„Junges Licht“: Film ohne Boden, Traumata als Lokalkolorit – Heimat kann so grausam sein

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In den alten alpenländischen Heimatfilmen mussten seinerzeit „Der Förster vom Silberwald“ zumindest noch einen bösen Wilderer zur Strecke und Peter Alexander „im weißen Rössl am Wolfgangssee“ den albernen Gunter Philipp aufs Zimmer bringen. Auch „Junges Licht“, der neue Film von Adolf Winkelmann („Jede Menge Kohle“), wird allerorten als Heimatfilm bezeichnet. „Jede Menge Heimat“ sozusagen, ab 12. Mai im Kino.

Allerdings ist „Junges Licht“ kein Heimatfilm aus den Bergen, sondern einer aus dem Bergwerk. Doch bricht man (so wie einst hier im Revier die Kohle aus dem Gestein) „Junges Licht“ aus allem ollem Heimatgedöns heraus und auf seine eigentliche „Handlung“ herunter, dann fördert man andere Dinge zu Tage: Ein Hund wird mit Benzin übergossen, um als „lebende Fackel“ verbrannt zu werden. Eine seit Tagen tot auf der Couch liegende Frau wird zum Objekt der Begierde eines halbstarken Jugendlichen. Und im finstren Kohle-Keller wartet schon Peter Lohmeyer als Kinderfreund.

Wir sind ja hier im Ruhrgebiet. Und nein, deshalb wird hier am Ende doch keine Leiche geschändet. Es wird auch kein Hund angezündet. Und Peter Lohmeyer darf zwar im Dunkel der Nacht eine Leiter aufstellen, um ins Kinderzimmer des zwölfjährigen Julian zu gelangen, zum Missbrauch kommt’s dann aber doch nicht. Also: Alles halb so wild. Halb-humorig, nicht so schlimm. Die Musik von Tommy Finke ist ja auch sooo schön. Und überhaupt: Wird schon wieder.

Und ja, genau deshalb hab ich „Handlung“ in Anführungsstriche gesetzt, denn, zum Teil in Bochum gedreht, könnte man drei Worte aus dem gleichnamigen Grönemeyer-Song zitieren, um den Film zu beschreiben: „Junges Licht“ ist „leider total verbaut“. Traumata als Lokalkolorit. Man könnte auch sagen, der Film ist deshalb so ärgerlich, weil er seine Figuren und ihre Probleme nicht ernst nimmt. Alles bleibt halbgar. Bloße Behauptung. Alles halb so schlimm.

Grade in der ersten halben Stunde stellt man sich allerdings die titelgebende Frage eines anderen Grönemeyer-Songs: Was soll das? Julians Mutter tut nichts anderes als Geschirr spülen und Wäsche aufhängen, ein sehr selbstbewusst scheinender Junge wird in der Schule zu Anfang vom Lehrer verprügelt, spielt im weiteren Verlauf des Films aber keinerlei Rolle mehr. Und steht somit symbolisch dafür, wie wenig der schmalbrüstige Film sich für sein schablonenhaftes Figurenkabinett interessiert.

Allerorten wird zudem die angebliche Authentizität oder eine Art gutes „Gefühl des Films fürs Leben im Ruhrgebiet“ gepriesen. Beides ist falsch. Nichts ist gut. Wenn Julian vom Balkon aufs pittoresk verrauchte Zechenpanorama der Sechziger blickt, dann hat das die Künstlichkeit von Kirsten Dunst, die in Lars von Triers „Melancholia“ auf den nahenden Kometen starrt. Nur: „Melancholia“ ist großes Kino, große Kunst. Große Gefühle, echte Gefühle. „Junges Licht“ ist WDR.

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„Junges Licht“ ist weder Fisch noch Fleisch, keine Komödie, kein Drama. Gefühle werden stets und ständig nur durch Tommy Finkes überpräsente Mut-Mach-Musik zu wecken versucht, doch eben leider die falschen. Hundeverbrennen. Leichenschänden. Kindesmissbrauch. Alles angedeutet, doch wat soll’s, allet ganz harmlos hier, Leben geht weiter. Spannung kommt sowieso keine auf. Warum auch? Die Beschissenheit der Dinge? Eh alles wurscht.

Wie gesagt, eine alptraumhafte Kindheit als nettes Beiwerk. Ein bisschen Gewalt als grausames Lokalkolorit fürs graue Revier. Heimat kann halt grausam sein. Machste nix. Au Backe, sorry Leute, das geht einfach nicht. Nein, einfach nur nein. Mitunter wünscht man sich David Lynchs „Eraserhead“ zurück, der traurig durch trostlose Industrielandschaften tapert. Doch wir sind hier nicht im internationalen Arthousekino, Dirk. Wir sind hier im Ruhrpott.

Und sowieso: Digital ist besser. Findet auch Adolf Winkelmann. Nicht nur, wenn Julian total digital bearbeitet vom Balkon blickt, nein, Winkelmann wechselt auch unablässig zwischen Farbe und Schwarzweiß, zwischen Breitwand und nahezu quadratischem Format. Und warum? Weil er’s kann. Wo Regisseure wie Xavier Dolan oder Wes Anderson genial mit Film-Formen und -Formaten spielen, springt „Junges Licht“ ohne Sinn und Verstand hin und her. Einfach, weil’s die digitale Technik halt heute erlaubt: Hach ja, das eine Bild sieht wohl besser in breit aus, das andere vielleicht eher in schmal, ja ja, das da ist schön farbig, das hier ist cool in schwarzweiß. Kann man machen, Sinn macht es nicht. Nein, einfach nur nein. Wie gesagt: total verbaut. Und nochmal: Was soll das?

Am Anfang des Films erklärt der Vater seiner Tochter – und mit ihr uns Zuschauern – ganz platt am Küchentisch, was im Bergbau ein sogenannter „Sargdeckel“ ist (loses Gestein, das plötzlich herabfällt und die Bergleute buchstäblich begräbt), und natürlich kommt’s, wie’s kommen muss, und der „Sargdeckel“ am Ende des Films wohl auch noch mal vor. „Wohl“ deshalb, weil es Winkelmann einfach nicht interessiert, was da anscheinend geschehn ist. „Was ist denn los? Was ist passiert?“ (Grönemeyer zum dritten). Keine Ahnung. Scheiß drauf. Vater lebt. Hauptsache.

Irgendwann ist alle Wäsche aufgehängt und Mutter hat genug Geschirr gespült, dann nimmt sie zu viele Togal-Tabletten und der Spinat bleibt gefroren. Mit Tochter fährt Mutti dann erst mal von dannen. Julian allein zu Haus. Während Vater weiterhin tief in die Grube fährt.

Doch tief geschürft wird in „Junges Licht“ nix, auch der junge Julian bleibt reine Oberfläche, blass, brav und farblos. Vater mag tief unter Tage sein, „Junges Licht“ ist ein Film ohne Boden, flach und ohne festes Fundament. Heimat ohne Heimat. Es gibt Gewalt, aber wenig Gehalt, körperliche und seelische Schmerzen geben Anlass zum Scherzen, alles bleibt vage, alles nur Staffage, das Publikum lacht eh schon, wenn jemand nur einen alten „Opel Kapitän“ erwähnt.

Die drei halbstarken Jungs, die Hunde anzünden und Sex mit Leichen haben wollen, sind wohl eine Art Bande. Am Anfang will Julian noch Teil ihrer Bande sein. Am Ende der „Handlung“ wohl eher nicht mehr. „Wohl eher“ deshalb, weil der Film halt stets im Vagen bleibt, ungenau und unverbindlich, leider noch nicht mal halbstark, sondern einfach nur schwach.

Nein, der Hund muss nicht brennen, sondern wird von Julian gerettet und adoptiert, doch was am Ende aus ihm wird, ja, das bleibt unklar. Der Hund heißt Fackel. Und spielt dann halt einfach keine Rolle mehr. Am Anfang wird Julian von seiner Mutter gehauen, bis der Kochlöffel bricht, am Ende haut er ab. Doch so wie hier alles, selbst die größten traumatisierenden Klopper, als beiläufig und belanglos heruntergespielt werden, so ist auch dieser Ausbruch des Jungen in kurzer Lederhose nur von kurzer Dauer. Julian ist nur einen Nachmittag lang weg und kehrt am Ende natürlich brav nach Hause zurück. Woanders is ja auch scheiße, wissen wir hier im Revier, also: Mama wieder da, Julian wieder da, allet nich so schlimm.

Am Ende schläft Julians Vater mit der 15-jährigen Nachbarstochter. Auch nich so schlimm. Passiert. Julian will Papas kleine Sünde einfach dem Pfarrer brav beichten, damit alles wieder gut ist. Doch: Was will der kleine Protagonist dieses kleinen Films überhaupt den ganzen langen Film lang? Was will Julian in „Junges Licht“? Nun: Er will „Koker“ werden, nicht „Bergmann“ wie sein Vater. Aha. Das sind halt die kleinen Träume, die man so hat im Pott. Die großen Träume sind wohl woanders. Wie gesagt, das große Kino leider auch.

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[…] Ruhrgebiet lebt halt gern von und in der Vergangenheit, und obwohl es in Adolf Winkelmanns „Junges Licht“ unlängst zurück in die Sechziger ging und nun in „Radio Heimat“ eben in die Achtziger, […]

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