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Letzte Schicht: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei!

Die letzte Zeche schließt, nach Jahrhunderten geht die Ära des Bergbaus zu Ende. Ruhrbarone-Autoren erzählen in den kommenden Wochen in loser Folge darüber, was sie mit der Welt der Zechen verbindet. 

Als 1971 in Dortmund geborenes Kind des Ruhrgebiets habe ich natürlich gleich etliche Verbindungen zum Bergbau in der Region. Obwohl meine Verwandtschaft Zeit meines Lebens nie besonders zahlreich war, komme selbst ich locker auf ein ganzes Dutzend Verwandte, die einst ganz unterschiedliche Jobs auf den Zechen im Revier ausgeübt haben.

Alle meine persönlichen Beziehungen zum Bergbau in der Region sind jedoch schon seit Jahren Geschichte. Und genau deshalb packt mich auch das offizielle Ende der Geschichte in diesen Tagen emotional nicht mehr sonderlich.

Für mich ist der Bergbau längst schon ein Relikt aus vergangenen Tagen, ein antiquierter Wirtschaftszweig, der sich seit Jahrzehnten komplett überlebt hat. An dem Stolz und Respekt, den ich für meine früher hart arbeitenden, inzwischen größtenteils verstorbenen Verwandten empfinde, die teilweise unter Einsatz von Leben und Gesundheit das tägliche Brot ihrer Familien erschuftet haben, ändert das im Grundsatz jedoch nichts. Und genau deshalb möchte ich hier und heute auch noch einmal kurz von diesen erzählen.

Diverse Bergbaugeschichten gehören mit zu meinen ersten Kindheitserinnerungen. Ganz vorne unter den Geschichtenerzählern war mein Urgroßvater mütterlicherseits. Er wurde im Jahre 1898 geboren und hatte ursprünglich einmal das Bäckerhandwerk gelernt. Da er in diesem Beruf allerdings dauerhaft nicht genug Geld verdiente, heuerte er, zusammen mit einigen Leuten aus seiner Verwandtschaft, auf der Zeche in Waltrop an.

Hierzu musste er seinerzeit zunächst noch täglich mit dem Fahrrad oder zu Fuß aus Selm nach Waltrop kommen. Erst Jahre später zog er samt Familie nach Waltrop, als er sich ein eigenes Grundstück leisten konnte. Opa Paul berichtete mir früher lebhaft und mit einem gewissen Stolz in der Stimme von unzähligen 16-Stunden-Tagen auf dem Pütt, von Arbeitsbedingungen, wie wir sie uns heute nicht mehr vorstellen können.

Etliche seiner Arbeitskollegen kamen seinerzeit bei Unfällen sogar ums Leben. Auch der Bruder meines Opas kam damals, es müsste in den späten 1940er-Jahren gewesen sein, auf der Zeche um. Er wurde gemeinsam mit einigen Kumpels von herabstürzenden Steinen erschlagen, wurde nur rund 25 Jahre alt.

Wenn ein Betrachter heutzutage die alten Bilder aus längst vergessenen Tagen sieht, kann er sicherlich nur noch ansatzweise erahnen, was es überhaupt für die Leute bedeutet haben muss mit diesen Gefahren umgehen zu müssen. Und trotzdem waren die Bergleute, wie mir stets berichtet wurde, nahezu ausnahmslos extrem stolz auf ihren Job und ihre Kollegen.

Von meinen beiden Großvätern war einer bis zu seiner Pensionierung Ende der 1970er-Jahre auf der Zeche Minister Stein in Dortmund tätig. Er hatte vor dem Krieg im Osten Melker gelernt und kam später aus reiner Armut ins Ruhrgebiet, lernte auf dem Weg hierher meine Oma kennen.

Auf der Zeche fand er nach dem Krieg sofort Arbeit, verdiente dort vergleichsweise ‚gutes Geld‘, konnte seiner Familie später sogar ein eigenes kleines Häuschen in Eving kaufen. Er war stolz auf das Geleistete, weniger auf die Arbeit, wenn ich das richtig in Erinnerung habe.

Opa Gerd’s Aufbauarbeit verdankt meine Familie bis in die Gegenwart hinein viel. Seine Sparleistung bildete den Grundstock für den relativen Wohlstand meiner Eltern, von dem auch ich heute noch ganz greifbar profitiere, wohnt meine Familie durch diesen ‚Grundstock‘ doch seit Jahrzehnten in ‚Eigentum‘. Heutzutage wären solche Aufbauleistungen für quasi ungelernte Arbeiter wohl nicht mehr vorstellbar. Damals ging das noch.

Im Schatten des aufblühenden Bergbaus nach dem 2. Weltkrieg wuchs der Wohlstand im gesamten Revier rasant, ganz konkret auch der in meiner Familie. Das ist inzwischen längst Vergangenheit, wie es scheint.

Die aus meiner persönlichen Sicht letzte Generation von Bergleuten waren meine beiden Onkel. Beide arbeiteten von den 1960er-Jahren an als Elektriker auf verschiedenen Zechen im Revier, beide profitierten in ihrem Job schon erkennbar von dem sich ausbreitenden Wohlstand.

So waren ihre Arbeitsbedingungen offenbar deutlich entschärfter. Weniger Wochenarbeitsstunden, tariflich geregelte Bezahlung und diverse Vergütungen (Kohledeputat usw.) hatten Einzug gehalten.

Ich erinnere mich konkret an die Zeit in der ich aufwuchs. Auf der Zeche zu arbeiten galt nicht mehr als angesagt oder gar chic, es hatte jedoch unverändert gewisse allgemein bekannte Vorzüge. Die Kameradschaft der Kumpels schien auch in diesen Jahren noch gestimmt zu haben. Bergleute waren im Regelfall einfache, unkomplizierte Leute, die man gerne als Nachbarn oder Freund hatte. Klare Worte, freundliche Unterstützung für den Nächsten. All dies machte die Kultur des Bergbaus für mich als Kind und Jugendlichen aus.

Doch spätestens mit dem Erreichen der 1980er-Jahre wandelte sich der Glücksbringer ‚Zeche‘ zum Schreckgespenst. Auch für mich persönlich. Plötzlich ging es in erster Linie um die Altlasten, um stetig drohenden Stellenabbau, um die grauen und tristen Halden usw.. Der alte Wohlstandsbringer des Reviers wandelte sich zum großen Sorgenkind. Der Strukturwandel prägte meine Heimatstadt Dortmund seither. Noch immer sind die Probleme daraus alles andere als überwunden.

Aus der Optik des Ruhrgebiets verschwanden seine alten Landmarken Schritt für Schritt. Meine beiden Onkels gingen beide bereits mit ca. 50 Jahren in den Vorruhestand. Eine Tatsache, die in Zeiten inzwischen chronisch leerer Kassen in der gesamten Region nachdenklich stimmt.

Im täglichen Leben spielt der Ruhrbergbau schon seit der Jahrtausendwende keine große Rolle mehr. Längst vergangen ist die Zeit, als man in der Vorweihnachtszeit zahlreich die kleinen Weihnachtsbäume hoch auf den diversen Fördertürme der Region leuchten sehen konnte.

Wo einst die Zechen und ihre Fördertürme standen, da buhlen heute vielfach aus dem Boden gestampfte Gewebegebiete um Neuansiedlungen. Viele Narben hat der Bergau im Ruhrgebiet hinterlassen. Doch so langsam geraten sie mehr und mehr in den Hintergrund.

Man sollte sich der Vergangenheit der Region erinnern. Doch eine Zukunft hatte dieses Stück Wirtschaftsgeschichte schon lange nicht mehr. Es ist daher ein Ende ohne Schrecken für mich, wenn nun in Bottrop der letzte Pütt des Ruhrgebiets geschlossen wird. Freuen wir uns lieber gemeinsam auf das Neue, statt dem Alten groß und trauernd nachzuhängen.

In der Serie bereits erschienen:

Letzte Schicht: Bottrop, damals …

Letzte Schicht: Glück auf!

Letzte Schicht: „So roch früher das ganze Ruhrgebiet, so roch meine Kindheit“

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Ein Kommentar zu “Letzte Schicht: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei!

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