Italien hat es geschafft: Boykott der umstrittenen Fußball-WM in Katar auf elegantem Weg

WM-Qualifikationsspiel im Hamburger Volksparkstadion. Archiv-Foto: Daniel Jentsch

Das Teilnehmerfeld für die Fußball-WM 2022 in Katar formt sich. Die von Anfang an hoch umstrittene Veranstaltung rückt scheinbar unaufhaltsam näher, scheint sich dabei zudem immer mehr von der ursprünglichen Kritik zu befreien.

Dies wurde unter anderem am Donnerstag noch einmal deutlich, als Europameister Italien sich im Playoff-Halbfinale gegen Außenseiter Nordmazedonien (0:1) in der Qualifikation sportlich bis auf die Knochen blamierte und die Endrunde verpasste. Italien-Trainer Roberto Mancini zeigte sich nach dem Spiel sehr enttäuscht über das Ausscheiden. Und auch Spieler zeigten sich betrübt. So sprach Roberto Mancini sogar von der ‚größten Enttäuschung seiner Karriere‘.

Dies zeigt, dass die Motivation der Sportler an diesem Turnier teilzunehmen trotz aller vielleicht vorhandenen Bedenken grundsätzlich noch immer überraschend groß ist. Auch im Lager des DFB-Teams ist zuletzt nur noch wenig Kritik am Gastgeber zu vernehmen gewesen.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass viele Ankündigungen der Vergangenheit, die bis hin zu einem Boykott Katars gingen, am Ende doch reine Lippenbekenntnisse waren. Die Fußball-WM 2022 scheint am Ende ähnlich unkritisch begleitet zu werden, wie vergangene Turniere. Jedenfalls, was die Teilnehmer betrifft. Hier droht eine vertane Chance.

Fußballfans und Journalisten sehen die Entscheidung den Fußballweltmeister 2022 in einem Land zu ermitteln, dass nicht nur gänzlich ungeeignet für die Ausrichtung einer solchen Veranstaltung scheint, sondern auch in Sachen Menschenrechte noch so einiges aufzuarbeiten und abzustellen hat, unverändert kritisch.

Tausendfach hört man von Leuten, die das Turnier in Katar als Zuschauer boykottieren wollen, die sich durch die Vergabe an den Wüstenstaat als Freunde dieser Sportart regelrecht veräppelt fühlen. Doch je näher man an den Kreis der Aktiven heranrückt, je stiller wird es inzwischen mit Kritik an den zukünftigen Gastgebern.

So haben insbesondere auch die das Turnier übertragenden Medien kritische Berichterstattung gegenüber Katars zuletzt spürbar heruntergefahren, soll das Produkt bzw. die Einschaltquoten nicht über Gebühr beschädigt werden. Die Übertragungsrechte haben ja nicht nur viel Geld gekostet, die Spiele sollen ja auch gut vermarktet werden können.

Wer sich noch traut etwas Kritisches über die Entscheidung von einst zu sagen, der verdient im Regelfall sein Geld nicht direkt im Zusammenhang mit dieser WM bzw. ist finanziell nicht von dem Erfolg des Turniers abhängig. Das überrascht nicht, stimmt einen dennoch traurig und nachdenklich.

Es steht zu befürchten, dass auch das DFB-Team in den kommenden Tagen, wenn wieder einmal Länderspiele ins Haus stehen, nichts allzu kritisches (mehr) in Richtung Katar sagen wird. Längst vorbei erscheinen die Zeiten, als sogar ein Boykott der Deutschen Mannschaft im Raum stand.

Mit einem Augenzwinkern könnte man feststellen, dass die Italiener ja zumindest einen recht eleganten Weg des Boykotts eingeschlagen haben, indem sie eine Teilnahme auf sportlichem Weg verhindert haben. Nur aus Überzeugung beschritten sie diesen eben leider offenbar auch nicht, wie die mit dem Ausscheiden in der Qualifikation verbundenen Aussagen deutlich machten.

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ZeroZero
ZeroZero
2 Jahre zuvor

Nach den alten Regeln der Aufklärung verbunden mit modernen Kommunikationstechnologien stehen jedem Bürger genug Informationen zur Verfügung um eine eigene Entscheidung treffen zu können.
Meine Entscheidung : ich werde die WM boykottieren.

SvG
SvG
2 Jahre zuvor

Jeder, der etwas anderes erwartet hatte, ist versiert in der Kunst des Selbstbetruges, oder sehr naiv. Spätestens mit der Anreise wird auch die letzte kritische Stimme schlicht nicht mehr gesendet. Und wenn der Ball erst rollt, gilt die alte Belarethysche Weisheit: Es ist viel geschrieben und diskutiert worden, aber jetzt ist das Spiel angepfiffen…

Bülent Zünbüldere
Bülent Zünbüldere
2 Jahre zuvor

Seit klar ist dass der Fussball mittlerweile von kriminellen Elementen durchseucht ist,interessiert mich das ganze eh nicht mehr.Bevor nicht wieder ehrlicher Fussball gespielt wird und Fans sich auch wieder als Freunde des Fussballs und nicht als Freunde der Randale agieren kann mich der ganze Quatsch kreuzweise den Buckel runterrutschen.

Gottwald, Kurt
Gottwald, Kurt
2 Jahre zuvor

mich kotzt mittlerweile die Korruption innerhalb der FIFA und UEFA so gewaltig an. Es geht nur noch um Geld, Kommerz und Klüngelei….solange das so ist, gibt es keinen ehrlich Fußball mehr… wer schreitet da ein?????

Manni
Manni
2 Jahre zuvor

"als Europameister Italien sich im Playoff-Halbfinale gegen Außenseiter Nordmazedonien (0:1) in der Qualifikation sportlich bis auf die Knochen blamierte und die Endrunde verpasste."

In den Anflug von Häme mischte sich bei mir die Erinnerung daran, dass auch unsere Nationalelf gegen Nordmazedonien so einen blamablen Moment hatte. Vielleicht sollte man, bei aller Überheblichkeit, mal kurz innehalten und sich daran erinnern, dass das gemeinsame Jugoslawische Team bei der WM 1974 Gruppensieger vor Brasilien wurde. Und an Fußballkünstlern war auf dem Balkan nie Mangel – übrigens bis heute nicht, wenn man sich mal bei den Bundesligisten umschaut.
Italien hätte gewarnt sein können ("Nordmazedonien ist nicht Malta"), war aber einfach zu pomadig und ist jetzt raus.

Für den Spätherbst hoffe ich auf ein Abebben der Corona-Wellen, freue mich auf die Weihnachtsmärkte und werde dort nach allerhand Essbaren, Flüssigen, und nach hübschen Nippes zum Verschenken schauen, kurz: mir wird's dann an nichts fehlen. War sonst noch was?

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[…] der Debatten rund um Katar 2022 im Vorfeld der Veranstaltung keinen Verzicht mehr. Europameister Italien entzog sich einer solchen Diskussion, indem die Auswahl die Qualifikation in den Sand setzte. Konnte man das damals noch als eleganten […]

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