„Menschen, die das grammatische Geschlecht nicht vom biologischen unterscheiden können, sollten Nachhilfeunterricht nehmen“

Hans Henneke Foto: CDU-Ratsfraktion Bochum Lizenz: Copyright


Unser Gastautor Hans Henneke ist Mitglied der CDU-Ratsfraktion in Bochum und sieht die Pläne der Stadt offiziell zu gendern kritisch.

In den letzten Jahren war es auch schon präsent im Schriftverkehr, in Beschlussvorlagen oder Mitteilungen der Bochumer Stadtverwaltung: das Gendersternchen. Es gab nur kein System für seine Verwendung, da auch alle möglichen Alternativschreibweisen genutzt wurden – bis hin zum heute beim Verwaltungsvorstand nicht mehr ganz so populären generischen Maskulinum.

Und da wären wir beim Punkt:

Der Genderstern soll nunmehr auch offiziell Einzug in die gesamte Kommunikation zwischen der Verwaltung und den in der Stadt lebenden Menschen halten. Es gibt eine entsprechende Handlungsempfehlung der Verwaltungsoberen für eine sogenannte „geschlechterumfassende Sprache“, und offensichtlich soll diese DIN-A4-Seite bald in eine Dienstanweisung gegossen werden. Mit der Androhung von Strafen für Menschen, die deutsch schreiben?!

Ich habe mich gefragt, wer will das eigentlich und mit welchem Recht?

Eine der jüngsten Online-Umfragen zum Thema wurde im August von stern TV durchgeführt, 20.000 Menschen haben sich daran beteiligt. Das Ergebnis war wenig überraschend, aber deutlich: Über 93 Prozent der Teilnehmer haben das Gendern abgelehnt.

Diese Umfrage deckt sich mit Ergebnissen früherer Befragungen, in denen immer eine breite Mehrheit gegen die Gendersprache votiert hat.

Mit welchen gut meinenden Argumenten jetzt die Verwaltung der Stadt Bochum die unter dem Titel „Ansprechend schreiben“ herausgegebene Handlungsempfehlung für das Personal der Stadt auf den Weg bringen will, ist unter acht Einzelpunkten nachzulesen. Irgendwie witzig der achte: Die Handlungsempfehlungen seien das Produkt einer Projektarbeit im Rahmen des Bochumer Talentprogramms 2021. Na dann.

Aufschlussreich ist schon der Untertitel „Alle Ansprechen“. Hört sich gut an, unterstellt aber, dass sich aktuell nicht alle zum Beispiel mit der schriftlichen Anrede „Damen und Herren“ angesprochen fühlen; man kommt zu dem Schluss, im Zweifel könne das in Zukunft nur mit einem Genderstern gelingen.

Wie man allerdings bei den aktuellen Umfrageergebnissen zum Gendern zu einer solchen Auffassung kommen kann, erschließt sich mir nicht. Laut der Umfrage von stern TV hat selbst die Personengruppe, die durch das Sternchen explizit angesprochen werden soll, zu über 95 Prozent den Einsatz des Sterns abgelehnt. Von daher vermute ich eher, dass es schon einer großen ideologischen Verbissenheit bedarf, einer Bevölkerung zu erklären, wie sie sich richtig angesprochen zu fühlen hat.

Aber nicht nur das Besserwissen und Unterstellen einer Minderheit bringt mich auf die Palme, sondern auch die Kaltschnäuzigkeit und Arroganz, mit der für die Stadt Bochum verbindliche Regeln außer Kraft gesetzt werden sollen.

Auch wenn es vielleicht nicht so geläufig sein sollte: Für den Schriftverkehr der Stadt als öffentliche Verwaltung gilt nämlich das amtliche Regelwerk des Rechtschreibrates. Der Rat für deutsche Rechtsschreibung lehnt die Nutzung des Gendersterns aber aus vielen guten Gründen ab. Geheim sind diese nicht, ideologisch auch nicht.

Es gibt einen weiteren Aspekt für mich, der in der Diskussion um den Genderstern aus meiner Sicht viel zu kurz kommt.

Es ist die Tatsache, dass die öffentliche Verwaltung die Aufgabe hat, alle Menschen gleich zu behandeln. Wenn Menschen aber sprachlich ständig unter dem Gesichtspunkt des biologischen oder empfundenen oder irgendwie sozialen Geschlechts unterschieden werden, führt dies sicher nicht zu mehr Gleichheit, sondern betont nur ständig die Unterschiede. Es ist auch verkopft, verkrampft und dogmatisch – und wirkt von daher so, als sei es von einer Gouvernante der Fünfzigerjahre vorgetragen. Wir reden hier aber über eine moderne Großstadt.

Und dann die Behauptung, der Blinden- und Sehbehindertenverband würde das Gendersternchen irgendwie favorisieren. Wir wissen doch inzwischen, dass jegliche Sonderzeichen inmitten von Wörtern nicht nur falsches Deutsch produzieren, sondern auch – teilweise unüberwindbare – Barrieren schaffen.

Man sollte auch akzeptieren, dass es einfach keinen Konsens gibt: nicht in der Gesellschaft, da die Sprachgemeinschaft es ablehnt – aber nicht mal unter den Genderfraktionen selbst. Der eine macht ein Sternchen, der andere einen Doppelpunkt, der andere einen Unterstrich.

Wer von Lünen nach Bochum und dann nach Duisburg zieht, muss sich mal in einem Doppelpunkt (Lünen), mal einem Sternchen (Bochum), mal einem Unterstrich (Duisburg) wiederfinden. Das ist vor allem für Migranten, die unsere Sprache mühsam erlernen, nicht nachvollziehbar. Sprache braucht Regeln, die allgemein verständlich und übertragbar sind. Sprache kann nie jede einzelne Besonderheit darstellen, sondern ist eine ökonomische Form der Kommunikation.

Alle Menschen sind gleich, und die deutsche Sprache bietet wunderbare Möglichkeiten, dies auch zum Ausdruck zu bringen. Ich meine jetzt richtiges Deutsch, keine erfundene Ideologie einer Minderheit. Menschen, die das grammatische Geschlecht nicht vom biologischen unterscheiden können, sollten Nachhilfeunterricht nehmen – und nicht erteilen.

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14 Kommentare

  1. #1 | Felix Krupp Materna sagt am 31. August 2022 um 15:17 Uhr

    Gender-Wahn at its best. Als ob der Ruhrpott keine echten Probleme hätte.

  2. #2 | Franz Przechowski sagt am 31. August 2022 um 19:05 Uhr

    Henneckes Beitrag spricht mir aus dem Herzen. Allein der Titel „Ansprechend schreiben“ klingt im Kontext eher nach „Monty Pytons“ britischen Humor. Man könnte also lauthals lachen. Aber das Lachen bleibt mir in der Kehle stecken. Ich fühle mich von ÖR-Medien gegängelt, bevormundet von Fundamentalisten in den Kommunen und seltsam genervt, was das ganze Thema betrifft.. Jedes weitere *Sternchen Erlebnis lässt meine mentale Resilenz schrumpfen. Werde ich noch zum urbanen Guerilla? Durchaus möglich, wenn ich mir vor Augen halte, was neben dem Gendern, das Woke sein an Zwängen bringt. Oder etwa mein Fehlverhalten bei einer „kulturellen Aneignung“, was michdann zum Rassisten stempelt. Werde vielleicht doch darüber nachdenken, ob ich mich als „Che Guevara vom Emscherstrand “ dem kämpfenden Untergrund anschließe. Glückauf aus Gelsenkirchen. Neuerdings die selbsternannte „Aufsteigerstadt“. Auch so´n Ding…

  3. #3 | paule t. sagt am 1. September 2022 um 00:04 Uhr

    1. Zur Diskussionsgrundlage:
    Leider hat der Autor das von ihm so heftig kritisierte Dokument weder verlinkt noch auf andere Weise zugänglich gemacht. Daher ist es nicht möglich, seine Behauptungen darüber zu überprüfen. Da ich aber auch auf keine andere Weise das Dokument aufspüren konnte (z.B. durch Googeln nach dem angegebenen Titel und „Bochum“ oder durch Suche nach den Stichworten „ansprechend“, „Schreiben“ oder „Sprache“ auf der städtischen Homepage), scheint mir das Dokument keine besondere Bedeutung zu haben und tatsächlich nicht über den Status einer Handlungsempfehlung (wenn es das überhaupt offiziell ist) hinauszugehen. Es ist überhaupt nicht ersichtlich, woraus der Autor schließt, dass „diese DIN-A4-Seite bald in eine Dienstanweisung gegossen werden“ solle oder dass dies gar „offensichtlich“ sei.
    Mutmaßlich handelt es sich also um einen Sturm im Wasserglas; und wenn jemand zu fragen wäre, ob es nichts Wichtigeres gäbe, dann der Autor. Auch der Vorwurf der „ideologischen Verbissenheit“ fällt eher auf diesen zurück.

    2. Zur Rechtslage:
    Verbindlich wird die Rechtschreibung für amtlichen Schriftverkehr dadurch, dass der Staat sie in seine rechtlichen Vorschriften übernimmt, etwa durch Erlasse der zuständigen Ministerien. Bund und Länder haben das für ihre Behörden auch getan. Daraus folgt m.E. aber auch logisch, dass der Staat auf dem gleichen Wege davon auch wieder abweichen könnte, wenn er wollte.
    Laut wissenschaftlichem Dienst des Bundestages ist außerdem unklar, ob Kommunen, die ja nun keine Landesbehörden sind, davon überhaupt betroffen sind. Die Behauptung des Autors, dass mit der Handlungsempfehlung „für die Stadt Bochum verbindliche Regeln außer Kraft gesetzt werden sollen“, ist also mindestens fragwürdig.

    3. Zum grammatischen Geschlecht in der deutschen Sprache:
    Grammatisches Geschlecht (bzw. Genus) in der Sprache ist natürlich etwas anderes als das Geschlecht einer Person (ob nun das biologische oder das psychosoziale; eigentlich geht es hier um das soziale Geschlecht, da ja die Frage ist, wie jemand bezeichnet wird, nicht was jemand biologisch ist). Das weiß jeder, der auch nur ein bisschen Deutsch kann – gerade für Deutschlerner ist es eine der ersten speziellen Schwierigkeiten der deutschen Sprache, auf die sie stoßen.
    Am geringsten ist dieser Unterschied aber gerade bei Personenbezeichnungen; bei diesen stimmen Geschlecht und Genus fast immer überein (die wichtigsten Ausnahmen: echte generische Begriffe wie „der Mensch“ oder „die Person“; mit Suffixen gebildete Diminutive wie „das Mädchen“; Derogative wie „das Weib“). Dementsprechend gibt es von fast allen Personenbezeichnungen maskuline und eine feminine Formen, die bei konkreten Personen auch entsprechend angewandt werden: „Mein Nachbar Frau Schmidt hat gesagt …“ wäre falsch. Die Schwierigkeiten, um die es geht, entstehen also nur bei gemischten Personengruppen und bei Personen unbekannten Geschlechts.
    Es geht bei der Diskussion also gerade nicht um den Unterschied zwischen Genus und Geschlecht, sondern im Gegenteil darum, dass beide normalerweise übereinstimmen, dabei aber in den genannten Fällen Probleme entstehen.
    Wenn der Autor also gegen „Menschen“ polemisiert, die angeblich „das grammatische Geschlecht nicht vom biologischen unterscheiden können“, scheitert er selbst schon daran, auch nur das Thema richtig zu benennen. Sein arroganter Ton à la „sollten Nachhilfeunterricht nehmen“ ist damit vor allem ein schönes Beispiel für den Dunning-Kruger-Effekt.

    4. Zur Schwierigkeit der Sprache:
    Ich unterrichte Deutsch als Fremdsprache. Dabei erlebe ich regelmäßig, wie außerordentlich schwierig die typische deutsche Behördensprache für Menschen mit anderer Muttersprache (aber auch für Muttersprachler:innen) ist: Die für diesen Stil typischen Nominalisierungen, erweiterten Partizipialattribute, Schachtelsätze, Passiversatzkonstruktionen usw. sowie der oft unnötig von der Alltagssprache abweichende Wortschatz machen es oft außerordentlich schwierig, die Bedeutung amtlicher Schreiben zu entschlüsseln. Das erlebe ich immer wieder, wenn Teilnehmende meiner Kurse mich darum bitten, ihnen ein amtliches Schreiben zu erklären.
    Mit einer Sache gab es in meinen Kursen aber noch nie Probleme, und das ist geschlechtergerechte Sprache. Wenn ich einmal eine bestimmte Ausdrucksweise erklärt habe, ist sie verstanden und bereitet eigentlich keine Probleme mehr.
    Wenn es einem Kommunalpolitiker also tatsächlich darum ginge, dass die Einwohnerinnen und Einwohner seiner Stadt amtliche Schreiben gut verstehen, könnte er viel unternehmen. Kurse für Beamt:innen, wie man verständlicher schreiben könnte, wären z.B. eine sehr nützliche Sache. Das Thema „geschlechtergerechte Sprache“ ist dafür dagegen ziemlich irrelevant.

    In die eigentliche Diskussion inhaltlich angemessen einzusteigen habe ich hier gar keine Lust. Dafür ist mir der Artikel inhaltlich einfach zu schwach. Es wäre einfach nur schön, wenn Leute bei solchen Themen überhaupt mal versuchen würde, sich ein bisschen ins Thema einzulesen, bevor sie sich so vollmundig dazu äußern wie der Autor dieses Artikels. Möglichkeiten gbt es ja genug.

  4. #4 | Angelika, die usw. sagt am 1. September 2022 um 09:42 Uhr

    #3
    „…Sein arroganter Ton…“

    So kam bei mir der Artikel auch an.

    Interessant wäre es, wenn der Autor des Artikels zu den Punkten 3 und 4 in Kommentar #3 Stellung nähme.

    Zum Text des Artikels:
    Ich habe überhaupt keine Probleme, mal ein Sternchen, mal ein Binnen-I etc. vorzufinden. Wenn ich Artikel lese, dann geht es mir um den Inhalt, den Informationsgehalt. Wenn mir nun ein Schreiben einer Stadt vorläge, darin erklärt wird, welche Unterlagen zum Amt X mitzubringen seien, dann habe ich eben die Infos über diese Unterlagen. In der Anrede BürgerInnen, Bürger*innen verhindert diese Info nicht, wirkt nicht unhöflich, ist für mich stimmig.

  5. #5 | Nansy sagt am 1. September 2022 um 10:52 Uhr

    Lächerliche Sprachgebilde wie „die Studierenden“ zeigen die ideologische Verbohrtheit der „Gendernden“. Man stelle sich einmal eine Situation vor (was hoffentlich nicht passieren wird) wie einen Anschlag auf eine Universität und eine mögliche Berichterstattung darüber: „Sanitäter kümmerten sich um die sterbenden Studierenden“ ? Was lesen wir daraus? Im Sterben haben die Studenten noch weiter studiert? Das ist grober Unfug!

    Geht es noch schlimmer? Es geht immer noch was – Genderei im Endstadium: ein WDR Moderator stellt seine Gesprächpartnerin als „Intensivkrankenschwesterin“ vor. Und damit ein Irrtum ausgeschlossen werden kann, wiederholt er es gleich nochmal.

    Der Journalistinnenbund behauptet steif und fest, der Sprachwandel komme aus der Mitte der Gesellschaft und sei deshalb nicht aufzuhalten!
    Aus der Mitte der Gesellschaft? Was stören uns Online-Umfragen mit 80 bis über 90 Prozent Ablehnung gegenüber dem Gendern? Dann muss eben die Wirklichkeit solange neu interpretiert werden, bis sie stimmt.

  6. #7 | Wolfram Obermanns sagt am 1. September 2022 um 14:10 Uhr

    #5 Nansy
    „Aus der Mitte der Gesellschaft? Was stören uns Online-Umfragen mit 80 bis über 90 Prozent Ablehnung gegenüber dem Gendern?“
    So ist das mit Bolschewiken und anderen Querdenkern, ist man in der Minderheit behauptet man das Gegenteil.

    #3 u 4
    „…Sein arroganter Ton…“
    Stimmt. Das ist aber ein Wesensmerkmal fast aller beteiligter Diskutanten bei Genderdebatten.
    Gendermainstreaming ist dann auch nur eine Pöbelei von Leuten, die nicht gelernt haben sich zu benehmen, konfliktunfähig auftreten und Probleme haben den Argumenten der Gegenseite sinnverstehend zu folgen. Mich erinnert die Verkündigung von Genderwahrheiten im Auftritt allzu häufig an episkopale Ergüsse.

    Über die Boshaftigkeit und den unverfrohrenem Chauvinismus gegenüber nicht heteronormativ Lebenden und Frauen quer durch alle soziale und Bildungsschichten, würden wir uns wahrscheinlich erheblich schneller einig.

    #5
    „Die für diesen Stil typischen Nominalisierungen, erweiterten Partizipialattribute, Schachtelsätze, Passiversatzkonstruktionen usw. sowie der oft unnötig von der Alltagssprache abweichende Wortschatz machen es oft außerordentlich schwierig, die Bedeutung amtlicher Schreiben zu entschlüsseln.“
    Mir steht das Bild, wie ich mit der (fachlich fitten) Finanzwirtin im Amt über die Formulierungen zur Fahrtkostenpauschale grübelte, noch lebhaft vor Augen. „Deutsch für Amtsinhaber“ unter der besonderen Berücksichtigung des Satzzeichens „.“ wäre eine lohnende Fortbildung.
    Umgekehrt frage ich mich nach der Teilnahme an einer Sitzung des hiesigen Ausländerbeirats, als die migrantischen Vertreter am Abend doch ihre Problem hatten den klar formulierten Darstellungen der Verwaltung zu folgen, ob der ausgerechnet von einem alten weißen Mann (den ich sonst für seine übrige soziale Arbeit sehr schätze) eingebrachte Änderungsantrag zur Satzung in gendergerechter Sprache so schlau war.

  7. #8 | Tanja L. sagt am 1. September 2022 um 15:14 Uhr

    @Paule T.: Die Handreichung ist im Intranet der Stadt aufrufbar. Sie ist tatsächlich genau 1 Dina-4 Seite lang. Da sie bisher ausschließlich im Intranet veröffentlicht worden ist, ist die auch nicht per Google auffindbar.

  8. #9 | paule t. sagt am 1. September 2022 um 16:35 Uhr

    #5 | Nansy, Zitat:
    „Lächerliche Sprachgebilde wie „die Studierenden“ zeigen die ideologische Verbohrtheit der „Gendernden“. Man stelle sich einmal eine Situation vor (was hoffentlich nicht passieren wird) wie einen Anschlag auf eine Universität und eine mögliche Berichterstattung darüber: „Sanitäter kümmerten sich um die sterbenden Studierenden“ ? Was lesen wir daraus? Im Sterben haben die Studenten noch weiter studiert? Das ist grober Unfug!“

    Ja, auch so ein Standardargument von Leuten ohne Ahnung von Sprache. Die Wortbildung von Personenbezeichnungen aus dem Partizip I gibt es aer schon sehr lange, lange vor jeder Gender-Debatte.
    Nehmen wir z.B. den CDU-Vorsitzenden Herrn Merz. Diese Bezeichnung ist kein „lächerliches Sprachgebilde“, das von „ideologischer Verbohrtheit“ zeugt, sondern absolut korrektes Deutsch. Herr Merz hat dieses Amt auch nicht nur, wenn er vor einer Parteiversammlung sitzt, sondern tatsächlich, man mag es kaum glauben, auch wenn er irgendwo anders sitzt oder oder gar steht, liegt, läuft oder was auch immer. Und dieses Amt endet auch nicht, wenn er _aufsteht_, sondern im Gegenteil, wenn er _zurücktritt_. Leute wie Sie würden das wohl auch für groben Unfug halten, weil man schließlich nur nach vorne, hinten oder zur Seite treten kann, wenn man bereits steht, nicht aber, wenn man sitzt. Ist es aber nicht.

    Grober Unfug ist vielmehr Ihre implizite Behauptung, die Bedeutung des Partizips I beinhalte automatisch, und zwar auch bei Substantivierungen, dass die entsprechende Tätigkeit jederzeit im gleichen Moment ausgeübet werde. Das ist aber nicht so.

  9. #10 | Arnold Voss sagt am 1. September 2022 um 16:45 Uhr

    @paule t.

    „„Mein Nachbar Frau Schmidt hat gesagt …“ wäre falsch. “

    Ein Nachbar ist ein Mensch jeden Geschlechtes, der in meiner Nachbarschaft wohnt. Auch Frau Schmidt ist deswegen nichts anders als ein Nachbar.

  10. #11 | Nansy sagt am 2. September 2022 um 10:50 Uhr

    Zitat Prof. Dr. jur. Arnd Diringer von der Seite Expertenforum Arbeitsrecht: https://efarbeitsrecht.net/studenten/

    „……„An Universitäten strebt man nach Erkenntnis, und zwar auf wissenschaftliche Weise. Wer dies tut, heißt Student. Grammatikalisch hat sich dieses Substantiv aus dem lateinischen Partizip Präsens studens, im Plural studentes entwickelt.“….

    ….„Nahezu jeder Hochschul-Funktionär benutzt indes das politisch korrekte „Studierende” – ohne auch nur kurz nachzudenken, welcher Blödsinn damit verbunden ist. Funktionären geht es nicht mehr um die Tätigkeit des Strebens (nach Erkenntnis und Bildung). Ihnen geht es (nur) um den Status. Nur drückt das Wort „Studierender” gerade keinen Status aus (das ist das Eingeschriebensein, der Immatrikuliertenstatus) – sondern die Tätigkeit im Partizip Präsens. Weil genus und sexus nicht auseinandergehalten werden können (weswegen der Student nicht für beide Geschlechter reichen soll) und die Doppelung „Student und Studentin” zu mühsam erscheint, wird also das Partizip zur Statusbezeichnung. Und es wird Sprache verhunzt – weil nicht mehr dasjenige gesagt werden darf, was der Sprecher ausdrücken will.“….

    „…..Dass jemand auch noch im Todeskampf lernt, erscheint zumindest ungewöhnlich. Gerade bei Jura-Studenten, deren Lebensinhalt sich allzu oft ohnehin nur aufs Pauken beschränkt, ist aber wohl auch das nicht ausgeschlossen. Unmöglich ist es jedenfalls nicht.

    Was es aber tatsächlich nicht geben kann sind „tote Studierende“. Dass lebenslanges Lernen in einer sich schnell wandelnden Gesellschaft zur Notwendigkeit geworden ist, lässt sich kaum bestreiten. Irgendwann ist aber auch mal Schluss.“

    Es bleibt dabei: lächerliche Sprachgebilde“

  11. #12 | Verein Deutsche Sprache sagt am 2. September 2022 um 15:32 Uhr

    Was ist ein „Beamt“? Dieses Wort gibt es nicht, das sollte gerade jemand, der Deutsch lehrt, wissen. Doppelpunkte, Sternchen etc. sind ebenfalls nicht Bestandteil der Rechtschreibung, wenn Steinmergeln eines Wortes vorkommen. Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat dazu auf seiner Homepage eine entsprechende Liste der nicht rechtschreibkonformen Versionen hochgeladen. Und so sehr es sich Gender-Fans auch wünschen: Gendern ist falsches Deutsch. Es darf daher weder Bestandteil in Schulen, Unis noch städtischen Verwaltungen sein. Wenn die Stadt Bochum mit den Bürgern kommunizieren will, dann sollte sie das in einer Sprache tun, die von der Sprachgemeinschaft akzeptiert und verstanden wird. Der Vorwand, man wolle alle ansprechen, läuft ins Leere, wenn man sich vor Augen hält, dass wir in Deutschland mehrere Millionen Hör-/Sehgeschädigte, Legastheniker und Autisten haben. Letzteren macht Gendern je nach Ausprägung des Autismus Probleme. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie hat auf seiner letzten Delegiertenversammlung beschlossen, keine Genderzeichen zu verwenden. Warum? Die Mitglieder – also die Betroffenen selbst! – haben rückgemeldet, dass diese Zeichen störend sind. Mehr Beispiele von Betroffenen gibt’s in der Nr. 93 unserer „Sprachnachrichten“ (https://vds-ev.de/sprachnachrichten/). Die Stadt Bochum schließt hier also absichtlich und wissentlich Menschen aus.
    Gendern ist eine Nebelkerze, die nichts an den echten Problemen ändert: Frauen werden immer noch häufig schlechter bezahlt als Männer. Mütter haben immer noch eher Probleme, einen Job zu finden, weil Arbeitgeber sie als potenzielles Ausfallrisiko in einem Kinderkrankheitsfall sehen. Job-Sharing-Ideen sind immer noch nicht im Bewusstsein der Arbeitgeber verankert – was spricht dagegen, innovative Arbeitszeitsysteme zu nehmen und sich zwei qualifizierte Frauen eine Stelle teilen lassen. Gendern sorgt auch nicht dafür, dass trans Menschen weniger auf offener Straße angegriffen oder beleidigt werden.
    Wem es wichtig ist, alle anzusprechen, der sollte ein Mindestmaß an Grammatikverständnis aufbringen. Und er sollte erkennen, dass Gendern nicht eint, sondern spaltet, denn es betont gerade das, was unerheblich sein sollte: das Geschlecht.

  12. #13 | Verein Deutsche Sprache sagt am 2. September 2022 um 16:11 Uhr

    Steinmergeln? Da hat sich wohl die Autokorrektur verselbstständigt. 🤣 es sollte heißen: wenn sie innerhalb eines Wortes vorkommen

  13. #14 | paule t. sagt am 2. September 2022 um 16:30 Uhr

    @ #10 | Arnold Voss, Zitat:
    „Ein Nachbar ist ein Mensch jeden Geschlechtes, der in meiner Nachbarschaft wohnt. Auch Frau Schmidt ist deswegen nichts anders als ein Nachbar.“

    Tut mir Leid, aber das ist sprachlich falsch. Es gibt zwei Wörter: „der Nachbar“ ist dabei im konkreten Gebrauch eine männliche Person, „die Nachbarin“ eine weibliche. Und genauso wird es auch gebraucht. Ein Satz: „Mein Nachbar, Frau Schmidt, hat gesagt …“ ist einfach falsch (und ich glaube nicht, dass Sie so etwas sagen oder schreiben würden). Und das ist sprachlich so, seit es diese zwei Formen in der deutschen Sprache gibt.
    Lediglich beim Gebrauch für unbestimmte Personen und für gemischte Gruppen gibt es auch den (umstrittenen) generischen Gebrauch der maskulinen Form, durch den auch weibliche Personen „mitgemeint“ sein sollen. Aber eben nicht für eine bestimmte, bekanntermaßen weibliche Person wie Frau Schmidt.

    @ #11 Nansy:
    Haben Sie mein Beispiel mit dem „Vorsitzenden“ verstanden? Warum ist es kein lächerliches Sprachgebilde, Herrn Merz als „Vorsitzenden“ zu bezeichnen, auch wenn er im Bett liegt und schläft? Sprachlich handelt es sich um exakt dieselbe Erscheinung wie „Studierende“: Ein substantiviertes Partizip I.

    Ansonsten zeigen Ihre Beispiele nur, dass schöne Professorentitel in keiner Weise Kenntnisse belegen, wenn es um ganz andere Fachgebiete geht. Professoren für Arbeitsrecht oder Statistik haben eben keine fachliche Expertise für Sprache. (Oder jedenfalls nicht mehr, als ich Expertise für Informatik habe, weil ich auch einen Computer benutze.)
    Besonders witzig ist, dass er sich für seine Argumentation auf die lateinische Herkunft des Wortes „Student“ beruft. Denn wie dort ja sogar direkt steht, ist auch dieses Wort vom Partizip Präsens abgeleitet, nur eben vom lateinischen. Buchstäblich alles, was diesbezüglich gegen das Wort „Studierende“ eingewandt wird, müsste deshalb genauso auch für „Student“ gelten. Nur dass diese Einwände eben so oder so Unsinn sind.

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