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Masern in NRW: “ Mit Globuli kommen wir hier definitiv nicht weiter“

Susanne Schneider Foto: Homepage

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Gleich am Anfang: Ich bin ein Impf-Fan. Meine drei Kinder und ich sind gegen alles geimpft, das sinnvoll ist und empfohlen wird. Bei den Empfehlungen verlasse ich mich auf die Ständige Impfkommission (Stiko) des Robert-Koch-Instituts. Deren Experten beschäftigen sich ja schließlich tagaus, tagein mit dieser Thematik.  Unsere Gastautorin Susanne Schneider ist Landtagsabgeordnete der FDP im nordrhein-westfälischen Landtag.

Als gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion liegt mir das vielleicht wichtigste menschliche Gut, unsere Gesundheit, besonders am Herzen. Es erschüttert mich daher zutiefst, wenn es handfeste Belege dafür gibt, dass mit den Masern eine Krankheit zurückkehrt, die als weitgehend zurückgedrängt galt. In NRW stieg die Zahl der Masernfälle von 18 im Jahr 2012 auf 130 im Jahr 2013. Ein Zuwachs von 722 Prozent. Deutschlandweit kletterten die Fallzahlen von 165 auf 1.771, plus 1.073 Prozent. Hierbei kann es sich kaum um natürliche Schwankungen handeln. Vielmehr scheinen einige Dinge grundlegend im Argen zu liegen, denen wir auf den Grund gehen müssen.

Um ein rasches Gegensteuern zu ermöglichen und Maßnahmenpakete auf den Weg zu bringen, haben wir als FDP-Fraktion daher im Dezember 2013 den Antrag „Masernerkrankungen verhindern, Aufklärung und Impfschutz für alle Generationen verbessern!“ in die Landtagsberatungen eingebracht,. Nunmehr ist ein Jahr ins Land gezogen und der Antrag wird nach wie vor parlamentarisch beraten. Man könnte fast (böswillig) sagen: Er steckt fest in den Mühlen der rot-grünen Bürokratie. Gleichzeitig erhärtet sich der Eindruck, dass das Landesgesundheitsministerium unter Führung von Barbara Steffens (Grüne) deutliche Vorbehalte gegen die Kernforderungen des Antrags hat. Mit rot-grüner Mehrheit sperrt der Landtag sich bisher beispielsweise gegen den Vorschlag der Wiedereinführung des im April 2013 eingestellten Impfmobils, das durch ganz NRW tourte und so im Rahmen des aufsuchenden Impfens einen wertvollen Beitrag leistete. Eklatanter Weise wurde dieses Impfmobil genau zu dem Zeitpunkt aus dem Verkehr gezogen, als im letzten Jahr eine Schule aufgrund von Masernerkrankungen in der Schülerschaft schließen musste. Außerdem verwehren Rote wie Grüne die Forderung, eine Rahmenvereinbarung zwischen öffentlichem Gesundheitsdienst und Krankenkassen abzuschließen, um das aufsuchende Impfen zu stärken. Einige andere Bundesländer sind hier einen Schritt weiter.

Geradezu töricht sind all diejenigen, die vor den von Masern ausgehenden Gefahren die Augen verschließen. Masern gelten medizinisch gesehen als eine hochgefährliche ansteckende Krankheit. Das ist vielfach gar nicht mehr bewusst, Masern haben einen stets einen zweiphasigen Verlauf. Zunächst klagt der Erkrankte über hohes Fieber, Mattheit, Husten, Schnupfen sowie Entzündungen im Nasen-Rachenraum und der Augenbindehaut. Erst in Phase zwei bildet sich, wiederum begleitet von hohem Fieber, der charakteristische Masernausschlag. Da das Masernvirus das Immunsystem schwächt, treten in vielen Fällen bakterielle Folge- oder Begleiterscheinungen wie Mittelohrentzündungen oder Durchfall auf.

Die akute postinfektiöse Enzephalitis – eine Entzündung des Gehirns, zu der es in ca. einem von tausend Fällen kommt, tritt etwa 4-7 Tage nach Auftreten des Ausschlags mit Kopfschmerzen, Fieber und Bewusstseinsstörungen bis zum Koma auf. Bei etwa 10-20% der Betroffenen endet sie tödlich, bei etwa 20-30% muss mit Schäden am Zentralen Nervensystem gerechnet werden.

Die gefürchtetste Komplikation ist jedoch die subakute sklerosierende Panenzephalitis – eine weitere Entzündung des Gehirns, die noch Jahre nach der Infektion als Spätfolge auftreten kann und immer tödlich verläuft.

Diese oft schweren Komplikationen und die Ansteckungsgefahr sind bekannt, die vielleicht einfach anmutende, aber wirksame Lösung auch: Ein möglichst breiter Flächenimpfschutz zur Erreichung der sogenannten Herdenimmunität. Ob ich mich gegen Tetanus impfen lasse, ist meine ureigene Entscheidung. Die Krankheit ist schrecklich, betrifft aber ausschließlich mich selbst. Bei Masern gibt es auch eine soziale Verantwortung. Denn ich schütze mich durch die Impfung nicht nur selbst vor den möglichen gravierenden Folgen der Krankheit, sondern auch diejenigen, die nicht geimpft werden können vor einer möglichen Ansteckung (Beispielsweise Babys).

Ich appelliere daher an meine Abgeordneten-Kollegen im Landtag, insbesondere auch bei den Grünen, die guten Vorschläge des Antrages zu unterstützen und sich endlich auf den Weg zu machen, die Masern in unserem Land ein für alle Mal zurückzudrängen. Ich erwarte, dass die Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens von ihrer persönlichen Impfskepsis Abstand nimmt und das Gesundheitsminsiterium deutlich „Pro Impfung“ positioniert. In der derzeit geführten Debatte hat die Ministerin vielleicht auch die Möglichkeit, sich von ihren impfkritischen Aussagen aus dem Jahr 2007 zu äußern und diese eventuell zu revidieren.

Als Liberale plädiere ich auf das Recht der individuellen Entscheidung und setze auf den mündigen Bürger, der bereit ist, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Es sollte uns nun gelingen, durch Aufklärung Verständnis für die Masernimpfung zu wecken, so dass die individuelle Entscheidung in den meisten Fällen pro Masernimpfung erfolgt. Der Politik ist es daher aus meiner Sicht aufgegeben, gemeinsam mit unseren Ärzten die Wichtigkeit und Wirksamkeit plausibel darzustellen. Wir alle müssen an einem Strang ziehen, um den Kampf gegen die Masern in naher Zukunft erfolgreich zu beenden. Mit Globuli kommen wir hier definitiv nicht weiter.

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13 Kommentare zu “Masern in NRW: “ Mit Globuli kommen wir hier definitiv nicht weiter“

  • #1
    Andreas Lichte

    @ Susanne Schneider

    glauben Sie wirklich, Sie könnten bei „Anthroposophen“, Zitat Susanne Schneider, „durch Aufklärung Verständnis für die Masernimpfung wecken“ ?

    „(…)

    „Masern werden von Waldorfschule zu Waldorfschule übertragen …“, aber da sage ich Frau Kohnert wirklich nichts neues. J E D E R der mit Impfprävention zu tun hat, weiss das.

    So warnt Dr. Axel Iseke vom Gesundheitsamt Münster Ende April: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass es über die Waldorfschule auch in Münster zu einem größeren Masernausbruch kommt.“ Denn in Essen sind die Masern ja schon, und Zitat Presseerklärung Münster: „Familien aus dem Umfeld von Waldorfschulen seien häufig überregional vernetzt.“

    (…)“

    mehr zu den Masern-Ausbrüchen in den anthroposophischen Waldorfschulen: http://www.ruhrbarone.de/drei-grunde-fur-die-waldorfschule/11459

  • #2
    Erdgeruch

    Stefan, gib es auf.

    Die FDP ist keine Liberale Partei, sondern eine Partei der reichen und deren Partikularinteressen.

    Die FDP ist ein Zombie.

  • #3
    Mercedes

    @2 Tja nun, „die Reichen“ haben nicht viel davon, wenn die Kinder von Privatschulen und deren Angehörige gesund bleiben, oder? Liberale aber haben etwas davon, wenn sie und andere in ihrem Recht auf körperliche Unversehrtheit nicht unnötig beschränkt werden, korrekt? Irgendwie der falsche Artikel für diesen Kommentar, meinst Du nicht?

  • #4
    Jörg Fuhrmann

    @Erdgeruch :

    Gesunder Menschenverstand ist keine Frage der Parteizugehörigkeit. Die Dummheit jetweder Idiologie ist dafür die größte Krankheit dieser Welt.

  • #5
    keineEigenverantwortung

    Der Verzicht auf das Impfen in diesem Fall etc. mag ja ein Betrag gewesen zu sein, um eine Gruppenzugehörigkeit sicherzustellen.

    Nur durch die stärkere Vernetzung der Welt, das Reisen etc. müssen die Risikobetrachtungen sicherlich neu durchgeführt werden.
    Die nächste Stufe wird dann kommen, wenn Tiere aus anderen Regionen auch hier verstärkt heimisch waren.

    Dann kommen wir wieder zu der Diskussion, ob der Staat Kinder vor ihren Eltern schützen soll.

  • #6
    Thorsten Stumm

    @Erdgeruch
    Wieso Stefan….wieder mal die Lesekompetenz verloren….aber so kennt man Sie ja….

  • #7
    Klaus

    @Erdgeruch: Ihr FDP-Hass lässt auch nicht nach…

    Zur Info: Die Partei der Reichen ist seit Jahrzehnten Die Grünen, deren Wähler in sämtlichen Umfragen mehr verdienen als FDP-Wähler (kein Wunder, nur Besserverdienende können sich deren Wahlprogramme leisten).

  • #8
    TuxDerPinguin

    Mir kommt es so vor, als sei der letzte Satz nur eingefügt worden, um einen anklickbaren Titel zu bekommen. „Masern: Wir müssen mehr aufklären“ klingt langweilig…

    es passt thematisch jedenfalls zum Artikel über Paternalismus.
    wie weit darf sich der Staat in die Kindererziehung einmischen? Wie weit muss er das, um evtl Kinder zu schützen oder sonstige Benachteiligungen auszugleichen?

    aufgeklärt genug werden die Verweigerer schon sein… jeder weiß, dass Kinder geimpft werden sollten, jeder Arzt wird das erzählen usw. Die Verweigerer glauben halt was anderes trotz der Fakten und werden ihre Meinung erst dann ändern, wenn ihr Kind oder ein nahestehendes dann die Konsequenzen tragen muss. Der Mensch ist halt so, dass er manche Fakten eben erst akzeptiert, wenn er davon persönlich betroffen wird, und irgendwelche diffusen Ängsten bei Themen hat, die ihm nicht nahestehen (nach dem Muster funktioniert auch Rassismus und vieles mehr… psychologisch ist der Mensch ein Vollpfosten)

  • #9
    Erdgeruch

    Nein, ich halte den Artikel für einen netten Versuch der FDP ein nettes Totschlagthema zu geben. Daher passt der Kommentar hier.

    Und das sind nicht die „Liberalen“. Das ist schon Jahrzehnte her. Man kann berechtigt beklagen, dass liberale Positionen auf dem Rückschritt sind. Tatsächlich hat sich die FDP hier verbal in den letzten Monaten nur bei einem Thema zu mehr Liberalen Positionen bewegt – ohne Verantwortung zu tragen -, nämlich der Frage der Asylpolitik. Ansonsten – und ich lese die Pressemeldungen aller Parteien – reicht es allein den Monat November zu nehmen, beschränken sie sich weiterhin fast nur auf die Themen Steuern und Haushalt mit den Positionen, die sie seit 2002 verkörpern. Das sind aber reine Partikularinteressen, denn die FDP hat kein neues Bild von sich formulieren können, da sie weiterhin kein Bild von Deutschland im Formulieren kann bzw. dieses weiterhin mehr abschreckt als anlockt.

    Ich kann auch mal klassische Politiklehre heranziehen. Liberale Parteien sind Fortschrittsparteien, sie werden gewählt, weil sie Zukunft aufzeigen, Chancen Versprechen usw. Sie werden nicht gewählt, weil sie Angst verbreiten (Rot-grün böse, Staat böse, Sozialismus überall etc.). Das sind klassische Muster konservativer Parteien. Deswegen ist die FDP ja auch zuletzt wie eine konservative Partei wahrgenommen worden und deshalb auch abgestürzt.

    Das passt auch übrigens zu dem Artikel und deshalb war die Themenwahl auch falsch.

    Mal so als Manöverkritik an den, wer auch immer ihr diesen Platz eingeräumt hat. Hilfreich war das nicht.

    Wenn jemand der FDP wirklich helfen wollen würde – und ich hoffe, dieser Blog macht sich das nicht weiter zum Ziel 🙂 – dann sollte man die wirklich alle mal in einen Grundkurs Politik stecken.

  • #10
    paule t.

    Ich stimme dem Artikel ja weitgehend zu – nur eine Ausage am Anfang halte ich für Unsinn: Bei wellenartig auftretenden Infektionskrankheiten kann es sich bei massiven Anstiegen der Infektionszahlen von einem Jahr aufs nächste natürlich sehr wohl „um natürliche Schwankungen handeln“. Es werden ja wohl kaum die Zahlen ungeimpfter Kinder und Erwachsener so schnell gestiegen sein … relevanter wären da also längerfristige Zahlen.

  • #11
    Klaus Lohmann

    @#10 paule t.: Es geht in erster Linie um den Anstieg der Erkrankungen bei Erwachsenen ab ca. 25, nicht um Kinder. Ich kann mich selbst an meine Masern-Impfung und die besorgte Info über eine erforderliche zweite Impfung „irgendwann“ erinnern, die ich natürlich nie vorgenommen habe, da Masern als „Volkskrankheit“-Angst spätestens in den 90ern komplett verschwunden war.

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  • #13
    Paul Peter Baum

    Der Staat hat die Pflicht, Dritte zu schützen. Da sind zum Ersten die Rechte von Kindern auf eine unbehinderte Entwicklung , auch wenn deren Eltern sie entweder stark machen wollen unter enormem Risiko für eben diese Kinder. Oder wenn die Eltern einen neuen, starken Menschen züchten wollen? Oder eben die Rechte dritter – Kinder und Erwachsener – die wegen nicht möglicher Impfung oder Abwehrschwäche gefährdet sind. Eine ausreichend hohe Durchimpfungsquote schützt diese.

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