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Mehr Diktatur wagen? Weniger Brussig wagen!

Thomas Brussig Foto: © Vincent Eisfeld / vincent-eisfeld.de Lizenz: CC BY-SA 4.0

In einem Essay in der Süddeutschen Zeitung fordert der Schriftsteller Thomas Brussig „Mehr Diktatur wagen“. Sowas passiert in letzter Zeit häufiger und sollte uns beunruhigen.

Ist die Demokratie in Zeiten von Corona überflüssig? Der Schriftsteller Thomas Brussig hat diese Frage in einem Essay in der Süddeutschen Zeitung mit „Ja“ beantwortet. Corona sei neben dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas und dem Brexit einer der drei Kränkungen der Demokratie, so wie nach Sigmund Freud das Kopernikanische Weltbild, die Evolutionstheorie und die Psychoanalyse „drei Kränkungen der Menschheit“ gewesen wären.

Für Brussig ist Demokratie ein Schönwetter-System, wenn es, wie in Pandemiezeiten, hart auf hart kommt, müssen andere Seiten aufgezogen werden: Wollen wir das Virus loswerden, sind wir gezwungen, bestimmte Maßnahmen zu ergreifen. Dank der Wissenschaft wissen wir, welche Maßnahmen nötig sind, wir wissen sogar, welchen Preis wir zahlen müssen, wenn sie ausbleiben. Natürlich kann dagegen polemisiert oder protestiert werden, Prognosen können nach Belieben dramatisiert oder verharmlost werden. Aber das Geschehen wird durch einen Akteur dominiert, dem das alles egal ist. Ist das Virus gebannt, kehren wir gerne zurück zur geliebten Normalität. „Mehr Diktatur wagen!“ sei das Gebot der Stunde.“

Brussigs Gedanke ist nicht neu. Angesichts des Klimawandels wurden schon in der Zeit mehr Verbote gefordert und in die Wochenzeitung „Freitag“ titelte „Ökodiktatur? Ja bitte!

Wenn Demokratie und Freiheit leichtfertig aufgegeben werden sollen, wenn der Ruf nach dem starken Staat kommt, hinter dem immer auch der Ruf nach einem starken Führer steckt, denn jede Diktatur hat einen Diktator, ist Gefahr im Verzuge. Solche Tabubrüche verschieben den Raum des Sagbaren ebenso wie die Mordphantasien gegen Mitglieder demokratischer Parteien, eines Berliner Jusos, der sich, wenn auch nur auf Twitter, großer Unterstützung erfreute.

Sowas bleibt nicht folgenlos. Nach der rechten Hetze im Netz folgten die Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, den Taten ging ihre vielfach veröffentlichte Rechtfertigung voraus.

Und was für Anschläge gilt, gilt auch die Abschaffung der Demokratie. Wenn die demokratische Gesellschaft und die Freiheitsrechte des Individuums in Frage gestellt werden, muss eine Grenze gezogen werden. Wer so etwas fordert, kann kein Gesprächspartner mehr sein. Ihm muss man sich ebenso entgegenstellen wie Mordphantasien. Geschieht das nicht, werden wir vielleicht schneller als wir es uns vorstellen können unsere Freiheit und Würde verlieren – und wie immer, wird das aus angeblich guten Gründen geschehen, denn all die großen und kleinen Diktatoren wollen ja nur unser Bestes.

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9 Kommentare zu “Mehr Diktatur wagen? Weniger Brussig wagen!

  • #1
    Angelika, die usw.

    Sicher ist Demokratie ein hohes Gut.
    Die Gesundheit ist es auch.
    Deswegen ja das Dilemma, das Hinterfragen, das Abwägen usw.. Was geht denn nun? Was geht denn nun noch?!

    Aber, momentan wird gewissermaßen der Begriff Demokratie scharenweise auf kleine Klebezettel geschrieben und auf dies und das geklebt (sich selbst, andere Personen, Aussagen, Handlungen). Nicht alles, auf dem diese Klebezettelken pappen, ist aber Demokratie – oft ist es einfach nur Hedonismus, nicht mehr.

  • #2
    TheBochumer

    Hallo,

    kleine Korrektur: es müssen andere "Saiten" aufgezogen werden, nicht andere "Seiten".

    Gruß 🙂

  • #3
    ccarlton

    Worüber beschwert der sich eigentlich? Bereits seit fast einem Jahr setzt ein in der Verfassung nicht vorkommendes Gremium ein Grundrecht nach dem anderen aus, Medien verteidigen das, Parlamente verhalten sich apathisch. Der Präzedenzfall ist also vorhanden, alles weitere ist nur mehr vom gleichen.

  • #4
    Gertrud Slezak

    Danke an Rene Schlott für die kluge und so dringend nötige Antwort auf den unsäglichen Artikel "Mehr Diktatur wagen" von Thomas Brussig, welcher noch interessant begann und mich dann irritiert und letztendlich schockiert hat und mich ratlos zurücklueß. Der Ruf nach einer starken Hand, nach einem "Führer" wird lauter!

  • #5
    Angelika, die usw.

    #4 Danke für den Hinweis auf den Artikel von R. Schlott.

    Hier der link:
    https://www.sueddeutsche.de/kultur/brussig-corona-diktatur-rki-mutante-1.5202051

  • #6
    Sandra

    Unfassbar. Diese Entwicklung macht mir tatsächlich Sorgen. Es wirkt teilweise so als ob bewusst totalitäre Ideologien mal "theoretisch" ins Gespräch gebracht werden. Normalisierung von absoluten No Go Ideologien. Da könnte man gleich Blumen an die kommunistische Partei in China schicken. Die Tibeter und Uiguren bedanken sich Herr Brussig.

  • #7
    Schwill Teiger

    Guter Artikel! Ich war von Brussigs Ausführungen regelrecht angeekelt. Eigentlich wollte ich "schockiert" schreiben. Aber es schockiert mich wirklich nicht mehr, nachdem bereits in mehreren deutschen "Qualitätsmedien" suggestive Artikel a la "Na, vielleicht funktioniert das chinesische System ja doch besser" erschienen sind. Wir steuern gerade in eine ganz falsche Richtung und ich finde es sehr wichtig, dass sie einen solchen Fehltritt wie den von Brussig gnadenlos ansprechen.

    @Angelika
    Ja, die Gesundheit ist auch ein hohes Gut – das schließt die mentale Gesundheit genauso ein wie die Freiheit von Infektionen. Mit der Gesundheit allein sind die Rufe nach Diktatur jedenfalls nicht zu rechtfertigen; meiner Meinung nach ist die Annahme, eine Diktatur bränge "mehr Gesundheit" extrem naiv oder einfach nur weltfremd.

  • #8
    Angelika, die usw.

    #7 Stimmt alles.

    Ging mir um die Pseudo-Etikettierung mit dem Begriff Demokratie, wo Hedonismus im Karton ist … Dass die Bewahrung der Demokratie wichtig ist, steht außer Frage.

    Aber ich beobachte Hedonismus, ummäntelt wird mit Allerlei, was gesellschaftlich anerkannter ist. Spaßgesellschaft und Pandemie – da hakt es.

  • #9
    Berthold Grabe

    Solcheaussagensind eine natürliche Reaktion von Leuten die glauben die Wahrheit gepachtet zu haben. ähnlich wie in der DDR müssen dann die Irrigen halt zu ihrem Glück gezwungen werden.
    Wir haben das Pech von einer Geisteshaltung regiert zu werden die Demokratie aber noch viel mehr ihre grenzen nie begriffen haben.
    Ihr Freiheitsideal ist hedonistisch geprägt , aber nicht von realistischen Vorstellungen.
    Sei nehmen ihre Selbstbestätigung aus ihrem individuellen nicht selten vollkommen egoistisch erzielten beruflichen Erfolg, völlig ignorierend das Kollektive in Sachen Erfolg individueller Leistung ijm Gesamtergebnis immer überlegen sind.
    Der Erfolg der westlichen Gesellschaft basiert auf einer freiwilligen Unterwerfung der Einzelinteressen dem Gesamtinteresse bei größtmöglicher Individualität
    Dieses Erfolgsrezept ist nicht mehr existent, denn das Kollektive Interesse wird für alle sichtbar längst durch egoistische ersetzt.
    die Glaubwürdigkeit des Kollektivs ist weitgehend zerstört. die Menschen lassen sich nur für eine begrenzte Zeit täuschen.
    Viel länger lassen sie sich verwirren, was den das wirklich Richtige wäre, weil Ihnen je nach Lobby nur verschiedene scheinbar kollektiv akzeptabel Lösungen angeboten werden, die aber mehr den Initiatoren als der Gesamtheit nützen.
    Dabei ist nicht immer Geld entscheidend sondern auch gesellschaftlich moralische Anerkennung kann eine Motiv für Egoismus sein, wie z.B. bei der völlig einseitig motivierten Flüchtlingshilfe, vor allem wenn damit dann auch noch der Lebensunterhalt gesichert ist.
    Und nun fangen Vertreter einzelner Lobbys an nach der absoluten Macht zu greifen um ihr "Geschäftsmodell" zu schützen, das sie selbstverständlich für alternativlos halten.
    Im Grunde ist das ein Eingeständnis des Schmarotzertums! Das man eine Stellung inne hat, deren Anforderung man nicht gewachsen ist, gleichwohl aber für sich beanspruch und die durch Arroganz die Defizite ausgleicht.

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