Jugend Kultur Zentren 2010 – Teil 6

In dieser Reihe wurden zunächst klassische Soziokulturelle Zentren vorgestellt. Mittlerweile geht es dem Autor weniger um die ehemaligen Hausbesetzer der 80er und Kulturbeamten von heute, sondern um lose Zusammenschlüsse von Menschen, die dabei eigenständige Formate entwickeln und Projekt orientiert auch einmal mit öffentlichen Institutionen zusammen arbeiten (so z.B.). Im Gespräch diesmal: Patrick Matzmohr und Oliver Grunau von u.a. Supercity und Elektronische Wiese.

 

Ruhrbarone ?: Ihr seid an zwei größeren Projekten aus Essen beteiligt, die sich mit elektronischer Musik beschäftigen. Wie kommt man zu so etwas?

Patrick Matzmohr: Die Idee zur Elektronischen Wiese gab es schon vor zehn Jahren, als ich auch schon DJ war und mich fragte, warum diese Musik keine Berücksichtigung findet beim Werdener Pfingst OpenAir. Und da kommt dann eins zum anderen, denn mir fiel auch auf, dass auf der „Made in Essen“-CD, die von der Sparkasse herausgebracht wird, ebenso nie etwas Elektronisches zu finden ist. Insofern war der Name „Supercity“ also eher ironisch gemeint. Der Name wurde das erste Mal sogar ganz einfach als Ortsangabe verwendet, auf einem Flyer für eine Veranstaltung mit Matthias Tanzmann im Baikonur. Einige Jahre später habe ich dann über Musikprojekte und Veranstaltungen den Oliver kennengelernt.

Oliver Grunau: Patrick hat damals mit Tim Krischak zusammen Musik produziert, der wiederum bei meiner Vinyl Lounge im Bahnhof Süd aufgelegt hat. Das war dann direkt eine sehr entspannte Zusammenarbeit, uns war aber recht bald klar dass wir noch mehr Leute aus diesem Bereich zusammen führen, Kräfte bündeln wollten. Und daraus wurde dann eben auch Supercity.

?: Wie organisiert man so eine Zusammenarbeit?

P.M.: Vor allem muss da erstmal etwas raus das man parat hat, veröffentlichen will. Das Supercity-Logo zum Beispiel war innerhalb einer Stunde fertig. Wie man das in Form gießt, das kommt erst später. Ich als Freiberufler schied aus, also hat Oliver für Supercity dann ein Kleinunternehmen gegründet. Und wir fragen einfach befreundete Läden, ob die unsere CD verkaufen wollen. Der Profit fließt dann in die nächste CD, vielleicht auch einmal in Shirts und Badges. Ähnlich bei der Elektronischen Wiese: Mittlerweile gibt es ein kleines Budget, von dem dann auch einmal ein Gast-DJ eingeladen wird, aber alles funktioniert vor allem durch freundschaftliche Kontakte und auch ohne Sponsoren oder klassische Medienpartner (Foto: Patrick Matzmohr).

O.G.: Supercity haben wir auch begonnen ohne einen Mehrjahresplan á la „ Da muss jetzt ein erfolgreiches Label dabei herauskommen“. Idee war eher: „Hier ist Essen, wir gucken uns um und machen dann einfach mal.“ Einen Stein ins Rollen bringen und gucken was passiert.

?: Man behält natürlich so auch die künstlerische Kontrolle. Dabei fällt dann aber schon auf, dass eine Vinyl-Lounge mit elektronischer Musik in einem Laden wie dem Bahnhof Süd natürlich erst einmal wie eine recht gewagte Kombination aussieht. Immerhin interessieren sich ja selbst Clubgänger außerhalb des Wochenendes nur bedingt für diese Musik, und die Klientel im Süd, zumindest bis zum Start der Reihe, doch wohl eher gar nicht.

O.G.: Ich musste da schon recht vorsichtig rangehen an die Sache damals. Der Inhaber meinte zwar: „Bring mal etwas frischen Wind hier rein, Olli. Mittwochs.“ Aber man musste schon signalisieren: „Kein Stress, keine Kasper.“ Eher Leute an den Plattenspielern, die den Lounge-Gedanken gut umgesetzt haben. Darauf haben die alteingesessenen Rockleute dann gut reagiert, vor allem aber wurde die Vinyl Lounge ein Anlaufpunkt für Musiker der Stadt. Wirtschaftlich brachte das konkret gar nicht viel, so dass die Reihe eines Sommers eingestellt werden sollte. Die Abschiedsparty war dann aber so ein Riesenerfolg, wir mussten einfach weitermachen und haben mit der Sandbar zusammen anschließend noch viele erfolgreiche Veranstaltungen gemacht. Es lief also doch. Und außerdem: Es interessieren sich wesentlich eher allgemein für Musik aufgeschlossene Leute für die Supercity-CD als der typische Partygänger.  Da geht über die Identifikation mit der Stadt natürlich dann auch so ein bisschen was zusätzlich bei den Leuten.

?: Inwiefern hat das alles denn dann einen (pop-)kulturellen Wert, gerade jenseits des kaum vorhandenen Profits?

P.M.: Das ist wie so ein Wecker, der gestellt ist und irgendwann losgeht. Die Uhrzeit kennen wir selbst nicht. Das funktioniert ja dann auch rückwirkend, dass Leute irgendwann bemerken: Ach, der DJ hat da ein Stück drauf? Und der produziert ja auch mit dem zusammen? Und wir denken uns ja auch Slogans aus wie „same city, different electronic music“ oder „du bist wir sind du“, damit die Leute Hinweise bekommen, dass in dieser Stadt auch anderes passiert als das Übliche.

?: Bei Köln in Teilen und vor allem in Berlin hat man ja immer ganz subjektiv das Gefühl, dass da selbst der Großneffe von Willy Millowitsch so ein bisschen auch von dem Gefühl getragen wird: Hey, hier ist eine Stadt mit einer weltweit beachteten Popkulturszene. Und das ist hier ja erst bedingt so. Da hat dann Katernberg mal einen großen Tag wenn Freakatronic im Shanghai spielt, oder Altenessen wenn Kreator Topact in Werden ist…

O.G.: Umso schöner, wenn das dann unkompliziert und ohne größeren Einfluss von außerhalb funktioniert. Und die Möglichkeiten, Essen als wichtige Stadt für elektronische Musik zu etablieren, die waren ja immer mal da, von Europas größter Disco, dem Pink Palace, über ganz andere Läden wie das Baikonur oder das Fink, wo eben immer auch Leute von hier Feder führend waren und sich präsentieren konnten. Und an Musikalischem gab es halt früher The Fair Sex oder The Eternal Afflict, und seitdem gab und gibt es immer wieder Leute von hier, die aber eben nicht allzu übermäßig wahrgenommen werden.

P.M.: Ich hatte mal mit Thomas Geier (früher Rote Liebe, jetzt u.a. bei der Band Festland) so eine Diskussion, bei der er diese gewisse Langeweile hier als eher attraktiv bezeichnet hat. Dass eben nicht alle rumlaufen als wäre eine Kamera hinter ihnen her. Und das ist ja wohl gut nachvollziehbar. Man hält sich hier auf, man kann da drin leben, so meint er das wohl. Ich hätte es gerne schon etwas aufregender, mit ein klein wenig mehr Glamour und so, aber das ist ja auch Geschmackssache. Und andererseits müssen sich die Leute auch erst einmal für die Themen und Leute hier interessieren, auch die Medien und Veranstalter.

?: Wobei es ja auch angenehm ist, wenn man eben nicht pausenlos Radio-, Video- oder TV-kompatible Popformate basteln zu meinen muss, nur weil irgendwelche Sender in der Nachbarschaft das direkt oder indirekt einfordern. Ihr hingegen habt jetzt eine neue CD mit interessanter, eigenständiger Musik aus Essen draußen und macht auch noch eine Party dazu…

O.G.: Ja, kommenden Mittwoch, 10. Juni im Essener Goethebunker. Da legen dann auch die Künstler von der CD fast alle auf oder machen einen LiveAct. Alles zugunsten der nächsten Veröffentlichung natürlich.

?: Besten Dank und viel Erfolg weiterhin!

Dinge, für die die Finanzkrise leider zu spät kam

Die Finanzkrise ist Mist. Menschen müssen kurz arbeiten, oder gar nicht mehr. Länder gehen Pleite. Banken, Versicherungen und Konzerne sowieso. Dazu feiert Vater Staat ein Comeback, durch das selbst Martin Schulz (SPD) aus Würselen ein bisschen wie Barack Obama klingt. Die Finanzkrise hat aber auch guten Seiten: Wettbüros, die so tun, als wären sie Banken, finden wir jetzt doof. Genauso künstliche Palmeninseln vor Dubai, das fernöstliche Hochhauswettrüsten, den Rhein für Hochseedampfer ausbaggern. Doch für manche Dinge kommt die Finanzkrise zu spät. Heute: Die Siemens cookingLounge.

Abbilddungen: ruhrbarone

In der Bayern München Spielstätte von Fröttmaning direkt neben einer Mülldeponie, diesem Stadion am Ende der Welt, das seine Außenhaut wie ein Chamäleon verfärben kann und doch nur aussieht wie ein breit getretener Golfball, in diesem Stadion kann man nicht nur mit dem BMW vor die VIP-Lounge vorfahren und dann abgehalftetere und/ oder wechselwillige Fußballweltstars ansehen. Hier kann man jetzt auch Kochen lernen.

Ein Koch namens Stefan Ziemann betreibt mitsamt dem Münchner Weltkonzern Siemens hier eine Kochschule mit Hochleistungsküche und Logenfenster – was eine genauso beknackte Geschäftsidee ist wie hier eine Bibliothek, ein Kino oder ein Theater zu eröffnen. Doch statt den Ball flach zu halten, und die Stadionpanoramaküche zu den anderen Nieten wie die Rolltreppe ins Nichts (klick) zu legen, haut Siemens im aktuellen Magazin der Süddeutschen Zeitung kräftig auf die Sahne.

"Wenn die Fußballstars des FC Bayern München in die Allianz Arena einlaufen", schreiben die stilblühenden Konzerntexter, "verwandelt sich das Stadion in einen brodelnden Hexenkessel. Ein Kessel, in dem man nun auch kochen kann, denn für fußballbegeisterte Genießer hat Siemens im schönsten Stadion der Welt einen besonderen Ort geschaffen." Oink.

Ich wiederhole: Siemens hat den "fußballbegeisterten Genießer" entdeckt, für den es im "schönsten Stadion der Welt" (?) jetzt das Angebot gibt, "während rundum die Emotionen hochkochen", auf 160 Quadratmetern "Spitzengastronomie und Fußball" zu "genießen". Der fußballbegeisterte Genießer darf auch wählen, ob er während des Spiels mit einem Menu bekocht wird oder ob sich für ihn an das Fußballspiel "noch ein exklusiver Kochkurs" anschließt.

  Ich versuche es mir vorzustellen, bin schließlich auch fußballbegeistert und ein Genießer: Ich fahre  Samstags zum FC Bayern in die cookingLounge, treffe auf andere Genießer, stehe um den Herd von Herrn Ziemann. Während sich draußen die Spieler warm machen, gucke ich zu wie der putzt, schneidet und brutzelt. Setze mich zum Anpfiff auf die Freischwinger, plaudere mit Tischnachbarn, höre Stadionatmosphäre, sehe mal zum Stadion TV mal aufs Spielfeld. Es gibt einen leckeren Tropfen aus dem Rheingau, es duftet nach Basmatireis und Noilly Prat. Und für die Halbzeitpause hat Herr Ziemann was ganz besonderes in Petto: "Meine Empfehlung zur Halbzeitpause: Mit Vanilleschote gepiercter Seeteufel an Risotto und Frühlingszwiebeln".

Ich schätze mal, auch beim schrumpfenden, kriselnden Weltkonzern Siemens möchte man einige Geschäftsideen der letzten Jahre gerne ungeschehen machen: mit bundesdeutschen Handyschraubereien angefangen zu haben, blind auf die Einschienenbahn (klick) zu setzen, die geschmierten Pseudogewerkschaften. Auch die Kochschule im Fußballstadion dürfte bald dazu gehören. Das kommt dann bei der nächsten Wirtschaftskrise unter die Räder.

Ist die Piratenpartei die SPD von heute?

Viele meinen, die Piratenpartei sei eine Protestpartei ohne Substanz. Das war die SPD auch einmal. Immerhin sind die Sozialdemokraten heute keine Protestpartei mehr.

Der 1863 gegründete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) von Ferdinand Lassalle war, wie die Piratenpartei heute, eine Protestgruppe mit einem minimalistischen Programm, ganz auf die Interessen einer gesellschaftlichen Gruppe zugeschnitten, die von den herrschenden Schichten nicht wahrgenommen wurde, und für die sich niemand einsetzte. Die Arbeiter. Es ging um das Wahlrecht und Unternehmen in Arbeiterhand. Die Forderungen waren selbst im eigenen politischen Umfeld der gerade entstehenden Arbeiterbewegung umstritten und stießen beispielsweise bei Karl Marx auf offene Ablehnung. Später wurde aus diesem kleinen Verein die SPD.

Lassalle selbst war eine schillernde Figur, die für Aufmerksamkeit sorgte, selbst von Bismarck empfangen wurde und ein Jahr nach Gründung des ADAVs bei einem Duell um die Gunst von Helene von Dönniges starb. Er versuchte, bei einem Shootout den Vater von Dönniges zu töten, der gegen eine Heirat der beiden war – und verlor.

Der ADAV wurde 1863 kaum ernster genommen als die Piratenpartei heute. Wenn die Piratenpartei heute als naive Protestpartei ohne klare Antworten zur Lösung der Probleme zwischen Netizens und Restgesellschaft beschrieben wird, erinnert das etwas an die damalige Kritik an Lassalle und seinem Programm.

Wie Christian Stöcker in seinem Spiegel-Online Beitrag "Die Generation C64 schlägt zurück" beschrieben hat, gibt es längst eine Gruppe, die sich selbst stark in der digitalen Welt verortet. Ihr Kommen hat sich über Jahrzehnte angekündigt: Sie wurde von Sherry Turkle in „Die Wunschmaschine“ (Org. 1984) ebenso beschrieben wie in „Leben im Netz“ (Org. 1995) und bekam von Matthias Horx 1984 (damals noch kein „Zukunftsforscher“ sondern Journalist) den Namen Chip Generation verpasst – unter dem Titel veröffentlichte Horx damals einen „Trip durch die Computerszene“. Und wie so häufig, wurde dieses Kommen von der Politik und ihren Beratern komplett ignoriert. Das Internet ist für sie vor allem eine Möglichkeit über Twitter, Facebook und Blogs billig PR zu verbreiten – als zumindest partieller Lebensraum von immer mehr Menschen, wird es nicht wahrgenommen.

Die Bewohner des Netzes sind in den vergangenen Monaten von der Politik nicht nur ignoriert – was den meisten von uns wahrscheinlich ziemlich egal gewesen wäre – sondern offen attackiert worden: Netzsperren, das absurde Verbot von „Killerspielen“ und die Ankündigung von Wiefelspütz, weitere Online-Inhalte zu sperren, wird von vielen als genau das empfunden: Ein Angriff auf ihre Art zu leben und das initiiert von Menschen, die schlicht nichts anderes als digitale Analphabeten sind. Nicht wenige der Netizens werden morgen vielleicht die Piraten wählen. Die romantische  Unabhängigkeitserklärung des Cyberspaces, von John Perry Barlow 1996 verfasst, scheint so aktuell wie nie.

Es gibt das Argument gegen die Piraten, dass es sich nicht lohnt eine kleine Partei zu wählen, sondern dass es sinnvoller ist, die Inhalte, die einem wichtig sind, in die großen Parteien einzubringen. Das Argument hat einen langen Bart und wurde schon immer von den Anhängern etablierter Parteien vorgebracht. Und es ist falsch. Es hat sich für die Arbeiter gelohnt, im 19. und 20. Jahrhundert die SPD zu wählen, um die eigenen Interessen voran zu treiben, und es war für die Ökos der 80er richtig, für die Grünen zu stimmen und nicht darauf zu setzen, dass SPD, CDU und FDP sich irgendwann einmal des Themas Umwelt annehmen. Wer glaubt, eine Partei von innen verändern zu können, ist wahlweise naiv oder dumm: Gerade bei den großen Parteien findet Politik auf Ortsvereinsebene, da, wo das Neumitglied sich engagieren kann, kaum statt. Ein Freund von mir bezeichnet die Treffen seines SPD-Ortsvereines als „Rentnerbespaßung“ und meidet sie längst. Bei der CDU sieht es kaum anders aus. Wer da etwas bewegen will, muss bereit sein, große Teile seiner Lebensenergie zu verschwenden – aus guten Gründen will das kaum jemand, weswegen die Parteien unter Mitgliederschwund und Überalterung leiden.

Die Wahl der Piratenpartei kann die Interessen der Netizens, der Generation C64, vorantreiben. Wenn morgen die Piratenpartei via Schweden in das Europaparlament einzieht und in Deutschland ein Ergebnis jenseits der 0,5 Prozent erreicht, sind die Forderungen einer Gruppe auf dem Tisch, um die sich die Altparteien bislang kaum gekümmert haben. Wenn dann Vertreter der Piratenpartei in Talkshows auf Figuren wie Wiefelspütz treffen, die nicht die geringste Ahnung haben, wovon sie überhaupt reden, werden die ihr blaues Wunder erleben: Die Spitze der Piratenpartei besteht aus IT-Fachleuten, Naturwissenschaftlern und Ingenieuren die wissen, wovon sie reden. In der Politik eher die Ausnahme als die Regel.

Klar, das Programm der Piratenpartei ist noch nicht dazu angetan, sie den Kanzler stellen zu lassen – aber es gibt im Europawahlprogramm klare Aussagen zur Verfassung der EU, zur Militärpolitik und zum öffentlichen Nahverkehr. Für nahezu alle Fragen rund um die Digitalisierung der Gesellschaft haben hingegen die Altparteien kaum Antworten – und die hat gerade erst begonnen.

Die Piratenpartei kann zu einem Muster für eine offene Kommunikation werden und sich, wenn genug Leute mitmachen, noch gut entwickeln. Parteien sind langfristige Projekte, deren großer Erfolg sich oft erst in Jahrzehnten einstellt. Die Piratenpartei ist ein spannendes Projekt – vielleicht floppt sie, vielleicht wird sie ein Erfolg. Aber eines ist heute schon klar: Wer morgen die Piraten wählt, wirft seine Stimme nicht weg. Nach all den Berichten  über diese Partei wird auch der kleinste Erfolg medial große Wirkungen haben und die anderen Parteien zwingen, sich zur Digitalisierung und zum Netz zu positionieren. Das wäre doch schon mal was – und die Europawahl ist dazu eine gute Gelegenheit: Wir wählen bei der Europawahl ein Parlament, das kein Initiativrecht hat und über weite Teile des EU-Haushaltes noch nicht einmal mitreden darf. Und in das die Parteien ihre zweite und dritte Garde schicken – also kann man mit seiner Stimme experimentieren. Viel zu verlieren haben wir dabei nicht.

Twitterwette Europawahlprognosenpetze

Wenn Morgen um 18.00 Uhr die offiziellen Prognosen über die Europwahl im Fernsehen veröffentlich werden, werden viele von uns diese Zahlen schon lange kennen. Wir wollen von Euch wissen wann die ersten vernünftigen Zahlen online zu haben sein werden. Und zu gewinnen gibt es auch etwas – einen Barsch!

Barsch Foto: Wikipedia/GeradM/Lizenz: GNU

Es ist spätestens seit der Köhler-Wahl-Twitterei klar, dass wir uns Morgen von einem alten Ritual verabschieden werden: Der Präsentation der Prognose um Punkt 18.00 Uhr, die nicht immer genau war, aber meistens ganz OK und den Höhepunkt jedes Wahlabends darstellte. Morgen werden die ersten Zahlen aber so um 16.00 Uhr via Twitter kursieren – nur wenige Minuten nachdem die Parteizentralen und ausgewählte Journalisten  von den Meinungsforschungsinstituten die ersten Prognosen  erhalten haben. Irgendwer wird sie weiter geben – aus taktischen Gründen, aus Eitelkeit oder einfach nur so. Und das wird ab jetzt bei allen Wahlen so  sein – eine Ära geht zu Ende, eine neue beginnt. Das mag man gut finden oder auch nicht, aber das wird nur wenig an den Fakten ändern. Und klar ist auch: Spätestens am Monag wird es darüber richtig Streit geben.

Wir wollen von Euch wissen wann es das erste seriöse Ergebnis auf Twitter gibt – bitte auf die Minute genau. Wir werden ja am Abend sehen, ob es stimmte. Zu gewinnen gibt es auch etwas und zwar einen Barsch aus dem für seine Wassergüte bekannten Rhein-Herne-Kanal. Bei mehreren richtigen Einsendungen wird die Glücksfee per Los entscheiden und wer den Rechtsweg sucht wird natürlich ausgelacht. Wir berücksichtigen alle Tipps die bis morgen 15.00 Uhr hier als Kommentar eingehen.

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Telekom-Skandal holt Arcandor-Chef Eick ein

Der erst seit wenigen Monaten amtierende Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick gilt als Saubermann. Die Skandale bei der Deutschen Telekom, wo er zuvor Finanzvorstand war, haben seinem Image nichts anhaben können. Dies könnte sich nun ändern. Für die angeschlagene Arcandor könnte das zur Belastung werden.

 

Nach einem Vorabbericht der „Wirtschaftswoche“ ist Eick in die Spitzelaffäre bei der Telekom offenbar tiefer verstrickt als bislang bekannt. Das Magazin beruft sich dabei auf eine Untersuchung der Rechtsanwaltskanzlei Oppenhoff, die im Auftrag des Telekom-Aufsichtsrats erstellt wurde. Daran heißt es dem Bericht zufolge, dass Eick nicht nur in die internen Ermittlungen im August 2007 involviert gewesen sein soll, sondern auch, dass Eick den Sicherheitschef Trzeschan mit Sondervollmachten ausgestattet haben soll.

Trzeschan habe sich demnach bei der Beauftragung externer Dienstleister in sicherheitsrelevanten, geheimhaltsungswürdigen Projekten nicht an die Einkaufsprozesse halten brauchen. Was das bedeutet? Trzeschan konnte damit frei über Geld verfügen, um mögliche Ausspähaktionen zu finanzieren.

Für einen Finanzmann ist das ein ungewöhnliches Verhalten. Und als Kenner der Deutschen Telekom darf ich sagen, ein sehr ungewöhnliches Vorgehen im Konzern.

Für Eick kommt der WiWo-Bericht zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, ringt er doch um eine Rettung von Arcandor. Wichtigster Gesprächspartner ist dabei der Staat, der mit Bürgschaften das Geschäft am Laufen halten soll. Sollte Eick tatsächlich in die Telekom-Spitzelaffäre verstrickt sein – der heutige Bericht ist bislang der erste ernstzunehmende Hinweis -, dann wäre er nicht der beste Gesprächspartner für Politiker.

Aufatmen unter Schmerzen

Foto: Flick.com / dkdas.de

Applaus? Erleichterung? Die Bochumer Opelaner trauen den selbst ernannten Rettern ihres Werkes nicht über den Weg. "Bei uns herrscht Angst und große Wut", sagt Vertrauensmann Steffen Reichelt. Schon vor dem Berliner Tauziehen um ihre Arbeitsplätze haben die Beschäftigten auf zahlreichen Versammlungen heftig um ihre Zukunft gestritten, darüber, welcher Investor der beste sei und welche Forderungen sie an ihn stellen wollen. Alte Gräben zwischen gemäßigten und radikalen Gewerkschaftern in der Belegschaft platzen nun ebenfalls wieder auf.

Jetzt sind wir endlich am Zug", so Reichelt. Die politischen Verhandlungen hätten keine "Heldentaten" hervor gebracht. Denn wenn es einen großen Verlierer im nächtelangen Poker um die Rettung des Autoherstellers gibt, dann ist es die Stadt im Ruhrgebiet. Von den rund 5500 Menschen soll rund ein Drittel die Arbeit verlieren. Ohne betriebsbedingte Kündigungen, heißt es bislang. "Dazu gibt es aber keine schriftliche Vereinbarung. Wir wurden so oft belogen, warum sollten sich die Arbeitgeber diesmal an ihre Versprechen halten?", sagt Reichelt.

In der Belegschaft würde kaum einer den Rettungsaussagen von NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers oder Bundeskanzlerin Angela Merkel (beide CDU) Glauben schenken. Seit der besten Zeit des zweitgrößten deutschen Werkes mit weit mehr als 21 000 Arbeitern in den 1980er Jahren müssen die Bochumer nahezu jedes Jahr erneut um ihre Jobs bangen. Zuletzt 2004, als die Bochumer mit einem wilden Streik die Produktion in nahezu ganz Europa lahm legten. Seitdem hat General Motors die Produktionen in den europäischen Werken entkoppelt, sie sind nun nahezu unabhängig voneinander funktionsfähig. Wenig Spielraum besteht auch für ein freiwilliges Ausscheiden der Beschäftigten: Nach einem permanenten Stellenabbau sind in dem Werk nahe der Innenstadt kaum noch Menschen angestellt, die zum Beispiel aufgrund ihres Alters sich mit ihrer Abfindung zur Ruhe setzen wollen.

Aber mit Magna ist erstmalig der deutsche Staat am Verhandlungstisch. Die staatlichen Bürgschaften von Bund und Ländern sollen nun an die Sicherung eines Arbeitsplatz-Kontingents geknüpft werden. Wo genau diese Zielzahl für den Job-Erhalt liegt, solle bis zum November vereinbart werden, wenn die Überbrückungsfinanzierung ausläuft, heißt es aus der NRW-Landesregierung.

Auch Ministerpräsident Rüttgers betonte, genaue Angaben über die künftigen Arbeitsplätze könnten derzeit noch nicht gemacht werden. Er geht nach den nächtlichen Verhandlungen im Kanzleramt davon aus, dass in der Revierstadt 1800 Stellen abgebaut werden. Dies sei aber "noch nicht in Stein gemeißelt". Damit ist Rüttgers komplett umgefallen. Noch vor zehn Tagen hatte der Christdemokrat ein erstes Magna-Konzept strikt abgelehnt, das die Streichung von 2200 Jobs vorsah. "Jetzt herrscht endlich Sicherheit für die Opel-Beschäftigten in Bochum," sagt Rüttgers nun.

"Es ist ein Aufatmen mit Schmerzen", sagt der IG-Metall Bezirksleiter Oliver Burkhard. "Zu Freudentänzen sind wir ganz und gar nicht aufgelegt." Es sei zwar gut, dass die Politik endlich beschlossen hat einzugreifen. "Und dass wir mit Magna endlich ein Gegenüber haben, mit dem wir verhandeln können." Aber dies sei teuer erkauft. "Die Bochumer Beschäftigten scheinen deutschlandweit am härtesten betroffen zu sein", so Burkhard. Er weiß, dass die Verhandlungen auch um Zugeständnisse der Beschäftigten hart werden. Mehr als 80 Prozent der Opelaner in Bochum sind gewerkschaftlich organisiert, mehr als in jedem anderen Opel-Werk. Zudem sind dort traditionell kommunistische und antikapitalistische Gruppierungen wie die MLPD einflussreich. Sie wollen grundsätzlich nicht auf Lohn verzichten oder längere Arbeitszeiten vereinbaren. "Magna muss sich etwas einfallen lassen, um hier einvernehmliche Lösungen zu finden."

Vor wenigen Wochen erst hatten die Opelaner mit hauchdünner Mehrheit für einen vorläufigen Verzicht auf ihre zuvor vereinbarte Lohnerhöhung verzichtet. Einige Betriebsgruppen zweifeln die Abstimmung allerdings an — es seien zu wenig Stimmzettel verteilt worden. "Die Belegschaft ist sehr gespalten", sagt Burkhard. Es werde daher keine schnelle Lösung geben und alles zur Abstimmung gestellt.

Vertrauensmann Reichelt bezweifelt ohnehin, dass die Bochumer bereit wären, etwa auf das Weihnachtsgeld zu verzichten um Jobs zu erhalten. Zugeständnisse würden nicht belohnt. "Die wollen aus immer weniger Leuten immer mehr rausholen."

FDP-Koch-Mehrin: „Die Milli-Vanilli der Europapolitik“

Silvana Koch-Mehrin genießt im parlamentarischen Betrieb der EU keinen Ruf wie Donnerhall. „Wir hatten schon Popgruppen, die nicht singen konnten“, sagte mir die Christdemokratische EU-Abgeordnete Inge Gräßle vor ein paar Tagen. „Silvana Koch-Mehrin ist die Milli Vanilli der Europapolitik.“

Vor allem in den beiden parlamentarischen Ausschüssen denen Koch-Mehrin angehört, dem Haushaltsauschuss und dem Haushaltskontrollausschuss, hält man nicht übermäßig viel von der Arbeit der FDP-Spitzenkandidatin für die Europawahl. Nach einer Auswertung offizieller Sitzungsprotokolle durch Mitarbeiter der christdemokratischen EVP-ED-Fraktion hat Koch-Mehrin nur gut jede fünfte Sitzung im Haushaltsausschuss besucht und nur jede zehnte im Haushaltskontrollausschuss.

Doch auch diese Leistung scheint sich zu lohnen. Aus Unterlagen, die Stern Online vorliegen, geht hervor, dass die Liberale neben ihren Abgeordneten-Diäten in den Jahren 2004 bis 2008 allein Fahrtkosten von insgesamt 71.000 Euro erstattet bekam. Sie selbst bestätigt das, gibt aber an, sie habe nur die billigsten Fahrmittel benutzt und zudem aus eigener Tasche fast 2100 Euro für die tatsächlich angefallenen Kosten draufzahlen müssen. Für die hohen Fahrtkosten dürfte es sich auszahlen, in Köln steuerlich gemeldet zu sein – deswegen wohl auch ihr Wahlkampfauftritt der gebürtigen Wuppertalerin als "Kölnerin für Europa". Und in Karlsruhe so eine Art Wahlkampfbüro zu unterhalten – deswegen auch ihr Auftritt als Karlsruherin Abgeordnete in der Bild. Weiß eigentlich einer, dass Koch-Mehrin in Brüssel wohnt? Wie erklären sich in so einer Konstellation die Fahrtkostenerstattungen?

Wir wollen nicht kleinlich sein. Auch die sonstigen Einkünfte der Politikerin sind interessant. Neben ihrer Arbeit im Parlament fand die ehemalige Geschäftsführerin der  Lobbyfirma Conseillé+Partners sprl Zeit, über 80.000 Euro zu verdienen – mit Vor- und Beiträgen für Unternehmen wie Motorola, die Hypovereinsbank oder Dow Jones. Und dies in der gleichen Zeit, in der sie Europaabgeordnete war. Dies geht aus EU-Dokumenten von Koch-Mehrin hervor.

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Das Navigationssystem für das Ruhrgebiet

Foto: Görges

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Russisch Roulette mit Opel

Ich kann gar nicht glauben, was ich gerade in der Financial Times gelesen habe. Die russische Sperbank will doch tatsächlich ihren Anteil an Opel weiterverhökern.

Hier das Zitat:

German Gref (Vorstandschef der Sberbank) said that his bank and Canadian parts supplier Magna International would commit €500m ($710m) to General Motors’ spun-off European business but that Sberbank would later sell its stake.

Wenn Magna und die Sberbank den Zuschlag kriegen, erhält der kanadische Zuliferer Magna 20 Prozent an Opel. Der russische Autobauer Gaz aus der Gruppe des Oligarchen Oleg Deripaska soll der industrielle Partner werden. Für die Sberbank sind 35 Prozent vorgesehen. Das Geschäft wird gerade in Amerika endverhandelt, nachdem die deutsche Regierung Magna und die Sberbank zu bevorzugten Bietern erklärt hatte.

Und weiter O-Tin Financial Times

In comments made at Russia’s Economic Forum in St Petersburg, Mr Gref outlined the strategy for his bank’s investment in Opel. Asked if Sberbank planned to sell its stake in Opel, Mr Gref answered “absolutely”.

“After restructuring Opel’s debts, variants will be put forward that satisfy the German and Russian governments,” he said. “We are a strategic investor, and after restructuring we will sell our stake to a different strategist.”

Meine Herren, auf die Russen ist Verlass. Die machen aus einem Zwischenhändler einen strategischen Investor. Kompliment Bundesregierung – auf so ne Nummer reingefallen zu sein. Sorry Opelaner – Ihr seid wohl jetzt Hökerware.

Link kam vom Rebellmarkt.blogger