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Interview: Anselm Neft, Mit-Unterzeichner des Woody-Allen-Briefes an Rowohlt

Anselm Neft, Copyright: Maren Kaschner, mit freundlicher Genehmigung

In einem offenen Brief sprechen sich diverse Autoren des Rowohlt-Verlags gegen die dort geplante Veröffentlichung der Biografie von Woody Allen aus, unter anderem Sascha Lobo, Kathrin Passig und Margarete Stokowski. Wir sprechen mit einem der Unterzeichner, dem Autor Anselm Neft, über die Hintergründe und wieso er trotz Bedenken unterschrieben hat.

Ruhrbarone: Sehr geehrter Herr Neft, Sie haben den offenen Brief unterschrieben, obwohl Sie mit dessen Formulierungen nicht einverstanden sind. Meinen Sie, dass es den anderen Unterzeichnern ähnlich geht?

Anselm Neft: Bei manchen weiß ich es. Der Brief ist das Ergebnis einer langen und komplexen Diskussion mit vielen Teilnehmer*innen in einer geschlossenen Chatgruppe. Ich bin spät dazugestoßen, habe erst einmal zwei Stunden alle bisherigen Nachrichten gelesen und dann, durchaus übermüdet, entschieden: Ja, da sollte man die Stimme erheben. Vielleicht nicht so, aber besser, als es durchzuwinken.
Ich wollte keine ewige Diskussion über Formulierungen anfangen, über die ich mich dann anderntags aber doch geärgert habe.

Ruhrbarone: In dem Brief verweisen Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen darauf, dass Herr Allen ja auch an anderer Stelle veröffentlichen könne. Spielt dieses Argument nicht die Tatsache herunter, dass es dennoch eine erhebliche Beschädigung des öffentlichen Ansehens des Autors bedeuten würde, wenn der Verlag kurzfristig die Veröffentlichung des Buches zurückzieht?

Anselm Neft: Es ist ein kniffeliges Argument. In meinen Augen trifft man bei moralischen Aussagen immer gemeingültige Aussagen.
Wenn es falsch ist, wenn in meinem Haus Kinder geschlagen werden, kann ich schlecht sagen: “Von mir aus können sie in einem anderen Haus geschlagen werden.” Es sei denn, mir geht es nicht ums moralische Argument, sondern nur um meine eigene weiße Weste. Andererseits ist Rowohlt ein besonderer Verlag mit einer besonderen Tradition. Gerade Rowohlt hat einige
herausragende Bücher zum Thema “sexualisierte Gewalt” im Programm, zum Beispiel das Buch über die Odenwaldschule von Jürgen Dehmers, Ronan Farrows Buch über den Weinsteinskandal oder auch “Untenrum frei” von Margarete Stokowski, einer der Mitzeichnerinnen des Briefes. Da ist es verständlich, dass Autor*innen des Hauses fragen: Muss das bei uns sein?
Und dann ist aber auch noch zu bedenken: Rowohlt publiziert seitfast 20 Jahren Bücher von Woody Allen, allerdings sind Memoiren nun etwas anderes als Kurzgeschichten. Was das Ansehen angeht: Rowohlt würde mit einem Rückzug der Veröffentlichungserklärung nicht nur Allens Ansehen beschädigen, es würde auch sein eigenes Ansehen möglicherweise beschädigen und ein in meinen Augen falsches Signal setzen: Wenn ein Autor moralisch fragwürdig ist, dann publizieren wir seine Texte nicht bei uns. Wessen Texte können dann in letzter Konsequenz überhaupt noch publiziert werden?

Ruhrbarone: Sie betonen, dass Ronan Farrow bereits im gleichen Verlag ein Buch veröffentlicht hat, welches quasi einen Gegenentwurf zu Allens Biografie darstellt. Mit der Veröffentlichung von Woody Allens Buch würde der Verlag den Eindruck erwecken, das Thema wäre damit “abgehakt”. Sollten Verlage mit einzelnen Autoren eine Art Team bilden, das gegen andere Teams antritt? Sind Sie dagegen, dass Verlage eine Plattform bieten, auf der gegenläufige Ansichten diskutiert werden und Gegenspieler miteinander ringen?

Anselm Neft: Ich antworte auch hier wieder nur für mich und nicht für die anderen Unterzeichner*innen des offenen Briefes:
Mein Problem mit der Entscheidung von Rowohlt liegt in der begleitenden Kommentierung. Der Verlag hat im Wortlaut erklärt, dass die Vorwürfe gegen Woody Allen umfassend untersucht und schließlich entkräftet worden seien.
So kann man es im Stern oder der Süddeutschen lesen. Und das finde ich ebenfalls ein fatales Signal. Damit schlägt sich Rowohlt in einem jahrzehntealten, sehr komplexen Streit auf eine Seite, und zwar gegen einen anderen Autoren im Programm: Ronan Farrow. Damit sagt der Verlag im Prinzip, dass Dylan Farrow lügt. Genauso gut könnte man aber behaupten, dass Moses Farrow lügt, wenn er erklärt, seine Mutter habe Dylan darauf trainiert, ihren Vater des Missbrauchs beschuldigen. Vor Gericht ist diese Anklage gegen Farrow als unbegründet abgewiesen worden. Kurz: Etwas ist nicht entkräftet, wenn es vor Gericht nicht nachgewiesenen werden kann. Das gilt vor allem für Anschuldigungen sexualisierter Gewalt.

Ruhrbarone: Das Prinzip “im Zweifel für den Angeklagten” ist ja zunächst eines der Rechtsprechung. Es bedeutet nicht, dass nicht jeder persönlich seine Konsequenzen ziehen kann, wenn er selbst von der Schuld einer Person überzeugt ist. Denken Sie, dass dieses Prinzip im öffentlichen Diskurs überbewertet wird? Sollte es leichter sein, auch ohne Beweise oder rechtskräftige Verurteilung gesellschaftliche Konsequenzen für mutmaßliche Straftäter durchzusetzen, etwa durch Ächtung oder Boykott? Wie sicher müssten die Mutmaßungen dafür sein?

Anselm Neft: Ich sehe in Ächtung und Boykott eine schwarze Pädagogik am Werk, die letztlich die Welt zu keinem heileren Ort macht. Ich muss Allen nicht öffentlich verachten, ausbuhen, zum Arsch der Nation erklären.
Ich muss mich aber auch nicht hinter einem “im Zweifel für den Angeklagten” verstecken, das eine Ohrfeige für die vielen, vielen Missbrauchsopfer ist, deren Täter “fröhlich” herum laufen und “in dubio pro reo” trällern können. Ich plädiere für Zurückhaltung, Scheu und Demut bei dem Thema. Ich weiß, unser Brief hat es in Formulierungen und Forderung genau daran missen lassen. Das zerknirscht mich wirklich und ich würde meine Unterschrift zurückziehen, wenn das nicht zu viel Gewese um meine unbedeutende Person bedeuten wurde.
Allerdings glaube ich auch, dass noch etwas Gutes aus dem Brief resultieren kann: Am Donnerstag gibt es ein Gespräch zwischen der Verlags- und Programmleitung und einzelnen Menschen, die den Brief unterzeichnet haben. Ich werde dabei sein und hoffe darauf, dass wir klarmachen können: Wir finden es nicht in Ordnung, Allens Memoiren im Gestus zu veröffentlichen, dass an den Vorwürfen gegen ihn gesichert nichts dran ist. Ich würde eine veränderte Presseerklärung begrüßen und auch ein kritisches Vor- oder Nachwort in den Memoiren, das auf die Situation vieler Betroffener sexualisierter Gewalt eingeht.

Ruhrbarone: Sind Sie selbst von der Schuld Allens fest überzeugt? Wenn ja, warum? Oder ist diese Frage für Sie gar nicht so bedeutsam? Wenn nein, warum nicht?

Anselm Neft: Ich bin nicht davon überzeugt, dass Allen seine Tochter Dylan gemäß der Anschuldigung sexuell auf dem Speicher belästigt hat. Ich vermute, dass sowohl Woody Allen als auch Mia Farrow gegenüber ihren (Adoptiv-)Kindern massiv grenzverletzend aufgetreten sind und wir es hier mit der Tragödie einer dysfunktionalen Familie zu tun haben. Ich halte das Leid von Dylan Thomas für echt, und finde gleichzeitig die Ausführungen von Moses Farrow plausibel. Das ist für mich auch kein Fußballspiel, wo man Fan der einen Mannschaft ist.

Ruhrbarone: Sie bemängeln, dass bei der Veröffentlichung des Buches kein “Fact-Checking” zu erwarten sei. Ist dies Ihrer Erfahrung nach beim Rowohlt-Verlag generell nicht üblich oder wäre das bei Allen eine Ausnahme? Und erwarten Sie, dass Prüfer des Verlags Fakten ans Licht bringen würden, die bislang verborgen waren?

Anselm Neft: Ach, das ist noch so eine Formulierung aus dem Brief, die ich nicht genau genug gelesen habe. Wenn wir alle Autobiografien auf die Richtigkeit der Fakten überprüfen würden – da wäre ja was los. Was ich aber schon wichtig fände, ist, etwaige Ausführungen Allens zu den Missbrauchsvorwürfen durch ein Vor- oder Nachwort zu problematisieren. Das wäre sich Rowohlt als Verlag, der wie gesagt wichtige Bücher zu dem Thema im Programm hat, meines Erachtens nach schuldig.

Ruhrbarone: Wie kommt es eigentlich zu so einem offenen Brief? Treffen sich alle Beteiligten und diskutieren, bis der Text steht oder schreibt den Text nur einer, der dann nach Mit-Unterzeichnern sucht, die sich eigentlich nur noch anschließen können, ohne weiteren Einfluss zu nehmen?

Anselm Neft: Wie oben erwähnt: Der Brief ist das Ergebnis einer Chatgruppendiskussion bei Facebook mit mehreren Dutzend Teilnehmer*innen. Wobei da aus meiner Sicht eine Dynamik entstanden ist, in der ich diejenigen, die den Brief aufgesetzt haben, und die mir sympathisch sind, nicht endlos mit Verbesserungsvorschlägen nerven wollte, zumal nicht als jemand, der sehr spät in die Diskussion eingestiegen ist. Dabei gab es durchaus kontroverse Ansichten, aber es hat sich dann halt eine durchgesetzt.
Zu bedenken ist auch, dass Menschen sehr unterschiedliche Erfahrungen mitbringen, wenn es um das Phänomen der sexualisierten Gewalt und ihrer Aufarbeitung geht.

Ruhrbarone: Vielen Dank!

Das Interview führte Robert von Cube per E-Mail.

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12 Kommentare zu “Interview: Anselm Neft, Mit-Unterzeichner des Woody-Allen-Briefes an Rowohlt

  • #1
    martin jankowski

    Wie peinlich. "Nicht genau gelesen, war so spät…" Wer mit einer solchen hypermoralischen Aktion im Land der Täter gegen einen jüdischen Autor vorgeht – und zwar mit einem Wunsch nach Nichtveröffentlichung, dem ist nicht zu helfen. Und im Grunde liefert Neft hier alle guten Argumente für den Schwachsinn dieser Aktion selbst, er weiß es also, tut es aber dennoch. Die Leser mögen bitte selbst entscheiden, wessen Bücher sie kaufen wollen und welche nicht.

  • #2
    Thomas Weigle

    Na ja, Woody Allen…., man muss ihn nicht mögen. Muss man dagegen die "moralischen" Autoren kennen?

  • #3
    Nina

    @#1 martin jankowski: Was hat das denn mit Land der Täter und Juden zu tun? So ein Unsinn.

  • #4
  • #5
    nussknacker56

    Es ist zum Fürchten.

    Aufgrund eines bloßen Verdachts (wahlweise eines Gefühls) beteiligen sich diese hypersensiblen, hochmoralischen und politisch korrekten Menschen mit Engagement an der Hatz gegen Woody Allen. Schon vor Monaten war einer Radiosendung zu entnehmen, dass sein Buch in den USA boykottiert werden soll wegen diverser erhobener Vorwürfe – die m.W. samt und sonders unbewiesen sind und vor Gericht bislang keinen Eingang fanden.

    Augenscheinlich etabliert sich eine neue Form der Inquisition. Der Beifall klatschende Pöbel kommt diesmal jedoch nicht aus der Gosse, sondern aus den Hallen der Frankfurter Buchmesse und anderen erlauchten Kreisen.

  • #6
    kim

    "Kurz: Etwas ist nicht entkräftet, wenn es vor Gericht nicht nachgewiesenen werden kann. Das gilt vor allem für Anschuldigungen sexualisierter Gewalt."

    Man kann nicht beweisen, dass man etwas nicht getan hat. Als Opfer solcher Anschuldigungen hat man keine Chance. Es zerstört einen.
    Ich verstehe nicht, warum sich intelligente Menschen so einem Lynchmob anschließen, und ich bin sicher, daß sie nicht ermessen, was es für das Opfer bedeutet. Und niemand hat etwas davon.

  • #7
    Helmut Junge

    "Augenscheinlich etabliert sich eine neue Form der Inquisition"
    Scheint so zu sein @Nußknacker, wie widerlich.

  • #8
    Gerd

    "Ich verstehe nicht, warum sich intelligente Menschen so einem Lynchmob anschließen, …"

    Ich schon: Mitläufertum! Würde er sich der vorherrschenden Haltung in seinen Kreisen nicht anschließen, hätte er dadurch möglicherweise Nachteile zu erwarten.

  • #9
    Helmut Junge

    @Gerd (8), stimmt! Er sagt ja selbst, daß er eigentlich nicht genau gelsen hat, was er unterschrieb.
    "Der Brief ist das Ergebnis einer langen und komplexen Diskussion mit vielen Teilnehmer*innen in einer geschlossenen Chatgruppe. Ich bin spät dazugestoßen, habe erst einmal zwei Stunden alle bisherigen Nachrichten gelesen und dann, durchaus übermüdet, entschieden: Ja, da sollte man die Stimme erheben. Vielleicht nicht so, aber besser, als es durchzuwinken.
    Ich wollte keine ewige Diskussion über Formulierungen anfangen, über die ich mich dann anderntags aber doch geärgert habe."
    Für mich wird es deshalb nicht besser, sondern schlimmer, weil er sich ja auch von seiner Unterzeichnung nicht distanziert. Das wäre die Lösung für ihn. Aber vielleicht kommt das ja noch. Denn was in in seinem kleinen Zirkel gut ist, wirkt im großen Zirkel Öffentlichkeit, als schlecht. Ob er damit gut leben kann?

  • #10
    martin jankowski

    @ nina (#3) = es ist doch irgendwie auch (oder gerade) 2020 keine gute idee, als deutsche/r einem jüdischen autor das wort verbieten zu wollen, oder? bzw. den verlag zum boykott aufzurufen… es gibt dinge, da sollten wir auch jenseits allen moralischen eifers ein wenig mehr zurückhaltung üben und nicht immer die welt mit unserer höheren deutschen moral belehren. finden sie nicht? oder finden sie, dass sollten wir langsam mal vergessen…?

  • #11
    Juan Alomar

    Wenn es um so gravierende Umstände wie existentielle Rufschädigung und ihre Langzeitfolgen im digitalen Medium geht, wäre von einem seriösen Schriftsteller zu erwarten, dass er einen Brief nur dann mitunterschreibt, wenn er mit der Aussage zu 100% übereinstimmt. Wenn er sich selbst nur temporär oder nach wechselnder Tages- oder Nacht-Form ernst nimmt, was soll ich da als Leser von ihm halten? In meinem Fall ist das nach diesem wortreichen Rückruder-Geschwurbel zu 100% klar: Ich halte nichts von Anselm Neft.

  • #12
    qwertz

    Wieso müssen diese Clowns eigentlich bei Rowohlt publizieren? Ist das ihr Anrecht?
    Evtl. sollte man Rowohlt boykottieren, solange man sie dort nicht vor die Tür setzt.
    Sollen sie doch ihre Verträge kündigen und ins Internet schreiben, wie wir alle.

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