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Nach Mord in Frankfurt: Diskussion auf dem Rücken psychisch Kranker

Hauptbahnhof Frankfurt Foto: Urmelbeauftragter Lizenz: CC BY-SA 3.0

Schon seltsam: Forensische Gutachter sprechen Stunden und Aberstunden mit ihren Probanden, machen ausführliche psychologische Testungen und können am Ende trotzdem nur eine Wahrscheinlichkeit angeben. Selbsternannte TV-Experten hingegen können alleine aus dem Tatmuster schon eine Ferndiagnose stellen und uns das Seelenleben der Täter erklären. Und für durchschnittliche Kommentarspaltenbewohner ist die Sache noch viel einfacher: Der ist doch psychisch krank und solche Leute gehören für immer weggesperrt.

Als Psychiater werde ich mich hüten, Spekulationen über den Täter von Frankfurt zu verbreiten. Aber ich will die Spekulationen, die kursieren, ein wenig einordnen. Zunächst ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgendein Täter psychisch krank ist, immer hoch, weil die Wahrscheinlichkeit auch schon in der Allgemeinbevölkerung sehr hoch ist. Ungefähr jeder Dritte bekommt irgendwann in seinem Leben irgendeine psychische Erkrankung. Die Chancen stehen gut, dass Sie dazu gehören. Aber selbstverständlich sind da auch leichte Störungen dabei, genauso wie vorübergehende.

Aber auch schwere psychiatrische Störungen wie Schizophrenien führen normalerweise nicht dazu, dass Menschen zu Mördern werden. 98% aller Menschen sind nicht gewalttätig und 95% aller psychisch kranken Menschen sind auch nicht gewalttätig. Die Zahl derer, die andere töten, ist noch viel geringer. Dafür ist das Risiko, selbst Opfer von Straftaten zu werden, für psychisch Kranke deutlich erhöht. Wenn wir also von psychisch Kranken sprechen, die solche schrecklichen Taten wie am Frankfurter Hauptbahnhof begehen, dann reden wir von extrem seltenen und außergewöhnlichen Ereignissen.

Das Wenige, das wir bisher über den Vorgang und den Täter wissen, spricht tatsächlich für eine Störung. Die Tat an sich erscheint völlig sinnlos. Der Mann war offenbar bis vor Kurzem ein unauffälliger Bürger, der sein Verhalten plötzlich verändert hat, gewalttätig wurde, seine Familie bedroht hat, sich auf eine Art Flucht begeben hat. Es lassen sich Szenarien überlegen, in denen all das auch ohne Diagnose Sinn ergibt, aber zugegebenermaßen sind die weit hergeholt.

Wie sich aus den oben genannten Zahlen ergibt, können psychische Störungen sehr verschiedene Phänomene umfassen. Der Zwang sich die Hände zu waschen oder Angst vor Aufzügen sind (für andere) harmlos. Aber auch die schweren psychiatrischen Erkrankungen sind normalerweise harmlos, was die Gefahr für andere angeht. Ein Mensch mit einem Wahn, der meinetwegen glaubt, vom CIA verfolgt zu werden, der ist trotzdem ein mitfühlender Mensch mit Werten und Hemmschwellen und Vorstellungen davon, wie man miteinander umgehen soll. In manchen Fällen können solche Persönlichkeitszüge durch die Erkrankung erodieren. In manchen Fällen kann ein Kranker sich so sehr bedroht fühlen, dass er glaubt in Notwehr zu handeln, z.B. gegen vermeintliche Agenten des CIA. Und auch dann ist es immer noch wahrscheinlicher, dass er um sich schlägt und randaliert, als dass er jemanden tötet.

Die üblichen Mörder sind aber nicht solche psychotischen Menschen. Sie sind einfach Verbrecher. Vielleicht haben sie eine Persönlichkeitsstörung, also eine auffällige Charakterstruktur, die z.B. dazu führen kann, dass man keine Empathie empfindet, Regeln missachtet und den eigenen Vorteil sucht. Dagegen gibt es keine Medikamente. Und nur weil Psychiater diese Auffälligkeiten diagnostizieren und mit einem Namen benennen heißt das nicht, dass man die einfach ins Krankenhaus schicken und „heilen“ kann. Und auch in vielen anderen Konstellationen ist keine einfache Lösung möglich. Nicht immer sind Medikamente indiziert und wenn sie es sind, wirken sie nicht immer. Auch persönliche Krisen können „psychische Störungen“ sein, können Anlass sein, dass jemand mal bei einem Psychotherapeuten oder Psychiater war, sie können vielleicht auch Anlass für eine Straftat sein. Das Verlangen nach einer Droge kann zu kriminellem Verhalten führen oder die Psychose kann in einem vorübergehenden Rausch begründet liegen, ohne dass der Betroffene eine psychische Grunderkrankung hat.

Außerdem ist es illusorisch zu glauben, Ärzte könnten solche schlimmen Taten vorhersehen. Es gehört zum Wesen der Menschen allgemein und psychiatrischer Erkrankungen insbesondere, dass sie unberechenbar und unvorhersehbar sein können. Bevor ein gefährlicher Impuls entsteht, ist er (möglicherweise) auch für niemanden zu erkennnen. Natürlich gibt es Hinweise, die es zu verfolgen gilt, gibt es Konstellationen, die alarmieren müssen und es werden ja auch tagtäglich Menschen wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Gefährlichkeit in Kliniken gebracht. Man kann eingreifen, wenn man die Hinweise hat und es geschieht. Es gibt bestimmt auch Fälle, wo dabei Fehler geschehen. Aber es wird immer auch Fälle geben, in denen einfach niemand etwas falsch gemacht hat, außer dem Täter.

Wir haben forensische Psychiatrien, in denen solche Täter sitzen. Es muss Maßnahmen geben, um die Gesellschaft vor solchen Straftätern zu schützen. Es darf auch diskutiert werden, ob diese Maßnahmen verbessert werden können. Aber dies darf nicht auf dem Rücken der 95% harmlosen psychisch Kranken geschehen.

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20 Kommentare zu “Nach Mord in Frankfurt: Diskussion auf dem Rücken psychisch Kranker

  • #1
    Nina

    Der Täter war seit Januar wegen psychischer Probleme krank geschrieben. Ob er auch in psychiatrischer Behandlung war, darüber konnte ich bisher nichts lesen. Aber angenommen selbst wenn, selbst wenn in einer Klinik, beim einem niedergelassenen Psychiater etc. erkannt wird, dass ein Kranker ein Hochrisikopatient ist, weil er schizophren ist, weil er Drogen/Alkohol nimmt, weil er sich antisozial verhält etc. etc. Das heisst leider nicht, dass sich so etwas Schlimmes wie in Frankfurt voraussehen lässt.
    Bei schizophrenen Menschen scheint es ein erhöhtes Risiko für Gewalttaten zu geben, es gibt zahlreiche Studien dazu. Ich denke, dass durch bessere Behandlungsmöglichkeiten das Risiko minimiert werden kann (und wird), aber eine 100 %ige Sicherheit kann es leider auch hier nicht geben. 🙁

  • #2
    Robert Müser

    @ Robert von Cube

    Vielen Dank für diesen Artikel, der sich trotz des ernsten Themas wohltuend von dem Geschrei und Krawall des "gesunden Volksverstandes" abhebt.

    Beim Lesen der diversen Ergüsse in den sog. "sozialen" Netzwerken bzw. sonstiger verbalen Absonderungen diverser Politiker des rechten Randes habe ich mich gefragt ob da nicht auch kranke Seelen unterwegs sind.

  • #3
    Gerd

    Eine sonderbare Auffassung. Ob der psychisch krank ist oder nicht, ist nicht relevant. Er gehört so oder so für immer weggesperrt. Entweder als Mörder oder als mörderischer Irrer.

  • #4
    Ke

    In den letzten Jahren gab es viele populäre Fälle, bei denen es schwer vermittelbar war, dass die Täter noch frei herumliefen.
    Dann sind nach meiner Wahrnehmung die Täter oft in Behandlung gewesen.
    Hier stellt sich dann die Frage, wie es mit der Erfolgswahrscheinlichkeit und der Qualitätssicherung der Behandlungen aussieht.
    Wenn alles sehr unsicher bzgl des Erfolges ist, stellt sich die Frage, warum man es macht. Dies gilt bspw für Prognosen bzgl der Wiederholungsgefahr.

  • #5
    Klaus Lohmann

    @#3 Gerd: Haben Sie wirklich keine Freunde, die Ihnen eine psychologische Beratung empfehlen könnten?

  • #6
    Klaus Lohmann

    @Ke: Krankheiten sind *immer* "schwer vermittelbar", weil sie dem Zeitgeist und der Stilberatung widersprechen. Aber wir können ja auch jegliche Kranke komplett aus unserer Gesellschaft ausschließen, wenn’s zu unbequem wird. Darin haben wir ja vor 80 Jahren beste Erfahrungen gemacht.

  • #7
    Ke

    #6 K Lohmann
    Sie haben meinen Beitrag nicht verstanden.
    Mir geht es um die Qualität der Diagnose, der Qualität der Behandlung, die Qualität von Prognosen. Hier habe ich grosse Zweifel.

  • #8
    ruhrreisen

    Woher nehmen Sie die Zahlen?
    Es wäre doch interessant zu erfahren, wie, wo mit welchen Methoden gemessen wird, wann Psychisch Gestörten eine Gefahr für Andere sind.

  • #9
    Nina

    @#4 & b7 Ke:
    Die Sehnsucht nach 100%iger Sicherheit kann ich nachvollziehen, aber wir werde sie nie haben.
    Die Versorgung in Deutschland ist sehr gut. Man weiss auch schon sehr lange, dass es "Hoch-Risiko-Patienten" gibt und erkennt diese auch. Nur, wenn sich jemand bis dato unauffällig verhielt, was willst du da machen? Du kannst nichts machen.
    Es gibt sehr viele, sehr unterschiedliche psychische Erkrankungen-Angsterkrankungen, Depression, Eßstörungen, Demenz, Trauma, Psychose, … Nur wenige kranke Menschen gehören zur Risikogruppe, meist Patienten mit Schizophrenie.
    Ich persönlich denke, dass man u.a. mehr Präventionsambulanzen einrichten sollte wie diese hier:
    https://www.bezirkskliniken-mfr.de/fileadmin/user_upload/pdf/ansbach/praeventionsambulanz-bezirksklinikum-ansbach.pdf
    Andere denken an einen "Umbau" unserer Bahnhöfe, so dass man quasi erst dann durch ein Drehkreuz an das Gleis kommt, wenn der Zug bereits eingefahren ist. Ich weiss nicht, was ich davon halten soll. Das, was mir dazu einfällt, könnte pietätlos rüberkommen.

    @#8 ruhrreisen: Welche Zahlen meinst Du?
    Vielleicht hilft die CATIE-Studie da weiter. Am besten googlen "CATIE studie wenig erkenntnisgewinn aber, aber viele offene fragen". So heisst der Beitrag in der Zeitschrift Neuro-Psychiatrie, Themenheft Forensische Psychiatrie. Interessant wirds dann ab S. 4.

  • #10
    Ke

    #9 Nina
    Sichere Bahnhöfe mit einer Art Fahrstuhltür, gibt es auch bei der H Bahn und anderen selbstfahrenden Züge. Ein Zug ist auch nur ein horizontaler Fahrstuhl, und der Zugführer kann eigentlich sowieso bei den Bremswegen etc nichts machen.
    Warum nicht mehr automatisieren.? Zugführer fehlen doch sowieso.

    Das Leben ist ein Risiko, und das wird es bleiben.
    Ich wüsste aber gerne, wie gut die Erfolge der verschiedenen Behandlungen sind. Aus meinet selektiver Wahrnehmung werden sie überschätzt.
    KI Systeme zur Prognose von Wiederholungsgefahren haben auch meinem Stand versagt.

  • #11
    Nina

    @Ke #10: Deine Fragen sind durchaus interessant, aber dann brauchen wir konkrete Fragen und Zahlen, Daten, Fakten. Sonst bleibt es eine subjektive Wahrnehmung (die ich ja durchaus auch habe, wenn auch eine andere als Du nehme ich an).
    Du sprichst von Behandlung. Da muss man erstmal wissen, Behandlung welcher Erkrankung?

  • #12
    Irene

    "98% aller Menschen sind nicht gewalttätig " – wie ist das im psychiatrischen Kontext definiert? Allgemeine Gewaltbereitschaft gegen Unbekannte im öffentlichen Raum? (Der Autor ist ja wohl kaum der Meinung, dass nur 2 % der Eltern ihre Kinder schlagen oder dass das keine Gewalt ist.)

  • #13
    thomas weigle

    Diese Türsysteme funktionieren nur dort, wo alle Wagen die gleichen Abmessungen haben, also bspw in Metrosystemen. Im Bahnverkehr sind Wagen mit unterschiedlichen Abmessungen unterwegs, da Züge des Nah-und Regionalverkehrs andere Türabstände und Abmessungen haben als die Züge des Fernverkehrs, da im Nahverkehr v.a. auf die schnelle ein-und Ausstiege Wert gelegt wird, und diese in den Stoßzeiten in Regel auch besser frequentiert sind als Fernzüge. Ob das überhaupt flächendeckend bezahlbar ist? Und was passiert, wenn diese abscheulichen Taten an Bus-und Straßenbahnhaltestellen begangen werden?
    Da ist anderes dringlicher. Auch wenn das angesichts n Fälle erst mal hart klingt.

  • #14
    Robert von Cube Beitragsautor

    @12: Die Originalstudie zu der Zahl habe leider nicht mehr zur Hand, daher kann ich nicht sagen, wie genau die „gewalttätig“ definiert haben. Naheliegend wären Verurteilungen wegen Gewalttaten, weil sich das recht objektiv und repräsentativ erheben lässt.

  • #15
    ruhrreisen

    #14
    Seriös ist das nicht. Wenn hier über statistische Zahlen berichtet wird, (95 Prozent der psychisch Kranken sind nicht gewalttätig) braucht es Quellen.

  • #16
    Nina

    @ruhrreisen: Zahlen hatte ich Dir bereits in #9 angeboten falls Du inhaltlich diskutieren magst. 🙂

  • #17
    Robert von Cube Beitragsautor

    @15: Ich hatte die Zahlen schon mal für einen Vortrag rausgesucht, die Quelle war in Ordnung. Ich komme momentan aber nicht an den Computer, auf dem das gespeichert ist. Haben Sie andere Zahlen?

  • #18
    Ute Becker

    Leider heißt es heute in den Medien immer gleich der Kriminelle ist psychisch krank. So entsteht doch in der Gesellschaft der Eindruck, dass alle psychisch Erkrankten kriminell sind. Oder Kriminelle wollen sich nach ihren Taten hinter einer Diagnose verstecken. Wenn ich klauen gehe, habe ich eben Kleptomanie etc. Da sollte man wirklich mal genau hinsehen, bevor man einfach in Verbindung mit Verbrechen eine vermeintliche Diagnose in die Öffentlichkeit posaunt. In Hamburg ist ein Betroffener am UKE durch Gewaltanwendung vom Sicherheitsdienst ins Koma gefallen und anschließend verstorben. Die Medien schüren mit ihren Berichterstattungen die Angst vor psychisch Erkrankten, so dass lieber mal gleich der Sicherheitsdienst gerufen wird in der Klinik, wo ja eigentlich den Menschen geholfen werden soll. Das Pflegepersonal sitzt im Glaskasten, statt beim Patienten.
    Kriminelle gehören in den Knast und kranke Menschen ins Krankenhaus.

  • #19
    Ute Becker

    Und hier noch mal ein Hinweis, weil ja ganz oft von Schizophrenie oder Psychose gesprochen wird: Dorothea Buck hat sehr schöne Bücher geschrieben und zwei Bundesverdienstkreuze für ihre Arbeit bekommen. Sie war damals selbst an Schizophrenie erkrankt und ist seit fast 60 Jahren symtomfrei und heute 102 Jahre alt. Wer sie über Google aufruft, wird sehr viel wissenswertes erfahren.

  • #20
    Nina

    @Ute Becker #18/19: Ich denke es hat sich in den letzten 15 Jahren wahnsinnig viel geändert und etliche psychische Erkrankungen sind keine Exoten mehr. Es gibt viel Aufklärung und Akzeptanz mittlerweile, insb. bei den zahlenmäßig hoch vertretenen Diagnosen der Angsterkrankungen und der Depression. Ich habe den Eindruck, dass hierüber auch immer mehr Menschen Bescheid wissen und wertfrei damit umgehen wie mit anderen Erkrankungen auch.
    Man sollte jedoch keine Angst haben, Fakten zu benennen. Und es ist wohl ein Fakt, dass insb. bei der Diagnose Schizophrenie ein Teil der Menschen ein erhöhtes Risiko hat, gewalttätig zu werden-gegen Dinge und gegen Menschen. Siehe CATIE-Studie (schau mal unter meinem Kommentar #9). Darüber sollte man sprechen, und zwar sachlich. Es bedeutet nicht, dass jeder mit der Diagnose Schizophrenie kriminell wird. Hier scheint es in der Öffentlichkeit einen Nachholbedarf an Information zu geben, da bin ich ganz auf Deiner Seite.

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