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#MePoor – Der Hashtag und die Debatte, die es nicht gibt

Kampagnen werden in den vergangenen Jahren häufiger durch Hashtags auf Twitter als durch lange, wohlformulierte und durchdachte Beiträge in Zeitungen und Magazinen ausgelöst, was man durchaus bedauern kann, denn damit geht nicht nur eine Verkürzung einher, sondern auch eine starke Betonung von Gefühlen. Und sie verengen den Blick. Natürlich sind Rassismus und Sexismus und alle weiteren „Ismusse“, von denen immer mehr die Runde machen und die bald kaum mehr jemanden interessieren werden, schlimm. Allerdings stehen sie in der Regel für einen Blick von gut ausgebildeten, jungen und meist auch attraktiven Menschen auf die Gesellschaft. Es ist der Blick derjenigen, die sich durch Reaktionen der Mehrheitsgesellschaft auf etwas herabgesetzt fühlen, das sie als etwas für sich Identitäres empfinden und damit sind sie Teil eines Zeitgeistes, der die Betroffenheit huldigt und auch nicht hinterfragt.

Bei dem Wettlauf um die öffentliche Aufmerksamkeit spielt eine Gruppe jedoch nicht mit, die weder über einen ausgeprägte Medienkompetenz verfügt noch sich als Interviewpartner gut macht: Die Armen, die sozial Deklassierten. Es gibt kaum eine verheerendere Form der Diskriminierung, der Ausgrenzung, der Aberkennung sozialer Anerkennung als Armut und der Umgang mit jenen, die unter ihr leiden.

Sie wohnen in Stadtteilen, in denen es deutlich unsicherer ist, sind häufiger Opfer von Kriminalität und Gewalt. Während man im Prenzlauer Berg darunter leidet, einem Werbeplakat mit einer Frau ausgesetzt zu sein, die, bekleidet mit einem Bikini, für eine Autowäscherei wirbt, machen sich die Menschen in armen Stadtteilen Sorgen darüber, in die Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Clans hineingezogen zu werden oder dass ihre Kinder auf dem Schulweg von Drogenhändlern angesprochen werden.

Jugendliche aus Stadtteilen wie der Dortmunder Nordstadt, und solche Stadtteile gibt es viele in Dortmund, haben zum Teil Schwierigkeiten Ausbildungsstellen zu finden, unabhängig von ihren Noten. Ihre Adresse ist ein Stigma.

Die Armen leben in Vierteln mit weniger Parks und die sind in der Regel auch heruntergekommen. Die Schulen können meist mit denen in den „guten Quartieren“ nicht  mithalten und haben dabei deutlich größere Integrationsleistungen zu erbringen – werden dafür aber weder mit einer ausreichenden Zahl an  Lehrern noch mit genug Geld ausgestattet. Der bauliche Zustand der Schulen ist zudem häufig für eines der reichsten Länder der Welt schlicht eine Schande.

Ihre Hoffnung ist es, einen der Arbeitsplätze zu ergattern, die sozial heute kaum noch anerkannt und gewollt sind, weil sie dem Versprechen auf Selbstverwirklichung und einer ausgewogenen World-Life-Balance nicht entsprechen: Jobs in der Industrie, bei Amazon, in der Logistik. Darüber, dass ihre Kultur und ihr Lebensstil abgewertet und nicht respektiert werden, habe ich bereits vor Jahren geschrieben: „Alles, was gesellschaftliche Ächtung erfährt, wird dem (Sub-)Proletariat zugeschrieben. Sie arbeiten in Industrien, die man am liebsten nicht mehr im Land hätte. Sie bekommen viele Kinder, und die sind dann auch noch dumm. Urlaub machen sie an den falschen Orten, wo sie in Mengen auftreten, lärmen und sich schlecht benehmen. Der Klassenkampf wird von einer autoritär-ökologisch geprägten Mittel- und Oberschicht geführt.“ Während auch städtische Wohngesellschaften sich als Investoren sehen und den Bau von preiswerten Wohnungen als lästiges Nebengeschäft empfinden, leben sie häufig in heruntergekommenen und überfüllten Häusern, in die kaum investiert wird. Die immer weiter steigenden Preise für Energie sind für sie kein Zeichen des Engagements gegen den Klimawandel, sondern tragen dazu bei, dass der Einkaufswagen weniger gut gefüllt ist, dass das Geld für ein wenig Luxus, Kippen, Bier und vielleicht ein Sky-Abo, fehlt.

Sexismus erleben die Frauen häufig unverblümt und aggressiv: Auf der Straße durch Jugendliche und in der Wohnung durch den eigenen Mann. Das Kopftuch ist in dieser Welt nicht ein Symbol der Emanzipation, wie es eine postmoderne Ideologie umzudeuten versucht, sondern das Ergebnis eines direkten familiären und sozialen Zwangs.

Die Trennung von einem nicht mehr geliebten Partner ist in dieser Welt nicht nur eine bittere Entscheidung, die man in seinem Leben zu treffen hat, sondern kann zu einer sozialen Katastrophe führen: Aus einer unglücklichen Familie, die gerade so über die Runden kommt, werden durch eine Trennung schnell zwei noch ärmere Haushalte.

Die Straßen, in denen die Armen leben, sind oft heruntergekommen, Müll liegt an ihrem Rand, an den Ecken stehen einschüchternde Männergruppen, der Putz bröckelt von den Fassaden. Nein, hier wird gelebt und überlebt, nicht gewohnt. Der Zusammenhalt innerhalb der Quartiere ist der trotzige Stolz von Notgemeinschaften und nicht ein flüchtiger Quartierhype, der heute von Neukölln schwärmt und morgen vielleicht Pankow zum Ziel der Träume erklärt.

Über all das reden wir nicht, all das bekommen wir nicht mit. Und selbst auf Twitter, wo noch jeden Tag ein neue Welle für Aufregung sorgt, ist der Hashtag #mepoor weltweit nur sehr selten zu sehen.

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38 Kommentare zu “#MePoor – Der Hashtag und die Debatte, die es nicht gibt

  • #1
    Robert Müser

    Traurig, aber wahr – im gleichen Zusammenhang behauptet die regierende lokale Ruhrpolitik immer, dass es in diesen Stadtteilen keine no-go-Areas gäbe. Die Ortspolitiker im Stadtteil sehen dies teilweise ganz anders, werden dann interessierter Seite auf Linie gebracht oder wenn dies nicht wirkt mit der Nazi-Keule behandelt.

    In diesem Zusammenhang wundert es mich überhaupt nicht, wenn jahrzehntelange SPD-Wähler zu AfD und Co überlaufen. Diese Parteien haben keine wirklich brauchbaren Lösungen, schaffen es aber scheinbar die entwurzelte SPD-Wählerschaft zu binden.

  • #2
    ke

    Die #meDingens Kampagnen mag ich nicht. Sie erzeugen Aufmerksamkeit, werfen aber viele Sachen durcheinander. Ich finde es es gut, dass Herr Laurin explizit auf dieses Problem verweist.

    #mepoor hat es schwer, weil auch viele Probleme, auf die im Text verwiesen wird, nicht sein müssten.
    Warum sehen arme Quartiere oft dreckig aus? In meiner Jugend war der durchschnittliche Arbeitnehmer mit Alleinverdiener in Dortmund nicht reich. Aber viele Viertel waren sauber. Man kümmerte sich und wartete nicht darauf, dass die Stadt das Reinigungsintervall der Strassen erhöhte, damit die Fast-Food Verpackung vom Bürgersteig verschwindet. Man reinigte selber in der spießigen Kehrwoche oder stellte den Verursacher ins "Achtung". Heute wartet man lieber.

    Ich bin grundsätzlich immer noch der Meinung, dass der Sozialstaat und auch die Strukturen in D in der Lage sein müssten, mehr Aufstiege zu ermöglichen. Aber in einem Land, in dem viele auf ihre 6 in Mathe stolz sind, ist es wohl auch schwer eine Streber-Kultur aufzubauen. Viele kennen in der eigenen Familie nur H4-Optimierungen.

    Insgesamt ist es aber sicherlich so, dass Menschen, die nicht die volle Leistung bringen, nicht mehr durchgezogen werden (können). Es sind einfach auch zu viele Menschen am Anschlag.
    Nur wie haben unsere Vorfahren die Märsche beim Bund und die Maloche in der Kokerei ausgehalten? Sind wir zu weich? Ist das Rufen nach dem Staat dann doch bequemer? Für viele Familiensituationen lohnt sich eine abhängige Beschäftigung auch nicht.

    #mepoor hat es schwer. Es fehlen Solidarisierungseffekte. Bei #metoo sind es bspw. nur wenige, die nachfragen, warum in vielen Fällen Frauen nicht einfach selbstbewusst bei einem offensichtlichen "Besetzungscouch"-Termin "NEIN" gesagt haben. Die schwache Frau ist immer noch in den Köpfen. Bei mepoor wird eher gesagt werden, was aktiv unternommen werden könnte.
    Das wird natürlich bei den Working Poor schwieriger. Hier muss auch mehr getan werden.

    In den Köpfen ist #mepoor eher ein Leben im Slum in Südamerika oder in der Dörfern Afrikas.

  • #3
    Puck

    #2 – KE

    Leider spiegelt Ihr Beitrag einige der Vorurteile, unter denen die möglichen #mepoor Aktivisten zu leiden haben.

    Ja, früher, als die Straßen noch sauber waren, waren Arbeiter auch nicht reich – aber auch nicht arm. Da saß meistens ein Urlaub im Jahr dran und ein paar neue Möbel und das Kind musste bei einer Klassenfahrt nicht zu Hause bleiben, weil kein Geld dafür da war. Heute kann das Kind möglicherweise noch nicht einmal eine Einladung zu einer Geburtstagsfeier annehmen – das Geschenk kriegt man vielleicht noch zusammen, irgendwie, aber eine Gegeneinladung beim eigenen Geburtstag sprengt womöglich das Budget. In der Zeit, als Arbeiter auch nicht reich waren und die Straßen noch sauber gab es zum Kindergeburtstag Kuchen und Kartoffelsalat mit Würstchen – damit kann man heute nicht mehr punkten.
    Damals hat auch der Vermieter darauf geachtet, dass alles in Ordnung war, das gehörte sich so. Heute ist der Vermieter vermutlich eine Wohnungsbaugesellschaft, die ein Call-Center beschäftigt, um Beschwerden abzuwimmeln, selbst wenn einem der Schimmel von der Küchendecke mittags in die Suppe bröckelt.

    Und wie bitte ist das gemeint mit der „vollen Leistung“? Sorry, aber das riecht ein kleines bisschen nach „selbst schuld“.
    Ich weiß nicht, wie „unsere Vorfahren“ die Maloche in der Kokerei ausgehalten haben, die Frage ist aber obsolet, weil es die Kokerei nicht mehr gibt.
    Was schlechte Noten in Mathe betrifft: Darauf sind nicht nur die „Unterschichten“ stolz, das gehört sozusagen zum „guten Ton“ in D, wer Spaß an Mathe hat gilt als Sonderling, überall. Nur die Auswirkungen sind klassengesellschaftlich durchaus verschieden…
    Was aber #mepoor wirklich verhindert ist, dass es inzwischen nicht mehr gegen den guten Ton verstößt, Arme für ihre Armut zu verachten und lächerlich zu machen, oder gar schlicht als „Schmarotzer“ zu diffamieren. Besonders ausgeprägt ist diese Haltung übrigens nicht in der Oberschicht, die begnügen sich meistens mit schlichtem Desinteresse. Richtig spannend wird es bei Vertretern der Mittelschicht, denen irgendwo in verborgenen Regionen des Hirns herumspukt, dass es womöglich ganz schnell auch sie selbst treffen könnte: Da entfaltet sich die volle Wucht der Gehässigkeit.
    Eingeläutet hat die fröhliche Hatz übrigens der honorige Gerhard Schröder (SPD!), indem er die Agenda 2010 ausgerufen hat unter der Prämisse, dass es „kein Recht auf Faulheit“ gäbe. Und genau da macht heute Andrea Nales weiter, das letzte Mal, als sie sich zu Hartz IV äußerte, ging es darum, die Bezüge für Heizkosten zu pauschalisieren um – ja was wohl? – Missbrauch energisch einen Riegel vorzuschieben – was impliziert, dass man „pauschalisieren“ getrost mit „kürzen“ übersetzen kann.

    Und nur so nebenbei: warum so viele Frauen, die sich zu #meetoo melden, nicht früher „selbstbewusst“ auf schmierige Anmache, Vergewaltigung und Erpressung reagiert haben, ist inzwischen gefühlte 100.000 Mal erklärt worden.

  • #4
    Richy

    @ ke

    wenn man deinen Kommentar liest, fragt man sich, mit was für einer Leistung du eigentlich glänzt? hast du irgendwas im leben zustande gebracht, dass deine Arroganz erklären könnte?!

  • #5
  • #6
    ke

    @3 Puck:
    Meine Jugend der 70er in Dortmund in einem Arbeiterstadtteil mit Alleinverdienern sah dann etwas anders aus. Das Geld reichte eben auch damals nicht, es gab kaum Kindergeld, kein ebay, kein Kick, kein Aldi in dem aktuellen Umfang, d.h. das Leben war teurer. Dennoch sind MÜtter mit den Kindern im Schwimmbad gewesen etc. Bei uns konnte jeder schwimmen.

    Auch wenn die Arbeit in der Kokerei etc. nicht mehr so hart ist, stellt sich natürlich schon die Frage, weshalb heute ein 8h Job mit 45 Minuten Anreise schon die Unzumutbarkeitsgrenze erfüllt. Auch habe ich zu viele Menschen im besten Alter kennen gelernt, die einfach konsequent auch zu Hochkonjunkturzeiten einen Job vermieden hatten.

    Nein, auch damals vermieden Vermieter (öffentlich/privat) die Ausgaben im Bereich Instandhaltung. Viele Mieter haben damals wie heute viel Arbeit in ihre Wohnung investiert. Nur war damals die Rechtsschutzversicherung und die Aufklärung bzgl. der Rechte nicht so gut wie heute.

    Wer Gerhard Schröders Biographie kennt, sollte auch merken, dass er vermutlich eine andere Erfahrung bzgl. Zumutbarkeit, Aufstiegschancen etc. gemacht hat als viele andere.

    Naja, wenn Heizung nichts kostet, wird sie vermutlich auch gerne mit allen Klimafolgen genutzt. Das würde natürlich der Steuerung des Verbrauchs über Kosten entgegentreten.

    Egal welches Einkommen man hat, seine Umgebung sollte zumindest nicht zur Müllkippe verkommen.

    Verachtung gegenüber Armen? Das habe ich bisher selten erlebt. Warum auch?
    Ich erlebe eher Bewunderung gegenüber Menschen, die bspw. mehrere Jobs gestemmt bekommen bzw. die Kinder und Job organisieren können.
    Was ich nicht mag, ist einfach das Ausnutzen der Sozialsysteme!

    Arroganz? In welchem Bereich?

    Zu metoo habe ich einen Link im Bericht von Arnold Voss gepostet.

  • #7
    Jens Schmidt

    Danke, sehr guter Artikel! Die heutige politische Linke macht zu viel pseudo-liberale Identitätspolitik und beteiligt sich damit an einem hypermoralisch verbrämten Klassenkampf von oben. Man kann den Egoismus nämlich auch smart verpacken.

  • #8
    Puck

    @6- Ke

    Ich kann mich nicht erinnern, dass der Kauf eines Schulranzens früher die Hälfte des Monatsbudgets aufgefressen hätte und dass die Mütter mit ihren Kindern ins Schwimmbad gingen lag daran, dass es damals noch normale Schwimmbäder gab, heute gibt es „Spaßbäder“ und „Wellnessoasen“ mit entsprechenden Eintrittspreisen.
    Ebay gab es noch nicht – man brauchte aber zum Leben auch keinen Computer… Sie verstehen, wo der Haken bei Ihrer Argumentation liegt?

    Und was haben Sie eigentlich dauernd mit der Kokerei? Wann haben Sie denn die letzte in Betrieb gesehen, also nicht als Museum, sondern so richtig mit rauchendem Schornstein?
    Wie auch immer: Die Jobcenter selbst beziffern die „Mißbrauchsquote“, also diejenigen, die gar keinen Job wollen, seit 13 Jahren ziemlich gleichbleibend mit 2 % (!), und es ist durchaus davon auszugehen, dass die ihre Kundschaft kennen.

    Was die Heizkosten angeht: Ist Ihnen mal der Gedanke gekommen, dass man so als Hartzer, vor allem im Winter, überdurchschnittlich viel Zeit daheim verbringt und das obendrein eher in Häusern mit alten Heizanlagen und schlechter Dämmung – und wenn nicht vom Jobcenter zum Auszug gezwungen wird, weil die Miete zu hoch ist?
    Ja, sehen Sie, wenn man sich ein bisschen Mühe gibt fällt einem durchaus noch was anderes als „Missbrauch“ ein.

  • #9
    ke

    @8 Puck:
    Kann es sein, dass sie die Löhne von heute mit den Preise von vor 30/40 Jahren kombinieren?
    Irgendwie ist mein Preisradar auch bzgl. der aktuellen Ramschpreise in vielen Bereichen (z.B. Kleidung) anders eingenordet.

    Der Eintrittspreis im Dortmunder Nordbad kostet 2,30 EUR für Schüler (https://www.dortmund.de/de/leben_in_dortmund/sport/schwimmbaeder/nordbad/index.html) Zusätzlich gibt es extrem viele Ermäßigungen. Ich kann nicht erkennen, wie hier eine Eintrittsbarriere für den Gang ins Schwimmbad bestehen sollte.

    Naja, schon damals haben wir Rucksäcke genutzt, weil die traditionellen Tornister einfach sehr teuer sind. Ein Laptoprucksack liegt bei ab 20 EUR.
    Ein Tablet kostet ab 60 EUR (Amazon Fire HD 8 im Angebot).
    Mein Laptop kostet ca. 200 EUR, mein erster Heimcomputer hat in den 80er Jahren fast 1000 Mark gekostet.
    Nutzbare Alt-Geräte gibt es massenhaft, der Preis ist oft gering. Damit kann man natürlich nicht zocken, aber für Internet und normales Gedöns reichen sie mir. Noch nie war mein Budget für Elektronik so niedrig wie aktuell. Wenn ich alleine an die Fernseherpreise denke.

    Kokereiarbeit bzw. Arbeit in vielen Bereichen der Industrie im Revier war sehr anstrengend und zeitintensiv. Vielleicht sollten sie eines der Museen besuchen. Zollern hat bspw. die soziale Situation in vielen Bereichen eindrucksvoll beschrieben. Zu meiner Jugend gab es noch Zechen und Stahl. Es ist auch beim heutigen Jammern über Arbeitsbedingungen interessant, sich mit der vorherigen Generation bzw. mit der Situation in den Ländern, mit denen wir konkurrieren, vertraut zu machen. Das ist eine andere Liga als Beauftragter für Gedöns in der Verwaltung.
    BTW: In Bottrop bei Prosper und in Duisburg auf dem ThyssenKrupp Gelände gibt es natürlich Kokereien. Zur Info: Das sind die Anlagen, aus denen alle ca. 10 Minuten eine Dampfwolke beim Löschen des Koks entweicht. Das ist auch sehr gut von einer der Halden oder vom Landschaftpark Nord in DU beobachtbar.

    Die Missbrauchquote ist immer ein Fall für sich. Ich spreche von eigenen Erfahrungen, d.h. meine subjektiven, selektiven Erfahrungen mit Menschen in meiner beruflichen Umgebung und Nachbarschaft.

    Dass Thema Heizen ist komplex. Ihre Anmerkung passt natürlich. Die tolle Energiewende ist ein Umverteilungsprogramm. Reich kassiert für subventionierte Öko-Strom-Produktion, den Arm in den wenig gedämmten Häusern bezahlt. Das nennt man dann soziale und ökologische Politik mit Verantwortung für den Planeten.
    Dennoch gibt es natürlich sehr warme Wohnungen, wenn Heizung kostenlos ist. T-Shirt statt Strickjacke im Winter ist nicht besonders ökologisch.

  • #10
    Helmut Junge

    Ke, hier In duisburg, Stadtgrenze Oberhausen gibt es m.W. im Umkreis von etwa 9-12km kein Freibad.
    Das Freibad Vonderort ist ganzjährig wg.Umbauarbeiten gesperrt, der Wolfsee ist 12 km entfernt, und Mattlerbusch kann eine Familie nicht bezahlen.

  • #11
    puck

    @KE
    Ja sicher kombiniere ich die Preise von vor 20 Jahren mit den Löhnen von heute, ich nämlich doof.
    Ich habe die Preise bewusst in Relation zum Gesamtbudget gesetzt… haben Sie nicht gemerkt, aber kann ja mal passieren.
    Ja, die Preise für Elektronik sind rapide gesunken – allerdings sind allein in den letzten 15 Jahren z. B. die Preise für den öffentlichen Nahverkehr um ca. 60% gestiegen, und so ein Busticket braucht man halt öfter als einen neuen Fernseher, von den Stromkosten und Lebensmittelpreisen mal gar nicht zu reden.
    Wie die Arbeit auf der Kokerei oder Zeche war, müssen Sie mir nicht erklären, die Männer in meiner Familie haben üblicherweise mit 14 in der Zeche angefangen, ich brauche da wirklich keine Nachhilfe. Aber was Sie beharrlich ignorieren ist die Tatsache, dass es diese Arbeitsplätze – bis auf wenige Ausnahmen – heute NICHT MEHR GIBT!
    Wenn das Jobcenter bekannt gibt, dass die "Faulen-Quote" bei 2% liegt, ist das nicht "ein Fall für sich", sondern da sprechen Leute, die sich auskennen und jeden Tag mit den betreffenden Menschen zu tun haben. Ich weiß nicht, wie Ihr privater bzw. beruflicher Bekanntenkreis aussieht, vielleicht besteht der ja ausschließlich aus den gesamten 2 % der Bummelanten, vielleicht leben die ja alle in Dortmund-Nord, wer weiß? DAS wäre dann allerdings ein Fall für sich.
    Ich jedenfalls kenne keinen Hartz IV Empfänger, der im Winter die Heizung bis zum Anschlag aufdreht und im T-Shirt rumläuft.
    Es wird Sie vielleicht maßlos erstaunen, ich kenne sogar Hartz-IV Empfänger, die schonmal was von Ökologie gehört haben und "Klimawandel" einwandfrei buchstabieren können.

    Ja, es gibt sie, die Hartzer, die alle Tricks ausnutzen, um an die Knete zu kommen, die betrügen und sich einen schönen Lenz machen. ES SIND 2%!

    Und es gibt diverse TV-Formate auf einschlägigen Sendern, die in maximal verlogener Art und Weise Quote machen mit "Hilfsangeboten" an Hartz-4-Empfänger bzw. der "Entlarvung" von angeblichen Betrügern, wobei auch schonmal der Tatbestand des Hausfriedensbruches in Kauf genommen wird. Gemeinhin wird das "Unterschichtenfernsehen" genannt, aber dieser Begriff ist womöglich so verlogen wie die entsprechenden Formate. Anscheinend sind es nicht (nur) die "Unterschichten", die sich diesen Dreck reinziehen, sondern eher saturierte Mittelstandsvertreter, die sich auf einmal so wunderlich kultiviert fühlen verglichen mit den armen Trotteln, die dort vorgeführt werden, die ganz sicher sind, selbst niemals in eine so beschissene Situation zu kommen.

  • #12
    puck

    @Helmut Junge #10

    Die Misere hört ja beim Schwimmbadbesuch nicht auf. Der Eintritt in den Zoo in GE kostet für eine Familie Mutter/Vater/1Kind locker flockig 55,00 EUR – und da hat noch keiner ein Pommes gegessen, einen Saft getrunken oder eine Tüte gebrannte Mandeln geknabbert.
    Nur so als Beispiel.
    Ich wage mir gar nicht auszumalen, wie das für ein Kind ist, das sich am Montag Morgen in der Schule regelmäßig von den Mitschülern anhören muss, was die wieder spannendes gemacht haben am Wochenende, ganz zu schweigen vom ersten Schultag nach den Sommerferien…
    Zu meiner Schulzeit wussten wir natürlich auch, wer aus einem reichen Elternhaus kam und wessen Eltern jeden Pfennig dreimal umdrehen musste. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass auf die armen Schüler mit derartiger Häme herabgesehen wurde wie heute (Ich gehörte nicht zu den Reichen, ich kann das also ganz gut beurteilen).
    Wenn dann noch Mama oder Papa sich mehr oder minder ausführlich unter einem Hashtag #meepoor äußern dürfen sich die Kinder getrost auf Mobbing bis zum Ende der Schulzeit einstellen: Heul doch, du Opfer!

  • #13
    Helmut Junge

    @Puck, wenn die Schüler vor den Lehrern Angst haben, wie das während meiner Schulzeit durchweg der Fall war, schweißt das die Klasse zusammen. In solchen Fällen spielt der Vergleich der jeweiligen elterlichen Einkommen nicht so eine große Rolle, daß es deswegen zu Ausgrenzungen einzelner Schüler kommt. Trotzdem hat es damals auch Ausgrenzungen gegeben. Es gab auch Clicken innerhalb der Klassenstrukturen. Einige Schüler paßten da oft nicht wirklich hinein. Die Lehrer aber haben ihre Prügel ziemlich wahllos verteilt, mit Kreide, Schwämmen, sogar Schlüsselbund auf die Schüler geworfen. Eine Mutter hat sich beim Mathelehrer deswegen beschwert, und dieser Lehrer hat dann am nächsten Morgen diesem Schüler vor der Klasse gesagt, daß er ihn ja jetzt nicht mehr schlagen dürfte, aber dadurch bedingt, dieser Schüler auch nicht mehr genug lernen würde, weil er ja selbst viel zu dumm wäre. Er, der Mathelehre hätte die die sichere Überzeugung, daß das in Mathe zu einer Fünf führen würde. Und da dieser Schüler auch noch in einem anderen Fach ziemlich deutlich auf Fünf stünde, wäre es mit einer Versetzung schwierig. Das muß um 1963 oder 1964 gewesen sein. Damals gab es noch keine gemischten Klassen von Jungen und Mädchen. Meine Frau hat die gleichen Lehrer übrigens anders in Erinnerung. Allerdings hatten die Mädchen beim Mathebuch die Sonderausgabe (M), bei der der Geometrieanteil deutlich kleiner ausgefallen war. Die Bücher haben wir noch im Keller. Klassenfahrten konnten damals alle Eltern bezahlen. Damals gab es nur recht wenig luxeriöse Ziele in Jugendherbergen mit Kartoffelschäl- und Spüldienst. Mein Vater war übrigens Kokereiarbeiter, weil er als Schuhmachermeister den falschen Beruf gewählt hatte, aber irgendwie seine Familie ernähren mußte. Wgen Armut bin ich aber nicht gehänselt worden, aber der Ton der Lehrer war immer schroff. Oft mußten sie sich anhören, daß sie das Ziel wegen ihrer Dummheit niemals schaffen könnten, wieder zurück zur Volksschule gehen sollten, um eine Handwerkerberuf zu erlernen. Ach ja, wir mußten Aufnahmeprüfungen machen. Lehrerempfehlungen gab es damals noch nicht. Ob ich mit einer Lehrerempfehlung besser gestellt gewesen wäre, wag ich zu bezweilfeln. Eine Lehrerin traf mich und meinen Freund nach der Prüfung, und hat uns gefragt, was wir in Hamborn machen würden. Mein Freund sagte ihr, daß wir von der Aufnahmeprüfung kämen. Da hat diese Frau mich angeguckt und gesagt, "Du etwa auch?" Ich habe es dann aber im Gegensatz zu diesem Freund geschafft. Aufnahmeprüfungen sind später abgeschafft worden, weil viele Eltern dachten, daß sie zu unsicher wären. Und in den Siebzigern hat sich fast alles an den Schulen geändert. Wer heute arme Eltern hat, ist in der Minderheit, und wird nicht mehr als gleichwertig angesehen. Die Eltern verklagen die Lehrer usw. Und Schüler haben nie selber schuld, wenn sie versagen.Das ist die Kehrseite.

  • #14
    Ines C.

    Oh Queen Maggie (Stokowski) is not amused about #mepoor! Und braucht noch etwas Nachhilfe in Debattenkultur. Gut gemacht Ruhrbarone!

  • #15
    paule t.

    Da ich mich gefragt habe, worauf #14 sich wohl beziehen mag, habe ich selbst gesucht und bin bei Stokowskis Spiegel-Kolumne fündig geworden. Hier der leider vergessene Link für die Mitleser, die sich selbst eine Meinung bilden wollen:
    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/aufschrei-metoo-metwo-kritik-an-twitter-debatten-a-1223055.html

    Darin schreibt sie:
    "Beide Autoren [gemeint auch Laurin mit seinem obigen Artikel] machen auf ein Problem aufmerksam: das fehlende öffentliche Bewusstsein für die Not und das Elend der Unterschicht. Das ist richtig."

    Das hört sich für mich eigentlich nicht so an, als hätte sie (wie die Bewertung "not amused about" suggeriert) Einwände gegen eine mögliche #mepoor-Debatte, sondern wie das genaue Gegenteil. Sie wendet sich freilich dagegen, dies und die metwo-/metoo-Debatten gegeneinander auszuspielen.

    Worin sich der Bedarf Stokowskis an "Nachhilfe in Debattenkultur" zeigen soll, ist mir auch nicht ganz einsichtig. Verunglimpfung des Namens einer Person mit anderer Meinung, das Fehlen nachvollziehbarer Zitate und Verweise und die Verzerrung des Standpunkts eines anderen finden sich bei ihr jedenfalls mE nicht.

  • #16
    ke

    #14/#15 :
    Gratulation für ihr Durchhaltevermögen, wenn sie den Text ganz gelesen haben.

    MIr reichte es nach:
    "Man muss die beiden Hashtagkritiker Laurin und Wimalasena gar nicht inhaltlich in die Nähe von Rechten bringen, "

    Wer ist diese Autorin? Schreibt sie immer so?
    Ich habe hier auch auf die Ansichten von Svenja Flaßpöhler verwiesen. Für mich sind ihre Interviews und Texte, die ich bisher gelesen/gehört habe, einfach nur treffend und klar. Das kann ich von dem hier genannten Text nicht sagen.

  • #17
    Ines C.

    #ke: Danke, dass sie erläutert haben, warum Frau Stokowski etwas Nachhilfe in Debattenkultur braucht. Ich verlinke sowas nicht. Meine Generation verdankt den Kämpferinnen des "Alice Schwarzer" iFeminismus viel. Der Rokoko-Feminismus der bourgoisen Netzfeministinnen "Dann sollen sie doch Kuchen essen" oder "#Menaretrash" hat was totalitäres. Auf diese Gefahr des Feminismus hatte Hannah Arendt schon hingewiesen. Deshalb behalt ich die im Auge 😉

  • #18
    Canis Majoris

    @ Ines C.

    Sie haben "paule t." (Kommentar #15) nicht verstanden. "paule t." schreibt: "Worin sich der Bedarf Stokowskis an "Nachhilfe in Debattenkultur" zeigen soll, ist mir auch nicht ganz einsichtig. Verunglimpfung des Namens einer Person mit anderer Meinung, das Fehlen nachvollziehbarer Zitate und Verweise und die Verzerrung des Standpunkts eines anderen finden sich bei ihr jedenfalls mE nicht."

    Der Rest Ihres Kommentars ist ein wildes Durcheinander ohne Sinn.

  • #19
    paule t.

    @#17
    Beleidigendes Stänkern ohne Beleg und nachvollziehbare Begründung und sogar gewollt ohne auch nur die Angabe, worauf man sich bezieht (im Internet üblicherweise durch Link hergestellt) – und totalitär sind natürlich die, gegen die sich diese bestimmt ganz hervorragende Debattenkultur richtet.

    Großes Tennis.

  • #20
    Xenia

    Guter Artikel! Der Autor benennt mutig gerade die Art Benachteiligung, die im eigentlichen Sinne unter Marginalisierung zu verstehen ist, mittlerweile aber zunehmend totgeschwiegen wird – Armut. Vor 20 Jahren wusste noch jeder: im Hochhausghetto wohnen, die, die keiner haben will: Asis, Alkis, Junkies, Türken, usw., ehemalige Innenstadtslums wie Berlin-Kreuzberg oder Bremen-Ostertor wurden allmählich dadurch aufgewertet, dass sich aufgrund der billigen Mieten auch Künstler und Studenten dort angesiedelt hatten – das berühmt-berüchtigte "bunt", das man sich heutzutage wirklich leisten können muss. Zufall, dass es gerade eben jene Gentrifizierer sind, die heute in jeder Forderung nach mehr Sozialstaat die Rechte der Minderheiten in Gefahr sehen und mutmaßen, dass es um "Geschenke an den rechten Rand" ginge? Really? Haben Homosexuelle weniger Lust zu heiraten, wenn an Brennpunktschulen mehr Lehrer eingestellt werden? Fühlen sich Transgender deshalb weniger wohl in ihrer Haut? Sind die Nachfahren der einstigen "Gastarbeiter", von denen viele ohne Ausbildungsplatz/ohne Arbeit dastehen und daher ganz besonders von mehr Sozial in der Politik profitieren würden, irgendwie keine Ausländer?
    Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich halte die Ehe für Alle für ein gutes Recht, das längst überfällig war, ich möchte weder Neokonservativismus noch dumpfem Nationalismus oder "Pimmel-Puppen"-Rhetorik à la AfD das Wort reden. Nur fällt auf, wie sehr es bei Debatten wie #metwo, #metoo, usw. um Abgrenzung geht, um das Abstecken von Claims. Rassismus, das muss man hier in aller Deutlichkeit sagen, betrifft nur Menschen, die derart "exotisch" aussehen, dass sie auf der Straße, ohne dass man etwas Näheres über sie weiß, als "Fremde" (sprich: "Nicht-Europäer") erkannt werden. Unter #metwo twitterten aber auch Russen, Kroaten, Polen, usw. über ihre Erfahrungen mit "Rassismus". Ich habe selbst zT Vorfahren aus Südeuropa, die sogar dort zum "südländischen Typ" gehören und problemlos als Araber durchgehen können, ich selbst bin aber Deutsche, in Südeuropa beschweren sich die Leute ebenfalls über "reverse racism", der ihnen als Weißen das Leben schwer mache, in Südeuropa ist auch ganz schnöder, "echter" Rassismus ein Problem. Er richtet sich folgerichtig (die Menschen begreifen sich, wie gesagt, selbst als Weiße) gegen Schwarze. Kann also, sagen wir mal, ein Portugiese, der sich in der Heimat als weißes Opfer eines schwarzen "reverse racism" sieht, vielleicht auch selbst rassistisch ausfällig gegen Schwarze geworden ist, in Deutschland dann selbst als "of color" und demzufolge Opfer eines deutschen "real racism" sehen? Oder schlimmer noch – sagen wir mal, der Portugiese ist kein Rassist, er ist auch schon vor vielen Jahrzehnten ins Land gekommen, hat jetzt Kinder, Enkel – denen vielleicht ein blonder Pole jetzt vorwirft, ihn "rassistisch" diskriminiert zu haben? und wer sagt überhaupt, dass alle Deutschen blond und blauäugig sind. Lassen wir mal die Enkel des Portugiesen außen vor, nehmen wir biodeutsch, dunkelbraune Haare, Schokoaugen, gebräunter Teint, nicht gerade der deutsche Stereotyp, aber gibt’s ja schon – Opfer von "Rassismus"? "rassistische(r)" Täter(in)? Wem gegenüber? Dem blonden Polen? Dem dunkelhaarigen Portugiesen? Nur wirklich Schwarzen? (oder sagen wir, vielleicht nur Indern, Indios, Malayen und so)?
    Es sollte deutlich werden, dass es 1. um eine genuin rassistische Wahrnehmung geht (Achte auf die Hautfarbe! Achte ganz genau darauf! Diskutiere jede einzelne Nuance!), 2. Rassismus und Xenophobie in einen Topf geschmissen werden, 3. Diskriminierung sich an den Körpern der Opfer festmacht und NICHT an der diskriminierenden Handlung (wegen der Adresse, wie Stefan Laurin schreibt, keinen Ausbildungsplatz zu bekommen, ist ja sehr viel diskriminierender, als z. B. nach der Herkunft gefragt zu werden). 4. geht es doch in erster Linie um die Frage: Wo darf ich, wo nicht – diskriminieren: Weiß ich, dass der Blondschopf Pole ist (also "nicht-weiß"), muss ich mich zusammenreißen, egal wie widerlich ich den Mann finde, ist er Deutscher, kann ich drauflosschlagen, das Ganze evtl. noch unter dem Label "reverse racism", im Zweifelsfall (ich bin selbst deutsch), aus "Solidarität" mit "Nicht-Weißen". Die Frage ist hier: "Warum ist es Leuten denn überhaupt ein Bedürfnis, andere zu dissen?". Offenbar ist ja das Einzige, was zählt, nicht dumm dabei dazustehen.
    Dabei will ich Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Xenophobie nicht kleinreden. Mir ist im Internet z. B. aufgefallen, dass der türkischsstämmigen "Zeit"-Journalistin Özlem Topcu abgesprochen wurde, sich zum Grundgesetz äußern zu dürfen. Das kam vom rechten Rand und es bezog sich auf das "Türkische", also das, was sich als "fremd" an Topcu ausmachen lässt. Das ist nicht rassistisch, es ist fremdenfeindlich. Niemand muss sich das gefallen lassen. Aber damit ist eben auch nicht gesagt, dass die "Zeit"-Journalistin GENERELL das entrechtete Opfer dieser Gesellschaft ist (und andere sich gefälligst nicht beschweren!). Nein, Topcu gehört der deutschen Elite an, ist wohlhabend, hat sehr viel mehr die Möglichkeit, "ihre Stimme zu erheben" als die Mehrheit der deutschen (bio- oder nicht) Bevölkerung. Trotzdem ist sie auch ein Opfer von Xenophobie. Das muss man so nebeneinander stehenlassen.
    Hinter der Engherzigkeit, die Bevölkerung in einzelne Gruppen aufzuteilen, von denen einige (die Minderheiten) die "Opfer" sind und es Ziel jeder aufrechten linken Politik sein müsse, diesen Menschen den Vorrang einzuräumen, während andere das Stigma des "Täters" nicht loswerden können, Buße tun sollen, über Ungerechtigkeiten, die ihnen widerfahren, schweigen, nicht lästig fallen, nicht im Weg sein sollen, stecken schiere Verteilungskämpfe. Es überrascht nicht, dass gerade DIESER Ansatz Rassismus, Ausländer- und sicher auch Frauenfeindlichkeit eher FÖRDERT, als diesen Dingen Einhalt zu gebieten. Denn Diskriminierung bekämpft man am besten, indem man Diskriminierung bekämpft: also, dem Jungen (oder Mädchen) aus den dunklen Ecken Dortmunds, Berlins oder Hamburgs vielleicht doch noch eine Chance geben – egal, ob er (sie) nun Kevin, Klaus (Chantal, Kristin) oder Omer (Özlem) heißt, Lehrer an Brennpunktschulen einstellen, ein soziales Klima schaffen, das integrativ ist, Menschen nicht gegeneinander ausspielt. Danke, Stefan Laurin, für diesen Artikel. Die Debatte muss in der Linken weitergeführt werden!

  • #21
    Ines C.

    #canis majoris: Mein Anliegen: Feedback, wie wichtig der #mepoor-Beitrag zur Debatte ist.
    "Ausspielen von Minderheiten, das Rechte längst perfektioniert haben", als Kern von Stefan Laurins Aussage darzustellen, wie Stokowski es tut, und ihn damit in die Rechte Ecke zu zerren, bezeichne ich als Nachhilfebedarf in Debattenkultur.
    Ihr Argument: "Denn so ist das bei öffentlicher Aufmerksamkeit, es können nicht alle gewinnen" – ist der "Dann sollen sie doch Kuchen essen"-Moment der Kolumne. Dieser"Siècle de petitesses" Luxus-Tunnelblick, der nicht kritisiert werden darf (alle rechts, die das machen). Ist die Décadence des Feminismus.
    Wie sich Marie Antoinette einst in ihrem Hameau über die Armen lustig machte, macht es Margret Stokowski mit ihrer letzten Kolumne im privilegierten Spiegel-Hameau. Und genau wie die Marie einst zum Untergang Frankreichs beitrug, haben die Margret und andere Netzfeministinnen die Dämerung der Identitätspolitik mit zu verantworten. In den USA hatten Feministinnen mit Hillary gegen Bernie Sanders intrigiert: see what happened.
    Oh und Paule T. und ich verstehen uns gut., wir haben schon eine längere Kommentar-Historie hinter uns. Er ist Pro-Patriarchat. Ich nicht. Auch nicht, wenn es von autoritären Frauen ausgeübt wird.. 🙂

  • #22
    paule t.

    @#20, Zitat: "Zufall, dass es gerade eben jene Gentrifizierer sind, die heute in jeder Forderung nach mehr Sozialstaat die Rechte der Minderheiten in Gefahr sehen und mutmaßen, dass es um "Geschenke an den rechten Rand" ginge?"

    Wer vertritt denn bitte solche Positionen? Dass jemand mit solchen Argumenten – Sozialstaat gefährde (!) Minderheitenrechte oder stärke (!) den rechten Rand – sich gegen sozialstaatliche Maßnahmen ausgesprochen hätte, habe ich buchstäblich noch nirgendwo gehört.

    Ganz im Gegenteil kenne ich von Leuten, die sich für Minderheitenrechte einsetzen, eher Aussagen, in denen sie sich gleichzeitig für sozialstaatliche Maßnahmen einsetzen, weil von fehlendem Sozialstaat ausgegrenzte Minderheiten besonders betroffen sind. Ebenso ganz im Gegenteil kenne ich es als sehr verbreitete Meinung, dass der rechte Rand dadurch gestärkt würde, dass Menschen sozial abgehängt werden, man also zur Bekämpfung des rechten Rands den Sozialstaat stärken müsse.

    Das Ausspielen der beiden Themen Sozialstaat und Armutsbekämpfung gegen Antirassismus/-sexismus und Minderheitenschutz – das ich genauso abwegig finde wie Stokowski im oben verlinkten Artikel – kenne ich schließlich nur von denen, die die Bedeutung des Kampfes für Minderheitenrechte relativieren wollen, aber gerade nicht, wie von Ihnen beschrieben, in die andere Richtung.

    Es wäre schön, wenn Sie für Ihre Behauptungen Beispiele bringen könnten. Ansonsten wirkt das auf mich wie ein riesengroßer Strohmann.

  • #23
    Canis Majoris

    @ Canis Majoris

    schaffen Sie es, sich verständlich auszudrücken? Ich habe keine Lust, mich an Ihren Kommentaren abzuarbeiten, nur um dann festzustellen, dass Sie nichts sagen.

    Dass "paule t." "Pro-Patriarchat" sei, halte ich für eine äussert dämliche Unterstellung.

  • #24
    paule t.

    @#21, Ines C.

    Tut mir Leid, Ines, aber Sie haben Stokowski überhaupt nicht verstanden. Sie spricht sich _dagegen_ aus, Armutsdebatte einerseits und Rassismus- und Sexismusdebatte gegeneinander auszuspielen. Dies wirft Sie ja, wie Sie noch ganz richtig zitieren, Laurin vor – mE nicht ganz abwegig, denn er benutzt die metwo-Debatte ja als Aufhänger, relativiert sie durch #mepoor und behauptet einen "wettlauf um Aufmerksamkeit".

    Genau das, dass es einen solchen Wettlauf gebe, bestreitet Stokowski aber. Sie sagt mehrfach ganz eindeutig, dass man sehr wohl beide Debatten gleichzeitig führen könne, dass sie sich sogar gegenseitig verstärken könnten, und bezeichnet es als _richtig_ (darin stimmt sie Laurin also ausdrücklich zu!), mehr Aufmerksamkeit für das #mepoor-Problem zu fordern (ich habe es ja schon oben #15 zitiert).

    Jetzt werden Sie fragen: Aber wie passt das zum Zitat: "Denn so ist das bei öffentlicher Aufmerksamkeit und Rennen: Es können nicht alle gewinnen"? Das ist doch das genaue Gegenteil!
    Richtig: Es passt überhaupt nicht dazu. Es _ist_ nämlich überhaupt nicht Stokowskis Meinung. Es ist ihre Wiedergabe dessen, was sie als Position Laurins sieht, den sie unmittelbar vorher mit seiner Aussage zum angeblichen "Wettlauf um Aufmerksamkeit" zitiert. Ob diese Wiedergabe richtig oder falsch ist, sei dahingestellt – aber ihre eigene Meinung ist es jedenfalls nicht.

    Sie haben es geschafft, aus dem Artikel kontextlos ein Zitat herauszuziehen, das das genaue Gegenteil dessen aussagt, was die klare Aussage des kompletten Artikels ist, ohne sich einen Moment zu fragen, wie dieser Widerspruch wohl zustande kommen könnte.

    Das erinnert mich an einen Atheisten, der sagen würde: "Sogar in der Bibel steht: Es ist kein Gott. Die Bibel stützt also den Atheismus." Er hätte auch recht, das steht wirklich da (Ps 53,2). Ungefähr so gehen Sie mit dem Zitat Stokowskis um.

  • #25
    paule t.

    @ #23 Canis Majoris
    Zitat; "Dass "paule t." "Pro-Patriarchat" sei, halte ich für eine äussert dämliche Unterstellung."

    Richtig, es ist auch Unsinn. Das zu behaupten, ist aber ein Hobby von ihr, seit ich mal anderer Meinung war als sie. Was soll’s, dass ich mich hier für die #metoo-Debatte ausspreche … das zeigt wohl nur, welche verwinkelten, hinterhältigen Wege die Propatriarchalisten heutzutage gehen.

  • #26
    Helmut Junge

    @Canis Majoris, da Sie sich nach der großen roten Sonne benennen, möchte ich Ihnen, einfach weil es mir Spaß macht, mitteilen, daß in jedem roten Riesen ein weißer Zwerg steckt. Physikalisch gesehen ist das nämlich der Werdegang.roter Riesen.
    Übrigens scheinen Sie @Paule t. ganz gut zu kennen. Finden Sie, daß er nicht "Pro-Patriarchat" ist?
    @Paule t., Frau Stokowski fehlt offenbar jedes Gefühl dafür, daß arme ungebildete Menschen täglich und immerfort ausgegrenzt werden. Deshalb ziehen sie sich auch zurück in den Kreis von ihresgleichen, weil sie das ein wenig von der Verächtlichmachung durch reiche Bildungsbürger schützt.
    Sie fallen einfach auf, wenn sie sprechen, wenn sie einkaufen gehen. wenn sie ins Museum gingen, wenn sie in ein Juweliergeschäft (nur so ein Beispiel). Da wo es ihnen nicht gelingt sich in ihre Zirkel zurückzuziehen, machen sie ihre Erfahrungen. Zum Beispiel in Schulen, die Klassenfahrten nach werweiswohin durchführen. Können sie als Eltern nicht bezahlen. Die Kinder schon werden ausgegrenzt.
    Wenn Frau Stokowski das wüßte, würde sie diese permanenten Beleidigungen der Seele nicht mit den 90 prozentig bekannt gewordenen Metoo oder metwo- Klagen gleichsetzen. Sie hält allerdings für möglich, daß unter denen, die sexistisch belästigt werden, auch arme Menschen dabei sind.
    Insofern sehe ich bei ihren Aussagen eine Wertung, die die Armutsfragen hintenan stellt. Und das ist bei Laurin genau andersherum.
    Bei mir übrigens auch. Arm zu sein ist das schlimmste Schicksal im Vergleich zu den Klagen, die Frau Stokowski so viel höher stellt.

  • #27
    paule t.

    @#26 Helmut Junge,
    Zitat: "Frau Stokowski fehlt offenbar jedes Gefühl dafür, daß arme ungebildete Menschen täglich und immerfort ausgegrenzt werden. […] Insofern sehe ich bei ihren Aussagen eine Wertung, die die Armutsfragen hintenan stellt. "

    Da sie sich weigert, beide Themen gegeneinander auszuspielen oder auch nur eine Rangfolge aufzustellen, und außerdem – wie ich schon zweimal zitierte – die stärkere Thematisierung von Armutsfragen deutlich und explizit _begrüßt_, kann ich nicht nachvollziehen, wie Sie zu dieser Einschätzung kommen. Könnten Sie das aus Stokowskis Artikel näher begründen?

  • #28
    ke

    #mepoor:
    Subvention von Dienstwagen, nur weil sie irgendwo einen E-Motor haben (Hybride)?
    Umverteilung für die "Ökologie", auch wenn es gar nicht ökologisch ist, zeigt wieder die aktuelle Diskussion zur Besteuerung von Dienstwagen.

    Arm wird von der Regelung nicht profitieren, und Reich lässt sich das Ökoimage als E-Autofahrer vom Staat bezahlen.

    https://www.zeit.de/mobilitaet/2018-07/elektromobilitaet-autos-dienstwagen-bezuschussung-steuersatz-ermaessigung

    Das ist soziale Politik und den Grünen als Partei der Besserverdiener geht die Förderung natürlich nicht weit genug. Aus SPD Sicht werden aus Neuwagen auch Gebrauchtwagen.

    So klingt die Stimme der Salon-Linken und nicht die der Arbeit.

  • #29
    Ines C.

    #23#24 Ach Jungs, nochmal etwas Basiswissen weibliche Kommunikation auffrischen. 😉 Nach Stokowski-Logik müsste ich jetzt massenweise #metoo-Beiträge als Reaktion auf Eure Posts produzieren.
    Ich halte aber nichts von ihrem Ohnmachts-Feminismus. Er ist die Persiflage der Frauenrechtsbewegung.
    Und er erhebt die Empörungskultur zur Ideologie, beschädigt dabei echte Benachteiligte und ihre öffentliche Repräsentation.
    Und ja, ich bin immer noch sauer, dass der Spiegel die hervorragende Silke Burmester-Kolumne durch diesen Kinderkram ersetzt hat und schaue mir die Texte mit wachsendem Grauen an.
    Den taz-Autor und Stefan Laurin in die rechte Ecke zu schieben – guilt by association- ist kein Journalismus mehr, sondern Agitation. Nur eine Meinung, weiblich – fire away old white men 😉 😉

  • #30
    Canis Majoris

    @ Ines C.: "Ich halte aber nichts von ihrem Ohnmachts-Feminismus."

    Ihr Kommentar liest sich wie von einer Ohnmächtigen geschrieben. "Ohnmächtig", so wie "Kopf aus".

  • #31
    abraxasrgb

    Ines C.
    Bekämen meine Argumente durch eine Gechlechtsumwandlung mehr Gewicht in einer Diskussion?
    Heya, vermutlich schon, denn als Trans bekäme ich ja auch eigene Toiletten *g freu* 😉

    "Ohnmachtsfeminismus" YMMD!

  • #32
    Helmut Junge

    Ines C., ich denke daß @Canis Majoris eine Frau ist, denn welcher Mann würde sich selbst als" größte rote Sonne des Universums" bezeichnen?
    @Canis Majoris, Sie kommen offenbar aus einem Forum, in dem keine Argumente ausgetauscht werden, sondern auf eine einzige Zeile konzentrierte Wertungen.
    Hier ist das üblicherweise anders. Ihr Freund @Paule t. würde, wenn er so kommentieren wollte vermutlich nie eine Antwort kriegen und quasi in der Luft hängen. Das wird vermutlich Ihr Kommentatorenschicksal bei den Ruhrbaronen sein, wenn Sie weiter erkennbar nicht wirklich diskutieren wollen.

  • #33
    paule t.

    @ #29 Ines C.

    Zitat: "Nach Stokowski-Logik müsste ich jetzt massenweise #metoo-Beiträge als Reaktion auf Eure Posts produzieren."

    Falls ich Sie irgendwie sexistisch benachteiligt, abgewertet oder belästigt haben sollte, hätte ich nichts dagegen, wenn Sie das auf diese Weise aufzeigen. Ich versuche, dafür offen zu sein, mein Verhalten und meine Privilegien kritisch zu hinterfragen. Wenn SIe also derartiges Verhalten meinerseits aufzeigen können – bitte, nur zu.

    Ansonsten würde ich mich freuen, wenn Sie sich mit meinen _Argumenten_ beschäftigen würden.

  • #34
    Helmut Junge

    @abraxasrgb, Wäre Ohnmachtsfeminismus überhaupt eine Frauenrechtsbewegung?
    Oder wäre es eher eine Frauen Rechtsbewegung?
    Unsere deutsche Sprache ist so genau, wie kaum eine andere.
    Schade daß die deutsche Sprache im Niedergang ist, wie die FAZ schreibt,
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/die-deutsche-sprache-ist-in-grossbritannien-out-15743054.html. Es käme doch so sehr auf die genaue Schreibweise an.

  • #35
    Ines C.

    Mehr Aufmerksamkeit und Reichweite für #mepoor – Check. Danke für den Austausch.
    Ja #Helmut Junge das fürchte ich auch, es mutiert zur Frauen Rechtsbewegung, deshalb Widerstand.

  • #36
    paule t.

    Huh. Hauptsache Aufmerksamkeit erregt, intensive Verwendung persönlicher Angriffe, Stimmigkeit der Argumente egal. Eine recht gute Definition von Trollen, denke ich.

  • #37
    Arnold Voss

    @ Paule T
    Ja, man muss den Artikel von Frau Stokowski in seiner ganzen Differenziertheit lesen. Dann übersieht mensch auch diesen ersteinmal sehr konstruktiv klingenden Satz nicht:
    "Dagegen wäre der Gedanke stark zu machen, dass Kämpfe gebündelt werden können und einander beflügeln und unterstützen."

    Nur macht das die Autorin nicht. Nicht in diesem und auch nicht in einem anderen der Artikel, die ich von ihr kenne. Dazu müsste sie nämlich die Oberthemen und Grundprobleme benennen, die die verschieden Identitästhemen zu bündeln in der Lage wären. Die genug gesellschaftliche Schwere haben, eine Mehrheit zu bilden, die über die reine Addition von Minderheitenbeschwerden hinausgehen. Davon hört man allerdings auch in den anderen, mehr oder weniger berichtigten, Opferdebatten so gut wie gar nichts.

  • #38
    Helmut Junge

    Wer sich neben Laurins Artikel noch zusätzlich den von Frau Stokowskis kritisierten Artikel von Jörg Wimalasena durchliest, wird leicht erkennen, was Stokowski daraus zitiert und was nicht. Die Kernthesen dessen Artikels läßt sie nämlich weg.

    http://www.taz.de/!5524188/

    Einfach mal lesen und mit dem Artikel von Frau Stokowski vergleichen.

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