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Kreative und Geld II: Santa Precaria am Theater

Friederike Becht / Foto: Jeanne Degraa

Friederike Becht und Hans Dreher sind zwei, die ihren Traum vom Theater leben. Sie hat ein festes Engagement am Schauspielhaus Bochum, ist 24, gefragt und optimistisch. Er ist 36, arbeitet als Regisseur in der Freien Szene, hat die Verschwendung zu den goldenen Zeiten des Subventionstheaters in München erlebt und weiß um den Druck, der viele seiner Kollegen regelmäßig an den Rand der Verzweiflung treibt.

Nordrhein-Westfalen ist mit allein 22 städtischen Theatern und einer umtriebigen freien Szene ein wichtiger Motor für künstlerische Entwicklungen im Theaterbereich. Aber nicht auf, sondern hinter den Bühnen des Reviers trifft der Traum, Theater aus Leidenschaft zu machen, auf den harten Betonfußboden der Realität. Denn hier kämpfen viele Künstler mit unsicheren Beschäftigungsbedingungen. Das hat enorme Auswirkungen auf ihre allgemeine Lebenssituation, die trotz sehr guter Qualifikation manchmal ebenso prekär ist, wie von Erwerbslosen. Wie leckgeschlagene Kähne versuchen sich viele Theaterkünstler, zwischen Hartz-IV-Bezügen, Burn-Out und fehlender Krankenversicherung auf der tosenden See des Prekariats über Wasser zu halten. Festes Land ist hier nur selten in Sicht.

Zwei vernichtende Vorsprechen später

Hans Dreher führt regelmäßig Regie am Bochumer Rottstraße5-Theater. Der 36-Jährige ist zudem festes Mitglied des dreiköpfigen Leitungsteams. Hans pflegt einen stets zuvorkommenden Umgang mit Menschen und ist auch dann noch höflich, wenn es vor einer Vorstellung mal stressig oder chaotisch zugeht. Er begrüßt jeden persönlich, beantwortet bereitwillig Fragen aller Art und sorgt dafür, dass sich das Theaterpublikum jederzeit willkommen und wohl fühlt. Obwohl er erst 36 ist, mischen sich zunehmend graue Strähnen unter das dunkle Haupthaar. Zur schwarzen Anzughose trägt er gerne sportliche Kapuzenpullover. Dieses unaufdringliche, aber doch widersprüchliche Äußere fällt auf den ersten Blick nicht unbedingt auf. Wir treffen uns im Café Tucholsky. Er stellt seinen Rucksack ab und bestellt eine Tasse Kaffee. Geboren wurde Dreher in Japan, aufgewachsen ist er in den USA. „In New York habe ich eine deutsche Schule besucht und in der elften Klasse meine erste Theateraufführung mitgemacht. Von da an wollte ich Schauspieler werden. Mir wurde jedoch irgendwann ein Mangel an Talent attestiert.“ Zwei vernichtende Vorsprechen später verabschiedete er sich daher von der Idee, als Darsteller Karriere zu machen. „Das habe ich als etwas Erniedrigendes empfunden, so dass ich auf Gedeih und Verderb nicht mehr in diese Situation kommen wollte.“ Er wirkt belustigt, aber auch ein bisschen verletzt, als er von der Atmosphäre dieser Vorsprechen erzählt. Nach seinem Umzug nach Deutschland begann Dreher ein Dramaturgiestudium. Sein Interesse an Theatertheorie und -geschichte war geweckt, ein Studium der Theaterwissenschaft folgte. Seinem einstigen Studiengang stellt Dreher im Rückblick ein ambivalentes Zeugnis aus: „Theaterwissenschaft ist ein halbwegs attraktives Wartegleis. Dass solche Studiengänge heute zunehmend verschult sind, verhindert, dass Studierende praktische Erfahrungen sammeln können.“ Vom zweiten Semester an arbeitete er neben dem Studium als Statist am Theater. „Irgendwann habe ich ganze Semester ans Theater geopfert“, erinnert er sich und klingt dabei selbst ein bisschen überrascht. Je näher das Studienende rückte, desto geringer wurde die Zahl derer, die nach der Uni noch auf eine Karriere am Theater hofften. Dreher blickt durch das Café, in dem wir sitzen, so als erwarte er, seine früheren Kommilitonen plötzlich hereinkommen zu sehen. „Die wenigsten sind heute noch am Theater oder haben überhaupt versucht, ans Theater zu gehen.“ Ein, zwei Leute aus seinem Jahrgang haben es an die Schauspielschule geschafft, viele haben sich abgewandt, hin zum Journalismus oder dem Verlagswesen. Dass er anderthalb Jahre im Theaterbetrieb hospitieren konnte, wäre ohne Unterstützung undenkbar gewesen. Deswegen halfen ihm seine Eltern auch finanziell. Er wirkt dankbar, so als wisse er, dass er sehr viel Glück gehabt hat. Er lehnt sich zurück und stellt in ernüchtertem Tonfall fest: „Theater wird von einer Elite für eine Elite gemacht – auch einer Finanzelite.“

Hans Dreher / Foto: Hans Dreher

Dreher wechselte mit der Intendanz von Elmar Goerden von München ans Schauspielhaus Bochum. Goerden war gerade Oberspielleiter in München, als er nach Bochum geholt wurde. „In München gingst du als Regieassistent nicht an den Beleuchtertisch“, sagt Dreher. Dass dies auch anders sein kann, erlebte er dann in Bochum. „Hier gibt es viel weniger Cliquenbildung.“ Den Wechsel ins Ruhrgebiet hatte er seinem Ruf als interessanter junger Regisseur zu verdanken, der auch Goerden nicht entgangen war. So bewahrte er Dreher vor der drohenden Arbeitslosigkeit. „Es sind mehr kommunikative als mafiöse Strukturen. Hier in Bochum war ich einer von vier Regieassistenten. Das war eine ziemlich herbe Gegenabstufung im Vergleich zu München. Da hat sich alles auf einem ganz anderen finanziellen Niveau abgespielt. Aber ich hatte Lust auf die Arbeit und nahm die finanzielle Abwertung in Kauf.“

Vom Dorf in die Hauptstadt

Im Café Konkret mitten im geschäftigen Bochumer Bermudadreieck warte ich auf Friederike Becht und treffe stattdessen Arne Nobel, den ehemaligen Leiter des Rottstr5-Theaters und Felix Lampert, einen ihrer Stammschauspieler. Sie erzählen mir, dass sie die vergangenen Wochen auf dem Bau geschuftet haben. Sie sehen abgekämpft aus. Bevor sie weitererzählen können, springt auch schon eine junge, sportlich gekleidete Frau mit kleinem Dutt und braunen Haaren von ihrem Fahrrad. Sie befestigt es am Zugang zur U-Bahnhaltestelle und lächelt mit halb zusammengekniffenen Augen gegen die Sonne an, während sie sich suchend umschaut. Zuvor habe ich nur ein Foto von Friederike Becht gesehen, erkenne sie jedoch sofort. Dann hat sie auch uns entdeckt. Sie ist kleiner gewachsen, als ich erwartet hatte. Die 24-Jährige ist festes Ensemblemitglied des Bochumer Schauspielhauses unter der Intendanz von Anselm Weber. Becht hat ein feines, ebenmäßig geformtes Gesicht und ist auffallend hübsch. Wenn sie spricht, fallen ihr ab und zu ihre braungelockten Strähnen in die Stirn. Herzlich begrüßt sie auch Felix und Arne, die sich kurz darauf verabschieden. „Wenn ich an den Beruf denke, denke ich nicht an Geld. Das ist nur die Entschädigung fürs Durchhalten“, sagt Becht. Sie lächelt viel, wirkt zufrieden und gibt sich optimistisch. Manchmal blickt sie mit ihren glänzenden braunen Augen an mir vorbei und legt etwas verträumt den Kopf zur Seite, wenn sie von den Vorzügen des Theaterlebens berichtet. Dann huscht ihr ab und zu ein Lächeln übers Gesicht. Ihr Weg ans Theater liest sich wie der Siegeslauf eines Sprinters: Als junges Mädchen hatte sie in ihr Tagebuch geschrieben, dass sie Schauspielerin werden wolle. Kurz darauf kam das Wahlpflichtfach in der Schule, bald danach das erste Vorsprechen und dann die Schauspielschule. Da sie kein Abitur hatte, stand ihr Vater noch nicht so sehr hinter den Plänen seiner Tochter, zahlte ihr aber die Fahrt nach Berlin zum Vorsprechen. Für Becht war klar: Es muss klappen – und es hat geklappt. Fast alle, die an diesem Tag mit ihr zum Vorsprechen gekommen waren, mussten den Weg nach Hause mit einer Absage antreten. Alternativ hätte Becht eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht und wäre heimlich zum Schauspielunterricht gegangen. Mit 17 verließ sie das kleine Dorf, in dem sie bis dahin gewohnt hatte und brach allein auf nach Berlin, um an der Universität der Künste Schauspiel zu studieren. Sie kam schließlich bei einem arbeitslosen Schauspieler unter, der die junge Euphorie nur schwer aushalten konnte. Ein anderer Freund von ihr hängte den Traum der Schauspielerei gerade an den Nagel. Davon ließ sie sich jedoch nicht entmutigen. Mit ihren zierlichen Händen greift sie nach der Tasse Kaffee, die vor ihr steht und blickt auf. „Er war der Ansicht, ich müsse selber meine Erfahrungen machen. Man blutet viel. Ich habe zu dem Zeitpunkt noch nicht verstanden, warum er manchmal so grantig auf meine Fragen reagiert hat.“ Ihr Schauspielstudium finanzierte sie sich mit Bafög. Becht bekam den Höchstsatz und muss das Darlehen in Höhe von 20.000 Euro bald zurückzahlen. „Ich hätte Lust, dass keine Schulden mehr da sind. Manchmal war ich eifersüchtig auf die Leute, die es bezahlt bekommen haben. Aber andere bekommen gar nichts. Die müssen jobben und einen Dispokredit aufnehmen.“ Sie weiß, dass viele ihrer Kollegen nicht so viel Glück hatten, wie sie, dass sie hadern, wenn gerade eine Durststrecke ansteht. „Man muss selbst seine Grenzen einschätzen und kommunizieren. Man muss auf sich aufpassen. Das macht sonst keiner. Wenn du selber merkst, du kannst nicht mehr, dann musst du es auch sein lassen können“, sagt sie und sieht plötzlich sehr ernst aus.

Foto: Christoph Dietrich

„Mit 23 oder 24 Jahren kommen die in der Regel von der Schauspielschule. Es ist selten, dass jemand anfängt und bleibt“, sagt Stephan Wasenauer, Betriebsdirektor des Schauspielhauses Bochum. Das Einstiegsgehalt für junge Absolventen liegt mit etwa 1.650 Euro brutto im Monat deutlich niedriger als in anderen Berufen. Gerade am Anfang erhalten die meisten Schauspieler nicht mehr als einen Zweijahresvertrag. Im vierten Jahr beträgt das Bruttogehalt etwa 2.000 Euro. Auch, wenn eine Intendanz meist auf vier Jahre angelegt ist, gehören Vierjahresverträge nicht zum Standard. „Bochum ist kein Sonderfall. Das ist an anderen Häusern auch so“, sagt Wasenauer. „Wer am Schauspielhaus in Bochum war, bekommt danach aber leichter wieder einen Job.“ Das Anschlussgehalt wird jedes Mal neu ausgehandelt, steigt jedoch mit dem Alter. Finanziell erfolgreiche Karrieren wie sie in anderen Branchen und Berufssparten üblich sind, wären hier nahezu undenkbar. „Oberhalb von 5.000 Euro wird die Luft sehr dünn. Da müssen Sie die 50 schon weit überschritten haben. Es sei denn, Sie bekommen ein Engagement für Film und Fernsehen, fürs Kino oder eine Serie“, so Wasenauer.

Ein-Euro-Job statt Engagements

Friederike Becht / Foto: Jeanne Degraa

Viele Schauspieler sehen Filmengagements als eine wichtige Möglichkeit, um mehr Geld zu verdienen. Der Vorteil dabei liegt auf der Hand: Zwei Drehtage entsprechen in etwa dem Monatsgehalt eines Theateranfängers. Die damit verbundenen Nachteile schmälern jedoch das Glück des schnellen Geldes: Produzenten bezahlen nur die Drehtage selbst, nicht aber die Zeit für Vorbereitungen, Recherche oder Textlernen. Um in Zeiten ohne Engagements Arbeitslosengeld beanspruchen zu können, müssen Schauspieler jedoch nachweisen, dass sie innerhalb der letzten zwei Jahre mindestens sechs Monate beschäftigt gewesen sind. Gleichzeitig dürfen sie aber auch nicht mehr als sechs Wochen am Stück engagiert gewesen sein. Dann droht Hartz-IV und damit auch die Verpflichtung, Ein-Euro-Jobs statt kurzzeitige Engagements anzunehmen. Dabei zahlen Schauspieler genau wie andere Arbeitnehmer auch in die Sozialversicherungssysteme ein, wenn sie dann für einen Film oder eine Serie vor der Kamera stehen. Stattdessen dauerhaft als festes Ensemblemitglied an einem Theaterhaus engagiert zu sein, ist dagegen harte Arbeit und nicht unbedingt eine Alternative, die jedem offen steht.

„Theater ist Schufterei. Es verlangt viel Zeit und Energie, aber ich mache es auch gern“, sagt Becht. Einige Kollegen spielen sechs Stücke in einer Saison, sie hat vier. „Wenn man Proben hat, ist man damit etwa von morgens um 10 bis nachts um 23 oder 24 Uhr beschäftigt. Dazwischen ist von etwa 14 oder 15 Uhr bis 19 Uhr eine Mittagspause vorgesehen. Manchmal wird auch samstags geprobt und gespielt. Überstunden gibt es natürlich auch. Du kannst nicht einfach einen Tag freimachen.“ Um doch mal einen Tag freizumachen, muss Becht genau wie ihre Kollegen einen Antrag dafür stellen, weil sie sonst nicht versichert wären. Eine Art Ausgleich dafür gibt es jedoch auch, sagt sie: „Es gibt auch Zeiten, wo du doch sechs Wochen frei hast, während andere arbeiten müssen.“ Unter einer Intendanz an einem Haus zu arbeiten, beschreibt Becht als eine Art Liebesbeziehung. „Wenn ich nicht gewollt wäre, würde ich lieber gehen. Aber bisher gibt es dafür keine Anzeichen. Ich würde mir wünschen, dass es weitergeht.“ Becht wurde 2009 in Essen unter Anselm Weber engagiert, kurz bevor dieser ans Schauspielhaus Bochum wechselte. Ihr Vertrag läuft 2012 aus. Wie es dann weitergehen soll, weiß sie nicht. „Es reicht zum Überleben, aber nicht zum Sparen, erst recht nicht, um Schulden zurückzuzahlen. Momentan lebe ich gut, gehe gerne essen, fahre zu anderen Theatern. Manchmal kommen auch Angebote, filmmäßig etwas zu machen.“ Kürzlich wurde sie für den Bochumer Theaterpreis nominiert und ist momentan in einer Hauptrolle im Kinofilm „Westwind“ von Robert Thalheim zu sehen. Man merkt ihr die Freude und die Aufregung deswegen noch deutlich an. Serien und Werbung möchte Becht aber lieber nicht machen. „Ich bin zu Castings gegangen, bei denen ich froh war, dass es nicht geklappt hat. Ich finde, wir müssen keine Werbung für Nivea-Creme oder die Sparkasse machen. Die Leute sind nicht dumm. Wir haben eine Aufgabe, deswegen sollten wir ein bisschen darauf achtgeben.“ Becht hat eine klare Vorstellung davon, was sie machen möchte und was nicht. Sie verschränkt die Arme. In ihrem sonst so zarten Ton liegt nun etwas Kämpferisches: „Ich bin kein Model, keine Verkäuferin. Ich verkaufe keine Dinge, sondern Geschichten. Natürlich hoffe ich, dass auch andere so denken.“

Hans im Glück

Hans Dreher / Foto: Hans Dreher

Die goldene Zeit des Subventionstheater lag etwa in der Mitte der 90er Jahre. Unter Intendanten wie Leander Haußmann feierte man in Bochum zwar keine finanziellen Erfolge, glänzte aber mit Platzauslastung und viel gelobten Inszenierungen. Dieser Blütezeit trauern auch heute noch viele nach. Es gibt eine Geschichte aus dieser Zeit, die Hans Dreher immer gerne erzählt – vielleicht auch, weil sie im Jahr 2011 so unglaublich klingt: Als Statist und Kleindarsteller hatte er damals ein Gastspiel bei den Wiener Festwochen. Für die Anreise bekam er einen 1.-Klasse-Flug und ein Hotelzimmer, das größer war als seine damalige Wohnung. Dreher erinnert sich: „Mein Auftritt dauerte nur wenige Minuten. Für jeden einzelnen Auftritt bekam ich 350 DM. Das war so viel wie eine Monatsmiete. Das Kostüm, das ich trug, war eine wilhelminische Uniform und wurde eigens für mich angefertigt. Für meinen Drei-Minuten-Auftritt wurde mir zusätzlich noch ein Magnum-Schnurrbart angefertigt, der ebenfalls 150 DM kostete.“ Mit zwei Fingern jeder Hand deutet er die Form des Bartes an und lacht. Während er erzählt, wechselt seine Stimme zwischen amüsiertem Entsetzen und irritierter Faszination. Er macht eine kurze Pause. Für den Hang zur Verschwendung findet Dreher heute kritische Worte: „Inzwischen haushaltet man vernünftiger. Wegen der Detailversessenheit wurde ein Schweinegeld für Kleinstrequisiten ausgegeben, die über die dritte Reihe nicht mal mehr sichtbar sind.“ Er lacht und schüttelt den Kopf. „Es hilft aber auch nicht, den Theatern immer größere Summen abzuziehen. Wir brauchen Experten, die Betriebsstrukturen prüfen, die teilweise noch aus dem vergangenen Jahrhundert stammen. Dass das Schauspielhaus Bochum einen eigenen Schuhmacher hat, ist zum Beispiel ein Luxus, den man in Frage stellen kann“, findet er. Trotzdem möchte Dreher die großen Häuser nicht abschaffen. Die Vorstellungen im Schauspielhaus besucht er regelmäßig. Deswegen kann er auch gute Gründe für Stadttheater finden. Mit geöffneten Handflächen streckt er seine beiden Arme zur Seite und fragt: „Wo sonst willst du einen Schiller in Originalbesetzung sehen?“ und sieht dabei aus, als hätte er dabei die große Bühne des Schauspielhauses vor Augen.

Postdramatischer Hirnkrampf

Durch die vorangegangene Dekadenzwelle waren die Theater irgendwann gezwungen, erheblich zu sparen. Das brachte sie in eine Bredouille. Währenddessen nutzten die künstlerischen Mitbewerbermedien ihre Vorteile. Film und Fernsehen sind in ihren Geschichten und Techniken zum Teil dramatischer als Theater. Auch geht an keiner Bühne der Zuschauerschwund spurlos vorbei. In den Wirrnissen aktueller Theatertheorien wissen Regisseure und Dramaturgen oft nicht, welchen Stoff sie für eine Inszenierung auswählen sollen. Das Dargebotene kommt kopflastig daher und so manche gute Inszenierungsidee verliert sich irgendwo in einem theoretisch-reflexiven Brimbamborium, das sich mäandernd durch die Gedanken der Dramaturgen drängt. Dreher lehnt sich zurück und verschränkt seine Arme vor der Brust. „Es gibt eine Angst vor Leidenschaftlichkeit. Das sieht man an der Auswahl der Stoffe. Das Impulse-Festival zum Beispiel war in diesem Jahr zu weiten Teilen ein postdramatischer Hirnkrampf. Ich glaube, dass es die Dramaturgen und nicht die Leute inszeniert“, sagt er. Das kann sich die Crew des Rottstraße5-Theaters nur bedingt leisten. Es wird standardmäßig nicht subventioniert und ist daher stärker von den Zuschauerzahlen abhängig, als andere Bühnen der Freien Szene. Dreher versucht, der finanziell angespannten Situation auch etwas Positives abzugewinnen: „Viele Künstler ringen in erster Linie um finanzielle Subventionen, nicht um Anerkennung oder Aufmerksamkeit.“ Er atmet aus, fährt sich durch die Haare. „Deswegen macht es auf gewisse Weise auch frei, nichts oder nur so wenig zu haben. Es entbindet einen vom Kampf um die Mittel.“ Jetzt schweigt er, runzelt die Stirn und greift nach seiner Kaffeetasse.

Dieser Kampf um die Mittel ist in der Freien Szene ständig präsent. Das Rottstraße5-Theater hat es dank viel gelobter Inszenierungen zu einer festen Instanz innerhalb der Theaterlandschaft des Ruhrgebiets geschafft. Noch hält es sich auch ohne regelmäßige finanzielle Subventionen. Dafür herrschen hier dauerhaft prekäre Verhältnisse. An den beteiligten Menschen gehen diese Umstände nicht spurlos vorbei. So leben manche von Drehers Kollegen aufgrund der finanziellen Überforderung jahrelang ohne Krankenversicherung und gehen einfach nicht zum Arzt. Stattdessen leben sie in der ständigen Gefahr und Angst, sich eine ernsthafte Erkrankung oder Verletzung zu zuziehen, deren Behandlungskosten sie nicht würden tragen können. Die in dieser Zeit nicht gezahlten Versicherungsbeiträge müssen sie jedoch zunächst zurückzahlen, um sich wieder krankenversichern lassen zu können. So wächst die finanzielle Hemmschwelle mit jedem Monat. Andere sind immer wieder gezwungen, ihre Existenz über Nebenjobs oder Hartz-IV-Bezüge abzusichern, wenn sie bei einem Vorsprechen mal wieder nicht genommen wurden und die Engagements ein paar Wochen zu lang ausbleiben. „Im Grunde lebe ich im Moment, wo meine Situation am prekärsten ist, am gesündesten“, lacht Dreher und legt wieder die Stirn in Falten. Dann sprudeln die Sätze nur so aus ihm heraus: „Ich glaube, dass am Theater im Schnitt wahrscheinlich ein Drittel des Nettogehalts für Zigaretten und Alkohol ausgegeben wird. Es ist auch selbst verschuldet. Brutaler Stress, nie enden wollende Arbeitszeiten, eine ständige Verfügbarkeit. Manchmal muss man vier Wochenenden hintereinander durcharbeiten. Abschalten ist nicht. Man steht so unter dem Zwang zu Funktionieren, dass man sich chemisch beruhigen muss.“ Dreher wirkt resigniert und fügt mit ernstem Ton hinzu: „Warum trinkt man am Theater noch mehr als ein Pilot oder Herzchirurg in seiner Freizeit? Es ist ja nur Theater.“ Er schweigt lange, blickt auf und schiebt leise hinterher: „Aber es gibt kein objektives Maß an Leid.“

Reihe Kreative und Geld:

Was verdien man denn so?

 

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16 Kommentare zu “Kreative und Geld II: Santa Precaria am Theater

  • #1
    Gerd Herholz

    Danke. Spannend-berührender Einblick in Lebenssituationen, Herz und Hirne. Zur Vertiefung der Serie “Kreative und Geld” empfehle ich auch die Lektüre von: http://www.freitag.de/kultur/1208-bildung-schadet

  • #2
    Alina

    Schöner Artikel!
    Zeigt, dass es da draußen doch noch ein Paar “Verrückte” gibt, die ihren eigenen Traum leben und nicht aufhören wollen dafür zu kämpfen! Und das ist auch gut so 🙂

  • #3
    Martin Böttger

    Kompliment für diese exzellente Interview-Reportage.
    Ist die hier wirklich exklusiv? Also unbezahlte Arbeit? Die Welt ist ungerecht.

  • #4
    Stauder

    @ Martin: Exklusiv und unbezahlt? – Ja, das ist sie. Journalisten und Santa Precaria duzen sich auch gerne mal.

  • #5
    Arnold Voß

    Am Theater zu spielen mag ein persönlicher Traum sein. Das Theater als kulturelle Einrichtung ist dagegen für jede Gesellschaft ein wichtiger Teil der geistigen und emotionalen Grundversorgung. Nicht die Menschen, die dafür alles geben, sind verrückt, sondern die Tatsache, dass sie dafür von eben dieser Gesellschaft so gut wie nichts bekommen.

  • #6
    suse123

    Ein interessanter Artikel – aber es bleibt die Frage, wieso Künstler ihre Arbeit nicht genau wie “normale Arbeitnehmer” auch unter wirtschaftlichen Aspekten betrachten – und ggf. eben feststellen, dass man mit einer vermeintlichen Traumarbeit selten ausreichend Geld verdienen kann … und sich dann für einen anderen Beruf entscheiden. Bei der Entscheidung für ein künstlerisches Dasein ist bis auf wenige Ausnahmen damit auch die Entscheidung für unsichere, prekäre Lebensverhältnisse vorhersehbar. Spätestens ab den 30igern haben die Akteure dann eben keine Lust mehr, so unsicher zu leben.

    Aber wie gesagt: das sollte jeder vorher wissen

  • #7
    Gerd Herholz

    Auch spannend heute in der FAZ: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/akademischer-alltag-privatdozenten-sind-das-uni-prekariat-11657573.html

  • #8
    Axel Weiß

    @SUSE123

    Ein sehr nüchterner, – ernüchternder Kommentar. Es ist ja nicht gesagt, dass künstlerisch tätige Menschen ihre Arbeit nicht unter wirtschaftlichen Aspekten betrachten. Aber was heißt das? Ist Arbeit nur zum Geldverdienen da?

    Ginge es stets einzig und allein um den wirtschaftlichen Aspekt: wir hätten in Kürze eine kalte, anteilnahmslose Gesellschaft (manche meinen, wir hätten sie sowieso schon …) von stumpfen und unzufriedenen Individuen.
    Die von Dir angesprochenen prekären Verhältnisse: wie entstehen diese wohl? Die „machen“ sich die KünstlerInnen gewiss nicht selbst …

    Es ist bedenklich, dass „die Kreativen“, die von einer enormen Leidenschaft und Überzeugung zehren, auf so wenig Verständnis und Solidarität stoßen. Dahinter steckt nicht selten der Vorwurf, sie seien weltfremde Träumer und Träumerinnen.

    Innovationen, Erfindungen können aber letztendlich nur in einem Klima von geistiger Freiheit, Offenheit und – Kreativität entstehen.

  • #9
  • #10
    suse123

    Hier zwei interessante Links, die vielleicht ein wenig Aufschluss geben könnte, wieso Künstler trotz vorhersehbar prekärer Lebenssituation ihren Beruf wählen.

    http://www.swr.de/blog/wissenschaftaktuell/2012/02/23/kunst-macht-zufrieden/#more-1007

    http://www.creative.nrw.de/news/detail/news/sind-kuenstler-wirklich-gluecklicher.html?no_cache=1&cHash=f02cf5546c0de2f5cd34acae5c2b8643

  • #11
    Arnold Voß

    Das läuft hier wieder mal darauf hinaus, dass Jemand, der viel Spaß an seiner Arbeit hat, weniger Entlohnung braucht. Eine seltsame Logik, über die sich übrigens alle kaputt lachen, die mit viel Spaß viel Geld verdienen.

    Professionelle Bühnenperformance z.B. ist geistige, emotionale und körperliche Schwerstarbeit, egal ob als Schauspieler und/oder Tänzer und/oder Akrobat. Egal wieviel Freude, Selbstbestimmung, Anerkennung, Schaffensrausch usw. sie beschert.

    Sie wird aber in der Regel nicht entsprechend bezahlt. Weder von denen, die sie sich anschauen, noch von denen, die sie deswegen subventionieren bzw. subventionieren sollten. Das man damit zu rechnen hat, wenn man sich für diese Berufe/Berufungen entscheidet, ändert nichts an dieser Tatsache und der Frage, wie sich das ändern lassen könnte.

  • #12
    Anton Kowalski

    Und hier noch ein Tipp:
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  • #13
    Eva

    Ein eindrucksvoller Beitrag, der einen Blick hinter die Fassade der vermeintlichen Glitzerwelt Theater ermöglicht. Dass die freie Szene es schwer hat, war vorher schon klar, doch dass es so hammerhart ist – schockierend.
    @ Gerd Herholz: Ja, auch in der Forschung und Lehre herrschen ähnliche Zustände. Der wissenschaftliche Personalrat der Uni Köln hat mal ausgerechnet, dass wissenschaftliche Hilfskräfte – also Leute mit abgeschlossenem Studium – einen geringeren Stundenlohn bekommen als die Putzfrauen. Lehrbeauftragte werden nur für die Stunden bezahlt, in denen sie die Veranstaltung abhalten, alles andere – Vorbereitung, Durchsehen von Hausarbeiten usw. – wird nicht bezahlt. Und diejenigen, die gern in der Forschung und Lehre tätig wären, aber noch nicht mal eine dieser Ausbeuterstellen bekommen, sind Legion.
    Es ist einfach traurig zu sehen, für wie viele begabte Kreative, seien es nun Schauspieler, Wissenschaftler, Designer oder andere, es offenbar keinen Platz in dieser Welt gibt. Sie müssen unter unwürdigen Umständen arbeiten oder aber, noch schlimmer, sie sehen sich gezwungen, ihre Träume aufzugeben und in einem Bereich zu arbeiten, der ihnen nicht liegt. Das ist in jedem einzelnen Fall tragisch und dazu noch eine ungeheure Verschwendung von Begabung.

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