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John Cale: „I come from Wales…“

In den 80ern stritten mein Freund Atta und ich häufig über die Frage, wer der wichtigere Mann bei Velvet Underground war: John Cale oder Lou Reed? Die Frage darf mittlerweile als beantwortet gelten: John Cale natürlich. Morgen und übermorgen ist er in Essen zu sehen.

Und auf einmal steht er da rum: Dreiviertel-Cargo-Hose, weiße Haare, Turnschuhe. Der Mann hat sich gut gehalten.  John Cale im Salzlager der Zeche Zollverein. Nur wenige Journalisten sind gekommen. Das ist schade, denn sie haben einen der wichtigsten Musiker der letzten 50 Jahre verpasst. John Cale war Mitgründer von Velvet Underground. Als er 1968 rausgeworfen wurde, wurde Velvet langweilig. Cale hat so fantastischer Platten wie Paris 1919 oder Hobosapiens aufgenommen. Seine Solo-Klavier-Version von Heartbreak-Hotel ist der ideale Soundtrack zum eigenen Selbstmord. Ich kenne kein Stück das so tieftraurig ist.

John Cale ist allerdings nicht nur begnadeter Rockmusiker. Er hat klassische Musik studiert, mit John Cage noch vor der Velvet-Zeit die Minimal Musik geprägt und zahlreiche Musikperformances gemacht. Und klar, natürlich auch Filmmusik.

In Essen wird John Cale morgen und übermorgen im Salzlager „Dyddiau Du – Dunkle Tage“ aufführen. Im Rahmen des Festivals Theater der Welt. Ein Konzert zu fünf Filmen über seine Heimat Wales. Cale ist in dem Bergarbeiterdorf Garnat aufgewachsen. Sein Vater war ein aus England zugezogener Bergmann. Und nach allem was Cale im Halbdunkel des Salzlagers, umgeben von den großformatigen Stills der Filme, erzählt, war Garnat ein harter, trauriger Ort. Musik am Sonntag? Gab es nicht. Wenn der junge John im Radio Brahms oder Schostakowitsch hören wollte, ging das nicht. Der Vormittag gehört Gott und das einzige Geräusch, das die Stille des Morgens unterbrach, waren die Schritte der Kumpels auf dem Weg zur Kirche. Eindrücke, die sich in Dunkle Tage wieder finden.
John Cale erzählt viel von sich an diesem Nachmittag im Salzlager: Dass er von seiner Großmutter aufgezogen wurde. Und dass die seinen Vater lange nicht mochte: Kein Engländer in der Familie! Als sie ihre Meinung änderte, war ihr Lebenszeit fast abgelaufen. Dass die Mutter abhaute, als er elf war. Cale wusste nicht warum und niemand beantwortete seine Fragen. Über so etwas redete man nicht im Wales der 50er. Seine Großmutter hat ihn geprägt, gefördert und Mut gemacht. Man hört in Cales Sätzen noch immer seine tiefe Liebe zu ihr.

Das Bergarbeiter-Wales in dem John Cale aufwuchs und dass er früh verließ, um London Musik zu studieren, war ein harter Ort. Ein Ort, den es so nicht mehr gibt. Mitte der 80er Jahre ging der Bergbau Groß-Britanniens unter. Die Bergleute wehrten sich mit einem Streik gegen Thatchers Politik, der das Land an den Rand des Abgrunds führte. Streikführer Arthur Scargill avancierte zu einem Popstar. Bands wie Wham und Style Council gaben im Wembley Stadion Benefiz-Konzerte für die Kumpels. Test Dept. lieferte den atonalen Soundtrack zum Klassenkampf. Genutzt hat das alles nichts.

Garnant ist heute ein sterbender Ort. Es gibt ein wenig Tourismus. Paraglider mögen Garnant. Wikipedia weiß von einem Golfplatz. Die Einwohnerzahl kennt das Online-Lexikon nicht. Die Filme zu der Cale improvisieren wird, zeigen dann auch Bilder eines sterbenden Ortes. Bilder von Verlusten. Verfallene Gebäude, leer Häuser. Auch das Haus in dem Cale aufwuchs ist zu sehen. Ein harte Kontrast zur Musealisierung des Ruhrgebiets. Über 1000 Industriedenkmäler gibt es heute hier. Eine Entwicklung, die Cale gut findet. Er bedauert den Verfall seiner Heimat und man sich allmählich kaum noch eine Vorstellung von der Vergangenheit machen kann. Das Ruhrgebiet kennt er gut. Dutzende von Konzerte hat er hier gegeben.

Ist John Cales Arbeit melancholisch? Sicher. Aber der Mann ist es nicht. Cale ist ein großer Erzähler. Auch am gestrige Nachmittag. Und er erzählt unprätentiös, offen und sehr persönlich. John Cale begegnen zu dürfen war ein Geschenk. Ein großes.

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