Geschichte in der Waldorfschule: ‘Atlantis’ und die ‘Rassen’

Bei Diskussionen mit Befürwortern der Waldorfschule bekommt man immer wieder Standard-Antworten zu hören, wie sie der ehemalige Waldorfschüler Lukas Böhnlein in seinem „Waldorfschulen Bullshit-Bingo“ festgehalten hat. Sehr beliebt dabei: „Du hast noch nie eine Waldorfschule von innen gesehen!“ Kritik von aussen wird damit jegliche Berechtigung abgesprochen. Aber daraus ergibt sich auch die Frage: „Was können Eltern und Schüler in der Waldorfschule eigentlich sehen, wenn sie nichts über Rudolf Steiners ‘Anthroposophie’ wissen, auf der die gesamte Waldorfpädagogik basiert?“ Von Andreas Lichte.

„Literatur und Fundstellen zum Geschichtsunterricht in der Mittelstufe an Waldorfschulen”, Hans-Jürgen Schumacher, Gabriele Kühne; Manusskriptdruck der Pädagogogischen Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen, Abt. Kassel, 1995

 

Ein einfaches und sicheres Mittel, zu sehen, was in der Waldorfschule wirklich unterrichtet wird, ist ein Blick in die Epochenhefte der Schüler. Dies erklärt sich so:

Die Waldorfpädagogik übernimmt die in der Anthroposophie übliche Einteilung des Menschen in „Wesensglieder“. Diese „Wesensglieder“ entwickeln sich laut Rudolf Steiner (1861–1925) in zeitlichen Abschnitten von 7 Jahren, den „Jahrsiebten“:

– von 0–7 Jahre wird der physische Leib entwickelt,

– von 8–14 Jahre der Ätherleib,

– von 15–21 Jahre der Astralleib,

– vom 21 Lebensjahr an endlich das ‘Ich’1 – erst dann ist der Mensch ein Mensch, vollwertig.

Für die Unterrichtspraxis bedeutet das, dass der Waldorflehrer nur die Fähigkeiten ansprechen darf, die der Schüler seinem Alter entsprechend auch schon besitzt. Ein Schüler der 1sten bis 8ten Klasse, – der Klassenlehrerzeit, sie ist identisch mit dem 2ten Jahrsiebt –, verfügt laut Rudolf Steiner noch nicht über einen voll ausgebildeten „Astralleib“ oder gar ein „Ich“. Was soll der Waldorflehrer mit einem so unvollständigen Schüler anfangen? Richtig, er gibt „Frontalunterricht“ in seiner extremsten Form: Der Schüler soll nachahmen, nachahmen, nachahmen … schreibt nur ab, was ihm der Lehrer vorgibt: In den Epochenheften liegt also eine unmittelbare Wiedergabe des Lehrstoffes der Waldorfschulen vor.

Man sollte erwarten, dass Eltern, die sich bewusst für die Waldorfschule entschieden haben, – also für eine „andere“ Pädagogik entschieden haben –, dieses „andere“ auch kennen, oder kennenlernen wollen, also in den Epochenheften nachlesen, was ihre Kinder in der Schule gelernt haben. Dazu ein kurzer O-Ton aus dem 45-minütigen TV-Feature des SWR, ‘Betrifft: Wie gut sind Waldorfschulen?’:

„Mutter: ‘Also ich bin noch nie über irgendwelche Inhalte gestolpert, die mich irritiert hätten, ist mir nicht passiert.’

SWR: ‘Aber uns. Als wir in Julias alten Epochenheften graben, finden wir ein Geschichtsheft, das doch tatsächlich mit der Beschreibung von Atlantis beginnt …’“

„Atlantis“. In einem Geschichtsepochenheft der 5ten Klasse. Ist Atlantis „Geschichte“? Und wie geht die Geschichte in der Waldorfschule weiter? So, die Überschriften aus einem anderen Geschichtsepochenheft:

– Urindische Kulturepoche, 7200 v. Chr. bis 5100 v. Chr.

– Die 2. nachatlantische Kulturepoche, Die Urpersische Kulturepoche, 5100 – 2900 v. Chr.

– Die 3. nachatlantische Kulturepoche, chaldäisch-babylonische-assyrische Epoche, 3000 – 750 v. Chr.

Ist das Geschichte? Nein. Es gibt keine „nachatlantischen Kulturepochen“, wie sollte es auch, wenn Atlantis ein Mythos ist? Und was sind das für absurde Datierungen? Die auch im Detail nicht besser werden:

Im Geschichtsepochenheft wird Buddha der „Urindischen Kulturepoche“ von 7200 – 5100 v. Chr. zugeordnet. Im Standardwerk „Philosophie und Religion Indiens“ werden für Buddha folgende Lebensdaten genannt: 563 – 483 v. Chr.: Differenz ca. 5000 Jahre …

Die Lebensdaten Zarathustras sind umstritten, in Frage kommt ein Zeitraum von ca. 1800 v. Chr. bis ca. 600 v. Chr.. Im Geschichtsepochenheft ist für die „Urpersische Kulturepoche”, der Zarathustra zugerechnet wird, aber 5100 – 2900 v. Chr. angegeben, was in jedem Fall falsch ist.

An diesen wenigen Beispielen wird deutlich, dass im Geschichtsunterricht der Waldorfschule keine „Geschichte“ unterrichtet wird, was für jeden Laien ersichtlich ist, auch ohne Vorkenntnis der Anthroposophie. Hier würde man eigentlich kritische Nachfragen der Eltern erwarten – „Was soll das?!?” „LERNT mein Kind auch etwas in der Waldorfschule? Etwas anderes als diesen Humbug …”, aber offensichtlich werden diese Fragen nicht gestellt.

Wenn man die Grundlagen der Anthroposophie kennt, weiss man, dass in der Waldorfschule anthroposophische Geschichtsschreibung unterrichtet wird: Die „Kulturepochen“ und ihre Datierung – die in den Schülerheften lediglich kindgerecht gerundet ist –, sind Anthroposophie. Das Nachschlagewerk „ABC der Anthroposophie“ erklärt:

„Großeinteilung für die Bestimmung der historischen Rhythmik der Menschheitsgeschichte auf der Erde ist das Platonische Weltenjahr von 25920 Jahren. (…) Alles, was zeitlich angeordnet ist, das ist nach dem Maße und nach der Natur der Siebenzahl angeordnet. (…) Jede der sieben Kulturepochen entspricht nach Steiner der Zeit, die der Frühlingspunkt braucht, um ein Tierkreiszeichen zu durchwandern, also 2160 Jahren.“2

Die sieben anthroposophischen Kulturepochen im Überblick:

1. Urindische Kultur (7227 – 5067 v. Chr.)

2. Urpersische Kultur (5067 – 2907 v. Chr.)

3. Ägyptisch-Chaldäische Kultur (2907 – 747 v. Chr.)

4. Griechisch-Lateinische Kultur (747 v.Chr. – 1413 n. Chr.)

5. Germanisch-Angelsächsische Kulturepoche (1413 – 3573 n. Chr., unsere gegenwärtige Epoche)

6. Slawische Kulturepoche (3573 – 5733 n. Chr.)

7. Amerikanische Kulturepoche (5733 – 7893 n. Chr.)

Anthroposophische Zahlenmystik bestimmt den Geschichtsunterricht der Waldorfschule. Aber natürlich ist auch der Inhalt des Geschichtsunterrichts anthroposophisch.

Vielleicht – hoffentlich! – hat sich schon der ein oder andere gefragt, warum in der 5ten Klasse überhaupt „Buddha“ und „Zarathustra“ auftauchen. Ist das nicht eine hoffnungslose Überforderung der Schüler? Ist ein Zwölfjähriger in der Lage, das Wesen des „Buddhismus“ zu erfassen? Ich sage „ja“ – wenn man das wirklich will, und viel Zeit hat –, aber sicher nicht in der Form, wie in der Waldorfschule „Buddha“ unterrichtet wird: die Schüler erfahren im Geschichtsunterricht nicht wirklich etwas über den Buddhismus – oder den Zoroastrismus (die Lehre Zarathustras) – vielmehr haben die Schilderungen das Gepräge von Mythen und Märchen, ohne dass ein Fünftklässler aber in der Lage wäre, klar zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden. Lernziel ist es wohl, zu „erahnen“ – unbewusst zu verinnerlichen – dass die „Menschheitsentwickelung“ höheren, kosmischen Gesetzmäßigkeiten folgt: Geschichte als Religion.

Und das Motiv dafür, dass Buddha und Zarathustra in der Waldorfschule auftauchen, ist eindeutig religiös:

„Laut Steiner gab es nicht nur einen Jesus, sondern zwei, die beide um die Zeitenwende geboren wurden – einer in Bethlehem, der andere in Nazareth. Die Eltern hiessen in beiden Fällen Maria und Joseph. Der eine Jesus war eine Reinkarnation des alt-iranischen Religionsstifters Zarathustra, der andere stand mit Buddha in Verbindung. Mit 12 Jahren verliess die «Ichheit» des Zarathustra-Jesus seinen Körper und drang in den anderen Jesus ein. Dieses Wissen will Steiner dem geistigen Weltgedächtnis, der Akasha-Chronik, entnommen haben. Er formuliert ein 5. Evangelium, das die vier biblischen ergänzt, sie in ihrer Bedeutung laut Steiner aber übertrifft, weil er als Hellseher unmittelbare Erkenntnis beansprucht. Die biblischen Evangelien stammten zwar auch aus der Akasha-Chronik, seien durch fehlerhafte Abschriften aber verfälscht worden.“3

„Jesus“ – oder anthroposophisch, der „Christusimpuls“ –, ist für Rudolf Steiners „Menschheitsentwicklung“ unabdingbar, und im Geschichtsunterricht der Waldorfschule werden die Grundlagen für seine Geburt behandelt: Ohne es zu wissen, vollziehen Waldorfschüler also Steiners „5tes Evangelium“ nach, „lernen“, was der selbsternannte Hellseher Rudolf Steiner gesehen haben will …

Rassismus im Geschichtsunterricht der Waldorfschule

Historiker wie Peter Staudenmaier und Helmut Zander stellen die Rassenlehre Rudolf Steiners als ZENTRAL für die Anthroposophie heraus. Steiners esoterische Evolutionslehre – die „Menschheitsentwickelung“ – ist Beweggrund und Ziel der Anthroposophie, Zitat Staudenmaier:

„Ausgehend von Blavatskys4 entwicklungstheoretischem Ansatz baute Steiner eine Evolutionslehre der Völker- und Rassengruppen auf, wonach die menschliche Seele durch aufeinanderfolgende Verkörperungen in immer ‘höheren’ Rassen geistig wie leiblich fortschreitet. Diese Stufenleiter der Rassen steht IM MITTELPUNKT von Steiners esoterischem Verständnis der Gesamtentwicklung der Menschheit, vom Verhaftetsein in der Materie hin zur geistigen Vervollkommnung.”5

Zum Vergleich Helmut Zanders zusammenfassende Darstellung von Rudolf Steiners Rassenlehre, Zitat Zander:

„Steiner ordnete die Rassen einer Fortschrittsgeschichte zu, in der beispielsweise heutige Indianer als ‘degenerierte Menschenrasse’ im ‘Hinsterben’ (GA 105,106.107 [1908]) oder schwarze Afrikaner als defiziente Spezies der Menschen- und Bewußtseinsentwicklung, als ‘degenerierte’, ‘zurückgebliebene’ Rasse (ebd., 106) erschienen. Umgekehrt habe die weiße Rasse ‘das Persönlichkeitsgefühl am stärksten ausgebildet’ (GA 107,288 [1909]). Dies sind nur Kernsätze einer Rassentheorie, die Steiner 1904 erstmals formulierte, um sie 1910 in einem komplexen System und in zunehmender Abgrenzung zu theosophischen Positionen auszufalten. Mit seinem Ausstieg aus der Theosophie hat er diese Vorstellungen keinesfalls über Bord geworfen, sondern sie 1923 nochmals in Vorträgen vor Arbeitern des Goetheanum in vergröberter, ‘popularisierter’ Form wiederholt, aber ohne Revision im inhaltlichen Bestand. Die weiße war nun ‘die zukünftige, die am Geiste schaffende Rasse’ (GA 349,67 [1923]).“6

„Steiner formulierte mit seinem theosophischen Sozialdarwinismus eine Ethnologie, in der die Rede von ‘degenerierten’, ‘zurückgebliebenen’ oder ‘zukünftigen’ Rassen keine ‘Unfälle’, sondern das Ergebnis einer konsequent durchgedachten Evolutionslehre waren. Ich sehe im Gegensatz zu vielen Anthroposophen keine Möglichkeit, diese Konsequenz zu bestreiten.“7

Was bedeutet das für den Geschichtsunterricht in der Waldorfschule?

Geschichtsepochenhefte beginnen mit „Atlantis“. Dazu sagt der Anthroposoph Richard Karutz8 – mit dem Ziel, die Vereinbarkeit von anthroposophischer und nationalsozialistischer Rassenlehre herauszustellen: „Der Nationalsozialismus ist, vielen unbewusst, tatsächlich eine geistige Bewegung, Rassenbildung und Rassenschichtung in Europa gehen tatsächlich bis in jene atlantischen Zeiten zurück, von denen Rudolf Steiner spricht.“9

Im Kapitel „Unsere Atlantischen Vorfahren“ seines Buches „Aus der Akasha-Chronik“ spricht Rudolf Steiner von „Atlantis“ und den „Rassen“, Zitat:

„Die Vorfahren der Atlantier wohnten auf einem verschwundenen Landesteil, dessen Hauptgebiet südlich vom heutigen Asien lag. Man nennt sie in theosophischen Schriften die Lemurier. Nachdem diese durch verschiedene Entwicklungsstufen gegangen waren, kam der größte Teil in Verfall. Er wurde zu verkümmerten Menschen, deren Nachkommen heute noch als sogenannte wilde Völker gewisse Teile der Erde bewohnen. Nur ein kleiner Teil der lemurischen Menschheit war zur Fortentwicklung fähig. Aus diesen bildeten sich die Atlantier. – Auch später fand wieder etwas ähnliches statt. Die größte Masse der atlantischen Bevölkerung kam in Verfall, und von einem kleinen Teil stammen die sogenannten Arier ab, zu denen unsere gegenwärtige Kulturmenschheit gehört. Lemurier, Atlantier und Arier sind, nach der Benennung der Geheimwissenschaft, Wurzelrassen der Menschheit.“10

Rudolf Steiner, „Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis”, GA 100, Rudolf Steiner Verlag, Dornach Schweiz, 1981, Abbildung Seite 247

 

In Atlantis findet also eine Trennung der Menschheit statt, in auserwählte Menschen – „Arier“–, die die „Menschheitsentwicklung“ voranbringen, und andere Menschen, die dem „Verfall“ preisgegeben sind. Die für ihn zwangsläufige Entwicklung fasst Rudolf Steiner in den von Helmut Zander oben erwähnten „Arbeitervorträgen“ im Jahre 1923 so zusammen:

„Auf der einen Seite hat man die schwarze Rasse, die am meisten irdisch ist. Wenn sie nach Westen geht, stirbt sie aus. Man hat die gelbe Rasse, die mitten zwischen Erde und Weltenall ist. Wenn sie nach Osten geht, wird sie braun, gliedert sich zu viel dem Weltenall an, stirbt aus. Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse.“11

Im Geschichtsepochenheft liest sich die Auswahl der Menschen mythologisch verklärt so – Atlantis versinkt, und, Zitat Geschichtsepochenheft:

„Nur ein geringer Teil der Atlantier überlebte die große Flut und die Erdbeben. Diese hatten sich um Manu, den Sonnengeweihten, geschart. Er war dafür ausersehen, das helle Licht der Gedanken zu entfachen. Mit 7 heiligen Rishis führte er sie nach Osten.“

Zum Vergleich Rudolf Steiner:

„Das war nach der atlantischen Flut, als diese Kolonie nach Süden ging und dort die erste Kultur der nachatlantischen Zeit begründete, die erste Kultur unserer Zeitepoche. Die fortgeschrittenen Lehrer, die da mit hinunterzogen, die ersten großen Lehrer des alten Indien, sie nennt man die alten Rishis.“12

Die „erste Kultur der nachatlantischen Zeit“ ist, wie oben ausgeführt, die „Urindische Kulturepoche“. Das Geschichtsepochenheft beschreibt wie Rudolf Steiner eine fiktive Völkerwanderung der auserwählten Menschen: von Atlantis, das laut Steiner im Atlantischen Ozean lag13, zogen die Arier nach Indien.

Die in der Waldorfschule unterrichtete anthroposophische Kulturepochenlehre ist eine rein weisse Menschheitsgeschichte, eine Geschichte des auserwählten Teils der Menschheit. Aber auch bei den Auserwählten setzt sich die „Menschheitsentwicklung“ fort: Die Höherentwicklung der Menschheit lässt sich anhand der Ausbildung der anthroposophischen „Wesensglieder“ beschreiben.

Die 9 Wesensglieder im Überblick:

1. Physischer Leib

2. Äther-, Lebens- oder Bildekräfteleib

3. Seelenleib, Empfindungsleib oder Astralleib (im engeren Sinne)

4. Empfindungsseele

5. Verstandes- oder Gemütsseele

6. Bewußtseinsseele

7. Geistselbst (Manas)

8. Lebensgeist

9. Geistesmensch (Atma)

Bei der Ausbildung zum Waldorflehrer am „Seminar für Waldorfpädagogik Berlin“ wurden die zukünftigen Waldorflehrer auch mit der Bedeutung der „Wesensglieder“ für die „Menschheitsentwicklung“ in den aufeinander folgenden „Kulturepochen“ vertraut gemacht:

Im Fach „Kunstbetrachtung“, einer anthroposophischen Kunstgeschichte, erläutert der Gastdozent „Dr. Weiss“ [Name geändert] die Entwicklung der Steinerschen „Wesensglieder“ anhand von dafür typischen Kunstwerken: Die alten Ägyper besaßen noch ein „magisches Bewusstsein“, eine unmittelbare Verbindung zur „geistigen Welt“; bei den Griechen bildete sich die „Verstandesseele“ aus; und „um das Jahr 1413 herum begann mit der Entdeckung der Perspektive die Ausarbeitung der Bewusstseinsseele“. „Damit haben die Europäer eine Vorreiter-Rolle übernommen“, erklärt Dr. Weiss.

Im Zusammenhang mit der Perspektive präsentiert Dr. Weiss noch ein überraschendes Detail: auf nicht nachvollziehbaren Umwegen verortet er den eigentlichen Verdienst an der kulturhistorischen Leistung „Perspektive“ nördlich der Alpen, statt – wie allgemein üblich – in Italien. Aber auch das ist, Zitat Helmut Zander, „kein Unfall“, sondern Anthroposophie, Zitat „ABC der Anthroposophie“:

„Das Jahr 1413 bezeichnet nun den ungefähren Zeitpunkt, an dem sich in den Völkern des germanischen Kulturkreises die Bewußtseinsseele auszubilden begann. Sie weiter zu entwickeln ist die Aufgabe der bis in die Mitte des vierten nachchristlichen Jahrtausends dauernden Fünften nachatlantischen Kulturepoche.”14

Bis zum Jahre 3573 n. Chr. haben also die Völker des „germanischen Kulturkreises” die für die Menschheitsentwickelung alles entscheidende Funktion: die menschliche Evolution ist germanisch!

An dieser Stelle noch einmal der Historiker Helmut Zander:

„In der Konsequenz dieses Denkens lag auch Steiners Bestimmung des Judentums, das ebenfalls als evolutionshistorisch überholt galt (s. 8.3.2b), und in diesen Kontext gehören auch seine Völkerstereotypien, die gleichfalls hierarchisiert waren und die Deutschen als Avantgarde der Entwicklung sahen (s. 14.3.1a).“15

„Die Deutschen als Avantgarde der Entwicklung“: ist das damit gemeint, wenn sich die Waldorfschulen in der Öffentlichkeit so vorstellen: „Waldorfschulen als Vorreiter. Nicht mehr lernen, sondern das Richtige.“16?

 

Der Artikel ist ein Vortrag an der Universität Siegen, gehalten am 15.11.2012, auf Einladung des Fachschaftsrats für Geistes- und Gesellschaftswissenschaften für alle Lehramts-, Bachelor- und Master/Magisterstudierende.

 

Weiterführende Artikel der Ruhrbarone:

Waldorfschulen Bullshit-Bingo – Waldorfsprech für Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe

Waldorfschule in staatlicher Trägerschaft – offener Brief an Senator Ties Rabe, Hamburg

3 Jahre Rudolf Steiner ist „zum Rassenhass anreizend bzw. als Rassen diskriminierend anzusehen“  die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ (BPjM) entschied, dass Bücher Rudolf Steiners rassistischen Inhalt haben

Hitler, Steiner, Mussolini – Anthroposophie und Faschismus, gestern und heute  u. a. über die anthroposophische Beteiligung am Holocaust

Anthroposophie und Nationalsozialismus: „Die Waldorfschulen erziehen zur Volksgemeinschaft“  über die anthroposophische Zusammenarbeit mit nationalsozialistischen Organisationen



1 Das „Ich“ umfasst in dieser vereinfachenden Darstellung 3 Wesensglieder: „Empfindungsseele“, „Verstandes- oder Gemütsseele“, und „Bewusstseinsseele“ – siehe die vollständige Darstellung der 9 Wesensglieder weiter unten im Text

2 Adolf Baumann, „ABC der Anthroposophie“, Hallwag AG, Bern, 1986, Seite 208

3 Andreas Hirstein , „Ein Jesus aus Nazareth und einer aus Bethlehem“, Neue Zürcher Zeitung, Wissenschaft, 16. Januar 2011

4 Helena Petrovna Blavatsky (1831 – 1891), begründete die esoterische Weltanschauung „Theosophie“, deren rassistisches Konzept der „Wurzelrassen“ Rudolf Steiner übernahm und weiterentwickelte.

5 Peter Staudenmaier im Interview: „Anthroposophie und Faschismus“, „Humanistischer Pressedienst“, Nr. 13507, 07.06.2012

6 Helmut Zander, „Anthroposophie in Deutschland – Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884–1945“, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2007, Seite 631f

7 Ebd., Seite 636

8 Richard Karutz (1867 – 1945): Arzt, „Völkerkundler“, Rassist – Anthroposoph. Eine beschönigende Biographie findet sich bei der anthroposophischen „Forschungsstelle Kulturimpuls

9 Richard Karutz, „Gesellschaftliches Leben. Vorlesungen über moralische Völkerkunde“, Stuttgart 1934, Seite 5

10 Rudolf Steiner, „Aus der Akasha-Chronik“, GA 11, Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz, 1986, Seite 32

11 Rudolf Steiner, „Vom Leben des Menschen und der Erde – Über das Wesen des Christentums“, GA 349, Dritter Vortrag, Dornach, 3. März 1923

In diesem Vortrag wird die Wahnhaftigkeit von Steiners Rassismus deutlich, die Lektüre sei dringend empfohlen. Ein Beispiel, Zitat Rudolf Steiner:

„So daß also ein Schwarzer in Afrika ein Mensch ist, der möglichst viel Wärme und Licht vom Weltenraum aufsaugt und in sich verarbeitet. Dadurch, daß er das tut, wirken über den ganzen Menschen hin die Kräfte des Weltenalls so. (Es wird gezeichnet.) Überall nimmt er Licht und Wärme auf, überall. Das verarbeitet er in sich selber. Da muß etwas da sein, was ihm hilft bei diesem Verarbeiten. Nun, sehen Sie, das, was ihm da hilft beim Verarbeiten, das ist namentlich sein Hinterhirn. Beim Neger ist daher das Hinterhirn besonders ausgebildet. Das geht durch das Rückenmark. Und das kann alles das, was da im Menschen ist an Licht und Wärme, verarbeiten. Daher ist beim Neger namentlich alles das, was mit dem Körper und mit dem Stoffwechsel zusammen hängt, lebhaft ausgebildet. Er hat, wie man sagt, ein starkes Triebleben, Instinktleben. Der Neger hat also ein starkes Triebleben. Und weil er eigentlich das Sonnige, Licht und Wärme, da an der Körperoberfläche in seiner Haut hat, geht sein ganzer Stoffwechsel so vor sich, wie wenn in seinem Innern von der Sonne selber gekocht würde. Daher kommt sein Triebleben. Im Neger wird da drinnen fortwährend richtig gekocht, und dasjenige, was dieses Feuer schürt, das ist das Hinterhirn.“

12 Rudolf Steiner, „Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis“, GA 100, Rudolf Steiner Verlag, Dornach Schweiz, 1981, S. 141

13 ebd, Seite 124: „(…), was heute Atlantischer Ozean ist, früher Land gewesen sein muß, und daß in jenen Zeiten große Teile von Afrika nicht Land, sondern Meer gewesen sein müssen. Dafür bestand im Westen von uns das Land Atlantis, das sich zwischen Europa und Amerika ausbreitete.“

14 Adolf Baumann, „ABC der Anthroposophie“, Hallwag AG, Bern, 1986, Seite 191

15 Helmut Zander, „Anthroposophie in Deutschland – Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884–1945“, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2007, Seite 632

16 Walter Hiller, „Waldorfschulen als Vorreiter. Nicht mehr lernen, sondern das Richtige.“, In: „Pädagogische Führung“, 15 (2004) 3, Seite 121-123

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Rheinländer
10 Jahre zuvor

Ich wundere mich, das diese obskure Pädagogik erlaubt ist.
Kann es sein, das diese mit Montessori verwechselt wird ?
Alle Schulbücher müssen doch von den Landesbehörden genehmigt werden.
Abgesehen von der Finanzierung, wer erlaubt Privatschulen ?

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[…] “Geschichte in der Waldorfschule” auf Ruhrbarone.de: Wer sich schon immer gefragt hat, warum in der 5. Klasse der Waldorfschule Buddha und Zarathustra auftauchen und wieso dieser Schwachsinn unterricht wird, wird hier fündig. […]

Christian
Christian
10 Jahre zuvor

Sehe ich das richtig, daß ‘Atlantis’ und die ‘Rassen’ demnächst auch in der Staatsschule unterrichtet werden:

https://www.abendblatt.de/hamburg/hamburg-mitte/article2403251/Hamburg-gruendet-erste-staatliche-Waldorfschule.html

Hamburg gründet erste staatliche Waldorfschule

Thorsten
Thorsten
10 Jahre zuvor

Ich empfehle zum Thema Waldorfschule auch den Podcast Hoaxilla Folge 107.
https://www.hoaxilla.com

Benny
Benny
10 Jahre zuvor

@ Lichte

Senator Ties Rabe antwortet dir nicht. Antwortet ein „Okkultusministerium“?

Fritz Beckmannshagen, „Rudolf Steiner und die Waldorfschulen“, S. 29:

„Der Kenner der pädagogischen Psychologie und ihrer umfangreichen Entwicklungsforschung steht verblüfft vor diesem kargen Modell und fragt sich vergeblich, wie ein renommiertes Schulsystem seit über sechzig Jahren, unbekümmert um die Fortschritte der Wissenschaft, danach arbeiten kann. Möglicherweise liegt gerade in der Anspruchslosigkeit des „Gerätes“ seine Durchschlagkraft; dieses kann schließlich jeder begreifen und handhaben, auch ohne pädagogische Examen. Möglicherweise liegt sie auch in der okkulten Ableitung des ganzen oder aber in der schier unbegreiflichen ministeriellen Duldung und Förderung. (…)

Heute sind die Kultusministerien einiger Länder bezüglich der Waldorfschulen total unkritisch und unangemessen großzügig geworden. Ich kann mir dieses irrationale Verhalten nur erklären, indem ich vermute, daß an wichtigen Stellen der Ministerien stille Förderer der Bewegung sitzen und lenken, so daß man bald zutreffend von Okkultusministerien spricht“

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[…] Geschichte in der Waldorfschule: ‘Atlantis’ und die ‘Rassen’ – Vortrag von Andreas Lichte an der Universität Siegen […]

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[…] unserem Gastautor Andreas Lichte. Artikel übernommen mit freundlicher Genehmigung der Ruhrbarone. „Literatur und Fundstellen zum Geschichtsunterricht in der Mittelstufe an Waldorfschulen”, […]

André Sebastiani
André Sebastiani
10 Jahre zuvor

Dieser Unsinn sollte keinen Platz in staatlichen Schulen bekommen! Dafür gibt es jetzt eine Petition bei change.org:
https://www.change.org/de/Petitionen/gegen-die-geplante-staatliche-waldorfschule-in-hamburg

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[…] Geschichte in der Waldorfschule: ‘Atlantis’ und die ‘Rassen’ | Ruhrbarone. […]

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[…] und das Rätsel der Eiszeitkunst door het pedagogisch onderzoekscentrum van de steinerscholen in haar literatuurlijst voor de klassenleraar aanbevolen voor het geschiedenisonderwijs in het vijfde leerjaar. Momenteel […]

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[…] Geschichte in der Waldorfschule: ‘Atlantis’ und die ‘Rassen’ – Anthroposophie im Geschichtsunterricht der Waldorfschule […]

T. Majoor
T. Majoor
9 Jahre zuvor

Lichte erwähnte „eine fiktive Völkerwanderung der auserwählten Menschen“ (aus Irland), aber nicht das Zurückbleiben der archaischen Europäer: „Von dieser Stelle [des heutigen Irlands] aus verbreiteten sich die Atlantier über Europa hin nach Asien. Die Menschenknochen, welche man im Neandertal gefunden hat, sind solche, welche von den Nachkommen der Atlantier herrühren, sie haben noch eine weit zurückliegende Stirn“ (GA 97,156 [1906]). „Die Fortgeschrittensten wanderten nach Asien und vermischten sich dort auf mannigfache Weise mit denen, die auf anderen Wegen hinübergekommen waren“ (GA 105,108 [1908]). Es handelt sich hier vielleicht um historische Migrationen, erbliche Mischungen und erworbene Modifikationen (vgl. z.B. die keltischen Tarim-Mummien in Centralasien).

Ebensowenig vermeldete Lichte die ursprüngliche, griechische Jahrsiebte-Lehre (Hebdomaden, Gr. hebdomas) des Dichters Solon: „Knabe zuerst ist der Mensch, unreif: da wirft er der Zähne“ etc.

‚Zwei Jesus‘ bezieht sich auf die gegensätzlichen Geburtsgeschichten bei Lukas (Hirten) und Matthäus (Könige).

T. Majoor
T. Majoor
9 Jahre zuvor

Atlantis sei zu verbinden mit dem geologischen Zeitalter Tertiär (Paläogen und Neogen) und die Atlantische Flut mit dem Eiszeitalter (postglaziale Landhebung). Das Platonische Weltenjahr hänge zusammen mit der Präzession der Erde (eine der Milankovic-Zyklen) und die urindische (Mehrgahr) und urpersische (Susa) Kulturepoche mit der indoeuropäischen Jungsteinzeit (Neolithikum). Bei der prähistorische Völkerwanderung der auserwählten Menschen (Y-Haplogruppe R1) aus der Nähe von Irland (Porcupine Bank, Rockall) handele es sich um andere Europäer (Ackerbauer, Hirten) als die frühen Europäer der Altsteinzeit (Jäger-Sammler):

“Vergegenwärtigen wir uns noch einmal, wie der Mensch lebte in jener Zeit, die jetzt mehr als acht- oder neuntausend Jahre hinter uns liegt. (…) Diese [urindische] Kultur, von der wir hier sprechen, stand unmittelbar unter dem Einfluß der atlantischen Flut oder der großen Eiszeitepoche, wie sie in der modernen Wissenschaft genannt wird.“ (GA 104,69). “Insbesondere gegen das Ende der atlantischen Zeit trat eine mächtige Abkühlung ein.“ (GA 101,20). “… das Becken des Atlantischen Ozeans und die Westküste von Europa einfach Senkungsland ist. (…) Von dem Begriff des Rhythmus gehen wir aus. Wir zeigen, daß die britischen Inseln viermal auf und abgestiegen sind. Da kommen wir zurück zu dem Begriff der alten Atlantis, auf geologischem Wege. (…) Die ältere, mittlere und neuere Eiszeit, das ist nichts anderes als das, was vorgeht in Europa, während die Atlantis untersinkt. Das ist gleichzeitig, also im 7., 8. Jahrtausend. (…) Sie haben in der Tertiärzeit die erste und zweite Säugetierfauna, und Sie brauchen bloß das zu ergänzen, was über den Menschen gilt. Sie können das schon parallelisieren. Die Tertiärzeit können Sie gut mit der Atlantis parallelisieren und die Sekundärzeit können Sie parallelisieren im wesentlichen, nicht pedantisch, mit dem, was ich schildere als lemurische Zeit.” (GA 300a,85-87). “Nun darf man nicht glauben, daß das, was herüberzog aus dem Westen als letzter großer Völkerzug, daß dieser auf den Gebieten, die sich nach und nach als Asien, Europa, Afrika gebildet haben, keine Völker angetroffen hätte. Fast ganz Europa, die Nordteile Afrikas und große Teile Asiens waren damals schon bevölkert.” (GA 106,14).

Rosanna Dittrich
Rosanna Dittrich
3 Jahre zuvor

Bin soeben zufällig auf diesen Artikel gestoßen und mir dreht sich doch fast der Magen um…

Ich bin eine 23 Jährige Studentin der Waldorfpädagogik, angehende Klassenlehrerin.
Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen, ABER: Es ist ganz klar und eindeutig zu unterscheiden zwischen Rudolf Steiners Weltanschauung im anthroposophischen Zusammenhang und der Waldorfpädagogik !
Selbstverständlich sollte den Kindern in der Geschichtsepoche deutlich gemacht werden, dass Atlantis ein Mythos ist und sie sollten sensibel gemacht werden, für die Entwicklungsstufen der Welt und der Menschheit…
Man, bin wirklich sehr geschockt! Das es Lehrer gibt (alt eingesessene Ur- anthros) die das eventuell falsch verstehen, ist traurig, aber entspricht nicht der Wahrheit darüber, was Waldorfschule sein und vermitteln soll.
Waldorfschule soll, ganz im Gegenteil zu einem Vorschreiber hier, zur Freiheit erziehen. Die Kinder sollen in ihrem Lern- und Entwicklungsprozess lediglich unterstützt werden. Und eben nicht einfach Wissen vorgekaut aufnehmen und eins zu eins übernehmen.
Sie sollen sich kritisch mit Theman auseinandersetzen und sich am Ende ein eigenes Bild machen.

Waldorfschule kann eine so so große Chance sein! Und die Anthroposophie ist lediglich eine Idee die Welt anzuschauen. Sie hat aber keinesfalls im Unterricht stattzufinden sondern höchstens in den Köpfen der Lehrpersonen.

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