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Dietrich Schulze-Marmeling: „Gianni Infantino ist nicht Gott, auch wenn er dies glaubt!“

Der Journalist und Buchautor Dietrich Schulze-Marmeling. Foto: privat

Dietrich Schulze-Marmeling ist ein anerkannter und preisgekrönter Journalist, sowie Buchautor. Der 64-Jährige hat im Laufe der Jahre viele herausragende Sportbücher auf den Markt gebracht. Einige davon haben wir auch hier im Blog schon unseren Lesern näher vorgestellt.

Wer dem gebürtigen Kamener in den sozialen Netzwerken folgt, der wird zuletzt festgestellt haben, dass er sich seit einiger Zeit auch klar und deutlich gegen die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar ausspricht, dort immer wieder kritische Anmerkungen dazu veröffentlicht.

Dies hat Ruhrbarone-Autor Robin Patzwaldt jüngst einmal zum Anlass genommen sich mit Schulze-Marmeling über aktuelle Themen rund um den Fußball, darunter neben der umstrittenen WM in Katar auch die akuten Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Sport, sowie die grundsätzliche Entwicklung rund um den modernen Fußball, auszutauschen. Herausgekommen ist eine insgesamt kritische, recht ausführliche Bestandsaufnahme, die jedoch auch positive Ansätze liefert.

Dietrich, du engagierst dich aktuell sehr stark gegen die Fußball-WM 2022 in Katar. Magst du uns deine Beweggründe erklären?

Mit der Vergabe der WM an Katar war für mich und andere eine rote Linie überschritten. So absurd die Entscheidung pro Katar auch anmutete – sie war der logische Endpunkt einer Entwicklung.

Katar zählt ca. 2, 7 Mio. Einwohner, aber nur ca. 300.000 sind Staatsbürger des Landes. Der Rest sind weitgehend rechtlose Arbeitsmigranten. Für die FIFA war entscheidend, dass Katar eines der weltweit reichsten Länder ist und das mit dem Turnier verbundene Bauprogramm problemlos schultern konnte. Hierfür wurden tausende von Gastarbeitern aus Nepal, Indien, Bangladesch und anderen asiatischen und afrikanischen Ländern angeworben. Auch die politischen Strukturen sagten der FIFA zu. Katar ist eine absolute Monarchie und wird von einer Familie regiert. Internationale Sportfunktionäre und Autokraten sind Seelenverwandte. Beide lieben die Gigantomanie. Das war schon immer so. Im Dezember 2010 wurde nicht nur die WM 2022 vergeben, sondern auch das Turnier 2018, das in Russland stattfand. Der damalige FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke: „Das mag jetzt ein wenig verrückt klingen, aber manchmal ist weniger Demokratie bei der Planung einer WM besser. Wenn es ein starkes Staatsoberhaupt mit Entscheidungsgewalt gibt, vielleicht wie Putin sie 2018 hat, ist es für uns Organisatoren leichter als in Ländern wie Deutschland, in denen es auf verschiedenen Ebenen verhandelt werden muss.“

Mit Katar wurde erstmals in der Geschichte des WM-Turniers dessen Austragung an eine Familie bzw. einen Clan vergeben. Die FIFA-Führung ist auch eine Familie, ein Clan – ähnlich der Mafia. Die Privatisierung des Fußballs schreitet unaufhaltsam voran.

Katar ist ein bedeutender Finanzier des Weltfußballs. In der Saison 2019/20 wurden in der Champions League vier der acht Viertelfinalisten von Golfstaaten gesponsert. Paris St Germain gehört Qatar Sports Investments (QSI), Tochtergesellschaft des Staatsfonds von Katar. Bayern München betreibt Werbung für Qatar Airways und absolviert seit 2011 sein Wintertrainingslager im Emirat. Bei Manchester City besitzt die Abu Dhabi United Group Investment & Development Limited 86,21 Prozent der Anteile, Trikotsponsor ist die Fluglinie Etihad Airways, nach der auch das Stadion benannt ist. Ethihad ist die nationale Fluggesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) mit Sitz in Abu Dhabi. Und Olympique Lyon warb auf seiner Brust für Emirates, der Fluggesellschaft des Emirates Dubai in den VAE. Das Finale war mit Paris St. Germain gegen Bayern dann ein rein „katarisches“.

Dass die WM 2022 in Katar stattfindet, ist aber nicht nur auf dem Mist eines Haufens korrupter FIFA-Funktionäre gewachsen. Ex-FIFA-Boss Sepp Blatter berichtete später: „Es gab direkte politische Einflüsse. Europäische Regierungschefs haben ihre stimmberechtigten Mitgliedern empfohlen, für Katar zu stimmen, weil sie große wissenschaftliche Interessen mit dem Land verbinden.“ In Deutschland war einer der eifrigsten Pro-Katar-Lobbyisten der damalige Bundespräsident Christian Wulff, der sich schon für den Einstieg des Emirats bei VW stark gemacht hatte. Vor seinem Amtsantritt reiste Wulff zweimal nach Doha. Später empfing er Scheich Hamad Bin Khalifa al Thani, den Emir von Katar, zum Staatsbesuch im Schloss Bellevue. 2011 besuchte Wulff die Aspire Academy, wo der FC Bayern jedes Jahr seine Rückrunde vorbereitet, und ließ sich dabei fotografieren, wie er einige Elfmeter schoss. Laut Sepp Blatter versuchte Wulff ihn zu einer Stimmabgabe pro Katar zu bewegen, aber der FIFA-Boss stimmte für die USA. Auch auf den DFB soll Wulff Druck ausgeübt haben. Die deutsche Wirtschaft gehört zu den Profiteuren der WM in Katar.

In Frankreich agierte Staatspräsident Nicolas Sarkozy als Chef-Lobbyist Katars. Mit Sarkozy zogen auch die Katarer in den Elysée-Palast ein. Nur drei Wochen nach Sarkozys Amtsantritt im Mai 2007 war Katars Emir Hamad bin Khalifas al-Thani erstmals Gast in der Residenz des Präsidenten. Anschließend hatte Katars Premierminister Hamad bin Jassem al-Thani regelmäßig einmal im Monat einen Termin im Elysée. Kurz vor der Entscheidung der FIFA über die Vergabe der Turniere 2018 und 2022 lud Sarkozy den zum, Dinner in den Elysée-Palast. Mit am Tisch saß Michel Platini, der dann einige Tage später pro Katar votierte.

Kannst du dir ernsthaft vorstellen, dass das Turnier ohne die DFB-elf stattfinden könnte, so wie es viele Fußballfans im Lande zuletzt auch öffentlich gefordert haben?

Wenn ich ehrlich bin: Nein. Zumindest aktuell nicht. Aber wir haben schon jetzt mit der Boykott-Forderung etwas Bewegung in die Sache gebracht. Mit „wir“ meine ich jetzt nicht nur uns, die Initiative boycottqatar 2022, sondern die über diese weit hinausgehende und nicht nur in Deutschland verbreitete Stimmung pro Boykott. FIFA-Boss Gianni Infantino war jedenfalls alarmiert und sah sich genötigt, öffentlich Stellung zu beziehen. Dass Infantino Qatar zur Seite springt, verwundert nicht. Die Süddeutsche Zeitung schrieb mal, Infantino klebe „wie ein Kaugummi an Potentaten.“ Das hat Infantino schon in Russland eindrucksvoll bewiesen. Nach der WM verlieh ihm Putin für seinen “enormen Beitrag zur Organisation der Fußball-WM 2018″ den Orden der Freundschaft. Infantino bedankte sich artig: „Ich möchte mich bei Ihnen, sehr geehrter Präsident, und bei allen Menschen in Russland bedanken und Ihnen gratulieren, dass Sie die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten ausgerichtet haben.” Was für Infantino bei einer WM; tatsächlich zählt, das ist deren perfekte Organisation. Menschenrechte sind für Infantino lästiges Gedöns.

Die von Katar bzw. der VAE gepäppelten Paris St. Germain und Manchester City verstießen wiederholt gegen das Financial Fairplay. Solange Infantino Generalsekretär der UEFA war, konnten die beiden Klubs auf Gnade setzen. Die Enthüllungsplattform Football Leaks präsentierte Dokumente, aus denen hervorging, das Infantino gezielt die Arbeit von verbandsinternen Kontrollgremien hintertrieben hatte. Er sorgte dafür, dass die massiven Verstöße der beiden Scheich-Klubs nur milde bestraft wurden. Anfang Mai 2017 griff Qatar Airways der von Affären zermürbten und diskreditierten FIFA unter die Arme. Als Sponsoren kündigten, füllte die Airline das Loch in der Kasse. Qatar Airways wurde offizielle FIFA-Partner-Airline.

Aktuell erleben wir eine Lehrstunde in Sachen FIFA-Menschenrechtspolitik. Geschickt wird die Debatte auf die Arbeitsbedingungen im Emirat beschränkt. Genauer: Auf die Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen. Dort sind aber nur ca. zwei Prozent der Arbeitsmigranten beschäftigt. Mag sein, dass sich dort die Bedingungen für die Arbeiter verbessert haben. Es gibt diesbezüglich unterschiedliche Berichte. Dies sollte auch nicht allzu schwierig sein. Allerdings hat sich die FIFA diesen erst gewidmet, nachdem einige NGOs entsprechenden Druck ausübten. Ich gehe davon aus, dass ein wesentlicher Teil der Bauarbeiten bereits abgeschlossen ist. Ich nenne das die Politik der Ferienanlage. Du fährst in ein autoritär regiertes Land, aber in deiner Ferienanlage sind die Verhältnisse in Ordnung. Mich soll lediglich interessieren, ob mein Ferienhäuschen sauber gebaut wurde und ob ich mich für die Dauer meines Aufenthalts einigermaßen frei bewegen kann. Also beispielsweise im Stadion die Regenbogenfahne schwingen darf, was während der WM angeblich erlaubt sein soll. Dass die weitaus meisten Arbeitsmigranten weiterhin in sklavenähnlichen Verhältnissen schuften, dass die Repression gegen Schwule und Lesben weitergeht, hat mich nicht zu interessieren. Ich soll nur die freundliche Fassade sehen, die das katarische Regime vier Wochen lang seinem Land verordnet.

Die Art und Weise, wie die FIFA ihr „Bekenntnis zu den Menschenrechten“ abgefasst hat, bedeutet letztlich, dass sie mit jeder Diktatur ins Geschäft kommen kann. Solange diese zu gewissen Kompromissen während der Veranstaltung bereit ist. Das schafften, wie erwähnt, sogar die Nazis.

Unsere Sichtweise muss aber über den unmittelbaren Kontext des WM-Turniers hinausgehen. Auch zeitlich sind Menschenrechte unteilbar. Eine Diktatur, die lediglich für vier Wochen ein freundliches Gesicht zeigt, bleibt eine Diktatur und darf kein WM-Gastgeber sein. Der FIFA geht es aber allein darum, die Kritik im Zaum zu halten.

Mir fallen einige Themen zu stark unter den Tisch: Dass das Emirat alles andere als eine Demokratie ist, dass es dort keine Religionsfreiheit gibt: der Übertritt vom Islam zu einer andren Religion ist ein Kapitalverbrechen, dass die Frau wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt wird: zeigt eine Frau eine Vergewaltigung an, droht ihr nach islamischem Recht eine Bestrafung wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs. Auch über das Verbot von Homosexualität, den Antisemitismus in den Schulbüchern, die Unterstützung islamistischer Terrororganisationen und der globalen Verbreitung einer extrem reaktionären Interpretation des Islams wird wenig geredet. Alles Dinge, die Karl-Heinz Rummenigge mit der Bemerkung abhakt, dort herrsche halt eine andere Kultur und Religion. Ich dachte immer, die Menschenrechte seien unteilbar.

Auf unsere Boykott-Forderung gab es einige hysterische Reaktionen, die allerdings eine Aufwertung der Bewegung zur Folge hatten. Etwas unglücklich fand ich das Statement von Regina Spöttl, Katar-Expertin von Amnesty International in Deutschland. Ein Boykott würde positive Entwicklungen in Katar um Jahre zurückwerfen. Sorry, aber für Menschenrechtsverletzungen sind diejenigen verantwortlich, die sie begehen. Nicht diejenigen, die sie kritisieren. Autokraten sind auch keine Sensibelchen, die man nicht zu hart anfassen darf – ansonsten schmollen sie und fallen zurück in alte Verhaltensmuster. Amnesty hat vor Olympia 2008 in Peking und der WM 2018 in Russland die Situation der Menschenrechte in diesen Ländern thematisiert und kritisiert. Heute sind China und Russland noch autoritärer als zum Zeitpunkt der Events. Die autoritären Regime dieser Länder wurden durch die Spiele und dass Turnier mitnichten geschwächt – im Gegenteil.

Das sollte man immer im Kopf behalten, bevor man andere schon präventiv dafür verantwortlich macht, wenn die eigene Strategie nicht wirklich etwas verändert. Und unter wirklichen Veränderungen verstehe ich mehr als nur bessere Arbeitsverhältnisse auf den WM-Baustellen. Die WM ist im Januar 2023 Geschichte, miserable Arbeitsverhältnisse, Repression gegen Homosexuelle, Frauen und „Ungläubige“ vermutlich nicht.

Amnesty International arbeitet nach seinen eigenen Regeln. Einigen sind diese zu eng, aber darum geht es nicht. Im Gegensatz zu Amnesty habe ich noch nie ein Menschenleben gerettet. Also: Ich habe einen gehörigen Respekt vor dieser Organisation. Was ich nicht verstehe: Warum man die Boykott-Bewegung zum Hindernis für eine Demokratisierung des Emirats erklärt. Dadurch schwächt man den eigenen Ansatz. Denn: Je stärker die Stimmung pro Boykott, desto größer die Chance, Veränderungen zu erreichen: „Ein Boykott? Nein, das wollen wir doch nicht. Deshalb lieber Emir…“ Es reicht doch zu sagen: „Boykott ist nicht unser Ding. Wir beschreiten andere Wege.“ So aber setzt man sich unnötig einem enormen Erfolgsdruck aus. Also: Was Amnesty International in Sachen Katar unternimmt, sehe ich nicht als Konkurrenzveranstaltung zu unserer Kampagne. Das ist in Ordnung, das ist Amnesty. Ich bin froh darüber, dass sich Amnesty engagiert. Wer ernsthaft an Veränderungen interessiert ist, sollte hier keine Widersprüche konstruieren. Ansonsten landet man etwas zu stark an der Seite von Herrn Infantino. Und der ist kein Menschenrechtler.

Das Maximum, das wir, die Boykott-Bewegung erreichen können, ist doch: aufklären und den Druck auf die politisch Handelnden in Katar und die FIFA-Funktionäre verstärken. Als ein hochgradig korruptes FIFA-Exekutivkomitee pro Katar entschied, hat es doch nicht darüber nachgedacht, mit dem Emirat über Menschenrechte zu diskutieren. Schon gar nicht war der Plan, mittels des Turniers ein Land zu demokratisieren. Ich sage das nur, weil heute manchmal so getan wird. Es waren NGOs und kritische Fan-Initiativen, die die Menschenrechte auf die Tagesordnung setzten.

Des Weiteren geht es darum, die Unzulänglichkeit der FIFA-Menschenrechtspolitik aufzuzeigen. „Das Menschenrechtsengagement des organisierten Sports ist bislang nichts weiter als ein moderner Ablasshandel, um die sündhaften, aber so profitablen Geschäfte weiterbetreiben zu können“, schreibt Johanes Kopp in der Tageszeitung. So ist es. Eine Entscheidung wie 2010 darf es nie wieder geben.

Mit seinen Vorgängern Joao Havelange und Sepp Blatter hat Infantino gemein, dass er sich als „Weltverbesserer“ geriert. Nun, da wäre folgender Ansatz interessant gewesen: Ein Turnier der Region – mit Israel als gesetztes Austragungsland. Welches arabische Land möchte noch mitmachen?

Wie siehst du die Entwicklung im Fußball aktuell grundsätzlich? Was stört dich, was gefällt vielleicht auch?

Ich glaube, dass wir uns in einem Prozess der De-Regulierung befinden. Das muss nicht nur schlecht sein. Die „Fußball-Familie“ existiert nicht mehr. Sie zerfällt in unterschiedliche Kulturen, wobei es zwischen diesen weiterhin Verbindungen gibt. In einigen Jahren haben wir eine neue Champions League – diese wird den Druck auf die nationalen Ligen und die Nationalmannschaften verstärken. Ich finde das neue Format nicht gut, aber es kann mir gar nicht schnell genug kommen. Die Debatte um eine Europaliga tobt ja bereits seit Dekaden – und das nervt. Ich finde, dass hier die Klubs, die nicht zu den Kandidaten einer solchen Liga zählen, zu wenig Eigeninitiative zeigen. Solange du nicht über eine Liga ohne Bayern, BVB und Co. nachdenkst, weil du dir ein Leben ohne diese nicht vorstellen kannst, bleibst du erpressbar.

Meines Erachtens bedarf die gesamte Konstruktion des Fußballs einer Überarbeitung. Aktuell sieht es ja so aus: 1. und 2. Bundesliga befinden sich unter dem Dach der DFL. Die 3. Liga ist war eine Profiliga, gehört aber dem DFB. Die 4. Liga ist eine Mischung aus Profi-, Halbprofi und Amateurfußball. Die Nationalmannschaft besteht aus Spielern der 1.Bundesliga und anderer europäischer Topligen, fällt aber in die Kompetenz des DFB. Ich plädiere dafür, auch die 3. und 4. Liga (letztere als zwei- oder dreigleisige) der DFL zu unterstellen. Für die Nationalelf könnte man eine eigene Gesellschaft gründen.

Der DFB bliebe dann für den Fußball unterhalb der aktuellen Regionalligen und die Ausbildung verantwortlich. Dieser hätte dann endlich eine zentrale Interessensvertretung. Ein neuer Grundlagenvertrag müsste dann u.a. den Wechsel von Spielern aus den DFB- in die DFL-Vereine regeln.

Seit einem Jahr haben wir jetzt in Deutschland fast ausnahmslos Geisterspiele gesehen. Welchen Einfluss wird das auf den Profi-Sport und sein Verhältnis zu den Fans haben?

Dass lässt sich kaum voraussagen. Ich befürchte ein bisschen, dass die Geisterspiele die kritische Fan-Bewegung geschwächt haben, für die die Präsenz im Stadion ja extrem wichtig war. Und den TV-Fußball gestärkt haben.

Weshalb es vermutlich auch kein Zufall war, dass die Pläne bezüglich eines neuen Formats der Champions League während der Pandemie Konturen bekamen. Die Champions League wird mit ihnen ja noch mehr TV-Fußball, sich noch mehr vom „gemeinen Fan“ abkoppeln.

Ob die Leute in die Stadien strömen, wenn dies wieder möglich ist? Ich weiß es nicht. Einerseits ist da die Sehnsucht, andererseits aber auch ein gewisses Gefühl der Unsicherheit. Und ein Teil der Fans hat sich vielleicht auch daran gewöhnt, das Wochenende ohne Stadionbesuch zu verbringen.

Wie sieht die Situation im Amateurfußball aus? Gibt es bei den Entwicklungen Unterschiede oder auch Gemeinsamkeiten zum Profibereich?

Die Pandemie hat das bereits erwähnte Auseinanderfallen der Fußballfamilie weiter beschleunigt – die einen spielen, die anderen trainieren nicht einmal. „Gelebter (und damit: wahrnehmbarer) Fußball“ besteht aktuell nur aus Profifußball.

Erschwert wird die Situation durch einen Verband, der sich mehr oder weniger selber lahmlegt. Die DFB-Führung will auch in Zukunft mit den großen Jungs spielen. Diese aber nicht notwendigerweise mit ihm. Die Profis wollen an das Geld, das der Profifußball bislang auf dem Konto des Verbands hinterlässt: Einnahmen aus dem DFB-Pokal, aus der Vermarktung der Nationalmannschaft etc. Für den DFB bedeutet dies, dass der Spagat zwischen Profi – und Amateurfußball immer schwieriger wird.

So gerät die DFB-Führung zwischen alle Stühle. DFB-Vize Dr. Rainer Koch betont die Bedeutung des Profifußballs für den Amateurfußball. Die Profis teilen diese Einschätzung höchstens verbal, wenn sie sich mal wieder rechtfertigen müssen. Die Amateure sehen diese Bedeutung nicht.

In einem Punkt hat Koch allerdings absolut recht: „Der Amateurfußball tut sich sehr schwer, seine Interessen klar zu formulieren und sich geschlossen aufzustellen.“ Ein solcher Prozess müsste aber eigentlich von der DFB-Führung initiiert werden. Dies ist aber nicht der Fall.

An der Basis gibt es sicherlich viele gute Ideen und Ansätze, aber diese müssten selbstbewusster und laustärker vorgetragen werden. Und wo existierende Strukturen ein Hindernis darstellen, Kreativität und Engagement bremsen, sollte man neue entwickeln. Zum Beispiel könnten Vereine Interessensgemeinschaften bilden, um bei bestimmten Themen Gas zu geben. Wenn im Fußball de-reguliert wird, kommt das immer von oben. Warum nicht mal von unten? Also: Weniger jammern, dafür mehr an der Entwicklung des eigenen Auftritts und der eigenen Kultur arbeiten.

In meinem Fußballkreis machen das einige Vereine schon ganz hervorragend.

Was würdest du dir für die Zukunft des Fußballs wünschen? Was sollte geschehen, damit der Fußball wieder mehr Wertschätzung von seinen Kritikern erfährt als zuletzt?

Ich will mal entlang meiner Fußballschreibe antworten. Ende der 1980er war das Image des Fußballs ziemlich miserabel. Ich arbeitete damals als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Bundestagsfraktion der Grünen, war aber nicht Mitglied der Partei. Es gab damals maximal fünf, sechs Personen, mit denen ich über Fußball reden konnte: Claudia Roth, die damals noch in der ebenfalls in Bonn beheimateten Bundesgeschäftsstelle der Grünen arbeitete, Thomas Ebermann, Abgeordneter aus Hamburg und St. Pauli-Fan, der schon mal einer Sitzung fern blieb, weil Pauli im Kölner Südstadion spielte, sowie zwei, drei Leute, die aus der Lateinamerika-Solidaritätsszene kamen, die immer schon etwas fußball-affiner war. Der Rest der Menschen rümpfte die Nase, wenn „wir Bunken“ uns über Fußball unterhielten. „Opium des Volkes“ und so.

Dann kam die WM 1990 – gefolgt vom Fußballboom. Plötzlich war Fußball en vogue, gesellschaftsfähig. Auch die etwas anspruchsvollere Fußballliteratur boomte.

Was auch nervig war. Wenn ich auf eine Party ging, wollte ich nicht über Fußball reden – tat ich ja bereits die ganze Woche. Aber die anderen Gäste wollten mit mir darüber reden. Obwohl Fußball nie mein einziges Thema war.

Seit zwei, drei Jahren wendet sich das Blatt wieder. Was sehr ärgerlich ist, weil es aus dem Fußball heraus unheimlich viele tolle Initiativen gab: gegen Rassismus, Homophobie, gegen das Vergessen der NS-Verbrechen, gegen sexuellen Missbrauch, gegen Sexismus etc. – vor allem seitens der Fans. Meines Erachtens berichten die Medien viel zu wenig darüber.

Warum das so ist, warum man sich wieder rechtfertigen muss? Das hat auch mit Kalle Rummenigge und Uli Hoeneß zu tun. Drei Tage, nachdem die Profiklubs via DFL Task Force ein Eintreten für Nachhaltigkeit, Menschenrechte etc. proklamiert haben, bekommen Rummenigge und Hoeneß ein Tobsuchtsanfall, weil ihre Bayern auf dem Berliner Flughafen beim Abflug nach Katar wie „normale Fluggäste“ behandelt werden.

Hoeneß spricht von einem „Skandal ohne Gleichen“ und meint damit keineswegs die Arbeitsbedingungen und Lebensverhältnisse der Arbeitsmigranten in Katar. Und Rummenigge: Die Flughafen-Verantwortlichen wüssten gar nicht, „was sie unseren Spielern damit angetan haben.“ Wie bitte? Qatar Airways gehört zu den weltweit zehn Fünf-Sterne-Fluggesellschaften. Wer in einer ihrer Maschinen sitzt, wird vom Personal intensiv gepampert – erst recht, wenn er FC Bayern heißt. In der Pandemie wurde dem Profifußball u.a. vorgeworfen, er beanspruche Privilegien und lebe in einer Blase – was dieser selbstverständlich weit von sich wies.

Dass die Profis weiterhin spielten, fand ich in Ordnung. Aber natürlich war dies ein Privileg. Weshalb etwas mehr Demut und Dankbarkeit angesagt sind. Aber nach dem Auftritt der Bayern-Oberen konnte man das Task Force-Papier in die Tonne kloppen.

Was ich mir wünsche? Dass unsere Fußballoberen die dicken Hosen ablegen. Gianni Infantino ist nicht Gott, auch wenn er dies glaubt. Er sollte sich aber ein Beispiel an Gott nehmen. Denn Gott behauptet nicht, er wäre Gianni Infantino. Gianni Infantino ist auch nicht Generalsekretär der UNO. Und Kalle Rummenigge und Aki Watzke wissen es auch nicht besser als Angela Merkel oder Karl Lauterbach.

Hast du selber noch Spaß an den Spielen? Bist du regelmäßig auch privat bei Spielen vor Ort, wenn das (wieder) möglich ist?

Klar doch. Wobei sich mein Konsumverhalten etwas verändert hat. Natürlich verfolge ich die Spiele meines Klubs TuS Altenberge, bei dem ich noch einige Wochen Abteilungsleiter bin. Außerdem gehe ich gerne zu Preußen Münster, die aktuell in der Regionalliga spielen – wie auch Rot-Weiß Essen, Alemannia Aachen und Rot-Weiß Oberhausen. Mit einer Mannschaft mit viel Lokal- und Regionalcolorit. Sporadisch gehe ich auch zum BVB. Wobei mir da einige Dinge auf die Nerven gehen. Von Haustür zur Haustür sind es zwar nur gut 80 Kilometer – aber du sitzt trotzdem insgesamt vier Stunden im Auto. Mindestens. Dann nervt mich dieses Bezahlkartensystem, also dieser Stadiondeckel. Und das Publikum hat sich auch verändert. Liegt natürlich daran, wo du dich im Stadion befindest. Stehtribüne ist nichts mehr für mich und meine Hüften. Auf den Sitzplätzen bist du manchmal von Leuten umringt, die ständig aufstehen, um sich ein neues Bier zu holen oder zu pissen – oder beides. Sofern es um das Spiel geht, zeugen die Kommentare von wenig Verständnis. Das ist in Ordnung. Aber sie sind mir häufig zu gehässig. Gespräche drehen sich manchmal um alles Mögliche – nur nicht ums Spiel. Ich weiß manchmal gar nicht, warum diese Leute ins Stadion gehen.

Champions League ist für mich hingegen reiner TV-Fußball. Man schaut sich das wg. der Qualität des Fußballs an, weniger aus Leidenschaft.

Was für Projekte stehen bei dir sonst aktuell an? Irgendein Buch von dir, das demnächst erscheinen wird, auf das wir uns schon freuen können? Magst du uns vielleicht auch ein Sport-Buch eines Kollegen empfehlen?

Ich habe gerade erst zwei Bücher auf den Markt geworfen. „TRAINER! Die wichtigsten Männer im Fußball“, eine Geschichte dieser Branche. Und: „DIOS Maradona – Ein Leben zwischen Himmel und Hölle“. Herausgeber sind Hardy Grüne und ich, zu den Autoren gehören u.a. noch Arnd Zeigler, Tobias Escher und Jorge Valdano. Im April kommt dann „Boykottiert Katar! Warum die Fußball-WM nicht stattfinden sollte“, geschrieben und herausgegeben mit Bernd-M. Beyer. Es wird eine Art von Kampagnenbuch.

Weitere Pläne: 2003 habe ich das Buch „Davidstern und Lederball – Zur Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball“ herausgeben. War damals eine Pionierarbeit. Denn das Schicksal jüdischer Spieler, Trainer, Funktionäre und Mäzene war ja weitgehend in Vergessenheit geraten. Ich möchte das Thema  noch einmal aufnehmen. Aber anders, nämlich bis heute fortschreiben. Und mich dabei auch dem leider sehr aktuellen Thema Antisemitismus widmen. 2022 jährt sich dann zum 30igsten Male das Erscheinen meines ersten Fußballbuches: „Der gezähmte Fußball – Zur Geschichte eines subversiven Spiels.“ Es gilt als Auftakt einer neuen (kritischen) Fußballliteratur. Möglicherweise mache ich dieses Buch noch einmal – mit Konzentration auf die Entwicklung nach 1992. Dann habe ich noch viel Material zur WM 1978 in Argentinien, das nach Verarbeitung ruft.

Was die Werke der Kollegen anbelangt, möchte ich folgende empfehlen: Bernd-M. Beyer: „71/72 – Die Saison der Träumer“, Christoph Biermann: „Wir werden ewig leben – Mein unglaubliches Jahr mit dem 1.FC Union Berlin“ und Arnd Zeigler: „Traumfußball“. Von Manni Breuckmann gibt es auch ein neues Buch. Noch nicht gelesen, aber bestimmt gut. Uns sehr gespannt bin ich auf „Eddy“, eine Biografie der israelischen Trainer-Ikone Emanuell Schaffer, geschrieben von Lorenz Peiffer und Moshe Zimmermann. Ich selber lese aktuell aber kein Fußballbuch, sondern Dan Diner: „Ein anderer Krieg: Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg – 1935 – 1942“

Vielen Dank, Dietrich, für die klaren Worte!

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2 Kommentare zu “Dietrich Schulze-Marmeling: „Gianni Infantino ist nicht Gott, auch wenn er dies glaubt!“

  • #1
    M. Scholz

    Danke an Dietrich Schulze-Marmeling für die klaren Worte, das ist ein sehr gehaltvoller Beitrag – Bravo!

  • #2
    Christoph Koch

    Das Zitat von Blatter ist fehlerhaft wiedergegeben. Er sagte damals nicht "wissenschaftliche Interessen", sondern (logischerweise) "wirtschaftliche Interessen".

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