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Kein Sommermärchen, bitte!

WM 2006: Fans im Autokorso Foto: Elke Wetzig (Elya) Lizenz: CC BY-SA 3.0


Deutschland und die Nationalelf. Diese Fußballsymbiose ist in den letzten Jahrzehnten vor allem durch Kampfgeist, Moral und die gute Stimmung im Team geprägt. „Wir können lang anhaltend auf ein Ziel hinarbeiten“, so resümierte mal Nationalstürmer und Ex-Teamchef Rudi Völler in einem Interview. Als kleinen Rückblick nach dem Motto „Tore, Terrier und Trillerpfeifen“ gibt es hier ein kleines und persönliches Andenken an alle Fußball-Weltmeisterschaften seit dem Jahr 1974. Nur in diesem Jahr hat unser Autor kein Bock auf die ekligen Putin-Spiele. 

WM 1974. Ich bin fünf Jahre alt und gehe in den Bonifatius-Kindergarten. Die Mannschaft der Niederlande spielt während des Fifa-Turniers im neu gebauten Dortmunder Westfalenstadion drei Partien. Die in ‚oranje’ gekleideten Fans bestimmen eindeutig das Bild in Dortmund-Mitte. Speziell im Alten Mühlenweg und der näheren Umgebung, da, wo wir wohnen. Ich kann mich sehr gut an eine Szene erinnern, wo ein dunkelblauer Pritschenwagen eine Ladung wild jubelnder Holland-Fans auf der Ladefläche die Hohe Strasse hoch in Richtung Westfalenhalle transportiert. Im Baugeräte-Geschäft meiner Eltern kaufen sich mehrere holländische Fans orangefarbene Bauhelme als Kopfbedeckung für ihr Schlachtenbummler-Outfit. Am Ende erhält Spielführer Franz Beckenbauer den Weltcup aus den Händen von Bundespräsident Walter Scheel.

WM 1978. Ich bin neun Jahre alt und besuche die Liebig-Grundschule. In meiner Parallelklasse gibt es einen Jungen, der im Sportunterricht ein Trikot vom argentinischen Goalgetter Mario Kempes trägt. Die taubenblauen Längsstreifen, die sich mit weißen abwechseln, faszinieren mich total. Tagelang hänge ich meiner Mutter in den Ohren, dass ich nichts sehnlicher wünsche, als ein Mario-Kempes-Trikot. „Das ist zu teuer“, so zumindest die Worte meiner Mutter, außerdem würde ich viel zu schnell daraus wachsen. Sie hat eine bessere Idee und schenkt mir ein T-Shirt mit dem Konterfei von Berti Vogts, den alle nur den „Terrier“ nennen. So sind Mütter, sie haben zwar keine Ahnung, meinen es aber immer gut. Am Ende wird Argentinien unter der Leitung von Trainer und Kettenraucher Cesar Luis Menotti Weltmeister.

WM 1982. Ich bin 13 Jahre alt und trage gerne Badges an meiner Jeansjacke. Neben Lieblingsbands wie Trio oder AC/DC prangt vor allem das verschmitzte Naturburschengesicht von Hans Peter Briegel an meinem Kragen. Die deutsche Fußballnation wankt am 25. Juni, als die Nationalmannschaft nur ein müdes Spiel gegen Österreich präsentiert. In der 11. Minute trifft Horst Hrubesch zum 1:0, danach passiert so gut wie nichts mehr auf dem Spielfeld. Der ARD-Kommentator Eberhard Stanjek weigerte sich ab einem gewissen Zeitpunkt, das Spiel weiter zu kommentieren. „Was hier geboten wird“, so Stanjek, „das hat mit Fußball nichts mehr zu tun.“ Die rund 41.000 Besucher in Gijón wedeln fast die gesamte zweite Halbzeit mit weißen Tüchern. Ein typischer Brauch auf der iberischen Halbinsel, um Unmut zum Ausdruck zu bringen.

WM 1986. Ich bin 17 Jahre und habe durch den starken Einfluss amerikanischer Punkmusik wenig für den Kapitalismus und seine sportlichen Auswüchse über. Vor allem die Rekord-Ablösesumme von 24 Millionen DM, die der SSC Neapel für Diego Maradona ausgibt, erschüttern mein Weltbild zutiefst. In einer asketischen Zäsur entledige ich mich meiner kompletten Fußballsammlung, als seien dies Machenschaften des Teufels oder noch schlimmer: heuschreckhafte Hedge-Fonds. Die Phase reicht sogar bei mir bis zum Vegetarismus, ein derart überambitioniertes System konnte ja nur kläglich scheitern. Inzwischen habe ich mir über die Jahre alles essentiell Wichtige wieder zusammengesammelt, die Autogrammkarten von Erwin Kostedde oder Branco Zebec wurden ersetzt. Ich besitze heute sogar ein Maradona-Kartenspiel und esse gerne mal eine Bratwurst zu viel.

WM 1990. Ich bin 21 und absolviere den Zivildienst in den städtischen Kliniken an der Beurhausstrasse. Im Garten meiner Mutter organisieren wir mit ein paar Freunden ein Grillfest, die Spiele werden auf meinem alten tragbaren Schwarz-weiß Fernseher geschaut. Ab und zu wackelt das Bild. Strotz Schnee und Bildstörungen bleibt vor allem die Vorstellung von Guido Buchwald als Manndecker von Diego Maradona unvergesslich. Deutschland wird durch eine kompakte Mannschaftsleistung am Ende Weltmeister. Guido Buchwald nahm das gelassen und philosophierte federleicht: „Am schwersten trägt man eben meist an dem, was man auf die leichte Schulter nimmt.“ Schwer zu verstehen war für mich im neu geeinten Deutschland die Mode, zum WM-Sieg die Deutschlandfahne zu schwenken. Das machen doch eigentlich nur die politischen Rechtsaußen, oder?

WM 1994. Ich bin 25 und studiere in Dortmund vor allem Wirtschaftswissenschaften und das Nachtleben. In der Hafenschänke subrosa sehe ich viele Spiele. Marcel Reif kommentiert am 10. Juli die Partie Deutschland gegen Bulgarien und sagt nach wenigen Minuten über den Gegner vom Balkan: „Man darf sich nicht von Ihnen einlullen lassen.“ Obwohl das Nationalteam unter der Leitung von Bundestrainer Vogts in der 48. Spielminute in Führung geht, musste sich der Deutschland-Adler am Ende geschlagen geben. Die Bulgaren besiegten Völler & Co. in diesem Viertelfinale mit 2:1 durch Tore von Stoitchkov (76.) und Letchkov (78.). Auch der inzwischen 33-jährige Diego Maradona hat einen skandalösen Auftritt während dieser WM. Er wird nach der Partie gegen Nigeria des Dopings überführt und für den Rest des Turniers gesperrt.

WM 1998. Ich bin 29 und bin nach Jahren in der Dortmunder Nordstadt an den Westpark gezogen. In meiner Küche hängt eine riesige Fahne vom brasilianischen Fußballverband, ein ehemaliger WG-Kumpel hat mir diese geschenkt. Die brasilianische Mannschaft startet zwar schwach ins Turnier, schafft es aber ins Finale gegen Frankreich. In dieser Partie scheiterten die Brasilianer. Insbesondere Ronaldo, der zuvor zum besten Spieler des Turniers gewählt worden war, wirkte streckenweise lethargisch. Als deutsche Hooligans im nordfranzösischen Lens den Polizisten Daniel Nivel lebensgefährlich verletzten, stockt der Atem der Bundesrepublik. Nivel überlebt den Vorfall, ist heute schwerbehindert und kann sich an nichts mehr erinnern.

WM 2002. Ich bin 33 und wohne in der Bochumer Innenstadt, wo die Szenekneipe Gräfen & König schon ganz früh morgens öffnet. Schließlich will man als Zuschauer schon ganz früh morgens in den Genuss der Quartalsdroge Fußball-WM kommen. Deutschland steht im Finale gegen Brasilien und verliert durch zwei Ronaldo-Tore. „War es der angefeuchtete Boden oder die Handverletzung von Oliver Kahn? Unser kleines Drama hat den ersten Höhepunkt“, so kommentiert Sat1-Reporter Werner Hansch den ersten Brasilien-Treffer in der 67. Minute für die deutschen Fernsehzuschauer. Dieses Endspiel wurde vom kahlköpfigen Schiedsrichter Pierluigi Collina geleitet. „Ich habe immer versucht“, sagte der italienische Referee in einem Interview, „jede Partie – und dazu gehört auch das Finale einer Weltmeisterschaft – als ein ganz normales Spiel zu betrachten.“

WM 2006. Ich bin 37 und zwei Monate nach der WM wird meine Tochter Lola geboren. „Wenn es schon kein Junge ist, bekommt deine Kurze wenigstens den Namen einer Spielerfrau“, unkt mir ein fußballverrückter Gefährte entgegen. Mit ein paar Arbeitskollegen kommen wir an heiß begehrte Tickets für das Halbfinale im Dortmunder Signal-Iduna-Park – Deutschland gegen Italien. Vor dem Spiel sehe ich in Höhe der Westfalenhalle noch Breiti von den Toten Hosen, nach dem Spiel treffen wir am Bahnhof im Vorbeigehen noch den Merchandiser der besten Band der Welt: Die Ärzte. Das Spiel ist dann alles andere als Funpunk. Deutschland verliert in der Verlängerung mit 2:0 gegen Italien. Mit Müh und Not bekommen Freund Tommy und ich noch im Regionalexpress unsere Fahrräder nach Bochum verklappt. Tommy ertränkt den Abend in der Bochumer Kneipe Freibeuter. Ich gehe nach Hause und habe unglaublich schlechte Laune.

WM 2010. Ich bin 41 und freue mich über die tolle Spielweise des deutschen Teams. Wie Khedira, Müller und Özil fast schon „brasilianisch“ kombinieren, ist in der nationalen Fußball-Historie nahezu einmalig. Meine Tochter Lola freut sich auch. Mit der Nagelschere hat sie die Startelf mit Neuer, Podolski und Schweinsteiger aus dem Kicker ausgeschnitten und mit Lillifee-Aufklebern an ihre Zimmertür geheftet. Vor allem schwärmt sie für Cacau. Jedes mal wenn wir in der Fußgängerzone sind und einen Afrikaner sehen, sagt sie: „Schau mal Papa, da ist schon wieder Cacau.“ In einem Sportgeschäft will ich für Lola ein Original-Adidas-Trikot vom Nationalteam kaufen. Der Preis von 54 Euro schreckt mich ab und ich lasse erschrocken den Sweater hängen. So sind Väter, sie haben zwar keine Ahnung, meinen es aber immer gut.

WM 2014. Ich bin 45 und nicht richtig gut drauf. Meine Scheidung liegt gerade hinter mir und die Betonwand in meinem Kopf überstrahlt alles in einem matten Grauton. Zwei Jahre zuvor habe ich es übertrieben. Zum ersten mal sah ich bei der EM wirklich jedes Spiel, jeden Abend gab es Bier und eine dazugehörige Fett- und Filzlastige Ernährung, welche auch Josef Beuys für seine berühmten Plastiken nutzte. „Cholesterin haben doch nur die Chinesen erfunden, damit sie uns mehr Tofu verkaufen können“, sagte mal ein Bekannter in der Kneipe. Aber China ist diesmal (noch) nicht dabei und Deutschland spielt oftmals wahnsinnig gut. Das Endspiel schaue ich mit meiner Tochter in Altenbochum bei Freunden. Es gibt vorab eine Stehparty im Garten mit unzähligen Grillwürstchen und noch mehr Bier. Am Ende gewinnt Deutschland – und ich, der ein nachgemachtes 1978er Retro-Argentinien-Trikot trägt, wird plötzlich ein Leibchen mit Deutschland-Fahne übergestreift. Meine Tochter strahlt. Ich sage zu ihr: „Diesen Moment musst du ganz doll festhalten, im Leben wird man nicht oft Weltmeister. Für mich ist es auch erst das dritte Mal.“ Weil kein Taxi kommt, fahre ich tatsächlich noch. Am nächsten Morgen erfahre ich, dass beim Autocorso über den Nordring ein übereifriger Fan aus dem Kofferraum gefallen ist. Nur gut, dass unser Heimweg ohne weitere Vorkommnisse verlaufen ist.

WM 2018. Ich bin 49 und habe ehrlich gesagt keinen Bock auf die WM. Putin spielt sich auf wie ein Imperator. Um seine Allmachtsphantasien zu unterstützen, braucht er das Sportereignis um sein Sowjetreich als Weltmacht zwischen Gazprom-Geschäften, Giftgas-Angriffen in Syrien und der Krim-Annexion positiv aufzuladen. Es ist so schlecht. Noch schlechter ist, wie sich Mesut Özil und Ilkay Gündogan als PR-Handlanger für Erdogan angedient haben. Der Herrscher vom Bosporus hat in der jüngeren Vergangenheit etliche Oppositionelle und Journalisten, zum Teil ohne Angabe von Gründen, inhaftieren lassen. Auf Facebook hatte Gündogan sehr hölzern probiert sich für sein Erdogan-Fanboy-Selfie zu entschuldigen. „Ich habe gesagt, dass ich mich zu Deutschland und der deutschen Nationalmannschaft bekenne, aber durch meine Familie auch eine türkische Seite in mir habe. Ganz ehrlich, ich respektiere die Liebe meiner Eltern zu ihrer Heimat und zu ihrem Dorf, in dem auch meine Großeltern noch leben und das für meine Familie ein zweites Zuhause nach Gelsenkirchen ist“, schrieb der Profi. Das er zur Zeit sein Geld ganz im Stile eines Geschäftsmanns in eine Shopping-Mall in der Türkei anlegt – das hat er dort besser nicht geschrieben. Statt der WM werde ich diesen Sommer mehr lesen. Die Biografie von Jürgen Klopp liegt bereits auf meinem Nachttisch.

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8 Kommentare zu “Kein Sommermärchen, bitte!

  • #1
    Michael

    "Die Biografie von Jürgen Klopp liegt bereits auf meinem Nachttisch."

    Kann ich gut verstehen: Der Tisch wackelt.

  • #2
    thomas weigle

    Argentinien wurde 2x Weltmeister, 78 u.a. dank eines mehr als ominösen 6.0 gegen Peru, sonst wäre man nicht ins Endspiel gekommen und 86 dank der HAND GOTTES. Alles in allem mindestens so fragwürdig wie das schandbare 1:0 der DFB-11 82 gegen die "Ostmark."
    Und Klopp? schon sein dämliches Lachen im Vermögenswerbespot und sein HB-Männchen- Gehabe an den Seitenlinien würde mich als Nichtraucher eher zur HB als zu seinem Buch greifen lassen.

  • #3
    Klaus Lohmann

    @#2 thomas weigle: Von Tuchel, Bosz und Stöger hätte ich mir aufgrund der durch und durch gurkigen Truppe weeeesentlich mehr HB-Männchen gewünscht;) Und von Favre darf ich mir in dieser Richtung wohl erst gar nix groß erwarten:(

  • #4
    thomas weigle

    @Klaus Lohmann Eine "gurkige Truppe" wird auch durch ein HB-Männchen an der Seitenlinie nicht "weeeesentlich" besser!!!!

  • #5
  • #6
    ke

    @5 K. Lohmann:
    Gut, in den ersten paar Monaten ist das noch interessant, aber irgendwann wird es auch zum Fremdschämen.

    Den WM Rück-/Ausblick kann ich gut nachvollziehen.
    Die Begeisterung für die WM ist wohl trotzdem da. Immerhin waren Zuschauer beim Spiel gegen Saudi Arabien im Stadion.

  • #7
    JensN:

    Schon wieder die üblichen Unterstellungen und Lügen über Russland. Ihr lernt wohl nie dazu oder?! Aber es sagt eine Menge über den Autor aus, wenn er die Angliederung der Krim – die ja Ewigkeiten urrussisches Gebiet war und auf der 90 Prozent Russen leben, als "Annexion" tituliert. Ihr wisst hoffentlich schon, das der Aufstand auf dem Maidanplatz vom achso friedliebenden Westen mit seinen NGO`s angefacht und befeuert wurde?! Hätte der "böse Putin" die Krim nicht an Russland angegliedert, stünden dort heute Nato- Raktensilos direkt vor Russlands Haustür. Und das kann wohl kaum in Russlands Interesse sein. Von daher war es keine Annexion, sondern pure Notwehr gegen eine aggressiv auftretende Nato, die früher mal sowas wie ein Verteidigungsbündnis war, heute aber als Aggressor fungiert.

  • #8
    Klaus Lohmann

    @JensN: Das ging ja schnell bei Ihnen – schon bei der Wortschöpfung "Angliederung" konnte man mit dem Lesen aufhören.

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