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Marcus Staiger über Rap und Politik

Marcus Staiger ist einer der wichtigsten Hip Hop Journalisten in Deutschland. Mit dem Royal Bunker, einem Ort in Kreuzberg, in den junge Rapper gehen konnten um zu freestylen, supportete er die wichtigsten Westberliner Rapper dieser Zeit: Kool Savas, Sido, B-Tight, Rhymin Simon und viele weitere. Später wurde er u.a. Chefredakteur von rap.de und sparte nie an hämischer Kritik für schlechte Hip Hop Platten. Doch um Beliebtheit ging es Staiger nie: Eher darum sich dafür einzusetzen, dass Hip Hop in Deutschland wahrgenommen wird und trotz aller berechtigter Kritik eine Daseinsberechtigung und eine Legitimität hat. Gerade hat er ein Buch herausgebracht mit dem Titel „Die Hoffnung ist ein Hundesohn“, in dem es um ein autoritäres Deutschland geht, dass immer noch von Helmut Kohl regiert wird und in dem die Menschen noch poltikverdrossener als heute sind.
staigerFoto William Minke

Ruhrbarone: Staiger, du bist ja nicht nur ein Kenner der deutschen Rapszene, sondern auch ein politisch interessierter und engagierter Mensch. Wenn man sich die Raptexte der letzten Jahre so anschaut, graust es dir da nicht vor Politrap? Sollten Rapper nicht einfach weiter über Drogen und Sex rappen und Politik Politik sein lassen?
Marcus Staiger: Im Zuge der Talion Sache hab ich mir das auch gedacht. Aber Leuten den Mund verbieten halte ich auch nicht für die richtige Taktik. Es gibt ja auch unter Linken einen elitären Standesdünkel, der die Unterschicht ein bisschen ausspart. Ich finde schon, dass man sich verschiedene Meinungen auch anhören sollte. Einen Willen zur Artikulation finde ich schonmal positiv.

Ruhrbarone: Als Journalistin verfolge ich die Berichterstattung über deutschen Gangster- oder Straßenrap mit großer Aufmerksamkeit. Bürgerliche Tageszeitungen berichten über Rapper wie Bushido und Sido ja oft als „den Untergang des Abendlandes“ und betiteln sie als Skandal oder Rüpelrapper. Gleichzeitig halten sich Soziologen, Philosophen und ernsthafte Musikjournalisten oft auffällig zurück mit Urteilen über das Phänomen Gangster Rap. Tatsächlich gibt es in diesem Genre ja eine Darstellung hegemonialer Männlichkeit und so etwas wie einen dargestellten, kulturellen Machtkampf um die Legitimität von migrantischem Aufstand gegen den gesellschaftlichen Rassismus und die Doppelmoral von Medien und Politik bezüglich des Gangster Rap. (siehe „ihr habt alle reiche Eltern und sagt Deutschland hat kein Ghetto“, von Martin Seeliger und Katharina Knüttel) Wie nimmst du die Berichterstattung wahr?

Marcus Staiger: Deutschland hat kein Ghetto? Von wem werden die Drogen eingeführt, die von diesen Redakteuren oder ihren Freunden konsumiert werden? Wer bringt Drogen nach Deutschland? Das sind keine Gymnasiasten, sondern in der Regel Verbrecher bzw. Gangster. Also kann es auch Gangster Rap geben. Der hat auch seine Legitimität. Hegemoniale Männlichkeit ist ein großes Problem, sollte man auch nicht kleinreden, ist aber in dieser Gesellschaft nun mal vorhanden. Ich bin großer Fan von der These, dass Rap das kollektive Unterbewusstsein der Gesellschaft zum Vorschein bringt. Das glaub ich auch. Rap ist ein Sprachrohr für alles was in dieser Gesellschaft vorhanden ist und bringt es zum Vorschein. Wir können uns in unseren journalistischen Kreisen und im politisch korrekten Umfeld auf die Schulter hauen, aber auf Baustellen wird so geredet. Ich weiß das, ich arbeite da. Ich hab da auch ein Problem mit der Linken, und zwar, dass sie oft den deutschen Arbeiter nicht mag. Sie mögen das Subjekt, für das sie sich vorgeben einzusetzen, nicht. Die Antipathie bringt uns aber nicht weiter. Willst du auf alle draufschlagen und zm glücklicheren Menschentum bekehren? Du wirst die Menschen brauchen. Wenn du ernsthaft an einen Umsturz denkst, brauchst du eine generationenübergreifende Bewegung durch alle Schichten bis auf die Eliten, die daran natürlich kein Interesse haben. Lenin z.B. mochte die Leute nicht, für die er Politik gemacht hat. Ohne Liebe, ich weiß, das ist eine nicht revolutionäre Kategorie, wird das alles nicht funktionieren.

Ruhrbarone: Was sagst du zu Rappern, die Kapitalismuskritik vor allem als Zinskritik verstehen und Pazifismus mit wahnhaftem Israelhass verwechseln?

Marcus Staiger: Die Menschen suchen natürlich nach Lösungen in dieser undurchsichtigen Welt und da tauchen  die unterschiedlichsten Ansätze auf. Marxistische Analyse würde ja wirklich Wunder wirken, ist halt nicht von jedem verlangbar, muss man aber dagegen setzen wenn man auf sowas trifft. Das ist verkürzte Kapitalismuskritik, das ist einfach scheisse. Die verzweifelte Suche nach einem Strohhalm, sich in dieser verrückten Welt zurechtzufinden.

Ruhrbarone: Kool Savas und Xavier Naidoo, beides Musiker, die sehr erfolgreich sind und auch schon öfter politische Texte gemacht haben, provozierten mit einem Song auf dem Xavas Album. Stein des Anstoßes sind folgende Zeilen in „Wo sind“: „Ich schneid euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht. Ich bin nur traurig und nicht wütend. Trotzdem würde ich euch töten. Ihr tötet Kinder und Föten und ich zerquetsch euch die Klöten. Ihr habt einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist? Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?“
Ist das Marketing?

Marcus Staiger: Es ist pure Dummheit. Ich hab das geschrieben und dazu steh ich, Xavier ist ein fundamentalistischer Christ, der sich ans erste Buch Levitikus hält und da steht, der Mann soll nicht bei einem Manne liegen. Das ist dem Herrn ein Greuel. Von dessen Weltbild her würde ich sagen: Der hat mit Homophobie keine Probleme. Im Track ging es ja eigentlich um was ganz anderes, und zwar haben die gemeint, dass es satanistische Zirkel der Macht gibt, in dem Kinder geschlachtet werden, um selbst an der Macht zu bleiben. Das kommt aus einem Film, der sich eigentlich mit multiplen Persönlichkeitsstörungen auseinander setzt. Eine Person hat eine multiple Persönlichkeitsstörung aufgrund einer traumatischen Erfahrung, die etwas mit rituellem Kindesmissbrauch zutun hat auf der Wewelsburg. Im Endeffekt haben die den Film falsch verstanden und einen Track über Kindesmissbrauch auf hoher politischer Ebene gemacht.

Ruhrbarone:Wer sind für dich politische Rapper in Deutschland, die du gut findest?
Marcus Staiger: Ich tu mich schwer mit explizit politischen Rappern. Ich finde Sookees neues Album sehr, sehr gut. Das wird langsam hörbar, was sie macht. Die hat sich stark verbessert. Antilopen gang, die sich auch als politische Rapper verstehen, finde ich ebenfalls gut. Und grim104, der ist auf meiner Wellenlänge, weil er die Dinge ganz oft so sieht, wie ich sie halt auch wahrnehme. Ein bisschen differenziert, ein bisschen spöttisch. Und Grim ist ein guter Beobachter. Ansonsten… Ich war letztens auf der Zeckenrapgala: Da waren zu 99% Deutsche und 1% war migrantischer Herkunft. Was wieder daran liegt, dass es so ein Standesdünkel und ein Elite Bewusstsein gibt. Wir machen’s richtig, moralische Überlegenheit. Wir sind die Guten.

Ruhrbarone: Ist Rap für dich per se Revolte? Ist für dich die Hip Hop Kultur immer noch etwas rebellisches? Oder schlägt es nicht wie man bei Fard sehen kann mittlerweile immer öfter ins Reaktionäre?

Marcus Staiger: Was man sehen muss bei aller Liebe und bei allem Revolutionsgestus: Hip Hop ist eben auch Pop Musik und insofern auch einer gewissen Verwertungslogik unterworfen. Und wenn die rebellische Pose vom Markt einzogen wird ist die Frage: Wieviel bleibt von der Rebellion übrig? Dann bleibt nur die Pose, das ist relativ häufig so. Es kann was rebellisches, revoltierendes haben, es kann aber auch was wahnsinnig gut bürgerliches haben. Es ist halt nicht so, wie ich’s mir wünsche, sondern so, wie’s sich entwickelt. Und das reaktionäre, das steckt halt teilweise auch in Hip Hop drin, insofern dass Hip Hop noch nie ’ne sonderlich progressive Musikrichtung war. Das ist jetzt ein ganz hartes Urteil, aber im Endeffekt hatte Rap schon immer reaktionäre Tendenzen. So leid es mir tut.

Ruhrbarone: Du hast in Interviews schon öfter gesagt, dass du für mehr Demokratie bist. Wenn man sieht wie Volksabstimmungen in der Schweiz in den letzten Jahren ausgegangen sind, muss man sich dann nicht eher wünschen, dass wir bei der repräsentativen Demokratie bleiben?

Marcus Staiger: Ja, diese Forderung nach direkter Mitbestimmung, die muss man aushalten können. Ich glaube aber, dass man dann auch für die richtige Meinung kämpfen und sich dem Wettstreit der Ideen stellen muss. Meine Auffassung ist, dass man halt wirklich hart dafür arbeiten muss, dass gut abgestimmt wird. Wir müssen eben auch dafür sorgen, dass unsre Argumente in einer Sprache vermittelt werden, wo dann die Leute auf uns einschwenken und unseren Argumenten auch Gehör schenken. Die NPD kümmert sich um Fragen, die die Menschen bewegen, jetzt kann man sagen diese Fragen dürfen nicht gestellt werden. Insofern könnte man auch sagen: Lasst uns nicht das Volk fragen, sondern auf die repräsentative Demokratie setzen, weil dann besser ausgebildete Leute darüber abstimmen. Ich sage: die Leute dürfen die Fragen stellen, aber man muss ihnen zeigen, dass sie die falschen Fragen stellen. Die Frage ist: Warum verliere ich meinen Arbeitsplatz? Eine Antwort kann lauten: Weil mir die Ausländer die Arbeit wegnehmen. Das ist eine Beobachtung und dann wird dieser Schluss gezogen. Die richtige Frage wäre: Warum muss ich überhaupt arbeiten und warum gibt es dieses Ausbeutungssystem? Der Ausländer wird ja nur eingestellt, weil er sich besser ausbeuten lässt. Er arbeitet für 4 Euro, während ich für 6 Euro da stehe. Eigentlich ist der Ausländer das ärmere Schwein, das sich besser ausbeuten lässt. Warum lassen wir uns überhaupt ausbeuten? Und dieser Aufgabe muss man sich stellen: Ich find’s faul zu sagen, die Leute würden nur scheisse abstimmen, deswegen bleiben wir bei der repräsentativen Demokratie. Es hätte dann auch ein anderes Gewicht sich dafür zu engagieren dafür, dass Leute nicht scheisse abstimmen. Das ist der Umkehrschluss, warum ich für direkte Demokratie bin, weil du dann gezielter agitieren kannst und für die Umsetzung deiner Ideen kämpfen kannst.

Ruhrbarone: Glaubst du, dass Wahlen etwas ändern? Also, dass es einen Unterschied macht, ob wir von Schwarz-Gelb oder Rot-Grün regiert werden?

Marcus Staiger: Schwarz-Gelb zieht nicht in den Krieg. Unter Schwarz-Gelb sind keine neuen Kriege angezettelt worden. Im Grunde macht es aber keinen großen Unterschied, nein. Ich glaube, dass sich unter Rot-Grün in der Ausländerpoltik was verändert hat, aber im Grunde sind sozialdemokratische Regierungen ja genauso Steigbügelhalter des Neoliberalismus wie konservative Regierungen. Wobei der Neoliberalismus unter einer sozialdemokratischen Regierung halt weniger benennbar ist.

Ruhrbarone: Du hast ja ein Buch geschrieben, worum geht es in dem Buch und was war dein Antrieb es zu schreiben?

Marcus Staiger: In dem Buch geht’s um die Auswegslosigkeit in einem System zu leben mit dem man sich halt arrangiert hat. Es handelt sich da um eine autoritäre Gesellschaft, in der die Menschen ihre Zuflucht im Hedonismus suchen.
Die DDR ist nie zusammengebrochen und versinkt in Korruption und Inkompetenz, während der Westen oppositionslos und rigoros von Kohls Deutscher Union geführt wird. Im Endeffekt ist in dieser Gesellschaft keiner richtig schlecht, aber auch keiner gut. Und wie jeder Schriftsteller wollte ich einfach gerne ein Buch schreiben und habe damit eine Idee gefunden, die halt ein ganzes Buch getragen hat. Im Endeffekt ist das ja auch eine Fleißarbeit.

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