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Letzte Schicht: Glück auf!

Bergabau-Denkmal in Bochum: Glück auf!
Bergabau-Denkmal in Bochum: Glück auf! / Foto: Peter Hesse
Bergabau-Denkmal in Bochum: Glück auf!

Bergabau-Denkmal in Bochum: Glück auf! / Foto: Peter Hesse

Die letzte Zeche schließt, nach Jahrhunderten geht die Ära des Bergbaus zu Ende. Ruhrbarone-Autoren erzählen in den kommenden Wochen in loser Folge darüber, was sie mit der Welt der Zechen verbindet. 

Im Zuge der Montanindustrie ist das Ruhrgebiet zum größten Ballungsgebiet Europas geworden. Doch die Kohlekrise ab 1958 läutet das Ende dieser bedeutenden Ära ein. Im direkten Umfeld meiner Kindheit und Jugend war der Bergbau allerdings kein großes Thema. Meine Eltern absolvierten beide eine Ausbildung in Straßenbau-Unternehmen, mein Vater als Industriekaufmann und meine Mutter als Sekretärin. Auch geografisch hatten sie keine Kohlenpott-Wurzeln, sondern kamen von der Mosel und aus dem Sauerland. Meine beiden Großväter sind im zweiten Weltkrieg gefallen, meine Großmutter väterlicherseits zog nach Hungersnöten in den späten 1940er Jahren von Rüthen (Sauerland) nach Dortmund – auch weil sie meinem Vater und meiner Tante eine bessere Schulbildung ermöglichen wollte.

Meine Mutter kam von der Mosel und zog im Laufe der 1960er Jahre zu meinem Vater nach Dortmund, wo sich meine Eltern mit einem Baugeräte-Unternehmen selbstständig machten. Hier gingen Malermeister, Dachdecker, Pflasterer, Straßenteerer oder Einkäufer aus dem Hoch- und Tiefbau-Gewerbe aus und ein. Aber Bergleute? Fehlanzeige. Im Jahr 2000 bin ich nach vielen Dortmunder Jahren nach Bochum gezogen und habe viele Jahre in Steinwurfnähe zum Bergbaumuseum gewohnt. Bis heute kann ich behaupten immer nur im Ruhrgebiet gewohnt zu haben, weil sich beruflich wie privat hier immer alles für mich ergeben hat. Daher spielt der Bergbau natürlich auch für mich eine Rolle, wenn auch eher auf der Metaebene.

Die Krise um das „schwarze Gold“ beginnt vor über 60 Jahren. Aufgrund der hohen Preise für Ruhrkohle sinkt Ende der 1950er Jahre die Nachfrage, aus der sie sich die Montanindustrie zwischen Dinslaken und Unna nicht mehr erholen wird. Da das Ruhrgebiet in seiner Struktur zu stark auf die Kohleförderung und deren nach gelagerten Wirtschaftszweige ausgerichtet ist, trifft diese Krise die gesamte Region und ein Wandel gestaltet sich eigentlich bis in die Jetztzeit zäh und schwer. Mir klingelt noch eine Geschichte in den Ohren, die der Schauspieler Joachim Król mal in einem Interview erzählt hat. Der Vater von Król war Bergmann, hat meist im Liegen und bei völliger Dunkelheit gearbeitet.

Irgendwann besuchte er mit Joachim einen Schacht in vielen Metern Tiefe. Plötzlich schaltet er die Taschenlampe aus, Vater und Sohn stehen im Dunkeln. „Warum hast du das Licht ausgemacht, ich fürchte mich“, sagt der junge Król zu seinem Vater. „Ich möchte, das du verstehst, warum ich will, dass du dein Abitur machst.“ Das machte er. Anschließend studierte Krol von 1981 bis 1984 Schauspiel an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Bekannt wurde er mit Filmen wie „Der Bewegte Mann“ von Regisseur Sönke Wortmann oder mit „Wir können auch anders“ von Detlev Buck. Zudem spielte Krol in Filmen von Niko Hofmann, Doris Dörrie, Hans W. Geißendörfer, Helmut Dietl, Wim Wenders oder Tom Tykwer. Im Zuge eines Fußball-Abschiedabends für den BVB-Spieler Jürgen Kohler lernte ich Król im Mai 2002 einmal persönlich kennen. Wir sprachen lange über Fußball, über Heimat, BVB-Besoffenheit und auch über unsere familiären Wurzeln.

Beim BVB-Gespräch: Jochim Król, Stadt Dortmund-Mitarbeiter Volker Gänz und Ruhrbarone-Autor Peter Hesse

Beim BVB-Gespräch: Jochim Król, Stadt Dortmund-Mitarbeiter Volker Gänz und Ruhrbarone-Autor Peter Hesse

Seinen eigenen Vater hat Król nur einmal wirklich dem Zusammenbruch nah erlebt. Gegen Ende der 1970er besuchte Krol mit einem Freund zusammen New York und meldete sich regelmäßig per Telefon zuhause. Dann kam der Tag, als er daheim in Herne anruft und Vater Król, der starke Bergmann, weint am Telefon wie ein Schlosshund. „Das war ein ganz merkwürdiger Moment“, sagt Król. Der Westfalia Herne-Investor Goldin hatte viele Steuern hinterzogen. Dadurch wurden alle 260 Goldin-Tankstellen geschlossen und Westfalia, der Verein der mit vielen Aufwendungen von Goldin gesponsert wurde, geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Die Herner mussten nach dem ersten Spiel der Saison 1979/80 ihre Lizenz zurückgeben und wurden in die Oberliga Westfalen heruntergestuft. Und unter dieser Tatsache brach das Herz von Vater Król in 1000 Stücke.

Damals war Fußball noch das kleine Glück der Bergleute. Der Ruhrgebietsfußball ist gegenwärtig so präsent wie noch nie, aber der Bergbau ist nur noch ein Ausstellungsstück in den Ruhrgebietsmuseen. Die Zeche Zollverein in Essen war von 1847 bis 1986 ein aktives Zentrum des Steinkohle-Bergbaus und hat sich seit dem Jahr 2009 durch die Installation des Ruhr-Museums zu einem absoluten Prestigeobjekt entwickelt. Dieses Museum versteht sich als Gedächtnis der Metropole Ruhr. In der umfassenden Dauerausstellung wird in den Bereichen Natur, Kultur und Geschichte das Ruhrgebiet in seinen zahlreichen Facetten gezeigt. Aber vor allem der Bergbau nimmt hier eine exponierte Sonderstellung ein – als Schaufenster für den Niedergang der Montanindustrie ist ein Besuch hier absolut empfehlenswert. Denn so viel ist sicher: ohne die Kohle in unserer Region wären wir alle nicht hier.

In der Serie bereits erschienen:

Letzte Schicht: „So roch früher das ganze Ruhrgebiet, so roch meine Kindheit“

RuhrBarone-Logo

3 Kommentare zu “Letzte Schicht: Glück auf!

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