gibt es aber ne Menge unerkannt paranoid schizophrener Menschen. Die Zahl dürfte dann wohl in die Hunderttausende gehen, zumindestens dann, wenn man sich an den Verkaufszahlen der einschlägigen Verschwörungsbestseller orientiert.
    Ich denke das Problem ist viel eher die zugrundeliegende Philosophie, und das damit verbundene Theodizee-Problem, von der ein großer Teil der Verschwörungstheoretiker beeinflusst ist (entweder weil sie diese Philosophie selbst vertreten oder indirekt durch die Szenegurus. Viele sind von einem gnostisch-manichäischen Dualismus (dem ewigen Kampf von Licht und Dunkelheit) beeinflusst. Auch damit stehen sie mMn in der Tradition der Nazis.
    Die Verschwörungstheoretiker- und Esoterikerszenen sind mittlerweile auf das engste miteinenander verzahnt, das zeigt sich auch daran, das David Icke wiederholt bei infowars (Alex Jones) seine kruden Theorien vertreten hat.
    Wie kommt „das Böse“ in die Welt? Laut dieser Weltsicht gibt es einen vollkommenen, lichten Gott, der an der Schöpfung nicht beteiligt ist und einen gefallene Schöpfergott (Demiurg). Die Schöpfung war aus dieser Sicht ein Unfall und hätte nie stattfinden sollen. Häufig wird dieser Schöpfergott mit Jahwe gleichgesetzt. Auch wenn er ursprünglich wohl weder gut noch böse gedacht worden ist (eben nur als „unvollkommen“) bekommt er im ewigen dualistischen Kampf zwischen Licht und Dunkelheit zunehmend einen satanistischen Beigeschmack und wird z.T. mit Satan gleichgesetzt und wird somit für „das Böse“ verantwortlich.
    Wenn der „altestamentarische“ Gott Satan ist, ist es ja nur noch ein kleiner Schritt „die Juden“ als Teufelsanbeter zu verunglimpfen, die in Namen ihres Gottes für alles „Böse“ verantwortlich sind und „die Menschheit“ versklaven wollen. Das Problem dieser Leute ist also nicht eine „paranoide Schizophrenie“, sondern ein Theodizee-Problem. Wer ist verantwortlich für das „Böse“? Ihr Gott ist vollkommen und rein, sie selbst streben auch dem Licht zu, können somit auch nicht verantwortlich sein. Irgendeiner muss es aber sein. Wie gesagt, Satan, „die Juden“ und mit ihnen die „Elite“ bieten sich geradezu als Projektionsfläche für die eigenen abgespaltenen und outgesourcten destruktiven Anteile an. Kinderfressen, Brunnen vergiften, satanistische Rituale, Chemtrails, Haarp, NWO, Bewusstseinskontrolle, Pädophilenringe – das volle Programm. Das ist jetzt natürlich ne ziemlich verkürzte Darstellung – ist ja aber auch nur ein Kommentar . Wer mag kann sich die Klassiker der „Bewegung“ selbst zu Gemüte führen. Man muss den Rotz ja nicht kaufen. 

  • #15
    philipp adamik

    Bis auf den leichten Anti-Deutschen touch ganz gut. Das ganze mit etwa mehr Humor gibt es hier: http://digitalrealism.info/2014/04/25/eine-depesche-aus-der-postmoderne/

  • #16
    Lisa Müller

    Warum soll es nicht auch leichte Formen paranoider Schizophrenie mit viel mehr Betroffenen geben? Klar, wer wirklich nur mit Aluhut raus geht, in jeder Antenne einen Gedankensender und in jedem Kondensstreifen am Himmel manipulierende Chemikalien sieht, wer sich nicht an Gullydeckeln vorbeizugehen traut, weil da die geheimen Logen ihre Gänge haben, der landet wahrscheinlich in der Psychiatrie. Aber wenn es in der alltäglichen Lebensführung nur wenig stört, warum sollte sich dann jemand als krank behandeln lassen? Außerdem glaubt auch längst nicht jeder Leser einschlägiger Literatur an den Mist; es ist für viele auch einfach nur unterhaltsam. Kopp-Bücher können genauso unterhaltsam sein wie Harry Potter, man darf sie nur nicht ernst nehmen.

    Den transzendentalen Gut-Böse-Dualismus gibt es in der „abendländischen“ Welt seit rund 2000 Jahren. Nur nicht die Aufteilung in guten Licht- und bösen Schöpfergott – das hab ich so in der Tat noch nicht oft gehört, laut Wikipedia ist das vor allem eine Philosophie aus dem antiken Griechenland und frühchristlicher Sektierer. Auf jeden Fall alles sehr lange vor der NS-Zeit und zum Großteil gar nicht im deutschen Raum entstanden.

    So, wie ich die Eso-Literatur kenne, wird da eher an ein holistisches Weltbild geglaubt, mit einem allumfassenden Mechanismus, wo die eigene Lebensgestaltung im Stand der Sterne oder im Kaffesatz ihre Entsprechung hat und umgekehrt Meditieren oder yogisches Fliegen für bessere Politik und gesunde Wälder sorgen können. Dazu kommen dann eben noch allerlei Gestalten: Feen, Elfen, Engel, UFOs, Aliens und eben auch die bösen Verschwörer, Illuminaten usw. Mit Gott und Satan als zentralen Figuren haben es die meisten Esoteriker nicht so. Esoterik- und Verschwörungsszene würde ich nicht als verzahnt bezeichnen, sondern als verschiedene Erscheinungen des gleichen, oppositionellen Irrationalismus.

    Das antike Judentum kannte dagegen (in den meisten mir bekannten Auslegungen) keinen „bösen“ Satan als Gegner Gottes, sondern nur a) den Satan als Versucher, der im Dienst Gottes die Treue der Menschen prüft und b) konkurrierende, feindliche Götter (Baal, Moloch usw.), die Jahwe zu vernichten hatte und die ihre weltliche Entsprechung in verfeindeten Völkern und den Kriegen gegen sie hatten. Außerdem war und ist das Judentum hauptsächlich auf das diesseitige Leben und das biologische Fortbestehen der Menschen in ihren Nachkommen ausgelegt, nicht auf eine jenseitige Belohnung, und schon gar nicht darauf, mit einem Suizidakt in ein Paradies voller Jungfrauen zu kommen. Es ist also ein Irrationalismus (wie jede Religion) mit erstaunlich rationalen Zielsetzungen.

    Die Esoteriker und Verschwörungstheoretiker zeichnen also Nebelschwaden, und behaupten, dass sie irgendwelche Gespenster seien: Illuminati, Aliens oder was auch immer. Was, können sie nicht benennen, aber „die Wahrheit ist irgendwo da draußen“. Und andere gehen nun her, und behaupten, ganz genau zu wissen, welche Gespenster diese Leute da an die Wand malen, nämlich die ewigen, „jüdischen Weltverschwörer“. Die Parallelensuche, um in der bekannten Weise Antisemitismus und Rechtsextremismus zu konstruieren, geht wirklich ins Absurde, in antike Philosophien und heute unbedeutende, urchristliche Sekten lange vor dem „modernen“ Antisemitismus und der NS-Zeit. Die eingebildeten Illuminati, FED, Aliens usw., können natürlich alles mögliche sein. Sprich: man hat völlig irrationale Einbildungen von Gegnern, und jemand anderes meint, diesen in die Luft gemalten Gespenstern auch noch Namen und Bedeutung geben zu können. In den beliebigen Verschwörer-Feindbildern ausgerechnet durchweg den antisemitischen Verschwörungstheoretiker erkennen zu wollen, ist ähnlich rational, wie im Rauch des World Trade Center das Gesicht Osama Bin Ladens erkennen zu wollen. (Diese Art Antisemitismus gibt es zwar auch, sie macht aber nur einen winzigen Teil der Verschwörerszene aus).

    Aber manchmal ergeben soche Irrationalismen ja durchaus Sinn: Ich hab mal so eine Eso-Schwarte gelesen, da stand drin, dass die Strich-Barcodes auf Waren die teuflische Zahl 666 und damit dämonische Energie enthielten. Gleichzeitig wurde ein Filzstift für 50 Euro mit esoterisch „energetisierter“ Flüssigkeit angeboten, der diese böse Energie beim Übermalen des Barcodes angeblich löschen sollte. Ist das nun antisemitische Hetze gegen die „unterwandernden Juden“, die auf alle unsere Joghurts ihre Teufelscodes druckten, oder schnöde Geldschneiderei? Und dementsprechend scheinen sich auch die Antisemitismus-Konstrukte zumindest bei einigen als Mittel zum Zweck herauszustellen, um möglichst friedliche Menschen, die sich nicht wehren, zu verdreschen.

  • #17
    SteLu

    Die verschwörungstheoretische Szene und die esoterische Szene sind nicht miteinander verzahnt? Ich denke doch. Ich möchte zunächst auf Jan Udo Holey (ehemals Van Helsing) hinweisen, der mit seinen Büchern Geheimgesellschaften 1+2 für viele Menschen gerade im esoterischen Bereich sicherlich die Initialzündung und der Einstieg in den verschwörungstheoretischen Bereich war (deutlich vor 9/11). Ebenfalls auf seinen Amadeus Verlag und Secret TV (eingestellt).
    Joe Conrad, der lange Zeit ein enger Weggefährte Holeys war und auch für Secret TV tätig war, bis er angeblich wegen seines Engagements für das Fürstentum Germania gehen musste. Conrad hat das Buch „Entwirrungen“ geschrieben und ist vermutlich der (Mit)betreiber von Bewusst TV. Bewusst TV kann man als die Fortsetzung des esoterisch-verschwörungstheoretischen Projekts Secret TV sehen. Beide bearbeit(et)en eine krude Mischung aus esoterischen und verschwörungstheoretischen Themen.
    David Icke mit seiner Mischung aus Esoterik und VT.
    Peter Fitzek (König von Neudeutschland) und die Reichsbürgerbewegung , in der sich in weiten Teilen ebenfalls Esoterik und VT die Hand reichen.
    Axel Stoll (darüber wie ernst dieser Mensch zu nehmen ist, kann man sicherlich streiten. Vielleicht kommt Herr Stoll noch am ehesten an eine paranoide Schizophrenie heran – aber das ist nur meine persönliche Meinung.)
    Wenn Sie die Bücher des Kopp-Verlags kennen, wissen Sie ja welch wilde Mischung aus „gesundheits“bezogenen Themen, VT und Esoterik dort vertrieben wird.
    Nun zum Thema VT und „konstruierter Antisemitismus“ bei den VTs. Wenn Sie sich ernsthaft mit den Vts beschäftigen, werden Sie feststellen, dass da gar nichts „konstruiert“ ist – besonders im deutschsprachigen Bereich. Ich nenne mal ein paar Namen: Die schon erwähnten Joe Conrad und Jan Udo Holey (beide sicherlich mit einem immensen Einfluss auf die Esoterik-Szene), Peter Fitzek, Dieter Rüggeberg. Dann der Pro Fide Catholica Verlag und die dort tätigen Autoren. Allen voran Johannes Rothkranz, (noch so ein „Klassiker“) aber auch andere. Sie können sich sich ja mal die Kurzbeschreibungen der Bücher dort durchlesen, da wird Ihnen ganz anders. Beim Koop-Versand sind auch viele Bücher aus dem Pro fide Catholica-Verlag erhältlich. Zum Beispiel: Johannes Rothkranz: „ Die Protokolle der Weisen von Zion erfüllt“(!). Der Pro Fidae catholica ist eher dem rechts(extremen) Katholizismus als der Esoterik zuzuordnen, aber das ist den (esoterischen) VTs egal. Die bedienen sich aus allen „Quellen“, solange es der Zementierung ihrer „Wahrheit“ dient. Zu den „neueren“ Verschwörungstheorien (9/11 und später) möchte ich auf das folgende Buch verweisen, das führt hier sonst zu weit: http://buecher.hagalil.com/sonstiges/jaecker.htm
    Zum Einfluss gnostischer Ideen auf u.a. die moderne, westliche Esoterik. Auch das kann ich nur anreißen. Zunächstmal: Die Gnosis gibt es nicht. Darunter werden unterschiedliche Theorien (mit unterschiedlichen Wurzeln) zusammengefasst. Das verbindende Element ist aber durchaus ein Hang zu einem Hell-Dunkel Dualismus. Gnostische Ideen haben sowohl die Ariosophie, als auch die Theosophie und die Anthroposophie beeinflusst. Ebenso die Nationalsozialisten, was auch ihr großes Interesse an den Katharern erklärt. Das die Gnostischen Ideen lange vor dem Nationalsozialismus und zum größten Teil gar nicht im deutschsprachigen Raum entstanden sind, ist irrelevant. entscheidend ist, dass die Vorstellung vom ewigen Kampf zwischen Licht und Dunkelheit wunderbar ins Konzept der Nazis passt, wenn nicht sogar das Konzept mitgeformt hat. Die Theosophie wiederum ist wohl der Haupteinfluss (neben unterschiedlichen östlichen Religionen) auf die westliche moderne Esoterik. Insofern hatten und haben gnostische Ideen auch einen starken Einfluss auf die Entwicklung der westlichen Esoterik. Richtig ist, dass de Klassischen „Gott“ und „Satan“ –Vorstellungen in der Esoterik keine ganz so große Rolle spielen. Der Licht-Finsternis-Dualismus gewinnt aber zunehmend an Einfluss. Das ist wunderbar an der esoterischen „Lichtarbeiter“-Bewegung zu beobachten, auf die ich hier auch nicht näher eingehen kann. Mit dieser Entwicklung kommt durch die Hintertür auch wieder das „gut“ und „böse“ zurück in die Esoterik. Wo früher das „Böse“ durch mangelndes Bewusstsein erklärt wurde, gibt es jetzt die Tendenz alles dunkle von sich abzuspalten, selbst „dem Licht zu folgen“ und alles was als „böse“ erkannt worden ist auf dunkle Wesenheiten mit dunklen Machenschaften zu projizieren. Seien es die Reptiloiden, die Eliten, das böse 1ne %, die 13 satanischen Blutlinien, die Illuminaten, die Freimaurer, die Satanisten oder „die Juden“ – häufig genug läuft es auf das letzte hinaus.

  • Pingback: Die Links zum Sonntag (4. Mai 2014) | Josef A. Preiselbauer

  • #19
    aristo

    Schwacher Artikel, um das vorsichtig zu formulieren.

    Mal sehen, wie lange es dauert, bis der Autor seine Ansicht ändert. wie es z.B. Pedram getan hat.

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