2

Letzte Schicht: „So roch früher das ganze Ruhrgebiet, so roch meine Kindheit“

Zeche Graf Moltke in Gladbeck Foto: Maria Wichłacz – Musielak Lizenz: CC BY 3.0


Die letzte Zeche schließt, nach Jahrhunderten geht die Ära des Bergbaus zu Ende. Ruhrbarone-Autoren erzählen in den kommenden Wochen in loser Folge darüber, was sie mit der Welt der Zechen verbindet. 

Opa hatte mir immer erzählt, wie heiß es unter Tage ist. Klar, da unten waren sie ja dem Erdkern ziemlich nah. Und wie hart die Arbeit war, davon hat er auch oft gesprochen: „Du liegst auf dem Rücken, über Dir sind hunderte Meter Gestein und vor Dir die Kohle. Und mit dem Bohrhammer holst Du die Kohle dann aus dem Berg.“ Er zeigte dann auf seinen steifen Finger und die vielen dunkelblauen Stellen auf seiner Haut: Kohlenstaub hatte sich in die Wunden gelegt und sie markiert. Aber mehr als einen steifen Finger hat Opa nicht zurückbehalten. Er hatte, wie er immer sagte, Glück gehabt. Andere waren gestorben, hunderte Meter tief in den Schacht gefallen oder von herabfallenden Steinen erschlagen worden. Opa nicht, der kam immer heile aus der Zeche raus.

Die Zeche, auf der mein Großvater arbeitete, war Graf Moltke in Gladbeck. 1873 begann ihr Aufbau, wurden die Schächte auf fast 500 Meter in den Boden getrieben, 1971, nach fast hundert Jahren, wurde sie geschlossen.

Mein Großvater mütterlicherseits ging mit 14 Jahren unter Tage. Obwohl er gute Zeugnisse hatte, standen weder eine Berufsausbildung noch der Besuch einer weiterführenden Schule zur Diskussion. Die Familie meines Großvaters war arm, er musste etwas dazuverdienen: Erst, direkt nach der Schule, auf einem Bauernhof irgendwo in Westfalen, später dann auf der Zeche. Er war nie gerne Bergmann. Als er erwachsen wurde, kündigte er und begann bei einem Bauunternehmer als Fuhrmann zu arbeiten. Später machte er seinen LKW-Führerschein. Als er aus dem Krieg kam und dringend Geld und Lebensmittel brauchte, ging er wieder unter Tage. Gegen Ende seiner Zeit als Bergmann machte er eine Ausbildung zum Schießmeister und leitete Sprengungen unter Tage.

Mein Urgroßvater, der Vater meiner Großmutter, zog mit seiner achtköpfigen Familie nach dem ersten Weltkrieg von Wuppertal nach Lünen. Auf den Zechen des Ruhrgebiets gab es Arbeit und man verdiente mehr Geld als in der Textilindustrie, wo er als Färber gearbeitet hatte.

Einen Tag war er unter Tage. Es muss fürchterlich gewesen sein, denn er fuhr nie wieder ein, arbeitete von da an im Maschinenhaus über Tage und schwor sich, dass keiner seiner Söhne jemals Bergmann werden würde. Meine Großonkels machten tatsächlich alle eine Berufsausbildung, wurden Schreiner oder Schlosser – und dann trotzdem Bergmann, denn auf der Zeche gab es die sicheren Jobs und gutes Geld.

Bergmann war man, weil es keine Alternative gab.

Aber es gibt noch mehr was mich mit dem Bergbau verbindet als die Familiengeschichte: Als Kind ging ich eine Zeit lang in den Zechenkindergarten, als Student wohnte ich in einer Zechenwohnung. Und meine Großeltern hatten natürlich einen Kohleofen. Die Kohle war Teil des Gehalts, sie bekamen ein „Deputat“. Einmal im Jahr kam ein großer Magirus-Deutz und kippte zwei Tonnen Steinkohle auf den Bürgersteig, die dann in den Keller getragen wurde. Als später die Kohle mit einem Förderband direkt in den Keller geliefert wurde, war meine Großmutter froh, denn sie musste nicht mehr den dreckigen Bürgersteig sauber schrubben.

Bergbauromantik gab es in meiner Familie nicht, obwohl sie vom Bergbau geprägt war, obwohl es der Bergbau war, der die mütterliche Seite meiner Familie, mein Vater ist Grieche, vom serbischen Niš und dem Bergischen Land ins Revier ziehen ließ.

Und doch: Als ich vor ein paar Jahren in Bochum von einem Schrottplatz, dem ich meinen alten Golf II überlassen hatte, zur Bahnhaltestelle ging, hatte ich auf einmal das Gefühl, tief zurück in meine Kindheit zu fallen. Erinnerungen kamen hoch, es fühlte sich gut an und ich brauchte einige Zeit um zu verstehen, was diesen Flashback ausgelöst hatte. Schließlich entdeckte ich auf einem Dach einen Schornstein, aus dem der Rauch eines Kohleofens stieg. So roch früher das ganze Ruhrgebiet, so roch meine Kindheit.

Auch wenn ich das Ende des Steinkohlebergbaus richtig finde, weil er seit Jahrzehnten unwirtschaftlich war und die Entwicklung des Ruhrgebiets behindert hatte, macht mich das baldige Aus der letzten Zeche wehmütig. Prosper-Haniel macht dicht und ich bin froh, dort vor acht Jahren meine einzige Grubenfahrt dort erlebt zu haben. Windig war es da unten in 1200 Metern Tiefe, warm, aber nicht mehr so heiß, wie Opa es beschrieben hatte und Maschinen statt Bergleuten bestimmten das Bild.

Das Ruhrgebiet, wo ich mit Ausnahme einiger Jahre in Frankfurt, immer gelebt habe und wo ich, auf Kohle in Gelsenkirchen, geboren wurde, würde es ohne den Bergbau nicht geben. Die Zechen waren der einzige Grund, warum die Städte hier von mehr oder weniger vergessenen Käffern im Niemandsland zwischen Köln und Münster zu Großstädten wurden, warum die Stahlwerke kamen und…  Genau: Und? Wenn wir ehrlich sind, ist das Ruhrgebiet nichts anderes als eine zu groß geratene Goldgräbersiedlung im nicht ganz so wilden Westen der Republik. Eine überzeugende Antwort, warum es trotz des Endes der Kohle und dem massiven Schrumpfen der Stahlindustrie überhaupt noch ein Ruhrgebiet gibt, wurde bislang nicht gefunden. Dabei ist das Ruhrgebiet ohne Kohle und Stahl so wie Hamburg ohne Hafen, Offenbach ohne Frankfurt und Wolfsburg ohne VW – eigentlich überflüssig.

Hier ist nichts, was es nicht anderswo besser und häufiger gibt: DAX-Unternehmen, Medizinwirtschaft, schlechter Nahverkehr, hässliche Innenstädte, endlose Siedlungen mit den immer gleichen Häusern. Es gab ein paar gute Ideen, die Misere in einen Vorteil zu verwandeln, die viele leerstehenden Zechengebäuden und Fabrikhallen einfach Menschen mit Ideen zu überlassen und zu schauen, was passiert. Aber das widersprach dem Geist des Ruhrgebiets, der paternalistisch geprägt ist, der vor allem Befehl und Gehorsam und nicht Eigeninitiative kennt. Auch das eine Hinterlassenschaft des Bergbaus, denn auf den Zechen war der Ton oft militärisch rau.

Trotzdem: Zum Abschied ein letztes Glückauf von ganzem Herzen. Ohne den Bergbau wären wir alle nicht hier. Er war das Beste, was diesen Bauerndörfern geschehen konnte, die durch ihn zu Städten wurden. Und er ermöglichte die Industrialisierung, machte die Menschen von Bauern zu Arbeitern, befreite sie von der Idiotie des Landlebens, wie Marx es so treffend formulierte. Und jetzt: Schicht im Schacht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

RuhrBarone-Logo

2 Kommentare zu “Letzte Schicht: „So roch früher das ganze Ruhrgebiet, so roch meine Kindheit“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.