
Foto: C. Jochum
Der Liberalismus in seinen diversen Facetten wird entweder deutlich bejaht oder entschieden abgelehnt. Kalt lässt das Wort „liberal“ fast niemanden. Nur, was ist eigentlich genau gemeint? Wenig überraschend steckt das lateinische Wort „liber“ darin, also „frei“. Das heißt, liberal sein ohne Freiheit geht nicht. „Frei“ im Denken, Handeln, in der politischen Struktur eines Landes? Untrennbar verknüpft mit der Demokratie?
Betrachtet man das Wort „liberal“ als Solitär, erscheint es den meisten Menschen positiv. Anderen ohne Vorurteile begegnen, andere Lebensentwürfe als den eigenen nicht nur schulterzuckend zur Kenntnis nehmen, sondern freundlich existieren lassen. Das ist der Schmierstoff gesellschaftlichen Miteinanders, der eine funktionierende Gemeinschaft erst ermöglicht.
Sobald jedoch „liberal“ mit Adjektiven verbunden wird, ändert sich die Sichtweise: „links-“, „rechts-“, „wirtschafts-“, „markt-“ oder „neo-liberal“ sind tendenziell negativ besetzt, am ehesten geht noch „sozial-liberal“ als einigermaßen positives Adjektiv durch. Warum ist das so? In Gesprächsrunden mit ganz unterschiedlichen Menschen habe ich im Lauf vieler Jahre festgestellt, dass es sehr kontroverse Meinungen zu den einzelnen Begriffen gibt, die einen konstruktiven Austausch erschweren.
Was also lässt uns also derart verbal ins Stolpern geraten? Ein Grund liegt sicher in der Schwierigkeit, die einzelnen Begriffe klar zu definieren. Im Gegensatz zu Axiomen, die als Prämissen die Basis von theoretischen Systemen bilden, nicht ableitbar und folglich auch nicht diskutabel sind, bieten die oben genannten Bezeichnungen ein weites Feld für Diskussionen über ihre Bedeutung.
Werfen wir einen Blick in die Geschichte. Der Liberalismus als politische Strömung reicht bis weit in die Antike zurück und schuf durch die Betonung der unverhandelbaren Freiheit des Einzelnen und das Hinterfragen staatlicher Befugnisse die Voraussetzung für die Bildung von Nationalstaaten. Gesellschaftliche Veränderungen entstanden jedoch nicht zuletzt aus den Denkschulen der politischen Philosophie, die unter anderem von John Locke und Immanuel Kant vertreten wurden. Je nach politischem oder gesellschaftlichem zentralen Thema entwickelten sich Formen wie Wirtschaftsliberalismus, Sozialliberalismus, Nationalliberalismus usw.
Wie erklären sich nun aber die unterschiedlichen Blickwinkel auf liberales Denken und Handeln? Ein möglicher Ansatz könnte die persönliche Einstellung jedes Einzelnen zu den Machtbefugnissen des Staates vs. der Freiheit des Individuums sein. Je nach politischer Ausrichtung wünschen sich Menschen mehr oder weniger bis möglichst nur noch rudimentäre staatliche Einflussnahme; dies prägt natürlich auch ihre eigene Wahrnehmung zum Liberalismus im Allgemeinen, aber vor allem ihre Einstellung zu den eingangs erwähnten Facetten.
„Liberal“ erstreckt sich nicht nur auf eine persönliche Haltung zu gesellschaftlichen Entwicklungen, sondern ist immer auch mit wirtschaftlicher Dynamik verbunden. Beides geht aber nur zusammen mit Rahmenbedingungen, die der Staat setzt. Hier ist ein möglicher Ansatzpunkt für die ablehnende Haltung der Kritiker: Je nach Ausprägung des Liberalismus greift der Staat mehr oder weniger in die wirtschaftliche Tätigkeit Einzelner ein. Das war in der Vergangenheit und ist heute, in unseren Zeiten, vielen suspekt. Ein „schlanker“ Staat, oder gesteigert, ein „Nachtwächter-Staat“, der sich weitestgehend aus wirtschaftlichen Aktivitäten heraushält, übt nicht genügend Kontrolle aus und schützt den Einzelnen nicht ausreichend vor der Willkür von z.B. Arbeitgebern. Betrachtet man die Kehrseite und nimmt Staaten, die extrem lenkend und regulierend in wirtschaftliche Prozesse eingriffen oder noch eingreifen (die damalige DDR, Venezuela, Nord-Korea, um nur einige zu nennen) als Beispiel für Illiberalismus, ist deren desolater Zustand offenkundig. Je nach individueller Sichtweise liegt die Ursache entweder im Zuviel oder Zuwenig staatlicher Kontrolle, wird liberales Handeln also tendenziell als bedrohlich empfunden.
Wie also bewegen wir uns im Spannungsfeld zwischen „liberal“, „frei“ und „funktionierender Gesellschaft“? Einerseits sind die Rechte des Menschen in unserem Grundgesetz festgeschrieben, andererseits erleben wir im politischen Spektrum unseres Landes Tendenzen, individuelle Freiheit und liberales Handeln immer weniger als Werte „an sich“ zu schätzen. Dazu gehört auch, die Bedeutung von Begriffen kritisch zu hinterfragen, sie in den gesellschaftlichen und politischen Kontext setzen zu dürfen, ohne ständiges gedankliches Bremsen aus Angst vor sozialen Konsequenzen. Die Angst vor der Freiheit des Denkens, das vorauseilende Beschränken des Diskurses beraubt uns der Möglichkeiten, unsere Gesellschaft voranzubringen, indem wir auch mal „Un-Denkbares“ zulassen, ohne gleich zu bewerten. Nur so kann in der Tradition der Aufklärung eine moderne Gesellschaft auf Dauer nicht nur funktionieren, sondern überhaupt erst existieren.
Denn „liberal“ bedeutet immer auch „frei“.

[…] Liberal – was ist das eigentlich? (Christiane Jochum – 20.11.2025) […]