Konzerthaus Bochum: Seid verschlungen, Millionen…

Das Konzerthaus Bochum heißt jetzt Musikzentrum. Leisten kann es sich Bochum trotzdem nicht.

Eines vorweg: Der Bau des nun Musikzentrum genannten Konzerthauses Bochum ist keine Katastrophe. Eine Katastrophe für Bochum wird der Bau des geplanten ECE-Einkaufszentrums auf der Fläche des heutigen Landgerichts ein paar Meter weiter die Straße herunter. Das Konzerthaus wird eine peinliche Baulücke gegenüber des Bermudadreiecks schließen. Es wird die eher schlichte Innenstadt architektonisch bereichern. Die Bochumer Symphoniker bekommen eine attraktive Spielstätte. Und die Marienkirche bekommt auch noch eine sinnvolle Nutzung und wird in das Konzept mit integriert.

Möglich wird der Bau, über den in Bochum seit Jahrzehnten diskutiert wird, weil das Land insgesamt 16,6 Millionen Euro dazu gibt: 6,5 kommen aus EU Mitteln, 0,5 Millionen direkt vom Wirtschaftsministerium und 9,6 Millionen vom Städtebauministerium für den Umbau der Marienkirche. 14,3 Millionen wurden gespendet. 2,4 Millionen packt die Stadt oben drauf. Insgesamt 33 Millionen Euro wird das Musikzentrum kosten. Heute. Auf dem Papier. Wenn es am Ende über 50 werden, wird wahrscheinlich niemand überrascht sein.

Das Musikzentrum soll nun mit seinen über 1000 Plätzen nicht nur den Symphonikern und der klassischen Musik zur Verfügung stehen, sondern allen Musikrichtungen. Das finde ich gut – zumal so die Innenstadt belebt wird.

Alles ok? Nö. Bochum muss im Gegenzug zu den Landesmillionen die Jahrhunderthalle übernehmen. Auch die muss bespielt werden, wenn man die Zuschüsse begrenzen will und dann ist da noch der defizitäre Ruhrcongress. Die Frage, woher all die Veranstaltungen und Besucher in einer schrumpfenden Stadt die in einer schrumpfenden Region liegt herkommen sollen, liegt auf der Hand. Die Antwort: Der Wettbewerb zwischen den hochsubventionierten Kultureinrichtungen im Ruhrgebiet um Zuschauer und Veranstaltungen wird größer werden. Und die zu erwartenden Defizite werden die Stadtkassen belasten. Nicht nur in Bochum – auch in Dortmund und Essen werden sie das neue „Musikzentrum“ spüren. Einmal mehr hätte ein regionale Planung Sinn gemacht. Aber die will ja niemand.

Und dann ist Bochum schlicht und ergreifend pleite. Es kann sich den Unterhalt  eines solchen Hauses nicht leisten. Schon heute reicht das Geld nicht aus, die bestehenden Kultureinrichtungen vernünftig zu fördern. Die Freie Kultur wird in den kommenden Jahren massiv sparen müssen. Neue Projekte wie Rottstraßentheater sind nicht einmal mittelfristig abgesichert – hier könnte mit einem Bruchteil der Musikzentrumsgelder viel erreicht werden. Über die Stadtbücherei, die Schulen und das Versagen der Räumdienste will ich gar nicht reden. Auch nicht über den miserablen Zustand vieler Straßen.

In Bochum, im Ruhrgebiet und im Land will man wieder Geld ausgeben. Geiz ist nicht mehr geil. Zwar hat man kein Geld, aber haut es trotzdem raus: Für den Aufbau eines komplett Kreditfinanzierten neuen Energiekonzerns, für Konzerthäuser, für üppig besetzte Verwaltungsspitzen und vieles andere mehr. Die Bürger haben dieser Politik ihre Stimme gegeben. Und da im Ruhrgebiet die Zahl der Transferempfänger die der Steuerzahler übersteigt, wird es den meisten egal sein, wofür die öffentlichen Mittel ausgegeben  werden. Es ist ja nicht ihr Geld.

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55 Kommentare

  1. #1 | Wolfgang Wendland sagt am 29. Dezember 2010 um 10:19 Uhr

    Diese Entwicklung ist wenig überraschend, ich zitiere mein Haushaltsrede in der BV Wattenscheid in der Sitzung vom 2. 11. 2010:
    „es geht nicht wirklich um eine Haushaltskonsolidierung, sondern eigentlich nur darum den Haushalt soweit in den Griff zu bekommen um weiterhin Unsinn kaufen zu können.
    Das Konzerthaus ist noch nicht gebaut, die Jahrhunderthalle brauch ein Parkhaus und es wird Dinge geben, die man sich heute noch nicht vorstellen kann, die aber bezahlt werden und mit Daseinsvorsorge rein gar nichts zu tun haben.“

  2. #2 | BesorgterBürger sagt am 29. Dezember 2010 um 10:39 Uhr

    und wiedermal entpuppt sich „Metropole Ruhr“ als Mythos.

    wenn ich aus BrandEins kopieren darf…
    „Zahl der Opernhäuser weltweit 560
    davon in Deutschland 84
    Betrag, mit dem eine Eintrittskarte für die Oper hierzulande durchschnittlich subventioniert wird, in Euro 100“

    wir haben generell in Deutschland schon einen Überbedarf an hochsubventionierten Kultureinrichtungen, besonders im Ruhrgebiet.

    naja. wat will man machen.
    Wieder ein Nagel mehr im Sag.
    wenn die gut ausgebildete Jugend dann noch abwandert, kann man den Laden dicht machen, oder der Solizuschlag Ruhrgebiet muss her 😉

    und diese Heuchelei der Städte immer „Wir haben Kein Geld. Gebt uns welches. Sonst können wir unseren Aufgaben nicht nachkommen.“ Zwar was Wahres dran, aber wnen man sieht, wieviel Geld zum Fenster rausgeworfen wird, das nicht den Kernaufgaben einer Kommune angehört…

  3. #3 | Eva sagt am 29. Dezember 2010 um 11:03 Uhr

    Wie fest müssen Bochumer Lokalpolitiker beide Augen zugedrückt haben, als sie zum Rathaus gefahren sind und dort den Beschluss fassten, dieses unsinnige Konzerthaus nun doch zu bauen? Auf dem Weg dorthin dürften sie an unzähligen Schlaglöchern, verwahrlosten öffentlichen Gebäuden und aktuell an riesigen Schneematschhaufen in ungeräumten Straßen vorbeigekommen sein. Diese Probleme werden nicht nur nicht angegangen, sie werden noch nicht mal klar benannt. Im Rottstraßentheater scheint noch keiner der Ratsherren und -damen gewesen zu sein, ansonsten wüssten sie, welches Juwel sie da am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Welche Ignoranz. Statt dessen ein weiteres Konzerthaus im Ruhrgebiet, das das Problem des bereits jetzt bestehenden Überangebots weiter verschärfen wird. Von der tiefen Liebe und der tiefen Verzweiflung, die das Ruhrgebiet laut Bundestagspräsident Lammert gleichzeitig auslösen kann, bleibt im Moment nur die Verzweiflung.

  4. #4 | Urmelinchen sagt am 29. Dezember 2010 um 11:30 Uhr

    Nun bekommen sie also ENDLICH ihr Konzerthaus, die lieben Bochumer. Man ist wieder „wer“. Herr Sloane, den wir nun schon seit bald 20 Jahren als GMD (er)tragen müssen und der als einer der vier Direktoren der Kulturhauptstadt gerade noch das Loblied auf die Metropole Ruhr sang, Dr. Otti und Co. setzen sich mit dem schnuckeligen Musikzentrum ein kleines städtisches Denkmal, das auf Weiteres die Handlungsunfähigkeit dieser Stadt einmal mehr konsolidieren wird.
    Nichts gegen ein Musikzentrum, aber nicht vor diesem Hintergrund. Was glauben denn die lieben Ratsmitglieder: Ein Mehr an Einrichtungen erzeugt auch ein Mehr an Besuchern? Wie schon der Artikel bescheinigt, die Städte werden sich noch mehr das Wasser abgraben. Wer einmal ein Konzert in der Essener Philharmonie erlebte, das nur von ca. 200 Personen besucht wurde, der weiß wovon ich spreche.
    Zugleich kann man das Land nur beglückwünschen, ein feiner Deal, der ihnen da gelungen ist. Mit einer Einmalzahlung haben sie sich aus der Unterhaltung und Vermietung der Jahrhunderthalle „rausgekauft“. Gut, für die meisten Idiotien braucht es zwei Seiten, in diesem Fall die Bochumer, die auf diesen Deal eingegangen sind, in dem Glauben, hier doch „fette“ Subventionen absahnen zu können.

    Auch ist das mit diesem Bau verbundene Wunschdenken, man würde mit derartigen kulturellen Einrichtungen der Abwanderung von Gutausgebildeten etwas entgegen setzen oder gar Investoren anlocken können, geradezu von einer drolligen Naivität. Als ob das Schließen dieser Baulücke alle anderen und die daraus resultierenden Defizite ungeschehen machen könnte: Erhöhung des Musikschulbeitrags, Einsparungen bei der freien Szene und der Jungendarbeit, Schließung der Stadtbüchereiniederlassungen, Erhöhung der Schwimmbadtarife, usw. die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

    Eines kann man den Stadtoberen jedoch zugute halten: In ihrer Misswirtschaft beweisen sie Konsequenz. Nichts und niemand, nicht einmal die Schlaglöcher können ein Umdenken bewirken und sie von ihrem Tun abhalten.

    PS:
    Der „Ruhri“, um einmal den vom lieben Herrn Scheytt inflationär gebrauchten Begriff zu verwenden, wäre von Prof. Grzimek vielleicht folgendermaßen angekündigt worden: „Der Ruhri, dieses possierliche Tierchen, verteidigt sein Revier, über das er mangels Sehvermögen nicht hinausblicken kann, aufs Äußerste und träumt doch zugleich von der großen weiten Welt.“

    PS: Noch ein kleiner Nachtrag zu Herrn Sloane: Der ehrenwerte GMD, dem die musikalische Zukunft Bochums ja so am Herzen liegt – vor allem die der Jugend, hat vor nicht allzu langer Zeit einen neuen Vertrag ausgehandelt: 15% Gehaltserhöhung bei 15% weniger Dirigatsverpflichtung. Das muss man verstehen, der gute Mann kommt dem selben Job nämlich noch einmal in Stavanger nach. Um diese Doppelbelastung möglichst effizient zu handhaben, versucht man die Programme ähnlich zu gestalten. Daher auch immer diese nichtssagenden Titel wie „Open Space“, „Open Minds“ oder wie jetzt „Open Doors“, unter die man alles packen kann; gerne auch Wagner, dessen Antisemitismus im Rahmen eines größeren Projekts im Frühjahr beleuchtet werden soll. Herr Sloane verkaufte dies jüngst in der WAZ als die große provokative Innovation. Niedlich!
    Ach ja, die neu entdeckte Jugend rettet ihm übrigens immer hinsichtlich Besucherzahlen den Allerwertesten, deshalb auch das ganze „Education-Gesabbel“.

  5. #5 | Hermann Schibulski sagt am 29. Dezember 2010 um 11:37 Uhr

    Ausgehend vom geplanten Standort des Musikzentrums ist das Konzerthaus Essen (Saalbau) 17 Minuten entfernt und das Dortmunder Konzerthaus ist in 25 Minuten zu erreichen.

    Bochum ist pleite, hochdefizitär, ineffizient in der Verwaltung, ein Versager in der Wirtschaftsförderung und ohne Strategie für die Zukunft. Das einzige was Bochum kann, ist Zu-spät-kommen (Konzerthaus) und das Veruntreuen von Geldern (Kanalnetz, Nokia-Millionen, Steag).

    Bochum braucht kein Musikzentrum sondern Bürger, die Ottilie Scholz und Ihre Mannschaft in die Wüste schicken.

  6. #6 | Rambow sagt am 29. Dezember 2010 um 13:18 Uhr

    Fraglich ist, ob für 33 Millionen wirklich ein architektonisch ansprechendes Konzerthaus samt Umbau einer seit Jahren verwahrlosten Kirche realisierbar ist. Ein abschließendes Urteil über die architektonische Qualität des Entwurfs ist aufgrund des einen Renderings sicher nicht möglich, aber zunächst wirken die verglaste Fassade sowie das löchrige Vordach doch sehr wie aus dem Baukasten einer 90er-Jahre-Architektur, fein abgemischt mit ein bisschen Multiplex- und Shoppingcenter-Ästhetik. Klar: Eine unattraktive Baulücke wäre damit gefüllt, aber das Wie spielt schließlich auch eine Rolle.
    Zur Positionierung und Schärfung des Profils der Stadt in der Region, trägt der Neubau sicherlich nicht bei. Warum Steven Sloanes lahme Konzertprogramme immer wieder Auszeichnungen erhalten, weiß kein Mensch – besonders nicht in einer Stadt, in der einmal mit Kloke wirklich spannende Konzerte stattfanden. 33 Millionen sind eine Menge Geld. Dafür könnte das angesehene Prinzregenttheater locker in die sanierte Marienkirche umziehen (die Kosten wären weit geringer, als beim Umbau zu einem akustisch tragbaren Konzertsaal), zusätzlich könnte die Stadt den Katholikentagsbahnhof kaufen, sanieren und als freies Kulturzentrum betreiben und wohl auch noch an der Jahrhunderthalle ein Parkhaus bauen. Damit würde sich die Stadt ein eigenes Profil geben, sie würde die herausragende freie- und Festival-Kultur stärken, mit der die anderen Städte in der Region nicht mithalten können.
    Der große Fehler ist, dass hier krampfhaft an einem Konzept festgehalten wird, das aus einer Zeit stammt, da noch Geld vorhanden war. Ein Konzept, das sicher nicht immer falsch ist, aber zuviel, nämlich alles will. Längst hätte man sich von dem Gesamtkonzept Viktoriaquartier verabschieden müssen und bei begrenzten finanziellen Mitteln über die machbaren Teile nachdenken müssen. Doch da siegt dann doch die Großmannssucht und führt nur direkt in die Provinzialität.

  7. #7 | David Schraven sagt am 29. Dezember 2010 um 16:12 Uhr

    Manchmal könnte ich weinen.

    Um das Geld, das auf Kredit ausgegeben wird, und für das meine Kinder und Kindeskinder gerade stehen müssen.

    Die Schuldenmacher verknallen die Zukunft der nächsten Generationen für Halligalli, weil sie nicht begreifen wollen, dass man Spass nicht mit Krediten finanzieren darf. Allenfalls für Investitionen in Produktionen kann Schuldenmachen Sinn machen – manchmal – wenn man es sich leisten kann.

    Aber niemals für Halligalli.

    Gott ist das eine Kacke.

  8. #8 | Bürokratenfeind sagt am 29. Dezember 2010 um 16:15 Uhr

    Hier mal was zur allgemeinen Erheiterung über den „Ruhri“, wenn einige Dinge nicht so traurig und beschämend wären.

    https://www.stupidedia.org/stupi/Der_Ruhrie

  9. #9 | Arnold Voss sagt am 29. Dezember 2010 um 18:48 Uhr

    Wer im Ruhrgebiet will, dass die Menge der hiesigen Kulturhäuser auf ein sinnvolles Maß reduziert und die für sinnvoll erachteten an der richtigen Stelle stehn , der muss sich auch zur Ruhrstadt bekennen. Nur wenn das Ruhrgebiet sich als eine Stadt verwaltet gäbe es nämlich ein Gremium, dass nicht nur darüber entscheiden könnte sondern das zugleich die Macht hätte diese Entscheidungen auch gegen die Kirchturmpolitiker in den einzelnen Stadtteilen durchzusetzen.

    Da die Ruhrstadt aber im Ruhrgebiet weder bei den Politikern noch bei der Bevölkerung eine durchsetzungsfähige Mehrheit findet, wird die zunehmend gnaden- und sinnlose Konkurrenz zwischen den Gemeinden weitergehen. Und so lange das so ist kann man den Stadtmüttern und -Vätern in Bochum nicht vorwerfen, dass sie es genauso machen wie die Dortmunder, die Essener und die Duisburger. Die drei haben sich ihren Gebäude-Teil vom 2010-Kuchen schon eingesteckt. Nun nehmen sich ihn auch die Bochumer. Obendrein habe sie noch eine Menge privates Geld ihrer Bürger dazu gebuttert.

    Und sollte es doch einmal, aus purer Not und nicht aus freiem Entschluss natürlich, irgendwann zu einer Ruhrstadt kommen, und in diesem Zusammenhang die Kulturstätten auf das Maß gestutzt werden müssen, die mit der dann noch verbliebenen Kundenzahl einigermaßen kompatibel ist, wird das Konzerthaus in Bochum nicht davon betroffen sein. Es liegt nämlich an der Stelle an der ALLE Bewohner des Ruhrgebietes am schnellsten hinkommen: Genau in der geographischen Mitte diese Agglomeration, 7 Minuten zu Fuß vom nächsten ICE und Hauptbahnhof entfernt.

    Und noch was: Die Investition in ein Haus der Musik ist grundsätzlich kein rausgeschmissenes Geld. Genauso wenig wie die in eine Schule, in eine Bibliothek oder in ein Krankenhaus. Die Umgestaltung eines Autobahnkreuzes in einen Ohrenpark schon.https://www.ruhrbarone.de/ohrenparks-aus-den-spielbaukasten-der-planer/

  10. #10 | Hella mit Sinnen sagt am 29. Dezember 2010 um 19:20 Uhr

    @ 7
    Kann ich nur voll zustimmen. Das könnte so ausgehen wie in Duisburg.
    Sponsoren allein helfen nicht bei Leuchttumprojekten.
    https://www.derwesten.de/staedte/duisburg/Verhebt-sich-die-Gebag-bei-Erweiterung-der-Kueppersmuehle-id4102805.html

  11. #11 | Jens König sagt am 29. Dezember 2010 um 20:34 Uhr

    „Die Schuldenmacher verknallen die Zukunft der nächsten Generationen für Halligalli…“

    Nicht ganz richtig. Wenn das Dingen steht, wird drinnen vielleicht Halligalli gemacht, aber gebaut wird es doch aus einem ganz anderen Grund: Man kriegt etwas Geld zu seinem eignen (geliehenen) dazu und die Summe fliesst, na?, ins Bauhandwerk.

    Also nochmal zum Mitschreiben: Es geht nicht um Konzert, Opern oder Sonstwas-Häuser. Es geht darum hohe Summen an Handwerker, Bauunternehmen, Haumeister- und Reinigungsfirmen, Energiekonzerne, Banken (um die Zinsen ohen Tilgung zu zahlen, muss die Stadt wahrscheinlich noch einen Kredit aufnehmen) undsoweiter auszuzahlen.
    Das Konzerthaus (oder wie immer man das nennt) ist nichts anderes, als ein Wirtschaftsprogramm, ein Subventionsgeschenk.
    Ich hatte mal die Idee, Bochum sollte man überdachen. Das ist GROSS, teuer und sinnlos. Gut dass ich die Idee keinem im Rathaus erzählt habe, die würden das sofort umsetzen:)

    Warum aber dann keine kleineren Sachen machen, die genausoviel Kohle in die Unternehmen schleust? Ganz einfach, das ist nicht Denkmalfähig.
    (Als Beispiel für diese These: Wenn man bedenkt, dass der Westpark weit vor Fertigstellung aber kurz vor der Wahl damals auf eilig mit Rollrasen (der genau einen Tag gehalten hat) aufgehübscht wurde, damit vor Abgabe des Wählervotums noch eben eine Eröffnungsfeier gemacht werden kann, auf der Politiker sich huldigen, dann glaubt man auch, dass Grossprojekteröffnungspropaganda dem Politiker das Ein und Alles ist.)

    Ok, David, das mit dem Politiker, der sich ein Denkmal setzt ist Halligalli.
    Der Rest aber ist Subvention.

  12. #12 | Jens sagt am 29. Dezember 2010 um 20:40 Uhr

    Ich gebe zu, dass ich mir immer noch keine abschließende Meinung gebildet habe. Ich finde aber die Argumente die pro Konzerth… eh Musikzentrum sprechen, sind nicht von der Hand zu weisen. Abgesehen davon, dass ich es schade fände, wenn ein millionenschweres bürgerschaftliches Engagement ignoriert werden würde.

    @Rambow (6):
    Aber die 33 Millionen Euro sind zum größten Teil zweckgebunden. Man kann den privaten Spendern jetzt nicht sagen „Ihr habt für ein Konzerthaus gespendet? Schön, aber wir machen da jetzt ein Parkhaus an der Jahrhunderthalle ‚raus!“ – ich meine das einer der Mio-Spender sich sogar explizit gegen den Standort JH aussprach.

    @Arnold Voss (9):
    Zustimmung.

  13. #13 | Interview mit Michael Townsend zum neuen Musikzentrum in Bochum (formerly known as “Konzerthaus”) » Pottblog sagt am 29. Dezember 2010 um 22:32 Uhr

    […] Geigen bei der WAZ/DerWesten) als auch für Kritik (siehe dazu beispielsweise den Artikel Konzerthaus Bochum: Seid verschlungen, Millionen bei den […]

  14. #14 | Michael Kolb sagt am 29. Dezember 2010 um 23:18 Uhr

    Den Abend über „rauscht“ es schon in den „Teil-communities“ und gerade habe ich das Interview bei Jens gelesen…

    Es soll also eine „Produktions-, Bildungs- und Präsentationsstätte“ werden, das neue Musikzentrum, na, da bin ich aber mal gespannt!

    Keine Frage, Musiker so ganz allgemein und Symphoniker besonders benötigen vernünftige Bedingungen, unter denen sie arbeiten können. Unter „arbeiten können“ verstehe ich in diesem Fall nicht den Auftritt vor Publikum, das ist nur das sind nur die Schokostreusel auf der Kirsche, die oben auf der Sahne des Musikeisbechers sitzt. Arbeit bedeutet in diesem Fall Proben. Mit anderen Worten, für mich hätte eine ordentliche Probenstätte ausgereicht. Aber vielleicht soll es ja genau dies werden, das neue Musikzentrum, allein mir fehlt der Glaube.

    Produziert werden soll dort also Musik… ’schulligung, aber dazu fehlt mir die Phantasie. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß dort, analog zu Großraumbüros, ein Tonstudio-cubical neben dem anderen entstehen soll.

    Dann auch noch Bildung, musikalische Bildung… ich werde alt, früher, als man mir die Blockflöte in die Hand drückte, da nannten wir das noch Musikschule… auch da fehlt mir der Glaube, ich kann mir nicht helfen. Dort werden niemals Eltern ihre Kinder hinbringen, damit sie klampfen oder tröten lernen…
    Es wird in diesem Fall wohl auf eine Frage der Interpretation herauslaufen und irgendwie wird der Besuch von Schulklassen bei den Proben als Bildung verklickert werden können.

    Nenene… ein verkapptes Konzerthaus ist irgendwie noch schlimmer… Machen wir uns nix vor, es wir ein Konzerthaus, ein richtiges, nicht mehr und auf gar keinen Fall weniger.

    Aber es gibt etwas, was mich so richtig stört. Normalerweise kann man sich vor den Sorgen oder dem Ärger des Lebens in seine angestammte Bar flüchten und dort Trost und Vergessen finden… Dummerweise hat es das Schicksal so gewollt, daß ich vom Tresen eben jenes Etablissementes genau auf den Standort schauen darf… ja da danke ich auch schön!

  15. #15 | lebowski sagt am 29. Dezember 2010 um 23:59 Uhr

    @David Schraven
    „Um das Geld, das auf Kredit ausgegeben wird, und für das meine Kinder und Kindeskinder gerade stehen müssen.“

    Da kann ich Sie beruhigen. Ihre Kinder müssen gar nichts zurückzahlen.
    Die Vorstellung, unsere Kinder müssen irgendwann mal unsere Schulden zurückzahlen, ist grundfalsch. So funktioniert unser Geldsystem nicht.

    Bochum macht alles richtig: die feiern nochmal eine schöne Party, bevor alles den Bach runtergeht.

  16. #16 | Ex-Linker sagt am 30. Dezember 2010 um 00:14 Uhr

    MKaum ein halbes Jahr an der Regierung, ist er wieder da: dieser dicke, rote, eklige Filz im Pott. Von der Kommunalaufsicht bis hin zur Ministerpräsidentin. Alte Sozen-Bande, so dicke wie Blut. Undurchdringbar.

    Unddurchbrechbar. Dieser Filz hat Bochum in die Dauerpleite geführt, zu geschlossenen Schwimmbädern oder Bädern, in denen die Wassertemperatur gesenkt wurde, um Kosten zu sparen.

    Und für dieses überflüssige Konzerthaus wird die Kohle rausgehauen. Ohne jetzt schon an die Folgekosten morgen zu denken. Kirchturmspolitik pur – und das, obwohl das von Pleitgen ausgerufene Jahr der „Metropole Ruhr“ noch nicht einmal völlig im Schnee versunken ist.

    Metropole Ruhr ? Nein, jede Stadt wurschtelt weiter vor sich her. In der Kultur, in der Infrastruktur. Es bleibt bei der Kleinstaaterei und dem ewigen Minderwertigkeitskomplex der Ruhrgebietsstädte, der sich darinzeigt: „Seht her, was ich Feines doch zu bieten habe.“

    Einst waren das die Industriebetriebe, um die sich die Städte geprügelt haben. Heute sind es die Kulturtempel. Nicht wirklich mehr zu bezahlen, aber was sollder Geiz.

    Der gemeine Ruhrie steht daneben, reibt sich die Augen und wundert sich. Für die Schulen seiner Blagen ist kein Geld mehr da. Der Asphalt der Straßen so tief zerforstet wie die Haushaltslöcher der Städte, die Gebühren fürs Parken und eigene Grundstück kaum noch wirklich erschwinglich. Aber die gewählten Entscheider trommeln sich auf die Brust, feiern sich selber. Und vergessen, was zurzeit ihre Kollegen in Irland und Griechenland erleben. Den protest der Menschen auf der Straße. Erst wird die Kohle rausgehauen, dann beim kleinen mann aus Sorge um die Währung gespart und dann kommen die staatlichen Schläger, die auf die mittellosen Demonstranten einschlagen.

    Wehe den Deutschen, wenn der griechische Pleitegeier über die Republik kreist. Das wird bitter. Besser wäre, jetzt den Bochumern Kraftmeiern im Rathaus zu zeigen, wer das Volk ist und wer nicht mehr den elitären kulturellen Selbstbefriedigungstrieb einiger weniger mit seinem sauer verdienten geld finanzieren will. Das Volk wind W I R. Nicht Frau Ottilie, nicht die SPD-Garde, die wieder munter filz im Pott, als hätte es den verhängnisvollen dicken, ekligen roten Filz niemals gegeben.

    Prosit Neues Jahr. Schlimmer geht garantiert immer. Immer öfter. Sogar.

  17. #17 | Bürokratenfeind sagt am 30. Dezember 2010 um 02:24 Uhr

    Ich bin immer erstaunt, dass die meisten unserer Politiker, obwohl im Kapitalismus aufgewachsen, von Wirtschaft und Finanzen so wenig verstehen.
    In Bochum soll ein neues Musikzentrum gebaut werden, gut für die einheimische Bauwirtschaft und ihre Anhängsel.(#11 Jens König) Und dann?. Noch ein Gebäude, in dem nicht produziert wird, das aber unterhalten werden muss.(#7 David Schraven) Arbeite ich in einem solchen Haus nur mit reproduzierenden Kräften, was bei Orchestern ja der Fall ist, bewege ich mich in einer Tauschgesellschaft. (Du gibts mir Musik, ich gebe dir Geld, du zahlst davon Steuern und konsumierst möglichst in Bochum, damit ich dich wieder bezahlen kann. So ist der Kreislauf) Würde man allerdings in diesem Haus nur Musik von Bochumer Komponisten aufführen, ergäbe das wirtschaftlich mehr Sinn. (für die Kosumenten sicher nicht ganz so prickelnd) Und würden Kompositionen von den Bochumer Komponisten auch noch in München oder gar Paris aufgeführt werden, so würde das eine Menge Geld ins Stadtsäckel bringen. Im Ruhrgebiet läuft es wie immer umgekehrt, gehen die Tantiemen und Verlagsabgagen in andere Regionen (z.B. nach Schott Mainz oder Sikorski Hamburg, usw.), bleiben nicht im Revier. Zudem kommen die eingeladenen Spitzenkräfte meistens auch nicht aus dem Ruhrgebiet und versteuern ihre Gage dort, wo sie ständig leben.
    Wenn der Kreislauf der Tauschgesellschaft durchbrochen werden soll, muss es einer die Region gelingen, produzierende Menschen an sich zu binden. Und das funktioniert nicht, indem man dutzendweise Konzerthäuser baut, sondern Mittel für schöpferische Menschen in Form von Gagen, Stipendien, Wohn- und Arbeitsraum zur Verfügung stellt. Diese Erkenntnis gehört in anderen Orten wie z.B. Hamburg schon seit Jahrhunderten zum Standard. In den 65 Jahren nach dem 2. Weltkrieg hat das Revier aufgrund dieses Mankos nur verhältnismässig wenige bedeutende Künstler in den Bereichen, Kunst, Musik, Film oder Literatur hervorgebracht und noch weniger sind nach ihrem Aufstieg im Ruhrgebiet geblieben. Sie sind gegangen, weil sie anderenorts bessere Bedingungen vorfanden oder die kleinkrämerische, kurzsichtige Großmannssucht der Regionalpolitiker nicht mehr ertragen konnten. Das Konzertzentrum Bochum ist wieder so ein typisches Beispiel für „Ruhries Zwergenblick“.

  18. #18 | Perik sagt am 30. Dezember 2010 um 08:48 Uhr

    @16: Ich denke, Du nennst Dich „E x – Linker“…? Kleiner Mann, staatliche Schläger, meine Güte, in welcher Welt lebst Du?

  19. #19 | David Schraven sagt am 30. Dezember 2010 um 09:49 Uhr

    Hach ja.

    Mich ärgert dieses Denken, dass Schulden für Partymachen toll sind.

    Mich ärgert dieses Verhalten echt. Ich muss erleben, wie verantwortungslos die Politiker die Schulen, Strassen verkommen lassen damit sie eine Partyhalle bauen können. Sie halten das für einen Erfolg. Und das Volk findet das OK.

    Sie irgnorieren Unterhaltskosten und verwechseln sie mit Investitionskosten. Wie dumm ist das? Die Kosten für die Jahrhunderthalle für alle Zeit übernehmen und sich dafür mit ein paar Millionen abspeisen lassen. Toller Erfolg.

    Mich ärgert die Teilnahmslosigkeit der Menschen, die sich gegen diesen Unfug nicht wehren.

    Manchmal denke ich, wenn die Schuldenmacherfreunde Schulden machen wollen, sollen sie auch für die Schulden einstehen. Warum belasten sie die, die persönlich keine Schulden machen?

    Ewig galt es als Verantwortungsbewusst, solide mit Finanzen umzugehen. Heute scheint es OK zu sein, das Land in den Bankrott zu reiten.

  20. #20 | Abnick Grabotki sagt am 30. Dezember 2010 um 09:50 Uhr

    Bitte einen WAAGERECHTEN Parkett Boden einbauen + ein 4 x 4 meter grosses Einfahrtstor berücksichtigen für mein WOHNMOBIL !!! Zu den Konzerten parke ich auch aus.

  21. #21 | Bürokratenfeind sagt am 30. Dezember 2010 um 10:58 Uhr

    @David Schraven.

    Politiker und und ein großer Teil des Wahlvolks haben sich an Transferleistungen gewöhnt. Sie gleichen Reibungsverluste des Systems aus. Ebenso wie Schuldenmachen, gehören die Transferleistungen zum Überleben einer Tauschgesellschaft, die keine Überschüsse an Werten produziert. Hat man soviel Schulden gemacht, dass man sie nicht mehr zurückzahlen kann, drückt man auf den Resetknopf (Währungsschnitt, Währungsreform). Diese Option ist ein wichtiger Überlebensbestandteil des kapitalistische Systems. Die Experten sind sich nicht einig, wann der Knopf das nächste nächste Mal gedrückt wird. In 2 oder 3 Jahren, in 1o oder vielleicht schon im nächsten Jahr? Dann beginnt das Spiel wieder von vorne.

  22. #22 | Bürokratenfeind sagt am 30. Dezember 2010 um 11:15 Uhr

    Nachtrag:
    Erst einmal muss die sogenannte „Geldelite“ ihr Geld in Sicherheit gebracht haben (z. B. durch Kauf von Land, Immobilien, Rohstoffen, Wasserrechten, Industriebeteiligungen usw.). Dann wird gedrückt und die Kleinen bezahlen die Zeche.

  23. #23 | ch_we sagt am 30. Dezember 2010 um 11:39 Uhr

    @Bürokratenfeind

    Könnten Sie uns auch sagen, wer denn die sog. „Geldelite“ ist?

  24. #24 | Jens König sagt am 30. Dezember 2010 um 11:43 Uhr

    David, so sehr ich dich mag, ich muss Dir doch wieder widersprechen.

    „Sie ignorieren Unterhaltskosten und verwechseln sie mit Investitionskosten.“
    Tun sie nicht. Die kennen den Unterschied.
    Die wissen sehr wohl, was sie tun und dass sie in einigen Jahren die Angebote im Konzertdingenshaus kostenpflichtig, Musikschulbeiträge höher, Heizung runterregeln, irgendwelche Räume leer stehen lassen, woanders kürzen, undsoweiter undsofort müssen. Am Schluss ist die Jahrhunderthalle geschlossen, die Müllabfuhr teurer und die Stadtwerke ebenso.

    Wie beim Roulette: Für einen einmaligen Gewinn zahlen viele einen Haufen Geld obwohl gemittelt nur die Bank verdient.
    Das ist hier genauso: Es fliesst einmal viel Geld in die Region (Beispiele für die Nutzniesser hatte ich genannt. Und ihr Einfluss bei Parteien und Politikern ist ja nun nicht wirklich gering), letztendlich zahlt der Steuerzahler einen Haufen drauf und wer verdient ist auch klar, die Bank ist jedenfalls mit dabei.

    Wenn aber einem klugen Menschen es so vorkommt, als verwechselten Politiker Unterhalt mit Investitionskosten, so ist er nur über folgendes gestolpert: Eine faustdicke Lüge, ein Wahlversprechen oder ein Schönsprech eines Politikers. David, unsere Politiker wissen genau was sie tun, aber sie werfen sprachliche Nebelkerzen („Musikzentrum“ ist so eine), werden unkonkret, dass niemand mehr etwas versteht (was soll da jetzt genau passieren in dem Musikzentrum und wie? Ich verstehs nicht und sonst keiner), kriegen damit die anschliessende öffentliche Diskussion völlig zerfranst (die Kommentare hier und anderenorts sind oder werden gutes Beispiel) frei nach „teile und herrsche“.

    Politiker verwechseln also nicht Investitionskosten mit Unterhaltskosten sondern machen uns ein X für ein U vor. Einer merkt es und denkt, die halten selber ein X für ein U. Tun sie nicht. Sie glauben nur, dass wir den Unterschied nicht kennen.

    Noch ein Wort zu: „Mich ärgert die Teilnahmslosigkeit der Menschen, die sich gegen diesen Unfug nicht wehren.“
    Nein, eine Mehrheit in Bochum will genau diese Leute als Vertreter (Ok, was die Nichtwähler angeht, die sind ja wirklich teilnahmslos, wie dämlich). Das bedeutet aber auch, dass der Unfug demokratisch legitimiert ist. Wie der Stuttgarter mit der S21: Er macht teuren Unfug. So macht Bochum jetzt Musikdings: teuren Unfug.
    Tanja Gönner hat diese Denkweise (unglaublich ehrlich aber auch unglaublich dämlich das so zu sagen und ganz ohne Nebelkerze) auf den Punkt gebracht: Wenn wir das Geld was wir von EU, Bund etc. kriegen können nicht nehmen, kriegt es eine andere Region (13.03.2010 | Schwäbisches Tagblatt https://www.tanja-goenner.de/interviews-artikel.html?page=3).
    Aber ich schweife ab: Die meisten finden das, was die Politiker so machen ja gut. Sonst Abwahl. Es ist also nicht Teilnahmslosigkeit. Lass mich Dienen Satz umformulieren:
    Mich ärgert die Dummheit der Menschen, die solch Unfugtreibende immer wieder wählen.

    Wenn du hier in Bochum einen Stock mit einem Hut drauf als Bürgermeisterkandidat der SPD aufstellst, dann wird der gewählt! Einige behaupten, das sei schon passiert.

  25. #25 | Urmelinchen sagt am 30. Dezember 2010 um 12:26 Uhr

    Ach, by the way, noch eine kleine putzige Anekdote im Zusammenhang des Konzerthauses, die die verfilzten Beziehungen in dieser Stadt einmal mehr vor Augen führt.
    Es muss 2005 oder 2006 gewesen sein, genau erinnere ich mich nicht mehr, es war auf jeden Fall in dem Jahr, in dem das Opel-Werk (mal wieder) von einer Schließung bedroht war. Beherzt setzte damals auch die Kultur ein Zeichen des Protests, schließlich kam man damit ins Fernsehen: Die BoSy spielten „protestierend“ vor dem Schauspielhaus. Sloane und der damalige Intendant Hartmann machten sich für Opel stark. Zeitgleich kam das Thema Konzerthaus auf – nicht zum ersten Mal, aber dieses Mal verstärkt, medienwirksam, der gute Sloane gab Gas, vielleicht um sich ein nettes Pöstchen bis zur seligen Rente zu schaffen (Spekulation meinerseits).
    Wie dem auch sei, mich ergriff die kalte Wut, dass angesichts eines derartigen strukturellen Einschnitts, also der möglichen Schließung des Bochumer Opelwerks, noch allen Ernstes über ein famoses Musiktempelchen nachgedacht wird und ich schrieb unserer lieben OB Dr. Otti einen Brief, ganz beseelt von der Idee, meine Bürgermeinung kundzutun. Und um ganz sicher zu gehen, dass der Brief sein Ziel erreicht, warf ich ihn im Rathaus höchstpersönlich ein. Eine Antwort auf meinen Brief, in dem ich darlegte, dass gegen ein Konzerthaus im Allgemeinen nichts einzuwenden sei, der Bau eines solchen Gebäudes vor dem Hintergrund der aktuellen Situation Bochums jedoch unverantwortlich sei, erwartete ich natürlich nicht. Doch, oh Wunder, nur kurze Zeit später flatterte ein Brief ins Haus, der allerdings nicht von Dr. Ottis Dezernat bzw. einem ihrer Referenten geschrieben worden war, sondern von der ehrenwerten Pressesprecherin der BoSy, Christiane Peters. Lang und ausführlich faselte sie mir auf einer Seite von den Vorzügen eines Hauses vor – nun gut, ist ja ihr Job.

    Ich war gelinde gesagt ein wenig verdutzt ob der Person, die mir da geantwortet hatte und auch über die wundersame Reise, die mein Brief wohl augenscheinlich genommen haben muss.

    Seitdem wundere ich mich über nichts mehr, was hier in dieser Stadt geschieht. Von Filz kann man hier auch nicht mehr sprechen, eher handelt es sich um betonähnliche Strukturen.

  26. #26 | Bürokratenfeind sagt am 30. Dezember 2010 um 14:10 Uhr

    @ CH_WE

    Wahrscheinlich nicht die „Krämerhasen“ aus dem Bochumer Rat.
    Es sind jene Leute und Konsortien, die ganze Landstriche in Afrika aufkaufen oder sich Wasserrechte in Indien sichern. Leute wie Warren Buffett, die für 44 Milliarden Dollar eine Eisenbahnlinie in den USA kaufen. In das unwirtschaftliche Bochumer Konzerthausprojekt steigt der sicher nicht ein.

  27. #27 | crusius sagt am 30. Dezember 2010 um 23:26 Uhr

    Kirchturmdenken kann auch durch milde Gaben befeuert werden. Daß Bochum und Dortmund Sorge tragen, im Kulturbereich von Essen abgehängt zu werden, wenn den dortigen Beitzschen Wohltaten nicht vergleichbare Aktivitäten entgegengesetzt werden, mag der Sache nach falsch sein, ist aber zumindest verständlich. Über diesen Einfluß privater Geldgeber auf die Kultur- (und übrigens auch Bildungs-)politik im Ruhrgebiet lese ich allerdings nicht nur in der Presse, sondern auch hier herzlich wenig.

    Im übrigen halte ich es, mit Verlaub, für selten dämlich, in diesen Zusammenhängen Hoch-, Off- und Popkultur gegeneinander auszuspielen – von Räumdiensten und Schlaglöchern ganz zu schweigen (die mich übrigens im Gegensatz zu einem Konzerthaus eher am Rande interessieren, denn ich bin – ruhrgebietsuntypisch – kein Autofahrer, wohl aber Kulturkonsument). Damit geht man nämlich jenen auf den Leim, die mit diesem ganzen Gedöns nichts anfangen können – und davon gibt es, wie auch die bisherige Diskussion hier nahelegt, im Ruhrgebiet immer noch viel zu viele.

    In den Niederlanden ist es übrigens Geert Wilders, der gleich drei Orchester auflösen will. Vielleicht denkt der eine oder andere ja doch mal drüber nach, in welche Gesellschaft er sich mit seinen Stammtischparolen begibt. Sollte am Ende sogar Musikkultur mit so etwas wie Mündigkeit zu tun haben?

    Kultivierte Banausen pflegen vom Kunstwerk zu verlangen, daß es ihnen etwas gebe. Sie entrüsten sich nicht mehr über das Radikale, sondern ziehen auf die unverschämt bescheidene Behauptung sich zurück, sie verstünden nicht. Diese beseitigt noch den Widerstand, die letzte negative Beziehung zur Wahrheit, und das anstößige Objekt wird lächelnd unter seinesungleichen, den Gebrauchsgütern katalogisiert, zwischen denen man die Auswahl hat und die man ablehnen kann, ohne selbst nur dafür die Verantwortung zu tragen.

    😛

  28. #28 | werner müller sagt am 31. Dezember 2010 um 01:03 Uhr

    interessant an der debatte hier finde ich, dass sie so ein wenig ziellos ist. einerseits überwiegt eine kritische haltung, ob die kohle richtig ausgegeben wird, andererseits das gefühl, dass den bochumer bewohner/innen das irgendwie egal ist.

    ich halte es für falsch, aus der aktuellen abstinenz ein stuttgart 21 in bochum zu schaffen – sich also einzumischen – eine besondere eigenschaft der lokalen bevölkerung zu machen. soziale bewegungen entstehen grade nicht unbedingt dann, wenn es geboten wäre, sondern wenn eine kritische masse an intellektueller kritik und unzufriedenheit sich mit organisierungsfähigen akteuren paart. kurz, die stimmung für protest muss authentisch und glaubwürdig sein.

    nur, gibt es dafür keine mathematische gleichung, das macht es andererseits auch spannend. ob sich am konzerthaus protest etabliert wird abzuwarten sein. unabhängig ob das in form von demonstrationen oder direkter bürgerbeteiligung im planungsprozess geschieht (konkrete klarheit, was gebaut wird, scheint es aktuell nicht zu geben), wäre es zeit mal den ersten schritt zu tun und gemeinsam zu überlegen, wie der größte quatsch verhindert werden kann. übermässiges vertrauen in stadt, land und symphoniker jedenfalls scheint unangebracht.

  29. #29 | David Schraven sagt am 31. Dezember 2010 um 10:14 Uhr

    @ Crusius

    wenn wir uns Konzerthäuser leisten können, hat keiner was dagegen. Aber so Häuser ohne Rücksicht auf die Folgekosten und Folgewirkungen auf Pump zu bauen ist in meinen Augen unverantwortlich.

    Das ist so, als würdest Du Dir, als Arbeitsloser einen Partypavilion mit Lichtorgel auf Pump in den Garten stellen – und deswegen Dein Dach undicht lassen. Und den Nachbarn erzählen, jetzt kommen die Holländer zu Dir und Du machst deswegen einen Morzreibach als Partymacher. Und dann mit dem Gewinn, da reparierst Du das Dach.

    Ok, zwei Strassen weiter gibt es drei Discos, aber das hindert Dich nicht daran, Deinen Nachbarn weiter von dem tollen Partypavilkion zu erzählen.

    In meiner Gegend würden die Nachbarn Dich für einen totalen Spinner halten.

    In Bochum halten sie Dich für einen erfolgreichen Lokalpolitiker.

  30. #30 | Bürokratenfeind sagt am 31. Dezember 2010 um 10:34 Uhr

    @ Crusius

    „Über diesen Einfluß privater Geldgeber auf die Kultur- (und übrigens auch Bildungs-)politik im Ruhrgebiet lese ich allerdings nicht nur in der Presse, sondern auch hier herzlich wenig.“

    Das ist das größte Übel, die Geißel des Reviers, über die man den Mantel des Stillschweigens ausgebreitet hat; so perfekt getarnt, dass man es erst aus der Distanz bemerkt.

  31. #31 | Urmelinchen sagt am 31. Dezember 2010 um 10:46 Uhr

    Hm, ob die Kritiker des Konzerthauses zumeist kulturfern sind, mit diesem „Gedöns“ also nichts anfangen können, wage ich eher zu bezweifeln. Vielleicht sind darunter auch sehr viele Leute, die für eine Ausstellung nach Düsseldorf, für Performance-Kunst nach PACT usw. fahren, also relativ mobil sind in dieser Region, um Kultur zu genießen und sich daran zu erfreuen.
    Vielleicht erscheint vor diesem Hintergrund aber so Manchem der Kritiker – und mit Blick auf die Situation Bochums – der Bau einer solchen Einrichtung als wenig sinnvoll. Zumal dieser Bau sicherlich NICHT für 33,3 Mio. zu finanzieren ist. Natürlich wird es nicht diese Kostenexplosion wie bei der Elbphilharmonie geben, aber explodieren werden auch diese Kosten allemal.

    Sicherlich wäre eine Kostenexplosion auch noch nicht das Schlimmste, denn um den Bau fertig zu stellen, spränge bestimmt das Land ein. Woran Bochum jedoch mehr als zu schlucken haben wird, sind die laufenden Kosten sowie die „teure“ Mitgift.
    Die Jahrhunderthalle zu vermieten dürfte kein leichtes Unterfangen werden. Veranstaltungen wie der ECHO JAZZ wurden nämlich nur aufgrund eines Beschlusses von Herrn Gorny (Kulturhauptstadtjahr) hier in Bochum abgehalten. Und selbst wenn die Ruhrtriennale hier bleibt, so sind da noch gut 8 bis 9 Monate, die es gilt diese Halle mit Leben zu füllen.

    Die Befürchtungen hingegen, so man denn welche hat, hier könne es zu ähnlichen Protesten wie bei Stuttgart 21 kommen, kann man getrost beiseite wischen, was m.E. daran liegen mag, dass hier eine andere Bevölkerungsstruktur vorherrscht. Der Bochumer hat schon so manche Kröte (Stadtbad, denkmalgeschützte Treppe im Kortumhaus usw.) geschluckt, ohne je einen (nennenswerten) Mucks von sich zu geben; das wird auch dieses Mal nichts anders sein. Zur Revolution taugt der Bochumer wahrlich nicht!

    PS:
    Ach übrigens, den Eltern des (Musik-)Publikums von morgen, sprich den Schülern der Musikschule flatterte jüngst eine Gebührenerhöhung ins Haus. Um 15% sollen die Gebühren für den Musikunterricht erhöht werden. Begründung: angespannte Haushaltslage! Paradoxer kann (Bochumer) Stadtpolitik wohl kaum anmuten.

  32. #32 | David Schraven sagt am 31. Dezember 2010 um 13:34 Uhr

    Ach und Jens König

    Wirtschaftförderung durch Auftragsvergabe auf Pump für Dauer-Halligalli ist keine Wirtschaftsförderung.

    Keynes meinte, es könnten Investitionen in Infrastrukturen auf Keif finanziert werden. Da sie neue Investitionen in neue Produktionsmittel auslösen. Und damit auf absehbare Zeit sich selbst refinanzieren können.

    Ein Halligalli-Tempel kostet nur Geld. Nicht nur jetzt, sondern immer. Er belastet die Haushalte auf seine gesamte Laufzeit. Hier wird also auf Keif der Betrieb bezahlt. Das Geld wird nie wieder erwirtschaftet.

    Sollen die Bochumer doch das bezahlen, wenn sie es wollen. Ärgerlich wird es, wenn alle anderen das mitbezahlen müssen.

    Was ich irre finde:

    Dass der Ottielie noch irgendeiner Finanzkompetenz zutraut. Nach Cross-Border-Leasing, nach Massenberg-Boulevard, nach den geschredderten Förderakten.

    Warum fressen die Bochumer das alles?

  33. #33 | Bürokratenfeind sagt am 31. Dezember 2010 um 15:29 Uhr

    @ David Schraven

    „Warum fressen die Bochumer das alles?“

    Sicher auch, weil die ständigen „Tangokommentare“ (ich mag diesen zutreffenden Begriff) der Regionalmedien die Leute erst verwirrt und dann entmutigt haben. Wenn man jahrzehntelang mit einem „Ja ihr habt recht das ist Scheiße, aber es war doch schöne Scheiße und bringt euch doch auch was“ konfrontiert ist, weiss man nachher nicht mehr was richtig oder falsch ist. Da hat eine von den Meinungsführern initierte Gehirnwäsche gute Arbeit geleistet.

    Manche meinen ja, der Ruhrgebietler kommt auf dem Gebiet der Emanzipation langsam voran. Gab es früher zum Dank für 40 Jahre treue Zechenarbeit von der Zechenleitung nur eine Kukucksuhr. So erhalten heute alle Sechszigjährigen ein Bärenticket.

    Ob das, das Gelbe vom Ei ist?

  34. #34 | Michael Townsend sagt am 31. Dezember 2010 um 15:39 Uhr

    Lieber Herr Laurin, liebe Kommentatoren.

    Ist es wirklich so ein Drama, wenn eines der großen Signalprojekte für die Kulturhauptstadt in Bochum im Endspurt doch noch was wird?

    Stimmt die alte Journalistenregel den wirklich, dass nur Bad News Good News sind?

    Muss man es als verwerflich bezeichnen, wenn zweistellige Millionenbeträge aus der Bürgerschaft nicht mit Bedauern zurückgegeben werden müssen, sondern das daraus wird, wofür sie gespendet worden sind?

    Ist es wirklich zuviel verlangt, wenn man erwartet, dass öffentlich zugängliche Informationen komplett gelesen und wiedergegeben werden (z. B. die, dass der Rat der Stadt Bochum die Übernahme der Jahrhunderthalle mit einem 30Mio.-Mitgiftpaket des Landes grundsätzlich bereits beschlossen hat, das die Marienkirchenförderung daran koppelt, die neuen 7 Mio. Landesmittel für das Musikzentrum aber damit überhaupt nichts zu tun haben)?

    Ist es zum Schaden Bochums und der Region, wenn es an dem größten Wissenschaftsstandort der Region die Jahrhunderthalle als Festspielhaus, das Schauspielhaus als Theaterflaggschiff, die Bochumer Symphoniker, die ZECHE, das Kunstmuseum…..und…und…und jetzt auch noch ein Musikzentrum, kurz: ein großes und exzellentes Kulturangebot gibt?

    Warum nehmen die Kritiker von Kulturinvestitionen nicht zur Kenntnis, dass die Stadt Bochum zur Zeit innerhalb von vier Jahren auch 80-90 Mio Euro in den Bau und die Erneuerung von Schulen steckt und damit die größte Einzelinvestition im Haushalt im Bildungsbereich tätigt?

    Stimmt es etwa nicht, dass die kompletten Sparvorgaben im Kulturbereich zur Haushaltskonsolidierung in Bochum durch die großen kommunalen Einrichtungen erbracht worden sind und die „Freie Szene“ außer den Haushaltssperren (die die erstgenannten Einrichtungen im Wesentlichen auch zusätzlich belasten) hier nicht belastet wurde?

    Warum nimmt der eine oder andere Kritiker nicht zur Kenntnis, dass die Betriebskosten für das neue Musikzentrum durch die Miet- und Transportkosteneinsparungen der Bochumer Symphoniker für ihre „ambulanten“ Spielstätten sowie die bereits langfristig im Etat der Stadt vorgesehenen Betriebskosten für die Marienkirche als Kultur-Ort abgedeckt sind und de Etatzahlen des städtischen Haushalts dafür nicht um einen Cent erhöht werden müssen?

    Ich könnte stundenlang so weiter machen, ende aber hier aus Gründen der Zeitökonomie in der Hoffnung, ein paar Impulse zum Nachdenken, zur vollständigen Recherche und Wiedergabe der Faktenlage gegeben zu haben.

    Wer allerdings

    -gegen neue kulturelle Einrichtungen und Aktivitäten grundsätzlich ist, weil er das Geld aus inhaltlichen Gründen dafür nicht einsetzen will (2,4Mio Euro kommunale Mittel im Verhältnis zu ca. 30 Mio., die von der Stiftung und vom der EU kommen und für nichts anderes zur Verfügung stünden),
    -wer Kulturausgaben generell für überflüssig hält,
    -wer die Bochumer Symphoniker weiterhin unter Arbeitsbedingungen proben lassen will, die schlichtweg unzumutbar sind,
    -oder unser Orchester für entbehrlich hält, da es aus seiner Sicht ohnehin zu viel Hochkultur gibt,

    der mag diese Meinung gerne vertreten.

    Soll das dann aber genauso sagen.

    Meine Auffassung ist eine dezidiert andere und deshalb freue ich mich für Bochum, dass der Knoten endlich geplatzt ist und es hier mit Volldampf kulturell weitergeht.

    Wie schrieb Jürgen Böbers-Süßmann kürzlich im lokalen WAZ-Kultur-Teil:
    (sinngemäß): “ Bochum ist nicht nur DIE Theaterstadt im Revier. Bochum ist DIE Kulturstadt im Revier.“

    Es gibt wahrlich Schlimmeres!

  35. #36 | Thorsten sagt am 31. Dezember 2010 um 16:20 Uhr

    …und ich dachte immer Bochum wäre eine graue MAUS…

  36. #37 | Arnold Voß sagt am 31. Dezember 2010 um 17:03 Uhr

    @ All

    Bei der Diskussion um das Bochumer Musikzentrum werden Aspekte miteinander vermischt, die man nicht miteinander vermischen darf, wenn man an einer rationalen Diskussion interessiert ist.

    Da ist zum ersten die Kulturfrage: Ist ein Musikzentrum/Konzerthaus konsumptiver Luxus oder produktionsnotwendige Infrastruktur?

    Ich finde, dass es beides ist, wenn man die Frage in einem hochproduktiven und deswegen überdurchschnittlich reichen Land wie Deutschland beantwortet. Der Begriff des Musiktempels, der hier mehrheitlich eher abfällig benutzt wird, trifft dabei den Kern der Sache. Eine Gesellschaft wie die unsrige wertet Kultur so hoch, dass sie die damit verbundenen Genüsse im Prinzip für jeden zugänglich machen will. Das Ergebnis ist ihre sehr hohe Dauersubvention durch alle Gesellschaftsmitglieder per Steuern.

    Auf diese Weise wird selbst eine überdurchschnittliche teurer Kulturproduktion und -präsentation zur kulturellen Infrastruktur eines Landes, einer Region oder einer Stadt, die die Gesellschaftsmitglieder natürlich besonders zu schätzen wissen, die in den Genuss dieser Subvention kommen, während die anderen die Sache mehr oder weniger ärgerlich zu akzeptieren haben.

    Das gilt allerding für andere Formen der Infrastruktur genauso. Selbst die Klassiker Straße und Schiene müssen die ebenso mit bezahlen, die sie selten oder gar nicht benutzen. Extrem ärgerlich wird es aber erst wenn auf diese Weise z.B. die Pazifisten das Militär, die Fußballhasser die wöchentlichen Polizeieinsätze gegen Hooligans oder die überzeugten Atheisten die Bischöfe mit finanzieren müssen. Eine Alternative zu diesem Konzept sehe ich bei der Kultur allerdings nicht.

    Da ist zum zweiten die Finanzfrage: Soll man überdurchschnittliche Kulturproduktion/Präsentation , ja Kultur überhaupt, auf Pump finanzieren, oder darf man das nur bei Investitionen, die das investierte Geld und damit auch die Leihkosten mit allergrößter Wahrscheinlichkeit auch wieder einspielen?

    Wer Kultur nur dann finanziert, wenn es aus dem kollektiv Ersparten zu finanzieren ist, also keine Zinsen kostet, der spricht damit der Kultur grundsätzlich ein Zukunftssicherungsfunktion ab. Kultur ist dann Restfunktion, ist es nicht wert, sich dafür in voraus zu verpflichten. Erst recht nicht wenn sie auch noch teuer ist. Kultur wird damit komplett dem Kalkül der Ökonomie unterworfen und kann so ihr gegenüber keine korrigierende, kritisierende geschweige denn alternative Rolle spielen. Es sein denn sie kostet nichts.

    Da ist zum dritten die Mengenfrage: Ab wann gibt es zu viele Kulturangebote, sei es insgesamt oder in einer Sparte?

    Ja ab wann denn genau Leute? Und wer soll das bestimmen? Der Markt, also die aktuellen Vorlieben der Bürger und deren Zahlungsfähigkeit? Oder die Qualität, und wer bestimmt die dann? Oder die Künstler selbst und deren Experimentierfreudigkeit und Neugierde? Oder ein nationaler Kulturplan der für alle Städte je nach Einwohnerzahl und Sozialstruktur die Kultureinrichtungen und ihre Ausstattung festlegt?

    Oder eben die zweifellos immer mängelhafte und keineswegs immer ausgewogene Entscheidung eines vom Volke gewählten Gemeinderates, die ich allerdings für das kleinste aller hier aufgezeigten Übel halte.

    Bleibt noch die Frage nach der leidigen Städtekonkurrenz. In diesem Falle zwischen den Big 4 des Ruhrgebietes. Welche Alternative hat Bochum denn in dieser Situation? Entweder es kämpft um (s)eine Rolle innerhalb dieses Quartetts oder es wird zwischen Essen und Dortmund zerrieben.

    Als ausschließliches Einkaufs- und Bürozentrum hat die City Bochums gegen die Innenstädte der beiden Anrainer auf Dauer keine Chance. Als regionaler Kultur- und Szenetreffpunkt schon. Da hat die Bochumer City und ihre direkt anliegenden Quartiere Stärken, die sie ausbauen kann und die die anderen sich nicht einfach nachbauen können. Da passt dann das neue Musikzentrum sehr wohl hinein.

    Und was die vermaledeiten Schulden betrifft. Wenn es etwas gibt worin Bochum nicht schlechter dasteht als seine beiden Hauptkonkurrenten, dann ist das beim Schuldenstand pro Einwohner. Der ist bei allen dreien so katastrophal, dass er durch keine einzige Kultursubventionskürzung geschweige denn durch ein Verzicht auf das hier so sehr in der Kritik stehenden Gebäude behoben werden kann.

    Da müssen schon ganz andere Kaliber her, über die allerdings nur ungern gesprochen wird. Aber dieses Fass möchte ich so kurz vor Jahresende nicht mehr aufmachen.

    Stattdessen allen einen guten Rutsch!!

  37. #38 | Doris sagt am 31. Dezember 2010 um 17:19 Uhr

    @ alle Vertreter der Hochkultur (an die „meinungsbestimmenden Eliten“)

    „Und: »Meine Frau konnte singen so ganz hoch und hell.«

    Sing ich – – – das ist die Liebe der Matrosen – wunderbarstes Lied, was man hat.

    »Schubert«, sagt er. Wieso? »Gesungen hat sie, wie Schubert komponiert hat.« Das ist die Liebe der Matrosen – ist vielleicht ein Dreck, so’n Lied, was? Was heißt Schubert, was besagt er? Das ist die Lie – aus dem Leben gegriffen ist das – wie meine Mutter bei richtigen Kinostücken sagt.“

    Irmgard Keun, „Das kunstseidene Mädchen“

  38. #39 | Wolfgang Wendland sagt am 31. Dezember 2010 um 17:28 Uhr

    @ # 34
    Die Aufgabe der Kommune ist die Daseinsvorsorge. Dazu gehört nicht der Bau eines Konzerthauses. Das kann man zwar machen, wenn man Geld für den Bau und die laufenden Kosten übrig hat, sollte es aber lassen wenn so wenig Geld da ist, dass die regulären Leistungen der Stadt stark eingeschränkt werden. Vielleicht sollten Sie sich auch mal das HSK durchsehen um einen Eindruck davon zu bekommen wo in Bochum gespart wird.
    Die 6,5 Mio. Ziel-2-Mittel sollen eher dazu dienen die Stadt wirtschaftlich voran zu bringen, diese sollen jetzt für das zum Musikzentrum umbenannte Konzerthaus ausgegeben werden, obwohl eine positive Wirkung auf die Wirtschaft in Bochum nur behauptet aber wird aber nicht belegt werden kann. Darüber hinaus macht es, wenn man die Berichterstattung liest, den Eindruck, als ob die Absicht EU-Mittel derart einzusetzen ohne Beteiligung des Stadtrats entstanden ist. Was aber nicht ganz so Demokratisch wirken würde.
    Den Mitteln für den Umbau der Marienkirche sind, wie sie im Haushalt und in der Prioritätenliste stehen für einen Umbau verabschiedet worden wie er geplant war, nicht aber in der jetzt geplanten Form, auch da müsste ein neuer Beschluss her.
    Natürlich führt die Übernahme der Jahrhunderthalle und der Bau eines Konzerthauses eine zusätzliche Belastung des Haushaltes mit laufenden Kosten, das ändert sich sicher nur geringfügig durch eingesparte Raummiete die ja z. B. im Falle dass die Symphoniker im Schauspielhaus spielen, heute ehr Umbuchungen sind.
    Wirtschaftlich werden sich Jahrhunderthalle und/oder Konzerthaus auch mittelbar nie rechnen, und der Imagegewinn nach außen hin wird gering bleiben.
    Mit den bisher regelmäßig Verausgabten Zuschüssen sind die Symphoniker und ihre zum Teil halbgebildeten Zuhörerschaft bestens bedient.

  39. #40 | Bürokratenfeind sagt am 31. Dezember 2010 um 17:49 Uhr

    Sehr geehrter Herr Townsend,
    dass sie reproduzierende Verwaltungsarbeit von schöpferischer Tätigkeit nicht unterscheiden, liegt wahrscheinlich in der Natur ihres Berufes.
    Auch dass sie nicht rechnen können, steht ausser Frage, das nehme ich ihnen nicht übel, sonst wären sie ja Wirtschaftsdezernent und nicht Kulturdezernent.
    Aber einfach zu intendieren, die Gegner des Projekts wären auch tendentiell Gegner der Kultur, halte ich für demagogisch. Es geht in diesem Fall nicht darum,
    für oder gegen kulturelle Aktivitäten zu sein. Die Frage ist, soll man wieder einmal reproduzierende Kultur gegenüber der schöpferischen bevorzugen, in der wagen Hoffnung, die solide Interpretationskunst der Bochumer Symphoniker von genialen auswärtigen Produkten (Mozart, Bach, Händel, Schönberg, Riehm Reimann usw.) würde Besucherströme aus dem In- und Ausland nach Bochum locken.

    Fördern sie mehr produzierende Künstler, dann kann es sein, dass Bochum irgendwann vielleicht selbst einen Stravinsky hervorbringt.

  40. #41 | Urmelinchen sagt am 31. Dezember 2010 um 18:24 Uhr

    https://www.derwesten.de/staedte/bochum/Goosen-Theater-wird-doch-nicht-gebaut-id3925002.html
    Artikel vom 10.11.2010 „Goosen-Theater wird doch nicht gebaut“
    (…)
    Dieter Fleskes, SPD-Fraktionschef: „Goosen hat einen Namen, wäre ein Ankermieter gewesen. Doch steht privates Engagement derzeit für uns nicht ganz vorn. Wichtiger sind die laufenden Gespräche mit der Landesregierung über den Gesamtkomplex Viktoriaquartier mit Konzerthaus und Marienkirche. (…)

    Hm, ich weiß nicht, was soll es bedeuten, aber ich kann mich fast kaum des Eindrucks erwehren, es wird innerhalb der kulturellen Aktivitäten doch ein wenig unterschieden in wünschenswerte und weniger wünschenswerte Einrichtungen. Für Letztere reißt man sich kein Bein aus, da werden keine neuen Konzepte gesucht bzw. Kanalisationen gelegt, um das Unmögliche möglich zu machen, selbst wenn das Ganze auch rein privatwirtschaftlicher Natur ist.

    Ach und wenn wir schon dabei sind, wild Geld auszugeben, was ist denn jetzt mit dem „angedachten“ Kreativquartier rund um die Zeche? Da soll sich doch im Jahr 2011 die Ruhr Pop Foundation ansiedeln, um jungen Talenten der Popmusik eine Ausbildungsstätte zu ermöglichen? (Wer’s glaubt …..) Aber gut, seien wir einen Moment so naiv und glauben wir, was geschrieben steht auf den Seiten der Homepage der Kulturhauptstadt.
    Wie würde sich das mit einem Musikzentrum vertragen, in dem „verschiedenste musikalische Inhalte“ zusammenfließen? Der Begriff ist schwammig, lässt aber vermuten, dass u.a. auch Popmusik damit gemeint sein könnte.

    Bei starkem Champuskonsum kann ich mir heute Abend noch Bochum als Musikzentrum Deutschlands zusammenvisionieren. Dumm nur, dass man vor wenigen Jahren die Musikwissenschaft an der RUB platt gemacht hat, natürlich war auch diese Aktion geprägt von Skandalen und Skandälchen.

    Es könnte alles so schön sein, hier im Westen, wenn ….

  41. #42 | peterli sagt am 1. Januar 2011 um 03:07 Uhr

    „Es gibt Leute, die nur aus dem Grunde in jeder Suppe ein Haar finden, weil sie, wenn sie davor sitzen, so lange den Kopf schütteln, bis eins hereinfällt.“

    Friedrich Hebbel

    Die Schlaglöcherargumente – so viel Kleinmut, das ist so deutsch, und dabei schön engstirnig, nicht sehend, dass die Gründe für die dauernden Haushaltslöcher auf die strukturelle Überlastung der Kommunen durch den Bund zurückzuführen sind.

    Insofern ist das Musikzentrum neben dem Steag-Kauf und der Gründung einer Gemeinschaftsschule eine der wenigen Entscheidungen in der letzten Zeit gewesen, bei der die Politik noch bestehende Handlungsspielräume genutzt hat. Das kann man zerreden, das kann man aber auch unterstützen und dafür Sorge tragen, dass es ein Zentrum für alle Bochumer wird, auch gerade für nicht Begüterte. „Jedem Kind ein Instrument“ kann man da nennen, andere Dinge werden sicherlich versierteren Leuten einfallen können und hoffentlich einfallen.

    Die Zeit, in der wir leben, ist so komplex, dass man nicht mehr eine Sache beurteilen kann, ohne zumindest nicht noch eine weitere oder besser zwei, drei mit in den Blick zu nehmen. Dies sollten wir tun und nicht kleinmütig sein.

    Gleichwohl ist die Lebhaftigkeit der Debatte ein gutes Zeichen, sofern sie dazu führt, dass die Kommentatoren über das Schlagloch hinaus politische Wahrheiten in den Blick nehmen können/wollen.

  42. #43 | Arnold Voß sagt am 1. Januar 2011 um 12:09 Uhr

    Nur, um bei dieser Diskussion mal eine der vielen Relationen klar zu machen, die man berücksichtigen sollte, wenn man in diesem Fall über Geldverschwendung bzw. Sparen lamentiert:

    Gegen das, was jeder Bochumer in den letzten und den kommenden Jahren z.B. mehr an Energiekosten bezahlt hat und haben wird – und zwar nur was den Anteil betrifft, der einzig und allein der Oligopolmacht der Stromkonzerne geschuldet ist – ist das, was er für sein neues Musikzentrum/Konzerthaus berappen muss, von absolut zu vernachlässigender Größe.

  43. #44 | Doris sagt am 1. Januar 2011 um 13:46 Uhr

    @ Arnold Voß #43

    wo ist der Widerspruch?

    „Kultur“ ist das Zuckerli …

    und die „Oligopolmächte“ schmücken sich gerne damit, Kultur zu sponsorn …

  44. #45 | Bürokratenfeind sagt am 1. Januar 2011 um 13:54 Uhr

    @ Doris

    Ja, da wird ein Schuh draus!

  45. #46 | David Schraven sagt am 1. Januar 2011 um 18:56 Uhr

    @ Arnold

    Man kann Geldvernichtung nicht mit noch mehr Geldvernichtung rechtfertigen.

    @ Peterli

    Ich denke, es ist mal wichtig, das Grundproblem nochmal genau zu benennen. Der Handlungsspielraum, über den Sie sich freuen, ist allein mit Schulden erkauft. Mit abermals neuen Schulden werden die Betriebsausgaben in Zukunft bezahlt.

    Dieses andauernde Schuldenmachen ist irrwitzig. Das Geld der Bürger wird über Zinsen in die Taschen der Banken geschoben.

    Die Handlungsspielräume für die künftigen Generationen werden immer kleiner. Weil der Anteil für den Schuldendienst in den künftigen Haushalten immer größer wird.

    Und dann wird noch so getan, als sei das Geld von der EU oder vom Land kein Geld für das Steuerzahler aufkommen müssen.

    Das finde ich dumm.

    @ Townsend

    Ihre Argumentation finde ich unredlich.

    Sie sagen, wer gegen das Musikzentrum ist, ist gegen Kultur.

    Das stimmt nicht. Ich finde Kultur wichtig – sehr wichtig sogar. Aber ich finde es aberwitzig solche Sachen auf Pump zu finanzieren. Das geht nicht. Und Sie als Politiker sollten mit dem Geld der Bürger verantwortlich umgehen.

    Wenn Sie sagen, die Betriebsmittel für den Halligalli-Tempel würden über die eingesparten Transportkosten für die Musiker reingeholt, dann fehlt mir der Glaube daran. Sie rechnen sich die ganze Nummer schön. Sie lassen die riesigen Unterhaltskosten für die Jahrhunderthalle außen vor, die auch bezahlt werden müssen. Sie lassen außer Acht, dass die bisherigen Kosten für die Musiker Luxuskosten sind.

    Und jetzt komme ich zum Punkt Kultur: Ich bin sehr bei Ihnen, die Kultur zu bezahlen, die man sie sich leisten kann.

    Niemand kauft sich einen Porsche zum Angeben, wenn er sich nur ein Fahrrad leisten kann.

    Statt also die dritte Konzerthalle in drei Nachbarstädten nebeneinander im Mittelklasseniveau auf Pump zu finanzieren, sollten Sie als Kulturpolitiker dafür kämpfen, dass zumindest eine in bester Qualität für die Region erhalten bleibt. Das kann das Ruhrgebiet sich am Ende vielleicht leisten. Und das wäre vielleicht auch ein Aufbruch. Denn eine Konzerthalle in bester Qualität wäre wirklich in der Lage die Spitzenkultur zu liefern, von der sie reden, und die dann vielleicht auch mit den großen Häusern der Welt mithalten könnte.

    So eine Halle wäre dann auch am Ende in der Lage sich selbst zu finanzieren.

    Aber ich sehe bei Ihnen nur den Drang, ihren Kirchturm zu schmücken. Und zwar nicht auf Ihre private Kosten (dann würde ich nichts kritisieren) sondern auf Kosten der Menschen, deren Geld Sie im Interesse der Allgemeinheit verwalten sollen.

    Ich verstehe wirklich nicht, warum sich die Bochumer nicht dagegen wehren.

    Andererseits ist das Schuldenmachen leider wohl gesellschaftlich akzeptiert.

    Und als Demokrat muss ich dann damit leben, dass Sie prassen, wo es nichts mehr zu prassen gibt.

  46. #47 | Jens sagt am 1. Januar 2011 um 19:24 Uhr

    @David:
    Du magst ja anderer Meinung sein, aber die Höflichkeit solltest Du dennoch wahren.

  47. #48 | David Schraven sagt am 1. Januar 2011 um 20:03 Uhr

    @ Jens

    Was war denn nicht höflich?

  48. #49 | Urmelinchen sagt am 1. Januar 2011 um 20:43 Uhr

    Glaube nur der Statistik, die Du selbst gefälscht hast! Das ist sicherlich ein abgedroschener, aber leider wahrer Satz. Man schätzt einfach die laufenden Betriebskosten der BoSy etwas höher, die des geplanten Musikzentrums etwas niedriger und schwups klappt’s auch mit der Milchmädchenrechnung.

    Dennoch, selbst wenn man darüber beide Augen zudrückt, die „Kröte“ Jahrhunderthalle, die es zu schlucken gilt, lässt sich nun einmal nicht wegdiskutieren, da hat Herr Schraven vollkommen recht.

    Des Weiteren kritisiert er in diesem Zusammenhang m.E. völlig zurecht, die Leichtfertigkeit, mit der neue Schulden gemacht werden. Gut, man deklariert sie einfach als Investition in die Zukunft und glaubt, das vermeintlich dumme Wahlvolk klatscht vor Begeisterung in die Hände.

    Leider hat man diese „Nummer“ schon zu oft abgezogen, als dass man sie noch unhinterfragt glauben könnte, außer natürlich in Bochum, wo kritischer Geist eher zu suchen ist.

  49. #50 | Jens sagt am 1. Januar 2011 um 21:34 Uhr

    @David:
    Ich denke es gebietet die Höflichkeit Diskutanten normal anzusprechen und nicht einfach nur mit dem Nachnamen. Ich sag ja auch nicht „Schraven, das ist sch…e“, sondern entweder @David Schraven oder „David, …“ usw.

  50. #51 | David Schraven sagt am 1. Januar 2011 um 22:11 Uhr

    Das meintest Du. Hab ich glatt übersehen. War keine Absicht. Sorry

    Es muss richtig heißen:

    @Michael Townsend

    Ich bitte dies als Entschuldigung anzunehmen.

  51. #52 | crusius sagt am 2. Januar 2011 um 03:11 Uhr

    @ 29: Das Bochumer Schauspielhaus scheint doch ganz gut zu laufen. Das geplante Musikzentrum wäre dann unter „Diversifizierung“ einzuordnen. Daß die nächsten 50 Jahre Sprechtheater so gut laufen wie die letzten, ist schließlich auch nicht garantiert.

    @ Rest: Daß alle Gegner des Musikzentrums Kulturbanausen sind, habe ich übrigens nicht behauptet. Daß im Ruhrgebiet Kulturbanausentum grassiert, kann aber auch ernsthaft niemand in Abrede stellen. Und zu diesen Banausen zählt in meinen Augen jeder, der behauptet, daß Kultur nur das Sahnehäubchen auf dem Kosakenzipfel ist, das man sich lediglich leisten darf, wenn alles andere bezahlt ist (gell, Herr Schraven?). Und ich bleibe dabei, daß jeder Euro, der überhaupt in kulturpolitische Anliegen fließt, langfristig für alle Akteure einen Gewinn darstellt.
    Wer einzelne Sparten der Kulturpolitik gegeneinander ausspielt, hat schon verloren.

    @ Herr Townsend: Der Verdacht, daß das aus dem Hut gezauberte „Musikzentrum“ lediglich ein – am Dortmunder Vorbild orientierter? – Versuch der „Fördermittelabgreifung“ ist, ließe sich am einfachsten dadurch aus der Welt schaffen, daß das zugrundeliegende Konzept an prominenter Stelle öffentlich gemacht wird. Sofern die Bochumer Stadtverwaltung ihre Hausaufgaben gemacht hat, würde so vielleicht deutlich werden, inwiefern ein solches Haus ein Kristallisationspunkt für Bürgersinn werden könnte. Hier baldmöglichst Transparenz herzustellen, wäre ja vielleicht tatsächlich eine Stuttgart-21-Lektion.

  52. #53 | David Schraven sagt am 2. Januar 2011 um 09:47 Uhr

    @ Crusius,

    ich habe nicht gesagt, dass man sich Kultur erst als Sahnehäubchen leisten darf, ich habe gesagt, dass man nur die Kultur finanzieren sollte, die man sich leisten kann.

    Das ist ein Unterschied.

    Wer Pleite ist und auf Pump lebt, kann sich eben nich besonders viel leisten. Wer Geld hat, kann damit machen, was er will.

    Auf Bochum bezogen: Um noch mehr Spitzenkultur im Orchesterwesen in die Region zu holen, wäre es klug, sich mit anderen Städten zusammenzutun, und sich auf ein Haus zu konzentrieren. Das könnte dann in der Weltliga mitspielen und wäre vielleicht ausgelastet.

    So haben wir drei mal Mittelmässigkeit in drei Städten nebeneinander, die dreimal die städtischen Haushalte belasten.

    Darum geht es Crusius.

    Aber leider siegen im Revier andauernd die Kirchturmschmücker.

  53. #54 | Jens König sagt am 2. Januar 2011 um 14:35 Uhr

    Verehrter Crusius,
    ich stimme ihnen vom Grundsatz her zu, aber ihre Unterstellung, Banausen dächten:
    „…daß Kultur nur das Sahnehäubchen auf dem Kosakenzipfel ist, das man sich lediglich leisten darf, wenn alles andere bezahlt ist (…).“
    ist wenig freundlich und eine Beleidigung für diejenigen, die nicht jeden Cent, womöglich auch geliehenes Geld, in Kulturprojekte stecken.

    „Und ich bleibe dabei, daß jeder Euro, der überhaupt in kulturpolitische Anliegen fließt, langfristig für alle Akteure einen Gewinn darstellt.“, ist, Entschuldigung, in seiner Undifferenziertheit und Absolutheit ein reines Totschlagargument. Wenn man diesem Credo folgte, bekämen wir für Bochum dutzende Theater, Opernhäuser, Konzerthallen, jeder Stadtteil seine eigene Schwimmoper, fünf weitere Musicals usw. Sie merken, dass man sinnvollerweise nicht jeden Euro (und schon gar nicht Euros die man nicht hat) in die Finanzierung von noch mehr und undifferenziert herbeigewünschten (wenn auch geschickt inszenierten) kulturpolitischen Anliegen stecken kann und sollte. Anliegen (zumal von Politikern oder Nutzniessern des Kulturbetriebes) sind immer da, aber man muss ja nun nicht wirklich jedem folgen.
    Sondern sich darauf einigen, was man sinnvollerweise tut. Und da habe ich nun einmal einwenig die Ruhrbrille auf: Die nächsten Konzerthäuser gibt es in Dortmund und Essen quasi um die Ecke. Die Bochumer können prima im Audimax spielen, find ich persönlich nicht schlimm, im Sommer gerne auch in der Jahrhunderthalle (im Winter ist das Heizen zu teuer, so wird man es jedenfalls demnächst hören;).
    Das Konzerthaus -oder wie man auch immer das schönbezeichnet- ist überflüssig. Es ist einzig Wahrzeichen provinzieller Grossmannssucht. Oder Gedankenlosigkeit: Wer beispielsweise einige Euro gespendet hat, der hat sicherlich gedacht, dass es ihm nicht weh tut, aber so’n Konzerthaus doch ganz schick sei. Ohne aber über die Konsequenzen nachzudenken: Dass die Spenden nur ein kleiner Teil der Gesamtkosten sind aber anschliessend alle Bürger mitbezahlen dürfen (Steuer ist keine freiwillige Spende) ist nicht bedacht, so zwingt ein Teil unserer Mitbürger den anderen, ohne das natürlich zu wollen, Kosten auf für ein Konzerthaus, welches möglicherweise nicht gewollt wird. Weil man schon einige davon um die Ecke hat.
    Insofern sind natürlich viele Spender auf die Inszenierung hereingefallen. Es war aber auch gut gemacht, muss man schon sagen.
    Dumm, dass bei solchen Sachen dann die Politik mit auf den Zug springt. So kriegt man schnell etwas gebaut, was demokratisch legitimiert erscheint, aber de facto gar nicht ist. S21 zum Beispiel und das Bochumer Konzerthaus möglicherweise auch.

    Auf der anderen Seite muss man im Kontext betrachten, dass das, was man nicht hat, und wo Geld für kulturpolitische Anliegen auszugeben sich lohnt weil einzigartig, nicht unterstützt wird. Die Beschwerde darüber wird meist so verstanden, als wollten einige „…einzelne Sparten der Kulturpolitik gegeneinander ausspielen…“. Nein, darum geht es nicht. Ich will nicht -platt gesagt- Off-Theater gegen Konzerthaus abwägen. Ich wäge Konzerthaus in Bochum gegen die Frage ‚Brauche ich das wirklich oder habe ich Alternativen vor der Haustür‘ ab. Dann erst, nach meinem Schluss, dass das Konzerthaus überflüssig ist, sehe ich, dass da ein Riesenetat für kulturpolitische Anliegen vorhanden ist und fordere, das Geld doch dann bitte an anderen Stellen zu verwenden. Insofern (aber auch wirklich nur in diesem Sinne) gehen wir völlig d’accord, „…daß jeder Euro, der überhaupt in kulturpolitische Anliegen fließt, langfristig für alle Akteure einen Gewinn darstellt.“.

  54. #55 | paul 26 sagt am 3. Januar 2011 um 15:27 Uhr

    Grundsätzlich gilt: Was ich mir nicht leisten kann, geht nicht! Bochum hat einen Nothaushalt. Wenn ich bei vollen Kassen Geld überhabe kann ich mir auch ein Musikzentrum leisten. Unser „Kulturdezernent“ hat ja in „Kreuztal“ als Kultursachbearbeiter -liegt übrigens in der Nähe von Siegen- wohl nichts mehr bewirken können. Bochum macht es halt möglich.

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