„Ich wollte nur einmal nach Hause kommen“

RB5_Selbst.indbD. denkt: „ Jeden Tag ein bisschen Sport und Ballerei, ist doch geil.“ Und geht nach Afghanistan. Zurück kommt er als anderer Mensch. Eine Geschichte aus dem aktuellen Ruhrbarone-Bookzine (hier bestellen).

D. ist Heilpraktiker. Er war im Ausbildungsjahr unter mir. D. war auch Soldat. In Afghanistan. Damals wollte er den Menschen helfen, ihnen Gutes tun. Heute, zehn Jahre später, erzählt er mir zum ersten Mal von seiner Zeit in Kabul und wie sehr er sich doch geirrt hatte.

Ich bin mit ihm in seiner Wohnung verabredet. Seine Freundin ist auch da, sie wiegt deren fünf Monate alte Tochter in ihren Armen und fragt mich freundlich, ob ich was trinken möchte oder ob ich Hunger habe.
D. ist Anfang 30, groß und kräftig, hat blaue Augen und geschorene blonde Haare. Er wurde in der Nähe von Nowosibirsk, der größten Stadt Sibiriens, geboren. Sein Vater war Sportlehrer und seine Mutter Apothekerin, bis sie im Oktober ’93 wegen der Perestroika nach Paderborn zogen.
„Die Inflation war das große Problem. Die Preise stiegen um bis zu 140 Prozent und dadurch sank die Lebensqualität natürlich unheimlich. Wir waren es zwar gewohnt, dass Kleider, Lebensmittel oder ganz normale Alltagsgegenstände immer knapp bemessen waren, aber zu dieser Zeit war es meinen Eltern kaum mehr möglich die Familie zu ernähren.“

Von Juli 2003 bis Dezember 2004 war D. als einer von über Tausend Mann im Camp „Warehouse“ direkt vor Kabul stationiert. 2002 hatte er sich für zwei Jahre verpflichten lassen. Er sagt mir, dass er den Drill schon von seinem Vater gewohnt war, und er die vielen Erzählungen von den Kriegen, in denen seine Verwandten gekämpft hatten, schon immer spannend fand. Die Motivation, sich verpflichten zu lassen, war also eine Mischung aus Sportsucht und Abenteuerlust. Er hätte niemals gedacht, dass er in einen richtigen Krieg ziehen würde.
Erst wurde er für den Kosovo eingeteilt, aber noch während der Kuschelwoche spitzt sich die Lage in Kabul so zu, dass er und einige andere Soldaten nach Afghanistan gerufen werden.

probe_0233„Kabul liegt 2000 Meter über Null. Die Luft da ist so trocken, dass ich die ersten zwei Wochen jeden Tag Nasenbluten hatte. Ich gehörte zum Charlotte-Zug, da ist man 24 Stunden auf Bereitschaft und hält in Gruppen a zwölf Mann Patrouille ab. Wenn man keine Patrouille hat, dann ist man im Kasernenwachdienst auf Schicht. Zu unseren Aufgaben gehörte hauptsächlich das Absichern bestimmter strategischer Punkte bei Staatstreffen oder das Errichten von Straßensperren und Checkpoints. Für die freie Zeit gab es ein Fitnessstudio und ein Café von dem aus man mit seinem Verwandten telefonieren konnte.“

Ich schaue ihn etwas gelangweilt an, weil ich doch eigentlich die heftigen Geschichten hören will, weil ich doch wissen will, warum einer wie er jetzt mitten in der Ausbildung zum Heilpraktiker steckt.
Er bittet seine Freundin den Raum zu verlassen und sagt mir, dass er seine junge Familie nicht mit seinen schrecklichen Erlebnissen belasten will. Ich gucke mich in der Küche um und sehe hier und da Spielzeug, kleine Lätzchen und einen Gipsabdruck von den winzigen Füßchen seiner Tochter an der Wand hängen.

„An einem Tag hatte ich Wachdienst am Checkpoint direkt vor der Kaserne. Ein- und Ausfahrtkontrollen. Das war die Hauptaufgabe. Obwohl es da im Fall des Falles keine Versteckmöglichkeiten gab, und man durch die blendende Sonne immer auf Anschläge gefasst sein musste, ein sehr ruhiger Job. Bis dann dieser afghanische Zivilist zu Fuß durch die Schranke laufen wollte.“
D. stockt und atmet tief durch.
„Wir gingen sofort in Stellung und haben den Dolmetscher gerufen. Als ich auf ihn zugehe, sehe ich hinter ihm ein Taxi mit vier weiteren Insassen. Ich gehe zum Auto, um die Leute zu überprüfen, und als ich sie auffordere auszusteigen, bemerke ich, wie hinten aus dem Auito an mehreren Stellen Blut läuft. Was ich sehe, als ich den Kofferraum öffne, werde ich nie mehr vergessen können. Vor mir liegt ein kleiner Junge, vielleicht zehn Jahre alt, dem die Beine von einer Scheiß-Mine zerfetzt wurden.“

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D. erzählt mir, dass das EOD (Minenprüfkommando) in der Region natürlich seine Arbeit erledigte. Manchmal verging aber keine Stunde von der Durchsage an, dass ein bestimmtes Areal geräumt worden sei, bis die Taliban die Minen wieder genau an den alten Stellen platziert hatten. Noch heute liegen ca. neun Millionen Minen in afghanischer Erde.

„Wir holten sofort den Sanitäter. Bis er eintraf vergingen aber nochmal 15 Minuten. Die ganze Zeit stand ich vor dem kleinen Kind und musste zusehen, wie es immer schwächer wurde. Wie seine Haut erst blasser und dann plötzlich gelb wurde. Und dabei dieses leise Wimmern und die weit aufgerissenen Augen. Endlich wurde der Junge vom Sanitäter abgeholt. Die Angehörigen mussten vor der Kaserne warten. Für mich ging meine Arbeit weiter.
Nach zwei Stunden kam dann ein Leutnant von uns aus der Kaserne gefahren. Er machte den Wagen auf und holte einen blauen Müllsack heraus, den er den Eltern übergab. Die Familie wurde mit dem Bündel weggeschickt. Ein Dolmetscher war da nicht mehr nötig.“
Ich muss schlucken. Er lächelt gequält.
„Bis dahin dachte ich noch, dass das alles ein Spiel ist. Jeden Tag ein bisschen Sport und Ballerei, ist doch geil. Mit diesem Ereignis kam mir aber der Gedanke, dass es sich hier nicht wirklich um den Friedenseinsatz handelte, den besonders die deutschen Medien so laut propagierten.“

D. sagt mir, dass er schon zu diesem Zeitpunkt anfing, den Einsatz zu verabscheuen. Er sieht resigniert aus, enttäuscht. Von sich selber.

„Ein anderes Mal wurden wir um 23:30 Uhr auf den Flur gepfiffen. Ich hatte Bereitschaft, und die Aufklärung hatte mitgeteilt, dass in circa fünf Kilometern Entfernung von der Kaserne in der Erde gegraben wird. Man vermutete einen Raketenaufbau. ‚Das EOD hat das Gebiet als minenfrei bestätigt, also macht euch gefechtsbereit, ihr wisst, was zu tun ist.‘ So hieß es in dieser Nacht. Ungefähr zwei Kilometer vor den Zielkoordinaten ging es nur noch krabbelnd mit Nachtsichtgeräten und der 30 kg schweren Ausrüstung weiter.
Wir waren zu viert. Kurz vor dem Zielpunkt entdeckten wir dann die Personen: zwei vermummte Männer, die etwas gebaut oder gegraben hatten, das konnte man nicht so gut erkennen. Plötzlich fiel der erste Warnschuss von unserer Seite. Da die Personen nicht reagierten, rannten wir auf sie zu. Ich überrumpelte den einen und band seine Handgelenke mit Kabelbindern fest. Mein Kamerad schnappte sich den anderen, der sich jedoch befreien und mit einem großen Gegenstand in der Hand flüchten konnte. Wir rannten ihm hinterher, gerieten aber durch die schwere Ausrüstung schnell aus der Puste. Deswegen ein zweiter Warnschuss. Weil der Flüchtige nicht stehen blieb, schossen wir auf ihn, bis er zu Boden ging. Als ich vor ihm stand, sah ich: zwei Schüsse ins Bein und einer im Bauch. probe_0251Ich hatte insgesamt elf abgegeben, mein Kamerad vier. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich ihn getroffen hatte, war groß.
In diesem Moment hatte ich nicht darüber nachgedacht, weil ich voll auf Adrenalin war: Man darf nicht das Feuer eröffnen, solange man nicht selber unter feindlichen Beschuss gerät. Aber ich hatte mir nur gedacht, beim ersten Schuss der anderen kann es schon zu spät sein.
Der Gegenstand, den wir nicht erkennen konnten, war übrigens eine Schaufel. Die beiden hatten in der Nacht die Bewässerungsgräben für ihre Äcker gegraben, weil es tagsüber zu heiß für diese Arbeit war. Zivilisten also. Einfache Bauern, die mit dieser Arbeit das Essen für ihre Familien sicherstellen wollten.“

D. hat Tränen in den Augen und weicht meinem Blick aus. Dann erzählt er weiter.

„In den ersten zwei Monaten dort hatte ich viel Mitleid mit der Bevölkerung. Kranke und arme Menschen. So viel Dreck und kaum Hygiene. Seit Jahrzehnten von Leid und Krieg geplagt. Dann wurde der Anblick dieser Menschen langsam zur Normalität. Das einzige, an das ich mich nie gewöhnen konnte, war der Gestank der Fäkalien bei 40 Grad.
Wenn freundlicher Kontakt mit den Einheimischen zu Stande kam, dann mit den Straßenkindern, von denen es dort weiß Gott genug gab.

Die Erwachsenen waren eher skeptisch. Ist ja auch kein Wunder, nach so vielen Jahren des Elends würden die für zehn Dollar alles machen. Wenn tagsüber keine Kinder auf der Straße zu sehen waren, war das schon verdächtig. Du würdest Deinem Kind vorher auch Bescheid sagen, dass es sich nicht dort aufhalten soll, wo du im nächsten Moment eine Bombe hochgehen lässt.
Es ist mir zweimal passiert, dass ich auf Zivilisten geschossen habe, weil sie nicht genug Abstand zu unserem Dingo-Jeep gehalten haben. So wurde das gehandhabt, schließlich mussten wir jederzeit mit Angriffen rechnen. Wenn jemand auf dich schießt, ist das nicht so wie im Film. Es ist nicht laut und knallt ohrenbetäubend. Das hört sich eher an, als würde jemand den Jeep mit kleinen Steine bewerfen. Ganz leise und harmlos. Weil man das so schlecht unterscheiden kann, und wir manchmal auch tatsächlich nur von Kindern mit Steinen beworfen wurden, stand man andauernd unter Strom und hatte den Finger immer am Abzug.“

Ich frage ihn, wie es denn mit den Informationen aussah, die man von den Aufklärern bekommt. Ob die nicht dazu da sind, den Soldaten zu sagen, wo es gerade gefährlich ist, und wo nicht. Er lächelt müde.

„Das ist so eine Sache mit den Informationen. Natürlich waren wir von der Ausrüstung und der Kommunikation auf dem normalen modernen Standard. Die Kämpfer dort mussten mit weitaus Primitiverem umgehen. Aber das war auch genau unser Problem. Wie soll ich sagen? Sie waren mit ihren einfachen Mitteln ausgefuchster und besser, was List und Täuschung anbelangt.
Einmal waren wir nachts wieder im Dingo auf Patrouille und haben über Funk gehört, dass sich in ein paar Kilometern Entfernung eine Gruppe Terroristen in einem Haus versammelt hatten. Das war der 11. September 2003. Das werd ich nicht vergessen. Wir sind sofort hingefahren, haben das Haus umzingelt und dann mit vollem Geschütz gestürmt. Es stellte sich jedoch heraus, dass es sich nur um eine Hochzeitsgesellschaft handelte. Wieder Zivilisten. Während wir da waren, wurden zwei Raketen direkt auf unser Camp „Warehouse“ abgefeuert und Panik brach im Lager aus. Über Funk wurde uns mitgeteilt, dass die Raketen die Küche und den Rand einer Baustelle getroffen hatten. Wir vermuteten das Schlimmste. Ich weiß noch, wie ich mir dachte: Mein Gott, in was bin ich hier herein geraten? Hier wird geheiratet, wir beschießen wieder Zivilisten und gleichzeitig wird unsere Kaserne bombardiert.
Und da wurden die Gedanken und Zweifel wieder lauter. Ich hab mich gefragt, was ich hier mache, wie ich hier rein geraten bin und dass ich jetzt stark bleiben muss, weil ich sonst durchdrehe.“

probe_0226Mit Krieg hatte ich nie zu tun. Ich bin völlig blauäugig, was die sozialen Dienste der Bundeswehr angeht und frage ihn, wie es denn mit der psychologischen Betreuung der Soldaten damals aussah. Ob man nach so einem beschissenen Erlebnis Urlaub bekommt oder sonst irgendwie aufgefangen wird. Er sieht mich fragend an.

„In unseren Reihen häuften sich die Todesfälle, was immer mehr von uns richtig mitgenommen hat. Zwei Kameraden wurden innerhalb weniger Tage wegen psychischer Probleme nach Deutschland geschickt. Nach drei Monaten gab es das erste Mal Urlaub, und die, die es nötig hatten, sind auch nach Hause geflogen. Ich wollte aber nicht, weil ich gesehen habe, dass Kollegen zurück kamen und erst dann so richtig depressiv wurden. Da wusste ich: Ich will nur einmal nach Hause kommen.
D. erklärt mir, dass er ungefähr zu dieser Zeit anfing, darüber nachzudenken, was er denn machen möchte, wenn er wieder zurück in Deutschland ist. Durch den Einfluss seines Vaters sollte es schon in Richtung Sport- oder Physiotherapie gehen. Aber das reichte ihm irgendwie nicht. Die Lebensumstände der afghanischen Zivilbevölkerung und die vielen Verletzten und Toten haben ihn dann – zurück in Deutschland – dazu gebracht, sich über die Arbeit des Heilpraktikers zu informieren.
„In Kabul wurden wir mal zu einer privaten Baustelle gerufen. Als wir dort ankamen, drückte mir der Hausbauer verweste Leichenteile in die Hand, die er beim Graben gefunden hatte. Er hat sie in Einkaufstüten verpackt. An den Uniformresten konnte ich erkennen, dass es sich um russische Soldaten handelte, die da irgendwann mal verbuddelt wurden. Den Fund habe ich gemeldet und die Teile zur Identifizierung abgegeben.“

D. hat langsam keine Lust mehr, weiter zu erzählen. Ich habe irgendwie die Befürchtung, dass er mich gleich rausschmeißt.

„Mit jeder neuen Woche wurde der Gedanke in mir stärker, er wurde wahrer: Hier herrscht Krieg! Jedem war klar, dass das hier kein Friedenseinsatz mehr ist. Der Frieden sollte gesichert werden – so hieß es in den Medien. Aber dort gab es keinen Frieden. Statt dessen setzte die Informationssperre ein, Journalisten sah man jetzt auf einmal nicht mehr und in Deutschland verlor zu dieser Zeit niemand ein Wort darüber, was hier eigentlich los ist.
Ungefähr zu diesem Zeitpunkt wusste ich für mich, dass ich, wenn ich wieder zu Hause bin, heilen will. Helfen. Nicht mehr töten. Keine Toten mehr sehen. Jetzt mache ich seit sechs Monaten die Ausbildung zum Heilpraktiker. Wie ich danach arbeiten werde, weiß ich noch nicht genau. Mir ist es jetzt gerade wichtig, zu verstehen, wie ich kranken Menschen helfen kann.“
Ihm gefällt, dass es sich bei der Ausbildung quasi um ein komprimiertes Medizinstudium handelte und dass bei der Ausübung dieses Berufes der Mensch, seine Persönlichkeit und seine Lebensumstände im Mittelpunkt stehen. Als Arzt hätte man ja auch nur „Befehle“ zu befolgen, zumindest, was die Kassenleistungen oder Bettenkontingente in Krankenhäusern betrifft. Er wollte selber entscheiden können, wie er hilft.
Nach ein paar Tagen treffe ich D. wieder in der Schule. Ich frage ihn, wie es ihm geht, ob das Reden über seinen Einsatz ihn nachträglich noch mitgenommen hat. Ob es alte Wunden aufgerissen hat. Er sagt nein. Ein paar Minuten später aber sagt er mir, dass er seitdem wieder in jeder Nacht drei, vier Mal schweißgebadet aufschreckt und panisch nach seiner Waffe sucht.

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