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Mehr als „Berlin Madness“

Foto: Michael Kamps

Vor gut 20 Jahren hatten Fußballfans eine Ausstellung über Rassismus und Rechtsextremismus beim Fussball konzipiert, um die Öffentlichkeit über die Zustände in deutschen Stadien zu informieren. „Tatort Stadion“ wurde 2010 dann noch einmal runderneuert und in allen Bundesligastädten von engagierten Fans gezeigt. Die Ausstellung hat ganz entschieden mit dazu beigetragen, dass es in heutigen Fußballstadien sehr viel weniger Rassismus gibt. Von unserem Gastautor Thomas Hafke.

Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie es in vielen deutschen Stadien zuging und wie weit verbreitet und selbstverständlich Rassismus unter den damaligen Fans war. Die Fans, insbesondere das „Bündnis aktiver Fußballfans“ (BAFF), die sich damals engagierten, waren eine Minderheit und wurden von Hooligans bedroht. In Bremen wurde eine Ausstellungstafel von ihnen gestohlen.

In Berlin allerdings wurde die Veranstaltung gestört. Ein paar Leute waren in die Ausstellungsräume eingedrungen und hatten die Tafeln, auf denen der Rassismus von Fußballanhängern zu sehen war, einfach umgedreht an die Wände gestellt. Als die Veranstalter fragten, was das solle, wurde ihnen mitgeteilt, dass sie Rassisten seien, da sie ja Rassismus darstellten. Als ich einen der betroffenen Fans fragte, was das denn für eine seltsame Nummer gewesen sei, – ich hatte zunächst an eine Aktion der Nazis gedacht – antwortete er mir nur: „Berlin Madness“. Ich musste lachen und nahm das Ereignis nicht weiter ernst.

Heute ist mir klar wie ernst das Ganze wirklich war. Denn heute werden zum Beispiel bei der BBC Folgen der Comedyserie Fawlty Towers von John Cleese (Monty Python) aus dem Programm genommen. Mit der Begründung sie seien rassistisch. Zu sehen ist ein alter, rassistischer Major, der dort sein Unwesen treibt. Scheinbar ist man in seinem Furor heute nicht mehr in der Lage den Unterschied zwischen der Darstellung von Rassismus, um darüber aufzuklären oder auch um ihn lächerlich zu machen, und tatsächlichem Rassismus zu unterscheiden. Berlin ist in der BBC angekommen.

5 Jahre später ereignete sich ein weiterer Vorfall in den Veranstaltungsräumen der Werderfans – dem OstKurvenSaal. Ein Fan hatte das Stück „Ding“ von „Seeed“ aufgelegt. Darin beschreibt sich der Sänger Peter Fox als Ehemann, der einen Seitensprung wagen will, aber kläglich versagt und am Ende froh ist, dass er in seiner Kotze auf der Toilette aufwacht. Da er einen auf dicke Hose machen will, benutzt er alle möglichen schmutzigen Wörter über Frauen aus der Berliner Rapszene, die politisch nicht korrekt sind, wie ja schon der Titel des Stücks zeigt. Genau das führte dazu, dass sich zwei junge Studentinnen aus der Bremer Ultraszene beim DJ beschwerten und ihm mitteilten, er hätte das Lied sofort auszumachen. Der DJ hörte nicht darauf, schmiss allerdings noch am gleichen Tag seinen Job. Bei der anschließenden Diskussion über den Vorfall, ich hatte den unterstellten Sexismus des Peter Fox infrage gestellt, wurde mir geantwortet, dass ich das gar nicht beantworten kann, da ich keine Frau wäre und wenn sich eine Frau schlecht bei der Musik fühle, dann sei das so und man hätte das ohne wenn und aber zu berücksichtigen. Auf meine Frage, wo das denn Enden solle, erhielt ich keine Antwort.

Schon als Student der Sozialwissenschaften hatte ich in den 8Oer Jahren miterlebt, wie Studentinnen ähnliche Positionen vertraten und jede Form der kritischen Diskussion über die damals gängige Behauptung „Alle Männer sind Vergewaltiger“ aggressiv unterbanden. Allerdings berief man sich zwar auf eine Art Opferstatus, aber behauptete nicht, dass man das als Mann gar nicht beurteilen könne und deswegen diese Unterstellung einfach akzeptieren müsse. Noch während meines Studiums war der Furor vorüber, der damals durch die Geisteswissenschaften der Uni Bremen zog. Und nicht nur dort, auch in der taz, bei der ich damals als freier Akquisiteur mitarbeitete, war eine hypermoralische Diskussion ausgebrochen, da der damalige freie Mitarbeiter der taz in Berlin es gewagt hatte eine „Pornoseite“ zu schreiben. Die Empörung war so groß, dass Wiglaf Droste nicht mehr in der taz schreiben durfte und ich mich nichts mehr zu sagen traute. Nach circa einem Jahr war der Spuk wieder vorüber.

Wie es diesmal kommen wird, vermag ich nicht zu beurteilen, denn diesmal hat sich eine Ideologie, die ebenfalls wieder von den Universitäten ausgeht, etabliert, wie das Beispiel der BBC und auch die Akzeptanz an den Universitäten selber zeigt. Und auch in der taz ist mal wieder eine gefühlt existentielle Diskussion ausgebrochen. Für mich bleiben diese Formen des politischen Aktivismus nach wie vor bedenklich, denn sie führen zur Unterdrückung der Meinungsfreiheit, der kritischen Reflexion und der individuellen Freiheiten. Ich persönlich habe mich in diesen diesen Diskursen und Auseinandersetzungen, in die ich als Linker und gesellschaftlich engagierter Mensch geraten war, niemals heimisch gefühlt. Es war einfach nur schrecklich, oft peinlich und hat mich am Ende abgestossen.

Thomas Hafke ist Diplom Sozialwissenschaftler und seit über 32 Jahren in der Jugendarbeit tätig. 30 Jahre davon war er im Fan-Projekt Bremen aktiv, wo er mit Jugendlichen Werderfans (Kutten, Hooligans und Ultras) beschäftigt war. Wobei er zwischenzeitlich beim VfB Oldenburg mit Fußballfans und in Delmenhorst mit Skinheads arbeitete. Hinzu kam die Begleitung der Fans der Deutschen Nationalmannschaft ins Ausland. In Oldenburg hatte er das Glück mit Rudi Assauer zusammenarbeiten zu dürfen. Außerdem hat er in dieser Zeit diverse Lehraufträge an der Universität und Hochschule Bremen und an der Hochschule für öffentliche Verwaltung (Studiengang Polizei) durchgeführt. Heute ist er in der Jugendwohngruppenarbeit tätig, wo er mit Risikojugendlichen betraut ist. Sein Gebiet ist die Jungenarbeit.

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