Juden im Deutschen Fußball – Teil 1: Walther Bensemann

Das Berliner Olympiastadion. Foto: Robin Patzwaldt
Das Berliner Olympiastadion. Foto: Robin Patzwaldt

Unser Gastautor Thomas Weigle beschäftigten sich ab heute in einer neuen Mini-Serie für die Ruhrbarone mit der Rolle von Juden im Deutschen Fußball. Folgen Sie in unregelmäßigen Abständen bei uns im Blog seinen Ausflügen in die Geschichte des Fußballs zu diesem Thema:
„Ich möchte in loser Folge Menschen, Vereine und sonstige Aspekte des deutschen Fußballs vorstellen, die wesentlich von und mit Juden gestaltet wurden. Der prägende Einfluss nicht nur deutscher Juden war mit der Machtübergabe an die Nazis vorbei. Der Massenmord und die Vertreibung der deutschen Juden setzte dem ein unwiderrufliches Ende.

 

 

Früh in den 60ern nahm ich zum ersten Mal von Juden im Fußball Kenntnis, ja, dass es sogar jüdische Fußball- und Sportvereine gab. In einer Glosse im „Roten Sportmagazin“ schilderte Martin Maier ( Die Geschichte als solche stammt von Friedrich Torberg) eine Begebenheit aus dem Wien der Zwischenkriegszeit, als es für einen Wiener Klub wichtig war, dass der jüdische Klub HAKOAH gegen einen anderen Wiener Verein gewann, damit ersterer nicht abstieg. Mit dem im Wien durchaus üblichen „Saujud“ konnte man die jüdischen Fußballer natürlich nicht anfeuern, aber wie dann? Die Namen der jüdischen Kicker kannte man auch nicht. Man entschied sich für ein bis dato in Wien durchaus nicht übliches „Hoppauf Herr Jud.“ HAKOAH Wien selbst wurde in den Mittzwanzigern erster österreichischer Profimeister.

 

 

Jahrelang habe ich in der Frankfurter Rundschau samstags die Kolumne des „Schlappekicker“ gelesen, ohne den Ursprung dieser Bezeichnung zu kennen. „Schlappekicker“ waren die Eintrachtspieler, die bei einem jüdischen Schuhfabrikanten und Mäzen der Eintracht angestellt waren. Die Spezialität dieser großen Schuhfirma waren Hausschuhe, im Hessischen gerne „Schlappen“ genannt, von daher lag die Bezeichnung „Schlappekicker“ natürlich auf der Hand, zumal die Eintracht, wie wir alle wissen, manchmal auch so spielt, als hätten ihre Spieler solche an den Füßen, dass muss auch schon in der Weimarer Republik so gewesen sein. Die hohe Zeit der jüdischen Spieler, Trainer und Mäzene fand im 32er Endspiel einen endgültigen Höhepunkt, als mit Bayern und den Riederwäldern (2:0 für Bayern) zwei Mannschaften im Nürnberger Endspiel standen, deren damalige Erfolge nicht zuletzt jüdischen Mitgliedern zu verdanken war. Keiner der Beteiligten hätte sich zur Zeit dieses Endspiels im Frankenland vorstellen können, dass nur wenige Monate später ALLES ANDERS werden würde.

 

 

Erstmals wurde die „englische Fußlümmelei“ um 1875 in Deutschland eingeführt, ein Braunschweiger Gymnasiallehrer wusste seine Schüler für diesen Sport zu begeistern. Natürlich waren die Widerstände groß, denn Fußball hat ja nicht nur etwas Anarchistisches an und in sich, er ist gleichmacherisch und bei und in ihm zählt Leistung, die klar zu erkennen ist, sich im Ergebnis ausdrückt. Insofern musste der Fußball nicht nur in Deutschland auf Juden attraktiv wirken. Was Nietzel in „Handeln und Überleben“ für Frankfurt feststellt, gilt für das ganze Kaiserreich: „Die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen der jüdischen Stadtbevölkerung blieben aber bis ins 20.Jahrhundert hinein von der jahrhundertelangen Diskriminierung geprägt, zumal auch nach der rechtlichen Emanzipation nicht alle Partizipationsmöglichkeiten tatsächlich zur Gänze offenstanden.“ Dennoch, so Nietzel, „wuchsen sie durch ihre wirtschaftliche Tätigkeit und Erfolg in das Bürgertum hinein“, zumindest in Frankfurt, wo die jüdischen Bürger durch zahlreiche Stiftungen hohes gesellschaftliches und soziales Engagement bewiesen. Die Gründung der Johann-Wolfgang- Goethe-Universität wäre ohne das finanzielle und ideelle Engagement der Frankfurter Juden kaum möglich gewesen. In diesem Umfeld konnte auch Walther Bensemann für den Fußball werben, denn auf dem Fußballplatz erhofften sich die deutschen Juden Gleichheit und Akzeptanz. Allerdings trog diese Hoffnung teilweise, kam nicht überall zum Tragen (s.u.).

 

 

Auch daher ist der jüdische Einfluss zu erklären. Ein Einfluss, der dem Fußball gut tat. Nicht nur, dass jüdische Spieler, wie zum Beispiel Julius Hirsch oder Gottfried Fuchs im Kaiserreich spielerisch herausragten und Nationalspieler wurden, sie gaben auch den Vereinen( Karlsruher FV, Spvgg Fürth), für die sie aufliefen, spielerischen Glanz und Erfolg. Auch aus der Donaumonarchie bzw. deren Nachfolgestaaten inspirierten Spieler und Trainer vor allem die süddeutschen Klubs wie Bayern oder den „Club“. Schon damals konnten gute Spieler mit ihren Künsten erkleckliche Sümmchen erspielen, wenn auch unter der Hand oder durch Tätigkeiten in den Firmen gut situierter Mäzene. Diese Art der Bezahlung war in der Bundesrepublik erst mit der Einführung der Bundesliga 63 bzw. mit der Freigabe der Gehälter einige Jahre später endgültig zu Ende.

 

 

Walther Bensemann, der als Internatsschüler in der Schweiz, in Montreux am Genfer See unseren Sport in den 1880er Jahren kennen lernte. 1889 zog er mit seinen Eltern nach Karlsruhe, wo er als Schüler den ersten Fußballverein in Süddeutschland gründete, der nach den Regeln der englischen FA spielte. Bensemann war im süddeutschen Raum in letzten Decenium des 19. Jahrhunderts als eine Art Fußballmissionar unterwegs, in Frankfurt war er 1899 Geburtshelfer der Frankfurter Kickers, einem Vorläuferverein der Frankfurter Eintracht. In „ Neue Ausgrabungen aus der Steinzeit des Frankfurter Fußballs“ heißt es über ihn: „ Mit Walther Bensemann zog ein neuer Sportsgeist in unsere Reihen. Was waren das für reizende Damen im „Frankfurter Hof“ (eines der ersten Häuser in FFM damals und heute, wenn nicht das erste, T.W.), zu denen eine große Anzahl der damaligen Prominenz geladen war….Jetzt begegnete man auch auf ein größeres Verständnis bei den Eltern. Welche Kämpfe und Überredungen waren vorher mit den Eltern der einzelnen Spieler nötig, wenn unsere Mannschaft auswärts spielen musste“ An der Wahl der gastlichen Stätte ist unschwer zu erkennen, dass der Fußball damals noch nicht der Sport der werktätigen Massen war. Wie auch, bei Arbeitszeiten jenseits von 12 Stunden und der Sechs-Tage-Woche. Erst mit der Einführung des Acht-Stunden-Tages durch die von der SPD geführte Weimarer Koalition sollte sich dies grundlegend ändern.

 

 

Als Walther Bensemann 1934 im Schweizer Exil starb, hieß es in den „Vereins-Nachrichten der Frankfurter Eintracht: „Auch er war in den Gründerjahren der Eintracht für uns ein vorbildlicher Mensch.“ Kurz vor seiner Emigration nach Montreux wurde anlässlich seines 60. Geburtstages im Jänner 33 im „Kicker“ eine zwei Seiten lange Gratulationsliste veröffentlicht, die vom damaligen FIFA-Präsidenten Jules Rimet angeführt wurde. Zur Zeit seiner „Übersiedlung“ in die Schweiz genoss Bensemann im europäischen Fußball höchstes Ansehen. Nicht so in Deutschland, wo man ihm nach seinem Wechsel in die Schweiz die ihm zustehenden Anteile am „Kicker“ vorenthielt, damit bereits zeigte, dass man die jüdischen Bürger Deutschlands nicht nur rechtlos, sondern auch Vermögens los zu stellen gedachte.

Noch aber waren für Bensemann und die deutschen Juden die Zeiten besser, wenn auch nicht überall gut, unentwegt war er in Sachen Vereinsgründungen und der Organisation von Fußballwettspielen unterwegs, auch international. Auch beim „Erzfeind“ organisierte er internationale Spiele in dessen Hauptstadt. Natürlich war Bensemann auch bei der Gründung des DFB 1900 in Leipzig beteiligt.

 

 

Bensemann der in Frankfurt als Bonvivant („Frankfurter Hof“) und Kosmopolit bekannt war, hat aber offenbar mit den anderen Herren des DFB nicht wirklich harmonieren können. Man warf im „Privatdiplomatie“ vor, zuerst müsse man den Fußball als „deutschen Sport“ etablieren, dann könne man sich international messen. Angesichts der Tatsache, dass der DFB 1900 gegründete wurde, dass erste Länderspiel gegen die Eidgenossen erst 1908 stattfand (3:5 in Basel), haben sich die eher nationalistisch orientierten Herren durchgesetzt. Felix Linnemann warf Bensemann denn auch mal vor, er träume nicht nur in fremden Sprachen…. Es trafen also Welten aufeinander, die so nicht zu vereinbaren waren. Bensemann, mittlerweile finanziell klamm, ging für Jahre als Sport- und Sprachlehrer nach England, war vom englischen Schul- und Erziehungswesen begeistert, sowie „dem Sportsgeist der an den Public Shools geschliffenen Gentlemen. Dem Namen zum Trotz waren die Public Schools allerdings nicht der breiten Öffentlichkeit vorbehalten, sondern exklusive Privatschulen. Dieser für Bensemann gute Zeit im Mutterland des Fußballs, wo zu Beginn des 20.Jahrhunderts bis zu 100.000 und mehr Zuschauern zu den FA-Cup-Finals strömten, war mit dem Beginn des Krieges 1914 zu Ende, der vielsprachige Bensemann kehrte kriegsbedingt nach Deutschland zurück.

 

 

Die Haltung eines Teils der gebildeten Deutschen zu den Juden drückt der deutsche Botschafter in Prag in den 1920ern, Walter Koch, aus: „Ich hatte in Deutschland niemals gesellschaftlichen Umgang mit Juden gehabt…Ich habe immer ein stark ausgeprägtes Rassegefühl gehabt und das Wesen des Juden als mir etwas vollkommen Fremdes empfunden…“ Auch von daher wird die Äußerung des Juden Ernst Vogel aus dem mährischen Znaim (CSR) in den 30ern erklärbar:

„Ein Kapitel für sich bildet die Frage, ob der Fußballsport den Antisemitismus verringert habe. Ich verneine sie….Der Fußballsport ist beim jüdischen Volk sehr beliebt und die Wiener Hakoah und die Brünner Makkabi können auf ganz hervorragende sportliche Leistungen zurückblicken. Hervorragende Leistungen von Juden sind jedoch noch nie geeignet gewesen, den Antisemitismus zu verringern (Einstein!). Kann jemand so naiv sein daran zu glauben, dass diese Tatsache just durch den Fußball ad absurdum geführt werden würde? Glaubt z.B. ein nüchtern denkender Brünner Jude daran? Dort weiß ja jedes Kind, dass die Brünner Makkabi durchwegs aus gut bezahlten Budapester Fußball-Beamten besteht, ihre Erfolge also gekauft sind. Eine Tatsache, die den Antisemitismus eher befördern als behindern hilft.“ Der gekaufte, der ewige Jude. Immer und überall befeuert er die Phantasie seiner Mitmenschen, diese Erkenntnis des Ernst Vogel ist so wahr wie resignativ. Hat sich daran was geändert, heute im 21. Jahrhundert?

 

 

(Fortsetzung folgt!)

Literaturliste wie gewohnt am Ende der Serie.“

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