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Mitten in Bochum: Das „Deutsche Reich“

Fast 2000 Straßen gibt es in Bochum, darunter eine die besonders auffällt: Die Straße „Deutsches Reich“ im Stadtteil Werne. Die Anwohner sind mit ihrer Adresse äußerst unglücklich und wünschen sich eine Umbenennung. Das lehnen Stadt und Politik ab, unter anderem mit der Begründung, man wolle den Anwohnern Aufwand und Kosten einer Adressänderung ersparen.

Es ist ein grauer, regnerischer Nachmittag. Ich habe mich auf den Weg nach Werne gemacht, um mir die Straße „Deutsches Reich“ anzugucken und mit Anwohnern über ihre ungewöhnliche Adresse zu sprechen. Vor einem Haus weht eine Deutschlandflagge, wie als Bestätigung dafür, dass ich hier richtig bin - vielleicht aber auch ein Zeichen des Trotzes, oder der Ironie. Der Anwohner ist nicht zu Hause, aber ein paar Häuser weiter öffnet man mir die Tür und erzählt gerne über die Straße Deutsches Reich: „Wir sind unglücklich mit diesem Straßennamen, waren aber damals froh, die Wohnung hier bekommen zu haben“, erzählt die Anwohnerin, die nicht namentlich genannt werden möchte. „Es ist sehr unangenehm. Überall wo man hinkommt und seine Adresse angeben muss, wird man gefragt: Wo wohnen Sie? Stimmt das? Gibt es so was wirklich?“

Fast 2000 Straßen gibt es in Bochum, darunter eine die besonders auffällt: Die Straße „Deutsches Reich“ im Stadtteil Werne. Die Anwohner sind mit ihrer Adresse äußerst unglücklich und wünschen sich eine Umbenennung. Das lehnen Stadt und Politik ab, unter anderem mit der Begründung, man wolle den Anwohnern Aufwand und Kosten einer Adressänderung ersparen.

Es ist ein grauer, regnerischer Nachmittag. Ich habe mich auf den Weg nach Werne gemacht, um mir die Straße „Deutsches Reich“ anzugucken und mit Anwohnern über ihre ungewöhnliche Adresse zu sprechen. Vor einem Haus weht eine Deutschlandflagge, wie als Bestätigung dafür, dass ich hier richtig bin – vielleicht aber auch ein Zeichen des Trotzes, oder der Ironie. Der Anwohner ist nicht zu Hause, aber ein paar Häuser weiter öffnet man mir die Tür und erzählt gerne über die Straße Deutsches Reich: „Wir sind unglücklich mit diesem Straßennamen, waren aber damals froh, die Wohnung hier bekommen zu haben“, erzählt die Anwohnerin, die nicht namentlich genannt werden möchte. „Es ist sehr unangenehm. Überall wo man hinkommt und seine Adresse angeben muss, wird man gefragt: Wo wohnen Sie? Stimmt das? Gibt es so was wirklich?“

Ja, so etwas gibt es.  Genau genommen sogar schon seit 106 Jahren. „Die Straße ist nach einer Bergbaukolonie benannt“, erklärt Peter Koschorrek von der Stadt Bochum die Herkunft des Namens. „Vielleicht wurde der Name gewählt, weil in der Kolonie Menschen wohnten, die aus vielen Gebieten des damaligen Deutschen Reiches stammten.“ Giovanni N., der im „Deutschen Reich“ wohnt und einen Kiosk betreibt, sind solche Begründungen egal. „Ich wusste zuerst gar nicht, was Deutsches Reich bedeutet. Erst als mich meine Familie in Italien auf meine Adresse ansprach habe ich es rausbekommen. Ich bin unglücklich mit dem Namen, weil er an Hitler erinnert“. Und tatsächlich, das war auch meine erste Assoziation, als ich zum ersten Mal von der Straße „Deutsches Reich“ hörte. Der Stadt und den Bezirkspolitikern, die für Straßenumbenennungen zuständig sind, ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass es die Straße schon vor der NS-Zeit gab und dass das Deutsche Reich etwas anderes sei als das Dritte Reich. Sicher, der Begriff „Deutsches Reich“ steht für mehr. Er steht unter anderem für das Deutsche Kaiserreich, für die Weimarer Republik, aber er steht eben auch für die Zeit der Diktatur der Nationalsozialisten von 1933-1945. Der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG Bogestra war der Name offenbar auch unangenehm. 2003 änderte die Bogestra den Namen der Haltestelle „Deutsches Reich“ in Werne-Mitte. Dort will man sich heute aber angeblich nicht mehr an die genauen Gründe der Umbenennung erinnern können.

Zu welch unangenehmen Situationen der Straßenname „Deutsches Reich“ führen kann, musste Meike Reimus vom Bochumer Handballclub erfahren: „Wir hatten mal einen Austausch mit polnischen Mädchen von unserem Handballverein und denen haben wir nicht gesagt, dass wir uns an der Straße Deutsches Reich treffen, sondern den Treffpunkt Sporthalle der Willy-Brandt-Gesamtschule genannt“. 

Versuche der Anwohner, die Straße umbenennen zu lassen, blieben bisher erfolglos. Mitte der 80er Jahre lehnte die zuständige Bezirksvertretung eine Umbenennung ab, unter anderem mit der Begründung Kosten und Aufwand für eine Straßenumbenennung seien den Anwohnern nur in besonders begründeten Fällen zuzumuten und ein solcher Fall liege hier nicht vor. Auch ein Zusatzschild, das die Herkunft des Namens erklärt, lehnt die Stadt ab. „Was soll das bringen, im Stadtplan steht dann immer noch  Deutsches Reich“, sagt Peter Koschorrek von der Stadtverwaltung.

Dass sich die Stadt mit Straßenumbenennungen schwer tut, können viele Bochumer in ihrem Stadtplan nachlesen. Dort findet man, außer in der aktuellen Auflage von 2009, noch den Straßennamen „Adolf-Stöcker-Straße“. Adolf-Stöcker war ein evangelischer Pfarrer und bezeichnete sich selbst als Begründer des Antisemitismus. Stadt und Politik war das durchaus bekannt, trotzdem lehnte die Bezirksvertretung Bochum-Mitte eine Umbenennung 1998 ab. Erst im Dezember 2007, 74 Jahre nachdem die Nationalsozialisten die Straße so genannt hatten, konnte man sich in der Bezirksvertretung dazu durchringen, ihr einen neuen Namen zu geben. Jetzt heißt sie Anne-Frank-Straße. Ein Name, mit dem die Anwohner der Straße „Deutsches Reich“ sicher auch besser leben könnten.

 

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14 Kommentare zu “Mitten in Bochum: Das „Deutsche Reich“

  • #1
    MisterPju

    Gehts noch? Die Straße heisst seit 106 Jahren so und nur weil es inzwischen total „in“ ist alles, was im entferntesten mit Hitler in Verbindung gebracht werden kann, zu verunglipfen, soll sie jetzt umbenannt werden? Dann sollten wir zB auch „Autobahnen“ in „PKW-Schnellstrassen“ umbenennen.

    Wenn man sie kurz nach dem Krieg, oder noch in den 50ern umbenant hätte, würde ich das verstehen. Die Menschen haben den Krieg, die Unterdrückung und die Grausamkeiten erlebt und haben trotzdem in dieser Straße gewohnt. Aber Heute, 70 Jahre danach, fühlen sich die Anwohner in der Überkompensation unserer Wohlstandsgesellschaft unwohl, weil der Name an Hitler erinnert?!? – lächerlich!

  • #2
    TeeJay

    Unfassbar! Wie kleinkariert kann man eigentlich sein? Man sollte meinen, dass die Menschen in diesem unseren schönen Land fast 70 Jahre danach etwas entspannter über den dunklen Teil unserer Geschichte nachdenken können. Deutsches Reich… ist ja nicht so als hätte es nur eines davon gegeben. Und genauso sollte man es auch handhaben. Wir machen uns immer wieder ob unserer Vergangenheit so lächerlich. Wir lassen Neonazis durch unsere Städte ziehen, aber wir ändern Straßennamen, weil sie uns nicht mehr in den Kram passen. Mein Großvater und meine Mutter sind unweit dieser Straße aufgewachsen und ich denke es ist auch dem Namen dieser Straße zu verdanken, dass in meiner Familie immer offen über den Krieg und seine dunklen Seiten geredet werden konnte.
    Mir geht die Mentalität a la „Das könnte unangenehm sein? Das kommt weg!“ in Deutschland so dermaßen auf den Piss. Vergessen ist ja auch viel leichter als drüber nachdenken und verhindern, wenn es wieder soweit sein sollte. Aber dann schaut man ja lieber weg.

    In diesem Sinne: Glück auf!

  • #3
    Cheerleader

    Krass! Sowas gibt es noch??? Also ich würde da nicht wohnen wollen. Kann mir schon gut vorstellen, dass einige Anwohner keine Lust haben, ständig die gleiche Geschichte zu erzählen. Finde es allerdings ziemlich exotisch, noch ein „Deutsches Reich“ zu haben. Sorgt bestimmt auch für ein wenig Gespött unter den Bochumern 😉

  • #4
    David Schraven

    Da gibt es übrigens einen tollen Kickerplatz. Wer pölt schon im Deutschen Reich. :-). Ich hab mich immer gefragt, wo der Name herkommt. Warum hängen die Anwohner nicht selbst ein Schild hin und erklären, wo der Name her kommt? Ansonsten schöne Geschichte.

  • #5
    Michael Kolb

    Ich finde die Aufregung mehr als künstlich, auch finde ich nicht, daß es unter „Bochumern“ zu Hohn und Spott kommt, eher im Gegenteil, jedenfalls bei denen, die sich architekturhistorisch interessieren, da kann es dann schon mal vorkommen, daß die 1874 fertiggestellte Siedlung als archetypisch angesehen wird.
    Überhaupt, 1874, in diesem Jahr bekam die Siedlung ihren Namen, sind also schon 135 Jahre… warum dann nicht auch gleich das „Ehrenfeld“ umbenennen, das bekam, im Zusammenhang des Sieges bei Sedan vier Jahre zuvor, im selben Jahr auch seinen Namen?
    Der Name „Deutsches Reich“ ist also verfänglich? Was ist dann erst z.B. von den Menschen im „Negerdorf“ in Dortmund Dorstfeld zu halten, die den „politisch unkorrekten“ Spitznamen ihrer Siedlung immer noch gebrauchen, mögen, ja sogar als identitätsstiftend empfinden?
    Warum überhaupt sind Siedlung und Straße nicht schon 1975 umbenannt worden (oder warum ist die Umbenennung nicht gefordert worden), als es um deren Erhalt ging?

  • #6
    Himynameis

    Also mir ist die Straße auch schonmal aufgefallen und ich musste dabei lachen. Ist schon hart irgendwie. Vor allem die Bewohner der Häuser 33-45 sind wohl nicht zu beneiden, wenn sie ihre Adresse irgendwo angeben müssen :D.

  • #7
    wunderlich

    Ups, wo ist denn der mittlerweile gelöschte Kommentar von heute Nacht auf einmal hin?

  • #8
    Mathias

    Ich fände es auch sehr schade wenn der Name tatsächlich irgendwann mal geändert werden würde, nur weil er mit Hitler in Verbindung gebracht wird. Mal ehrlich, nur wegen diesem Typen sollen wir alles aufgeben, Symbole, die es schon vor Hitlers Zeit gab, verbieten und Namen ändern (mit Ausnahme des „Adolf-Hitler-Platzes“ oder der „Adolf-Hitler-Straße“ natürlich)?
    Ich habe die ersten 12 meines Lebens in dieser Straße gewohnt und hatte nie irgendwelche Probleme mit diesem Namen (na gut, ich war ja auch noch Kind). Im Gegenteil: Ich fand es irgendwie „interessant“ in einer Straße mit diesem Namen zu wohnen.
    Ebenfalls finde ich sehr schade, dass die genannte Haltestelle „Deutsches Reich“ umbenannt worden ist. Hätte gerne mal das Gesicht von einem Auswärtigen gesehen, wenn die Haltestellen-Ansage kam: „Nächste Haltestelle: Deutsches Reich“.

    @Himynameis: Habe zufällig in Nummer 35 gewohnt. 😛

  • #9
    Pjotr Gulgenhoek

    Ich würde Straße umbenennen in:

    – Wurstweg
    – An der Kacke
    – Kaputte Straße
    – Heiliges römisches Reich deutscher Nation
    – Im Eimer
    – Sackgasse

    oder

    – Leck-Mich-Am-Arsch-Allee

    Mein Name war mal Hans-Peter Vietzke, aber weil ich den längsten hab, hab ich mich auch umbenannt. In Gitte-Gitte Dumpfbergbitterfelder.

  • Pingback: Anonymous

  • #11
    Silvia

    Ich habe dort auch mal gewohnt…wo ist das Problem?? Die Straße heißt schon ewig so….und nur weil irgendwelche Gutmenschen rumspinnen, soll das geändert werden?? Ja nee, is klar. Wir sind jedenfalls nie! auf unsere angeblich ungewöhnliche Anschrift angesprochen worden….

  • #12
    Dirk Gabriel

    Ich bin im Deutschen Reich wie Du weisst aufgewachsen und ich finde diese Diskussion einfach beschämend … dass eine alte Bergbaukolonie mit einer 106 jährigen Geschichte mit vielen alten Häusern welche unbenann werden soll !!! Auch das Umbenen der Deutschen Reich Schule und das Umbenenen der Haltestelle ist schon peinlich genug…!!! Abgesehen davon ist der Strassenname nur einmal in Deutschland zu finden…und wenn die Leute doch damit unglücklich sind, was ziehen die auch in diese Straße???
    Ich werde später mit Freund in mein Elternhaus ziehen….

  • #13
  • #14
    Carmen P

    Ich wäre froh(da ich jetzt umziehen soll) dort eine passende und günstige Wohnung finden zu können..
    Aber da dort jetzt die ganzen Bonsens meinen Eigentum bauen zu müssen..guck ich wohl in die Röhre…

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