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Mündigkeit, Freiheit und Autorennen

Ulf Poschardt Foto: Martin U. K. Lengemann/WELT Lizenz: Copyright


Freiheit und Selbstverantwortung sind im staatsverliebten Deutschland keine großen Themen. Ulf Poschardt hält mit seinem neuen Buch „Mündig“ dagegen.

Mündigkeit gehört nicht nur zu den Schlüsselbegriffen der Aufklärung, Mündigkeit ist die Grundlage der Demokratie, in deren Zentrum nicht zufällig der mündige Bürger steht. Nur er kann frei und für sich selbst verantwortlich sein. Ein solches Menschenbild passt nicht in eine Zeit, in der Journalisten in zahlreichen Artikeln förmlich darum betteln, dass der Staat ihnen die Mündigkeit aberkennt und Verbote erlässt, als ob sie die Kinder und der Saat der wohlmeinende Vater wäre, der weiß, wo es langgeht. Ulf Poschardt stellt sich mit seinem Buch „Mündig“ gegen diesen Trend, und wie es sich für einen Liberalen gehört, tut er das mit einem immer zwischen den Zeilen durchschimmernden Optimismus: Er beklagt sich nicht über den Siegeszug des Paternalismus und malt nicht die Folgen des Verlustes der Freiheit aus. Poschardt beschreibt in 16 Kapiteln, was Mündigkeit für Frauen, Linke, Intellektuelle, aber auch für Träumer bedeutet. In den Texten kann er auf einen großen Fundus an Wissen aus den unterschiedlichsten Bereichen zurückgreifen, der in dieser Art wohl einzigartig sein dürfte. Immanuel Kant, Niki Lauda und KRS-One werden als Zeugen herangerufen und passen bestens zusammen. Was sie alle vereint, ist, dass sie kluge und mündige Freigeister sind.

Was Ulf Poschardt über den mündigen Intellektuellen schreibt, lässt sich ohne Probleme als Ideal auf den mündigen Menschen übertragen: „Der mündige Intellektuelle misstraut sich selbst. Er kommt nie bei sich an und ist dabei ganz bei sich.“ Er habe den kartesianischen Zweifel zum Lebensprinzip erhoben und verstehe nicht, warum es Indifferenz gibt. „Wie das geht, zwischen radikalem Zweifel, Sehnsucht nach Autonomie und gleichzeitigem Annehmen gesellschaftlicher Akzeptanz, wird je nach innerer wie äußerer Lage justiert. Wie bei einem Rennwagen ist sein Fahrwerk genau einstellbar. Je feiner es justiert werden kann, umso besser die Straßenlage in den Debatten und die Traktion aus den Argumentationskurven hinaus.“ Der mündige Intellektuelle sei neugierig und scheue sich vor Wiederholungen, außer wenn es um den Kern der Dinge gehe: „Freiheit, Demokratie, Fortschritt, Nachhaltigkeit, Tempo.“

Das Bild der Traktion ist kein Zufall. Poschardt ist nicht nur Porschefan, er ist auch Rennsportfan, allerdings des Rennsports aus einer Zeit , in der die Fahrer klug, die Autos schnell und das Regelwerk lässig waren: „Es gibt diese großartige Folge von Top Gear, wo der aktuelle Überfahrer Lewis Hamilton den McLaren von Senna fährt, aus der wüsten Ära der Ultraturbos, ein geistesgestört schnelles und gefährliches Auto, und Hamilton kann vor Vorfreude auf diesen Moment nicht schlafen und er schreit das Video fast durch vor Begeisterung, weil diese Kisten jenen Thrill boten, der aus Menschenfreundlichkeit wegreguliert wurde. Hamilton badet in dem Sinnensturm jener Ära der Formel 1, als gar nicht erst versucht wurde, den Rennfahrer zu entmündigen. Es war eine Zeit absoluter Genauigkeit. Tendenziell war jeder Fahrfehler ein Todesurteil. Aber auch jeder Material­ oder Ingenieurfehler konnte Leben kosten. Fehler waren tödlich. Es gibt nirgendwo Sicherheitsnetze. Es war die ultimative, existenzielle Mündigkeit.“

Mündigkeit kann gefährlich sein, sie will vom allmächtigen Staat und zu engen Regeln nichts wissen. Der Mensch, der sich vor Freiheit und Verantwortung fürchtet, und beides gehört untrennbar zusammen, muss dem mündigen Menschen ebenso fremd bleiben wie es die heutige Begeisterung für ein Korsett ist, das das Leben immer mehr zusammenschnürt.

Ins Utopische gleitet das Buch jedoch etwas ab, wenn es um den mündigen Konsumenten geht. So schön es auch wäre, wenn alle nur noch Waren in bester Qualität kaufen würden, die lange halten und mit edler Patina altern, so ist dies schlicht der HartzIV-Empfängerin oder dem Migrantenkid mit einem Job in der Burgerbraterei finanziell nicht möglich. Nachhaltiger Konsum bleibt das Privileg des Bürgertums, das ohnehin mehr Ressourcen verbraucht als die Unterschicht.

An anderer Stelle zeigt Poschardt, dass ihm die Working-Class jedoch nicht ganz fremd ist. Allerdings greift er sich dafür jemanden raus, der seit wenigen Jahren wegen seiner Haltung zum Brexit und zum Islam die Sympathien viele Salonlinker verloren hat. Was nicht viel ausmacht, denn mit Arbeitern haben die ohnehin nicht mehr viel zu tun. Auch wenn ich mich Zeit meines Lebens mit den Smith, der Band der Sweatshirt tragenden hipdepressiven Mädchen meines Gymnasiums, schwer tat, ist es ein Vergnügen, diese Referenz an ihren ehemaligen Sänger Morrissey zu lesen: „Wie viele Kinder der Arbeiterklasse Nordenglands hat sich Morrissey für den Brexit begeistert, weil er darin einen Beweis sieht, dass sich Demokratie ihren Weg bahnen kann gegen den medialen Mainstream und auch gegen Westminster. Im gleichen Zug singt er eine große, wunderbare Hymne auf Israel und stellt sich damit gegen die in England immens populäre, kaum verhohlen antisemitische Boykottbewegung.“ Morrissey sei ein Klassenkämpfer geblieben, aber er folge, schreibt Poschardt, treu den Pfaden seiner Herkunft, obwohl er längst zu Geld und Ruhm gekommen sei. „Den Verrat der Linken an der Arbeiterklasse im Sinne einer Mittelschichtsethik und ­ästhetik, jene Bonohafte Verlogenheit und Feistigkeit, deren Zeigefinger weiter an­ schwellen, um größer zu werden als sie selbst, nimmt er nicht hin.“

Wegen des Buches, das ist klar, wird Poschardt mit Hohn und Spott überschüttet werden. Es steht gegen alles, was den Zeitgeist ausmacht. Poschardt als Autor mit seinen Vorlieben für schnelle Autos und seine Abneigung gegen den Neopuritanismus bietet Angriffsfläche genug. Egal. Es trifft, was taz-Autor Peter Unfried in seinem Nachwort schreibt: „Von Ulf Poschardts Mündig geht jedenfalls eine immense intellektuelle und subversive Kraft aus.“ Was ich mir wünschen würde, wären mehr Bücher, die wie Poschardts „Mündig“ Freiheit, Verantwortung und Mündigkeit preisen und weniger, die das hohe Lied der Aufgabe von Freiheit singen, so dass einem ständig Orwells Satz aus 1984 „Freiheit ist Sklaverei“ in den Ohren klingelt.

Ulf Poschardt 
Mündig.
Stuttgart 2020.

Der Autor arbeitet als freier Journalist auch für die Welt und die Welt am Sonntag, die zur Welt-Gruppe gehören, deren Chefredakteur Ulf Poschardt ist.

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6 Kommentare zu “Mündigkeit, Freiheit und Autorennen

  • #1
    Berthold Grabe

    Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen, das Glaubensbekenntnis kann ich eins zu eins unterschreiben.
    Was es leider nicht einfacher macht, den richtigen Weg gegenüber Gefährdungen einzuschlagen, eben weil die öffentliche Information es über Jahrzehnte versäumt hat zu informieren, statt zu belehren.
    Dahinter stehen leider ganz handfeste ökonomische Interessen gerade in der Boulevardisierung der Medien und Presse.

  • #2
    bob hope

    Nur kurz zu Morrissey: Er singt immer noch „Meat is Murder“, vergleicht Massentierhaltung mit KZs, hat den Brexit aus rein nationalistischen Gründen verteidigt und die rechtsextreme Politikerin Anne Marie Waters von „For Britain“ unterstützt. Kurz: Er ist ein rechtsextremer Wutbürger und Rassen- statt Klassenkämpfer, der auch bei Pegida und AfD mitlaufen könnte. Mit Mündigkeit hat das nichts zu tun, im Gegenteil. Zumindest da sind Koordinaten bei Poschardt wohl etwas verschoben. Ich hoffe mal, dass es in den übrigen Kapiteln anders ist.

  • #3
    Berthold Grabe

    @2
    Mündigkeit hat nichts mit Gesinnung zu tun, nicht mal wenn sie fragwürdig ist.
    Insofern ist das zitieren von Morrissey im gebrauchten Kontext weder zu beanstanden noch eine Kriterium der Entkräftung auch wenn er gegenüber den Salonsozialisten das andere Extrem gewählt zu haben scheint ist die Verlogenheit der mittelschichtsethik kaum zu übersehen.

  • #4
    Klaus Lohmann

    Mündigkeit hat viel mit der Unterscheidung von Dummheit und ideologischer Abhängigkeit vom "starken Mann" zu tun, womit wir dann wieder bei Rassen- und Klassenkämpfern landen. Sollte jemand mal eine Studie durchführen, um die wirklich mündigen Bürger in Deutschland zu zählen, die noch vorhanden sind, würde man Poschardts Buch nur noch als ein Wohlfühlprodukt für eine klitzekleine Nische vermarkten – das passt ja dann wieder zur F.D.P.

  • #5
    bob hope

    #3 Berthold Grabe: Morrissey setzt auf autoritäre Lösungen, würde am liebsten „Fleischfresser“ von seinen Konzerten ausschließen und Migranten nicht nur an der Grenze zu Großbritannien abwehren, sondern dort lebende ausweisen etc. Mit Kritik an einer verlogenen „Mittelstandsethik“ hat das nichts zu tun. Diese Haltung ist genauso verlogen, weil sie Gegenteil von dem ist, was man mündig nennt. Morrissey kämpft für einen nationalen Sozialismus, der für ihn die letzte Rettung der „Klasse“ seiner Vorfahren ist. Gemeinhin nennt man so etwas: „konformistische Rebellion“. Und das hat nichts mit libertären Grundsätzen zu tun.

    Um die Smiths zu zitieren: „To the National Front disco. Because you want the day to come sooner.“ War damals die kritische Beschreibung eines Jugendlichen, der sich „England for the English“ wünscht. Mittlerweile kann man das auf Morrissey selbst anwenden, leider.

  • #6
    Berthold Grabe

    @5
    sie haben Recht im Bezug darauf, das der Text den Eindruck erweckt Morrissey sei ein Liberaler, das ist er nicht.
    Das aber gilt für die meisten angeblichen Liberalen, deren Liberalität sich auf die eigenen Sicht beschränkt. Aber auch Nicht Liberale argumentieren mit Liberalität leider immer nur dann, wenn es Ihnen nützt. Was die konkrete Aussage auf die sich Porschardt bezogen hat aber nicht in Frage stellt.
    Deswegen ist der Bezug in diesem Text schlicht richtig, ebenso wie das Argument.
    Das da auch andere weniger liberale Beweggründe im Spiel waren, spielt hier keine Rolle.
    Das gleiche erleben wir ja auch bei der "liberalen" Migrantenpolitik, die eher anarchistisch, aber nicht liberal genannt werden kann.
    Leider halten nur sehr, sehr wenige die Liberalität für andere ebenso hoch, wie die eigene Vorstellung davon. Da braucht man gar nicht auf Morrissey zu verweisen, das finde ich eins zu eins in der deutschen Politik des angeblichen liberalen Mainstreams wieder.

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