Corona: „Das Gaspedal muss warten, leider noch eine ganze Weile!“


Von unserem Gastautor Dirk Specht.

Dass Covid-19 sich nicht von selbst verzogen hat und auch im Sommer sehr aktiv sein kann, sieht man an den Daten der USA, wo mangels Gegenmaßnahmen wie ein Uhrwerk Neuinfektionen und ebenso Sterbefälle erzeugt werden. Auch die Gerüchte über abschwächende Mutationen des Virus lassen sich in den großen Zahlen nicht ablesen. Es war insofern richtig, auch den Sommer in Europa nicht zur coronafreien Zeit zu erklären.
Nun steigen aber – wohl kaum zufällig mit Ablauf der Feriensaison – in den eng verbundenen Ländern Kerneuropas die Zahlen wieder rasch an. Wer dieses Mal Viren von wo nach wo eingeschleppt und durch Fehlverhalten in der Freizeit ordentlich vermehrt hat, lässt sich in den Laboren recht gut nachverfolgen und das wird auch passieren. Im Frühjahr lautete der wesentliche Verbreitungsweg nachweislich von China über Italien nach Europa – primär über Tourismus. Warten wir ab, was die Forscher nun herausfinden und hoffen wir mal, dass es den Tourismus und Zusammenhalt in Europa nicht noch mehr belastet.
Mit Blick auf die Hotspot-Ereignisse, die maßgeblich zu diesem Anstieg beigetragen haben, darf man diesen Anstieg über den Sommer gewiss als überflüssig bezeichnen. Zudem beschert er zu Beginn der kühleren Jahreszeiten eine Basis, die besser sein könnte.
Spanien und Frankreich sind bereits jetzt in einer Situation, die zumindest lokal wieder schärfere Gegenmaßnahmen erforderlich macht. Beide Länder trifft das in einer besonders tief gefallen Wirtschaftsleistung – um deren Schutz es nach Leib und Leben natürlich auch geht. Erneut ein Beleg, dass diese Ziele nicht zu trennen sind, auch dieser Unfug im Denken muss mal aufhören.

Leider beschleunigen sich die Daten auch in Italien nun sehr rasch. Das Land hatte sich über den Sommer nach meinem Eindruck besonders bemüht, eine weitere humanitäre Katastrophe zu verhindern. Wer dort aber – wie ich – den Verhaltensunterschied von Einheimischen gegenüber vielen Urlaubern beobachten durfte, bangt nun in der Tat ob der Frage, wer das Virus maßgeblich vermehrt hat. Auch ein zahlender Gast ist immer noch Gast und Repräsentant seines Landes, das wurde in den letzten Jahren von vielen missachtet, in Pandemiezeiten käme es ganz besonders darauf an!

Die Politik in Deutschland hat zuletzt eher mit Positivbotschaften kommuniziert, was ich angesichts der angespannten Stimmung im Land auch richtig finde. Es ist schon eigenartig, dass die Stimmung bei uns eben deshalb so angespannt ist, weil so relativ wenig gestorben wurde. Das macht die Sache eigentlich noch ein gutes Stück widerlicher, zumal wir mit Blick nach Asien natürlich auch zu der Erkenntnis kommen könnten, dass bei uns relativ viel gestorben wurde.

Ob die nun gegen die Stimmung gerichteten Positivbotschaften zur Verbesserung beitragen, muss sich zeigen. Kaum gibt der Bundesgesundheitsminister zu Protokoll, dass in der Tat nicht alle im Frühjahr adhoc ergriffenen Maßnahmen notwendig waren, heizt das in vielen Kreisen die Hetzerei wieder an. Dabei hatte schon der sogenannte Chefvirologe Drosten im Frühjahr gesagt, so ein Lockdown sei zweifellos eine übertriebene Maßnahme, weil er natürlich Situationen unterbinde, die keine Infektionsgefahren mit sich bringen. Aber so lange man keine Mittel habe, die Infektionsgefahren gezielter zu unterbinden und so lange diese auch zu wenig erforscht seien, könne man natürlich nur eine Vollbremsung vornehmen. Was ist daran nur so schwer zu verstehen? Warum kann man das nicht akzeptieren?

Wie viel weiter wir nun mit gezielteren Maßnahmen sind und welche Rolle dabei die Mitwirkung oder eben Zerstörungswirkung der Gesellschaft spielt, sollte in der Tat positiv angegangen werden. Dass es so bleibt, wie wir momentan aufgestellt sind, muss leider trotzdem bezweifelt werden. Auch bei uns ist die Basis zu hoch und das kühlere Wetter zieht nun für eine deutlich längere Zeit als im Frühjahr heran.


Eine Wiederholung der Tragödie in Südeuropa und des Desasters bei uns ist gewiss nicht ausgeschlossen. Wie schnell man da ist, muss nicht wiederholt werden, es ist ein Spiel mit einem Gegner, der weitaus schneller ist, als unsere immer noch trägen Gegenreaktionen.
Dennoch muss erneut darauf hingewiesen werden, dass wir (noch) einen großen Abstand zum Frühjahr haben, denn die Kurven mit den Neuinfizierten (Chart 1) erlauben keinen Vergleich. Im Frühjahr sind die Testinfrastrukturen überall zusammengebrochen, so dass wir deutlich mehr Fälle als ausgewiesen hatten. Jetzt geben die Daten ein besseres Bild ab. Das ist erkennbar an Modellrechnungen verschiedener Institute, mit denen – derzeit noch sehr ungenau, daher solche Unterschiede – die tatsächlichen Infiziertenzahlen hochgerechnet werden. Chart 2 zeigt das am Beispiel Spanien und man sieht sehr deutlich, dass die Epidemie nicht im Stadium des Frühjahrs ist.

Im Sinne eines Ampelsystems würde ich sagen, dass wir in Spanien und Frankreich gerade von grün auf gelb gewechselt sind, in Italien droht angesichts der Geschwindigkeit bald gelb und Deutschland ist noch grün. Leider steht an der Ampel aber ein Formel1-Renner mit einem unerfahrenen Fahrer, der zunehmend die Lust an der Vorsicht verliert. Der sollte verstehen: Es bedarf immer noch der Bremse, das Gaspedal muss warten, leider noch eine ganze Weile!

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5 Kommentare

  1. #1 | ccarlton sagt am 7. September 2020 um 18:52 Uhr

    Bereits die Aussagen im ersten Satz zur Situation in den USA ist falsch. Setzt man die absoluten Zahlen in Relation zur Größe der Bevölkerung und Zahl der Tests, stehen die USA besser da als einige europäische Staaten. Ebenfalls und sehr offensichtlich falsch ist die Aussage, es gäbe in den USA keine Maßnahmen zur Eindämmung von Covid 19.

  2. #2 | Susanne Scheidle sagt am 7. September 2020 um 23:37 Uhr

    Mir schwant nix gutes, wenn ich jetzt z. B. lesen muss, dass demnächst wieder Sportveranstaltungen mit Zuschauern erlaubt werden sollen, vor allem weil zu befürchten ist, dass dann sofort auch Begehrlichkeiten von anderen kommen: Die Karnevalsvereine stehen in den Startlöchern, den Zeigefinge schon in Hab-Acht-Stellung (wenn die dürfen, warum dürfen wir dann nicht?), es wird ernsthaft darüber nachgedacht, Weihnachtsmärkte zu veranstalten und Konzerte mit 13.000 Besuchern sind geplant…
    Geht's noch?
    Ersatzweise ist man dann aber sehr strikt wenn es um die Installation von Heizpilzen vor Restaurants geht, obwohl Cafés, Restaurants und Kneipen inzwischen wirklich auf dem letzten Loch pfeifen.

  3. #3 | Susanne Scheidle sagt am 8. September 2020 um 00:31 Uhr

    @ ccarlton

    Kann es sein, dass Sie an akutem Realitätsverlust leiden?
    Dafür müssen Sie sich nicht schämen, das grassiert gerade!
    Aber zum Glück gibt es Abhilfe:
    Z. B. der Blick auf die Zahlen des Worldometers der JHU (das ist eine Universität in Baltimore/USA).
    Da ist ganz klar zu entnehmen, dass die USA bei den Zahlen der Infizierten je 1 Mio Einwohner auf Platz 10 stehen – und auf Platz 1-9 kein europäischer Staat außer San Marino (eine Enklave auf italienischem Gebiet mit knapp 34.000 Einwohnern).

    Natürlich sind auch in den USA Maßnahmen ergriffen worden, um die Pandemie einzudämmen – allerdings auf Länderebene und POTUS hat alles getan, diese Maßnahmen zu torpedieren, indem er das Tragen von Masken als unpatriotisch erklärt hat und bewaffnete Milizen ermuntert hat, gegen die Anordnungen demokratischer Senatoren vorzugehen.
    Als kleinen Überblick wie man die Dinge in den USA selbst sieht – zumindest in vernunftbegabten Kreisen – und als zusätzliche Medizin gegen Realitätsverlust empfehle ich folgende Seiten:

    https://time.com/
    und
    https://www.theatlantic.com/world/

    Versuchen Sie einfach mal, es hilft!

  4. #4 | Arnold Voss sagt am 8. September 2020 um 09:13 Uhr

    "Die Zeiten des exponentiellen Anstiegs der Anzahl der Erkrankten und der Todesfälle sind im deutschsprachigen Raum seit fünf Monaten vorbei. Der momentan zu verzeichnende Anstieg an Test-positiven ohne gleichzeitige Zunahme von Hospitalisierungen, Intensivbehandlungen und Todesfällen rechtfertigt derzeit keine einschneidenden Maßnahmen, die über die übliche Hygiene hinausgehen."

    "Es gibt insgesamt noch sehr wenig belastbare Evidenz, weder zu COVID-19 selbst noch zur Effektivität der derzeit ergriffenen Maßnahmen, aber es ist nicht auszuschließen, dass die trotz weitgehend fehlender Evidenz ergriffenen Maßnahmen inzwischen größeren Schaden anrichten könnten als das Virus selbst."

    aus : https://www.ebm-netzwerk.de/de/veroeffentlichungen/covid-19

  5. #5 | ccarlton sagt am 8. September 2020 um 14:06 Uhr

    Frau Scheidle,

    wenn Sie nicht in der Lage sind auf eine ihrer Meinung nach falsche Aussage zu reagieren, ohne gleich beleidigend zu werden, dann sollten Sie gar nicht reagieren.

    Die Infografik des ZDF gibt für die USA bei 11,8 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner an, während Spanien bei 19.1 liegt.

    Ihre Aussage es wären nur nur 'Länderebene' Maßnahmen ergriffen worden und daß 'Trump bewaffnete Milizen ermuntert hat, gegen die Anordnungen demokratischer Senatoren vorzugehen' zeigt, daß Sie sehr wenig von den USA wissen.

    Selbstverständlich wurden hauptsächlich von der Ebene der Bundesstaaten Maßnahmen ergriffen. Weil die amerikanische Bundesregierung gegenüber den Bundesstaaten nur sehr eingeschränkte Kompetenzen hat. Ein Senator hat gar keine, vermutlich meinen Sie Gouverneure. Und es ist nicht so, daß die Bundesregierung untätig gewesen wäre. Sie hat z.B. die Grenzen der USA geschlossen, einen Krisenstab eingerichtet und versucht Schutzausrüstung zu beschaffen. Das alles hat sie früher getan als die hiesige Bundesregierung.

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