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Mehr Konfetti war nie – Kay Voges inszeniert in Dortmund „Das Fest“

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Kay Voges. Um mal gleich den 12. Punkt des Keuschheitsgelübdes 20_13 zu erfüllen. Höh? „Der  Name des Regisseurs darf nie in Vergessenheit geraten“, heißt es in dem Pamphlet, das im Dortmunder Theater wortreich in einem Vorspiel von der Bühne herunter verteilt wird. Nichts für Leute, die zu Weitsichtigkeit neigen oder im dämmrigen Saallicht ohne ihre Stirnlampe eng gesetzten Text auf dunkelrotem Papier nicht entziffern können. Auch nichts für Menschen, die damit rechnen, dass erst einmal das Bühnengeschehen gesehen sein will. Aber alles für Vorbereitete.

Das Dortmunder Theater antwortet auf das Dogma 95, jenes Film-Manifest von Lars von Trier, Thomas Vinterberg und anderen, das dem gängigen weltweiten Hollywoodkino damals Realismus zurück geben wollte. Handkamera, kein Kunstlicht, keine herbei geschafften Requisiten, man kennt die Stichworte. Dogma 95 endete mit dem zehnten Punkt: Der Regisseur darf weder im Vor- noch im Abspann erwähnt werden. Na ja, irgendwie kam, der Logik der Vermarktungsindustrie folgend, doch immer raus, wer den jeweiligen Dogma-Film inszeniert hatte. Man könnte die Beliebigkeit der Dogma-Punkte kritisieren. Warum tragen die Schauspieler nicht ihre eigenen Namen, warum steht die Kamera nicht unbeweglich auf einem Stativ, wie es zu Beginn des Films tat, ehe sie Leute wie Abel Gance durch die Szenerie toben ließen? Mäkeleien, die der Grundidee des Dogmas nichts anhaben können.

Anlässlich des 18. Geburtstages des Dogma-Manifestes nimmt man sich im Dortmunder Theater also den ersten Dogmafilm vor, „Das Fest“ von Thomas Vinterberg. Die Geschichte ist großartig einfach und erschütternd. Helge Klingenfeld-Jansen will in seinem luxuriösen Landhotel den 60. Geburtstag feiern. Das kann, wir sind im Dramatischen, nicht gut gehen. Erst erscheint der ungeladene Sohn Michael, dann fehlt nach einem Suizid seine Schwester Linda und schließlich hält deren Zwillingsbruder Christian eine Festrede. „Papa will baden gehen“, heißt sie und handelt in Knappheit davon, dass der Jubiliar regelmäßig ihn, Christian, und seine Schwester Linda übelst sexuell missbrauchte, was Mama duldend mitbekam.

Das ist schon großartig dicht geschrieben. Der Täter leugnet, verhöhnt seine Opfer, und das Opfer Christian kämpft, überladen mit Schuldgefühlen, um die Offenbarung. Keine 24 Stunden, und die Familie ist auch sichtbar für die Gäste, was sie verborgen schon immer war: Ein erschreckender, armer Haufen zerstörter Kreaturen. Dogmafilm, aber auch Theater, häufig inszeniert, auch schon vor Jahren in Dortmund.

Zu Beginn ist die Bühne leer. Matt metallisch schimmert ein riesiger Aluminiumring, sieben Meter Durchmesser, knapp über Kopfhöhe aufgehängt. Eine Kamera, mit Leuchten bekränzt, nimmt Fahrt auf. Sie fordert. Das Spiel beginnt. Ein Gaze-Vorhang fährt herab. Auf ihn werden die Bilder des Kameraroboters projiziert, dicht, übermenschlich groß. Trotzdem sieht das Publikum gleichzeitig, wie die Festgesellschaft auf der Bühne die Bilder erstellt.

Die Kamera  lässt die Figuren nicht ruhen, ehe am nächsten Morgen Feier und Familie ihr Ende gefunden haben. Natürlich spielt die Festgesellschaft für die Kamera. Man kennt das von Onkel Rudis Goldhochzeits-Videos. Natürlich denke ich auch an die Maxime des Fotografen Wolfgang Tillmans: „Die Kamera lügt immer über das, was vor ihr ist, aber nie darüber, was hinter ihr ist.“

Rasante Szenenwechsel, ohne Schnitt. Vor der Kamera nehmen die Gäste des Festes die Herausforderung an. Schnell zeigt sich der große Unterschied des Dortmunder Dogma-Abends zum Film. Man weicht hier keinem Kalauer aus, man gibt sich Mühe, die Lüge bunt, grell und heiter zu inszenieren. Mehr Konfetti war nie. Toastmaster Helmut, eine rheinische Frohnatur, gibt alles. Das macht die Fallhöhe des Abends. In den entscheidenden Momenten, den enthüllenden Auftritten von Christian und seiner Schwester Helene verstummt sogar der Dauerhuster in der Reihe vor mir. Ein ganzer Theatersaal hört auf zu atmen.

Das Ensemble agiert nicht für die Zuschauer direkt, sondern teilt sich mit über einen Apparat, die Kameraoptik. Das ist genial, das ist nebenbei unglaublich einsatzfreudige, präzise Teamarbeit. Das ist mal wieder mehr, als so ein Laden können wollen dürfte, hatte ich vorab gedacht. Aber mit jeder Minute wird klarer, man darf nicht nur, man kann auch, weil man geschlossen will. Mehr als eine Stunde geht das so, mit lächerlichen Pappkulissen der Marke Eigenbau; es wird auch klar, dass hier erst die Ästhetik der Bewegtbilder dieses Erzählen ermöglicht. Ohne Vermittlung über die Kamera würden die Szenerien wahrscheinlich nur jämmerlich aussehen.

Tillmans Wahrheits- und Lügenmaxime erhält eine neue Deutung. Denn Entstehung und Betrachtung des Bildes fallen zusammen, finden im selben Moment im selben Raum statt. Die Lüge des Bildes wird ebenso offensichtlich wie die Lüge der Akteure enttarnt. Lüge und Wahrheit bedingen sich, fallen zusammen. Hinter der Kamera sitzt kein Fotograf oder Filmer, hinter der Kamera sitzt das Publikum. Jedenfalls behaupten das die Dortmunder im Dogma 20_13: „Das Kameraauge darf niemals von einem Menschen bedient werden.“ Das ist natürlich eine Lüge, wie der Programmzettel verrät, aber als Idee vollkommen wahrhaftig.

Zum Schluss hebt sich der Gazevorhang. Die Kamera zieht weiter unerschüttert ihre Kreise. Sie zeigt aber keine Bilder mehr. Helene verliest den Abschiedsbrief ihrer Schwester. Michael, in Dortmund weit differenzierter, viel mehr arme Sau als im Film, vollzieht seine Vergeltung. Immer wieder tritt er auf den geschlagen am Boden liegenden Vater ein, gefühlt quälende Minuten lang, mechanisch, von elektronischem Sound unterfüttert. Dieses Verbrechen des Vaters lässt sich nicht sühnen. Die Schauspieler verteilen sich im Saal und verteilen zum Frühstück Croissants. Appetit hat niemand. Die Dinger schmecken mittelmäßig.

Termine: 28.Februar (heute), 8. März, 23.März.

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