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Linke NRW: Mit Michalowsky auf dem Weg zur Sekte

ralf-michalowskyDer ehemalige Linke-Landtagsabgeordnete und Pressesprecher der Landespartei Ralf Michalowsky will nach einem Bericht der WAZ gegen den jetzigen Vorsitzenden Rüdiger Sagel antreten.

Ralf Michalowsky ist kein Heißsporn. Ob politisch oder beruflich: Jeder Schritt von ihm war immer gut überlegt, unnötige Risiken wusste er zu vermeiden. Nach wohlproportioniertem Ärger mit der SPD erhielt das damalige Ratsmitglied einen Posten in der Stadtverwaltung. Obwohl mit seiner Partei hadernd, wechselte Michalowsky erst zu den Grünen, als er bei der Stadt unkündbar war und die Grünen 1994 in NRW erstmals zu einer politischen Größe wurden – die auch über die Koalitionen plötzlich Zugriff auf Verwaltungsposten in zahlreichen Städten hatte.

Schon ein Jahr nach seinem Eintritt bei den Grünen kandidierte der Gladbecker in seinem Wahlkreis für den Landtag. Die Grünen verließ er 2000 wegen des Afghanistankrieges, ab 2004 baute er die WASG mit auf und machte schließlich Karriere bei der Linkspartei: Von 2010 bis zur Wahlniederlage 2o12 war er Landtagsabgeordneter.

Wenn Michalowsky nun Rüder Sagel, wie er ein ehemaliger Grüner, herausfordert, wird dieser Schritt wohl bedacht und intern gut abgesprochen sein. Michalowsky tritt an um zu gewinnen – seine Chancen scheinen gut sein.

Michalowsky ist kein in der Wolle gefärbter linker Sektierer, sondern ein zutiefst bürgerlich denkender Mensch – aber er weiß, dass Sektierertum in NRW dem eigenen Aufstieg förderlich ist, also bedient er diese Klientel. Mit Linksradikalismus kokettierte Michalowsky immer nur, er lebte ihn nie. Doch beim kokettieren kannte er keine Grenze. Eine Statue des kommunistischen Massenmörders von Feliks Dzierżyński in der Wohnung, zeugt von Arroganz, Zynismus und Menschenverachtung – gefährdetet aber nie die Sicherheit eines Jobs im Öffentlichen-Dienst. Man kann das Opportunismus nennen, aber eigentlich ist es nicht mehr als das klassische Karrieredenken, das es in allen Parteien gibt.

Und sollte er gewählt werden, wird er die Sektierer bedienen. Sie sind in NRW ohnehin auf der Vormarsch: Ob Köln, Bochum, Duisburg oder Essen – bereits vor der Kommunalwahl zeigten  die  dogmatischen Seilschaften wer in NRW das sagen hat: In vielen Städten setzten sich ehemalige Maoisten (Essen, Köln), Trotzkisten (Duisburg) oder Antiimperialisten (Bochum) durch. Sie blockierten damit eine Politik der Konsolidierung der Linkspartei, für die Sagel stand,  der nie in solchen Sektenzusammenhängen Politik machte. Unter Michalowsky wird die Linkspartei in NRW lauter werden. Sie wird aber auch inhaltlich flacher und weniger anschlussfähig sein, als unter Sagel. Mit seinen antiklerikalen Positionen hatte es Michalowsky schon in seiner Zeit im Landtag geschafft, dass sich Teile der evangelischen Kirche, die sich mit der Sozialpolitik der Linken angefreundet hatten, von der Partei distanzierten. Und wenn Michalowsky in NRW die Rolle des dümmlich-radikalen Sprücheklopfers übernimmt, die Sevim Dagdelen im Bund hat, sind ihm die Schlagzeilen sicher – mehr aber auch nicht. Michalowsky hat die Chance, in die Geschichte einzugehen – als Totengräber der Linkspartei in Nordrhein-Westfalen.

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34 Kommentare zu “Linke NRW: Mit Michalowsky auf dem Weg zur Sekte

  • #1
  • #2
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Udo Höppner: Ich bin kein Anhänger der Linkspartei. Ich mochte Marxismus noch nie, bin kein Freund eines starken Staates und die persönliche Freiheit ist für mich ohne wirtschaftliche Freiheit nicht denkbar. Trotzdem glaube ich, das eine linke Oppositionspartei, die sich für soziale Belange einsetzt, ihre Berechtigung hat. Und ich weiß, dass viele Menschen in die Linke viel Hoffnung gesetzt haben. Wenn so eine Partei ihre Möglichkeiten nicht wahrnimmt und Sektenspiele macht, ist das bedauerlich. Genau wie es im Parlament eine liberale Partei braucht, braucht es auch eine linke Partei.

  • #3
    68er

    @ Stefan Laurin

    „Genau wie es im Parlament eine liberale Partei braucht, braucht es auch eine linke Partei.“

    Das ist ein starker Satz, denn er beinhaltet, die aus meiner Sicht richtige Aussage, dass weder die SPD noch die GRÜNEN im eigentlichen Sinne noch „linke Parteien“ sind.

  • #4
    Thomas Weigle

    Auch persönlicher und wirtschaftlicher Freiheit müssen Grenzen gesetzt sein. In Sachen wirtschaftlicher Freiheit sind diese Grenzen überschritten. Nicht erst seit heute oder gestern. Die SPD hat leider an dieser Grenzüberschreitung mitgewirkt, so dass es eigentlich eine im besten Sinne sozialdemokratische Partei bräuchte. Die Linkpartei in NRW, ob mit Sagel oder Michailowsky, ist diese Partei nicht.

  • #5
    Udo Höppner

    Stefan, keine überraschende, doch eine gehaltvolle Antwort und Haltung.
    Ich hoffe jedenfalls, dass die realpolitischen linken Positionen in der Partei sich auch in den Ländern und Kommunen „herumsprechen“.
    Sahra Wagenknecht bspw. wirkte gegen Ende ihrer Wahlkampfrede in Bochum neulich etwas überrascht vom intellektuellen Niveau ihrer skandierenden Fans: „Hoch die internationale .. Solidarität!“

  • #6
    Nadine

    Zum Marxismus: Wie du sicherlich weißt, lieber Stefan, sollte der Marxismus (speziell der leninstischer/stalinsitischer Prägung) nicht mit dem Werk und der Kritik eines Karl Marx in eins gesetzt werden. Nach zu lesen kann man dies u.a. hier: „Weder Staat noch Kollektiv – Sozialismuskritik im Werk von Karl Marx“, http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Weder-Staat-noch-Kollektiv.html

    Zu den ehemaligen Maoisten (Essen, Köln) und Trotzkisten (Duisburg) sei gesagt, dass diese – zumindest in Köln und Duisburg – tatsächliche ehemalige sind. Unterm Strich haben sich dort nämlich die sog. Realos auf breiter Front durchgesetzt, welche eine Koalition mit SPD und Grünen anstreben und dafür bereit sind auch ne Menge mit zu tragen. So ist zum Beispiel zu den rassistischen Ausfällen von SPDlern gegen „Südeuropäer“ und dem angestrebten „Problemehaus“-Deal von OB Link mit Rockern, von Seiten der Duisburger Linksfraktion wenig zu hören. In Bochum und Essen sieht die Lage sicherlich nochmal anders aus, da haben sich offenbar tatsächlich stramme Antiimps durchgesetzt.

  • #7
  • #8
    Christian Luhmer

    In Bochum hat sich Sevim Dagdelen voll und ganz durchgesetzt, obwohl da scheinbar auch nicht alles rund läuft. Wie ich vor wenigen Tagen übern Mitgliederverteiler erfahren durfte.
    Naja Michael, ist schwer zu erklären, du kannst dir ja mal eine Mitgliederversammlung im KV-Bochum antun….

  • #9
    Nadine

    „Was, bitte, muss ich mir unter “strammen Antiimps” vorstellen?“

    Sevim Dagdelen, Ulla Jeplke, Andrej Hunko. Um nur einige aus der Region und der Linkspartei zu nennen.

  • #10
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Nadine: Zum Marxismus hat Bakunin alles wesentliche gesagt: „Nehmt den radikalsten Revolutionär und setzt ihn auf den Thron aller Reussen oder verleiht ihm eine diktatorische Macht […], und ehe ein Jahr vergeht, wird er schlimmer als der Zar selbst geworden sein.“

  • #11
    Thomas Weigle

    @ Stefan Laurin auch Frau Luxemburg wusste mitzuteilen, dass das Übel, dass Trotzki und Lenin geschaffen hatten, schlimmer als das war, dass die Herren abgeschafft hatten. Wobei die gute Frau durchaus ambivalent war, denn die genannten Blutsäufer hätten „mit ihrer Oktoberrevolution die ehre des internationalen Sozialismus gerettet.“
    @ Nadine ich stelle mir unter einem strammen Antiimp z.B. neben den von S.L. genannten, auch den Sprecher des Kreisverbandes Gütersloh der Linkpartei pusch vor, für den „der Kampf gegen Israel Teil des Kampfes gegen den westlichen Imperialismus“ ist. Überflüssig zu erwähnen, dass die antiimperialistischen Frontfrauen neben der Freibeuterin Höger, die mit der israelischen Marine Schiffe versenken spielen wollte, die sich als willige Staffage für zum Märtyrertod entschlossenen Idioten hergab, dort hoch in Ehren stehen.

  • #12
    Andreas Lichte

    @ Thomas Weigle #11

    ja, die Rosa, die war schon richtig radikal, zum Beispiel so:

    „Aber mein innerstes Ich gehört mehr meinen Kohlmeisen als den Genossen“

    Rosa Luxemburg

  • #13
    Thomas Weigle

    @ Andreas Lichte ein erstaunliches Zitat, fürwahr. Umso unverständlicher ihr Aufruf zur Gewalt auf der Generalversammlung der Berliner USPD am 15.12.18, in der sie das Proletariat aufforderte mit der ihm eigenen Gewalt den Sozialismus zu erkämpfen. Obwohl Polin ist sie da doch sehr deutsch, Tierliebe und Hang zur Gewaltanwendung gegen Menschen: Tiere sind die besseren Menschen.
    Das Kohlmeisenzitat scheint ihrem Ruf als Ikone des Sozialismus und der Humanität nicht geschadet zu haben. Ist in den betreffenden Kreisen wohl nicht weit verbreitet.

  • #14
    Helmut Junge

    @Weigle, @Lichte, Man müßte evtl. mehr Persönliches über die Genossen wissen, um das entscheiden zu können.
    Kohlmeisen sind gewitzt und können sehr zutraulich sein. Von Rosas Genossen weiß ich nicht viel über ihr allgemein menschliches Verhalten, mehr was sie schrieben. Da gab es sicher solche und solche. Die sucht man sich nicht aus. Die Kohlmeisen aber suchen sich den Menschen aus. Darum stimmt dann auch die Beziehung. So im Nachhinein kann man über Stalin oder Ulbricht viel sagen. Aber wie waren sie so, als sie noch kleine Genossen ohne Führungsaufgaben waren?

  • #15
    Andreas Lichte

    @ Thomas Weigle #13

    Du schreibst: „Das Kohlmeisenzitat scheint ihrem Ruf als Ikone des Sozialismus und der Humanität nicht geschadet zu haben. Ist in den betreffenden Kreisen wohl nicht weit verbreitet.“

    Gut geraten:

    »Wer spielt mit mir das:

    „ich kenne meine Partei-Quiz“ ?

    3 Zitate, und Sie sagen mir, von wem sie sind:

    1. – “Gestern, am 1.Mai, begegnete mir – raten Sie wer? – ein strahlender frischer Zitronenfalter.”

    2. – „Aber mein innerstes Ich gehört mehr meinen Kohlmeisen, als den Genossen.“

    3. – „Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht“«

    Erst bei 3. kommt von meiner Kandidatin:

    „Rosa Luxemburg“ und gleich zur Rechtfertigung: „die gehört doch gar nicht zur Linken“

    Ich erwidere: „Und wie heißt die Stiftung der Linken?“

    (Nach dem Auftritt von Katja Kipping am 15.5.14 auf dem Prager Platz, Berlin Wilmersdorf. Kaum Publikum, dafür ein Randalierer, der die Linken als „Mörder“ beschimpft.)

  • #16
    Andreas Lichte

    @ Thomas Weigle #13

    Zitat Kommentar #13: „Umso unverständlicher ihr Aufruf zur Gewalt auf der Generalversammlung der Berliner USPD am 15.12.18, in der sie das Proletariat aufforderte mit der ihm eigenen Gewalt den Sozialismus zu erkämpfen.“

    Da hätte ich dann doch mal gerne den Wortlaut und eine nachvollziehbare Quellenangabe …

  • #17
    Thomas Weigle

    @ Andreas Lichte Es stand in der „Freiheit“, der Berliner USPD-Zeitung vom 16.717. 1918. Es wird zitiert in Christopher Clarks Preußenbuch. Das vorweg. Ich muss erst den Clark wiederfinden, dann erscheint es hier.
    Nachdem dieses Zitat mir vor zwei Jahren unter die Augen kam, meine ich mich dunkel zu erinnern es selbst in der „Freiheit“ gelesen zu haben. Meine Examensarbeit beschäftigte sich mit dieser Zeitung vom November 18 bis zur Wahl Mitte Jänner 19.

  • #18
    Thomas Weigle

    @ Andreas Lichte, es ging schneller als gedacht. „Sozialismus heißt nicht, sich in ein Parlament zusammensetzen und Gesetze beschließen, Sozialismus bedeutet für uns die Niederwerfung der herrschenden Klassen mit der ganzen Brutalität (großes Gelächter), die das Proletariat in seinem Kampfe zu vermitteln vermag.“ C. Clark. „Preußen“ S.709/10
    „.. die gehört doch nicht zur Linken.“ Nun könnte man sagen, jede Partei hat die Anhänger, die sie verdient.

  • #19
  • #20
    Andreas Lichte

    @ Thomas Weigle #18 / #19

    „es ging schneller als gedacht …“ und wurde vor allem viel, viel schwächer als gedacht.

    Ich erinnere nur mal ganz kurz an die allseits bekannte Tatsache, daß Rosa Luxemburg wegen ihrer Ablehnung der deutschen Kriegsbeteiligung in Haft war.

    Aus Rosa Luxemburgs Sicht waren es die „herrschenden Klassen“ – eingeschlossen die SPD – die den ersten Weltkrieg verursacht hatten, und für Millionen Tote verantwortlich waren:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Rosa_Luxemburg#Engagement_w.C3.A4hrend_des_Ersten_Weltkrieges_.281914.E2.80.931918.29

    „Engagement während des Ersten Weltkrieges (1914–1918)

    Am 2. August, in Reaktion auf die Kriegserklärung des Deutschen Reiches an Russland und Frankreich vom Vortag, erklärten die deutschen Gewerkschaften einen Streik- und Lohnverzicht für die gesamte Dauer des bevorstehenden Krieges. Am 4. August 1914 stimmte die SPD-Reichstagsfraktion einstimmig und gemeinsam mit den übrigen Reichstagsfraktionen für die Aufnahme der ersten Kriegskredite und ermöglichte damit die Mobilmachung. Rosa Luxemburg erlebte diesen Bruch der SPD-Vorkriegsbeschlüsse als schweres, folgenreiches Versagen der SPD und dachte deswegen kurze Zeit an Selbstmord. Aus ihrer Sicht hatte der Opportunismus, den sie immer bekämpft hatte, gesiegt und das Ja zum Krieg nach sich gezogen.[32] (…)“

  • #21
    Thomas Weigle

    @ Andreas Lichte man muss den Kontext sehen. Eine große Mehrheit des Kongresses der A-und S-Räte hatte für die Wahl einer Nationalversammlung optiert. Dies wollten die Spartakusgruppe/KPD nicht akzeptieren, plante von Lenins Beauftragten Radek eine Oktoberrevolution im Jänner, Sowjetdeutschland war das Ziel. In Russland ließ Lenin bereits im Jänner auf Arbeiter schießen, die die Respektierung der Duma forderten, zahlreiche Adeligen darunter die Zarenfamilie waren ermordet worden, ebenso viele Bürgerliche und Sozialdemokraten, andere saßen im Gefängnissen, Geiseln waren genommen worden. Im Juli 18 forderte Lenin anlässlich eines Generalstreikes Petrograder Arbeiter Sinonjew auf nicht nur vom Massenterror zu reden, sondern ihn zu praktizieren, im September folgte das Dekret über den ROTEN TERROR.
    Dies alles war bekannt, insofern war die Forderung der Spartakusgruppe/KPD so ziemlich das Dümmste, was sie machen konnten. Zu viele hätten um Freiheit, Leben und Besitz fürchten müssen. Wie die Zukunft in R. zeigte, zu Recht. Wenn man jetzt noch die Tatsache in Rechnung stellt, dass durch den Krieg die Ausübung von Gewalt zum Tagesgeschäft geworden war, war dieser Satz von ihr gewiss eine Art Fanal für die, die kein Rätedeutschland wollten.

    Die Entente hätte in Rätedeutschland kaum akzeptiert, der Weg nach Berlin war kurz. Eine SU mag sie beunruhigt haben, eine Sowjetdeutschland hätte sie in Angst und Schrecken versetzt. Die haben auch Lenin gelesen: Wer Deutschland hat, der hat Europa. Das wäre keine halbherzige Intervention wie in Russland geworden.
    In dieser Zeit also zu brutaler Gewalt aufzurufen, war schlicht und ergreifend dumm. Sie hat bei der Entscheidung zum Aufstand keine große Rolle gespielt, sie galt aber außerhalb als Führungsfigur. So wie Lenin die Zarenfamilie ermorden ließ, weil der Zar einen Führer ,eine Identifikationsfigur darstellte, so die beiden Ls für ihre Gegner und Mörder.

  • #22
    Arnold Voss

    Die herrschende Klasse und ihre Unterstützer waren zu dieser Zeit selbst äußerst brutal. Da kann auch einer friedliebenden und grundsätzlich demokratischen Sozialistin wie Rosa Luxemburg schon mal der Sinn nach Gewalt stehen. Offen gesagt, zu Höchstzeiten der neuerlichen Bankenkrise und dem gnadenlos abgezockten Verhalten der Verantwortlichen stand mir selbst der Sinn danach. Habe mich dann aber wieder beruhigt, weil es sich einfach nicht lohnt.Solche Typen wachsen nämlich immer wieder nach. 🙂

  • #23
    Helmut Junge

    Die Akteure der damaligen Zeit haben im gerade vergangenen 1.Weltkrieg eine von der herrschenden Klasse ausgeübte Gewalt bisher unbekannten Ausmaßes erlebt. In deren Verlauf hat sich wohl so manch einer gefragt, ob sich die Idee, einen Staat ohne diese herrschende Klasse zu begründen, überhaupt ohne Gewalt durchsetzen ließe, auch wenn er vorher an solch eine Möglichkeit geglaubt hatte.
    Lenins Ansehen und sein Einfluß auf die Sozialisten der ganzen Welt stieg deshalb so an, weil es ihm in Rußland trotz des Widerstands der alten Kräfte und ihrer Verbündeten gelang, einen Staat zu schaffen, in dem diese alten Mächte keine Macht mehr besaßen. Leute wie Karl Kautzky oder gar Eduard Bernstein, die vorher großen Einfluß innerhalb des sozialistischen Lagers hatten, verloren viele Anhänger an radikalere Kräfte. Mit der Schrift Lenins „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“ desavouiert Lenin jeden Gedanken an einen friedlichen Weg zum Sozialismus. Das war der theoretische Grundstein für die endgültige Spaltung der Sozialisten in der ganzen Welt. Nebenbei bemerkt, war es Lenin, der von der Vorstellung von Marx abwich, daß ein Übergang in einen sozialistischen Staat, dort wo die ökonomische Entwicklung UND die zum herrschenden Staatswesen gehörigen Institutionen es zulassen, durchaus auch als friedlicher Übergang denkbar wäre.
    Ich kann allen ernsthaften Sozialisten nur empfehlen, sich mit diesem kurzen, aber entscheidenden Abschnitt der Weltgeschichte noch einmal unter dem Eindruck, der später abgelaufenen Geschichte zu beschäftigen. Denn für wen Kautzky immer noch als „Abtrünniger“ gilt, für den kann es auch kein Umdenken geben, und damit auch keine objektive Bewertung der Geschichte. Und ein Sozialist, der nicht einmal die Geschichte objektiv bewerten kann, wird auch keine Perspektive für die Zukunft entwerfen können. Das das notwendig und möglich ist, ist aber eine Grundüberzeugung des Dialektischen Materialismus.

  • #24
    Thomas Weigle

    Die herrschende Klasse seinerzeit war brutal, kein Zweifel. Aber deren Brutalität wurde vom ersten Tag der „Oktoberrevolution“ an von Lenin und Konsorten weit in den Schatten gestellt. Und dauerte bis zum Tode Stalins. In China und anderswo noch länger. Das alles könnte man vielleicht noch ertragen und hinnehmen, wenn ansonsten die hehren und edlen Ziele des Sozialismus, die Intentionen der Rosa L., verwirklicht worden wären. Es wurde aber nur eine relativ kleine Gruppe begünstigt, die Nomenklatura.

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  • #26
    Thomas Weigle

    @ Helmut Junge Praktisch hat sich diese Spaltung an den 21 Bedingungen festgemacht, in der jede zur Komintern beitretende sozialistisch-kommunistische Partei einwilligen musste. Mit diesem Beitritt gab jede Partei ihre eigene Souveränität an die Moskauer Führung ab. Was vor allem unter Stalin für ein Fiasko nach dem anderen in den kommunistischen Parteien sorgte, die Spaltung der Arbeiterbewegung zementierte. Von den ständigen „Säuberungen“ in den eigenen Reihen nicht zu reden.

    Ist eine objektive Bewertung der Geschichte überhaupt möglich? Ich habe meine Zweifel. Annäherung an Objektivität vielleicht, aber mehr?

  • #27
    Helmut Junge

    @Thomas Weigle, wieso „vom ersten Tag“ der Oktoberrevolution an?
    Wo setzen Sie da den Gradmesser an? Die Oktoberrevolution war anfangs ein Aufstand wie tausend andere auch. Eigentlich ein klassischer Aufstand.
    Die Gegenseite war übrigens selbst schwer bewaffnet.
    Ich denke, daß das was wir heute kritisieren können und auch kritisieren sollten, begann später. Vielleicht erst nach dem Vertrag von Brest-Litowsk. Denn vorher befand sich Rußland trotz neuer Regierung immer noch in dem Krieg den der Zar begonnen hatte.

  • #28
    Helmut Junge

    @Thomas Weigle, objektive Bewertung der Geschichte möglich?
    Wir sind gerade dabei, so etwas zu versuchen, wenn auch unter dem Blickwinkel unseres Zeitgeistes.
    Kominternbeitrittsbedingungen sind ein guter Hinweis. Ich kannte nur das Ergebnis, das übrigens bis heute nachwirkt und zu den entsetzlichsten Deformierungen bei der Gedankenbildung vieler linker Politiker führt, auch wenn es die Sowjetunion gar nicht mehr gibt.
    Aber vor der Umsetzung der 21 Bedingungen in die Praxis gab es die Schriften, die zur Bildung der Komintern geführt hatten. Ich denke, da müßten wir ansetzen.

  • #29
    Thomas Weigle

    27 Helmut Junge die Formulierung vom ersten Tag an ziehe ich zurück, denn es gibt Berichte, dass das Leben in Petrograd einige Tage völlig unbeeinflußt weiterging. Das änderte sich aber schnell.
    28 Es gibt ein Buch über die USPD von Hartfried Krause meine ich, in dem ausführlich gehandelt wird über den USPD- Parteitag in Halle, die 21 Bedingungen und den Streit darüber. Dieses Buch ist schon etwas älter, erschien Ende 75, Anfang 76. Ich habe es leider schon vor Jahren aussortiert. Noch etwas älter ist das Buch eines Amerikaners namens Wheeler, Titel ist mir nicht mehr geläufig, ebenfalls zur USPD und ihrer Spaltung.
    Wenn ihr mal böse auf euch selbst seid, dann bestraft euch mit der Thälmann-Biografie aus Ostberlin.
    Die Auswirkungen der Politik des EKKI und der Durchsetzung seines Führungsanspruches in allen Fragen, die die nationalen Parteien betrafen, lassen sich gut in Hermann Weber DER THÄLMANN SKANDAL nachlesen, in dem viele Briefwechsel und Stellungnahmen dokumentiert sind. Ein bisschen Klatsch kommt auch vor, z.B. dass Clara Zetkin Thälmanns Alkoholkonsum kritisiert, auch sonst hat sie nicht viel von ihm gehalten.
    Viel Erfolg bei eurer Arbeit, und berichtet doch bitte darüber.

  • #30
    Thomas Weigle

    Nachtrag: Wheeler „USPD und die Internationale“ und Krause gibt’s als Neuauflagen, aber auch schon wieder gebraucht bei Amazon.

  • #31
    Helmut Junge

    @Thomas Weigle, Wen verstehe ich in (29) unter (ihr)?
    Ich habe in (28) uns beide gemeint. Wir versuchen es gerade. Ich bin in keiner Partei. Und werde auch nicht in eine Partei eintreten. Dazu diskutiere ich viel zu gerne. M.W. geht das in Parteien überhaupt nicht.

  • #32
    Thomas Weigle

    @ Helmut Junge Da hab ich wohl schwer daneben gelegen, bzw bin einfach unkonzentriert gewesen. Parteien habe ich nicht angenommen, sondern eine Gruppe von Menschen, die sich mit Geschichte beschäftigen, so wie bei uns in Halle, wo es ein virtuelles Heimatmuseum gibt, zu dem ich demnächst auch etwas beisteuern kann, jedenfalls habe ich da etwas in Arbeit.
    Wie auch immer, ich habe mir gleich noch mal den Wheeler bestellt, altes Wissen auffrischen. Eines ist klar, nichts hat so zur Spaltung der Arbeiterbewegung beigetragen wie das Handeln des EKKI. Ob in Deutschland, in Spanien, egal wo.
    Für die heutigen Parteien ist das auch nur der Schnee von gestern, die Kommunisten haben sich selbst vor die Wand gefahren, dort wo sies noch gibt, gleichen sie den Zeugen Jehovas und verkünden nach wie vor ewige Wahrheiten. Hoffen wir, dass nicht wieder größerer Bedarf nach ewigen Wahrheiten entsteht, die Verkünder haben immer einiges Unheilvolle für die Nichtgläubigen im Angebot.

  • #33
    Helmut Junge

    @Thomas Weigle, Tatsächlich „verkünden sie ewige Wahrheiten“, wo doch der Dialektische Materialismus genau sagt, daß die Welt sich dauernd verändert, daß man deshalb jedesmal neu nachdenken muß, wie man auf eine veränderte Situation reagiert. Darum war schon der Erste, der mit einem älterem Marxzitat etwas beweisen wollte, ein kompletter Vollidiot, oder hat zumindest nix kapiert. Diese Typen gleichen tatsächlich im enormen Maße den Zeugen Jehovas.
    Ich habe allerdings schon sehr lange nicht mehr über solche Fragen diskutiert, denke aber, daß es sich lohnen würde, sich damit zu beschäftigen, weil der Bruch damals die gesamte menschliche Geschichte berührt hat. Und nicht wenige sagen, daß die heutige Situation sie an die Zeit vor 1914 erinnert. Damals war aber schon der Kern der oben angesprochenen Fragen weitgehend klar in der Theorie zu erkennen. Später ist da nichts plötzlich „passiert“.
    Abgesehen davon, ob das Thema wichtig ist, oder nicht, diskutiere ich auch sonst gerne über Themen aus der Geschichte. Leider interessiert das aber kaum jemanden.

  • #34
    Thomas Weigle

    Ja, diesen Gedanken habe ich auch, man stolpert sich so von Stufe zu Stufe.
    Was Geschichte angeht, so findet sie halt nur einen begrenzten Interessentenkreis. Gerade die von uns angesprochene Kommunistische Internationale würde heute außerhalb von Geschichtsfakultäten und wenigen Interessierten nur noch ein verständnisloses „Häh“? auslösen bzw. bei den kommunistischen Sektierern Zustimmung finden.
    Leider ist das so, obwohl es ja ein unglaublich spannendes Thema ist, dass bei den damals Betroffenen heiße Diskussionen auslöste, der Riss ging nicht nur durch die Arbeiterbewegung, er ging durch die Familien. Die Arbeiterschaft war damals sehr viel politischer als heute, sie hatte ja auch allen Grund dazu. Umso unverständlicher, dass heute die H4er so unpolitisch sind. Diese Menschen haben doch allen Grund sich zu wehren. Die Linkpartei, die sich als alleinige Vertreter derer Interessen geriert, ist vielleicht auf Grund ihres sektiererischen Dogmatismus für viele Betroffene nicht gerade das Nonplusultra, dennoch ist dieses mangelnde Interesse, sich für die eigenen Belange einzusetzen sonderbar.

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