Müntes Abschied wohnt ein Anfang inne

Es gibt historische Momente, es gibt historische Taten, es gibt womöglich auch historische Reden, doch bisher selten gehört wurde ein historischer Applaus. Franz Müntefering hat ihn bekommen, heute früh in Dresden, auf dem Bundesparteitag der SPD. Das letzte Wort – „Glückauf!“ natürlich – war kaum ausgesprochen, da standen die ersten und klatschten. Sie applaudierten ihrem doch eigentlich gescheiterten, jetzt Ex-Vorsitzenden, ganze vier Minuten lang, stehend. Von unserem Gastautoren Uwe Knüpfer auf dem SPD-Parteitag in Dresden

Das schien nicht jedem auf dem Podium so wirklich recht zu sein. Denn was als „Müntes“ Abschiedsrede angekündigt war, klang mehr wie eine Bewerbung um die Wiederwahl. Bald 70 ist der Sauerländer jetzt und kein bisschen müde. Allemal wirkt er in Dresden um vieles belebter als so mancher, der oder die vom Alter her sein Nachwuchs sein könnte. Heidi Wieczorek-Zeul etwa, die mal als „Rote Heidi“ galt, schlurfte wie eine Untote durch die Dresdener Messehallen. Was kaum aufgefallen wäre, hätte sie nicht immer noch, obwohl endlich nicht mehr Ministerin, einen Lakaien, der ihr ein Köfferchen hinterherrollen lässt.

Kritisch, in Maßen auch selbstkritisch, kämpferisch, aber auch nachdenklich, zurückschauend, vor allem aber nach vorne blickend, klug, aber auch die Herzen erwärmend: so soll wohl eine Programmrede eines Parteivorsitzenden sein. Franz Müntefering hat am Freitag in jeder Kategorie mächtig gepunktet. Und die Latte damit hoch gelegt für Sigmar Gabriel und Andrea Nahles, die ja angeblich jünger und unverbrauchter sind als er.

„Was uns damals (1998) den fulminanten Wahlsieg brachte, ging auf der Strecke schief.“ So kurz und knapp und klar hat ein Parteivorsitzender selten seine eigene Leistung und die seines Kanzlers auf den Punkt gebracht. Den Namen Gerhard Schröder nahm Müntefering übrigens nicht in den Mund. Auch nicht: Helmut Schmidt. Willy Brandt hingegen wurde gleich mehrfach zitiert: „Mehr Demokratie wagen Teil 2 ist fällig!“

Und die Bundestagswahl 2009? Wo die SPD einen neuen, durchaus achtbaren Kandidaten hatte und ein diskussionswürdiges Programm, volle Säle auch, zumindest hier und da, und mehr Geld ausgab, als die Kasse hergeben hat? „Wir waren einfach nicht interessant genug. Das klingt harmlos, ist es aber nicht. Wir waren für zu viele die von gestern.“

Noch, meint „Münte“, sei der Trend nicht wieder Genosse. Aber er werde es wieder: „Siege gelten auf Zeit, Niederlagen aber auch.“ Also: „Wir kommen wieder!“

Aber wie? Nach Müntefering durch eine Rückbesinnung auf das Eigentliche. „Wir haben das Soziale und das Demokratische in die Geschichte gebracht.“ Dass Leistung sich lohnen müsse, „das ist sozialdemokratisch.“ Die Kernidee der Sozialdemokratie – „Die Idee stimmt!“ – sei es, jeder und jedem die Chance zum Aufstieg und „zu einem guten Leben“ zu geben. „Eine Garantie dafür gibt es nicht, aber jeder muss die Chance dazu haben.“

So einfach klingt das, und ist doch so schwer. Einmal sei es fast mal so gewesen, in den Goldenen Jahren des späten 20. Jahrhunderts, als „alles die Tendenz hatte nach oben und nach vorn.“ So sei es aber heute nicht mehr. O-Ton „Münte“: „Das Faustrecht ist nicht tot.“

Man fragt sich nur, warum das Faustrecht eine Renaissance erleben konnte, während doch Sozialdemokraten regierten; ausgerechnet.  Vermutlich fragt sich Franz Müntefering das auch, aber nicht laut.

Irgendwann haben die Genossen ihren Kompass verloren. Vielleicht finden sie ihn ja in Dresden wieder. Irgendwo in der Nähe von August Bebels historischer Uhr.

1990 war der Abstand zwischen Union und SPD genauso groß wie heute, rechnete Müntefering vor, worin ein Trost stecken könnte, denn 1998 lag die SPD dann schon fünf Prozentpunkte  vor der Union. So viel lässt sich in nur acht Jahren bewegen! In acht Jahren, das wäre also 2017. Die übernächste Bundestagswahl.

Seit 1998, auch das verschwieg Müntefering nicht, hat die SPD, haben alle Volksparteien Millionen von Wählern an die Vertreter von Partikularinteressen verloren, auch an fotogene Schaumschläger und Schickimickipolitiker. Eine „latente Berlusconisierung“ nennt Müntefering diesen Trend, für sich durchaus glaubhaft versichernd: „Wir wollen nicht so sein!“

Als wäre der „Brioni-Kanzler“ nicht Mitglied der SPD gewesen.

Der scheidende Kapitän gab dem Tanker SPD jedenfalls den Kurs zur Wiederkehr vor. Erstens:  „Zurück an die Quelle, und die ist vor Ort!“ Was ja wohl heißt, den Kommunen wieder Luft zum Atmen zu geben, also Geld. Was in elf Jahren SPD-Regierung nicht gelungen ist.

Zweitens: „Diesen Kapitalismus stoppen!“. Was ja wohl heißt: das Bankenunwesen regulieren, Spekulationen besteuern, Boni beschränken. Also vieles zurückdrehen, was regierende Sozialdemokraten soeben erst „dereguliert“ haben.

Ob bei dem von ihm nun ausgerufenen Projekt 2017 auch Franz Müntefering noch eine Rolle spielen wird? Lassen wir ihn selber sprechen:

„Ich bin dabei. Ich bin Sozialdemokrat. Immer.“

Das war heute früh in Dresden sein vorletztes Wort.  

 

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7 Kommentare

  1. #1 | Schuri sagt am 13. November 2009 um 17:52 Uhr

    Franz müntefering hat eine phasenweise seltsame, eher unselbstkritische rede gehalten, die in einem fast schon irren
    „wir lieben das leben“ – denn wir sind sozialdemokraten, seinen
    wahnwitzigen höhepunkt hatte. Münteferings kompassnadel war in
    den jetzten jahren immer eingenordet auf führungskern,kungelei in
    partei und fraktion und kabinett. Er hat aus der hartz-kommission
    die arbeitsmarktwundertüte gemacht, weil die umfragen im keller
    waren. Wer dem pseudo-kernsozi immer noch aufsitzt und seinen
    abgelesenen sätzen zur demokratie in der partei, dabei hat der die bezirke
    eigenhändig rasiert, der scheint mir in dresden ein bissl sehr dicht
    dabei zu sein.

  2. #2 | Stefan Laurin sagt am 13. November 2009 um 17:58 Uhr

    Wenn ich Sozis lobe folgt ja in der Regel eine Katastrophe. Aber ich habe das Gefühl das Gabriel es hinkriegen könnte. Naja, wir werden es sehen.

  3. #3 | Burkard Schulte-Vogelheim sagt am 13. November 2009 um 20:09 Uhr

    Der alte Mann ist politisch tot – da trete ich nicht noch. Zu wünschen sei ihm ein gutes Leben im Alter, vielleicht noch die Freuden einer neuen Vaterschaft, mehr ist nicht mehr drin.

    Offen bleibt, welche der beiden sozialdemokratischen Parteien überlebt.

  4. #4 | Manfred Michael Schwirske sagt am 15. November 2009 um 20:09 Uhr

    Als Sozialdemokrat zucke ich jedes mal zusammen. Einer der zu oft zu Unrecht gelobt wurde. Ich will den Namen nicht noch einmal aufnehmen. Nur noch vergessen.

  5. #5 | Arnold Voß sagt am 16. November 2009 um 08:42 Uhr

    „Münte“ war schon immer ein Meister der (kurzen) Beschwörungsformel, sprich im schön reden. Wer keine Idee hat spricht Banales bedeutungsvoll aus. Und wenn keiner sonst eine Idee hat wird man damit Parteiführer. Es hat bekanntlich nicht genutzt. Am Ende nicht mal mehr ihm selbst.Und das ist gut so.

    Wenn das nicht seine Abschiedsrede gewesen wäre,hätte niemand geklatscht.So waren sie alle froh, dass sie klatschen konnten.So froh, dass sie gar nicht mehr aufhören wollten.Er hat doch seine Pflicht erfüllt. Er hat uns nicht verlassen.Er hat uns mit „klarer Kante“ geführt.Leider in den Untergang,aber doch ehrlich. Ein Sozialdemokrat eben. Der Weg ist das Ziel. Egal wohin. Hauptsache ich bin dabei. Für immer.Wenn das keine Drohung ist.

  6. #6 | borat sagt am 3. Dezember 2009 um 00:43 Uhr

    Münte du warst schon immer ein Mann großer Phrasen.
    Viel Glück in deiner Beziehung, zu Deiner Neuen.
    Hoffentlich stellt sich bald Nachwuchs ein.
    Wenn du dann 140 bist wirst Du deinen Kindern
    sicher erklären ,warum sie mit 70 noch keine
    ausreichende Altersrente erhalten können.
    Ach ,Du solltst ihnen auch noch von der SPD
    erzählen deren Untergang du eingeleitet hast.

  7. #7 | Arnold Voß sagt am 3. Dezember 2009 um 15:16 Uhr

    Um kein Mißssverständnis aufkommen zu lassen.Meine Kritik an der Politik und am politischen Selbstverständnis von Müntefering schmälert nicht meine Achtung vor seiner Person, sprich seinem Durchhaltevermögen, seiner Integrität und seiner Standhaftigkeit. Sein Privatleben ist dafür übrigens völlig irrelevant.

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