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Pakistan: Warum helfen wir so wenig?

Das Spendenaufkommen für die Opfer der Flutkatastrophe in Pakistan ist aussergewöhnlich gering. Nun kommt die Debatte auf, warum das so ist. Dabei liegen die Hauptgründe dafür auf der Hand: Die Atombombe und die Taliban.

Die Bilder aus Pakistan sind erschüttert: Viele Tote, Menschen die alles verloren haben und das in einem Staat, der seinen Bürgern nicht helfen können wird. Auf Jahre hinaus haben die Überlebenden jede Perspektive verloren. Es geht nicht nur um schnelle Hilfe zum Überleben, es geht darum, eine ganze Region mit vielen Millionen Menschen wieder aufzubauen. Aber die Hilfsbereitschaft dazu ist gering. Nicht nur im Netz, wie die Zeit feststellt. Trotz zahlreicher Aufrufe laufen die Spenden der sonst gebefreudigen Deutschen immer noch in relativ geringen Maße ein. Warum ist das so?

Dafür fallen mir zwei Gründe ein. Einer ist die Atombombe. Wir alle wissen, das Pakistan ein bettelarmes Land ist. Aber wir wissen auch, es hat die Atombombe, ist für das Chaos in Afghanistan mitverantwortlich. Der Bau von Atombomben kostet viele Milliarden. Die könnte Pakistan nun für seine Bürger gut gebrauchen – aber davon, das Pakistan sein teures Atomprogramm runterfährt oder aufgibt, um Geld für die Nothilfe und den Wiederaufbau zu haben, hört man nichts. Die Atombombe blockiert die Hilfe. Die Rüstungspolitik der Pakistanischen Regierung kommt der Bevölkerung also in mehrfacher Hinsicht sehr teuer zu stehen. Sie verändert unsere Wahrnehmung auf das Land.

Und dann sind da die Taliban. Kaum eine politische Gruppierung ist im Westen dermassen verhasst. Und dafür gibt es viele gute Gründe: Sie stehen gegen die Werte des Westens wie kaum jemand sonst auf der Welt. Sie sind, auch im militärischen Sinne, „der Feind“. Jeder der nur dann und wann einmal einen Blick in eine Zeitung wirft oder die Nachrichten sieht weiß, dass die Taliban von Pakistan unterstützt werden und dass sie dort ihre Rückzugsräume haben. Und sehr viele Sympathisanten.  Und nun, in der Katastrophe, sind die Taliban da und engagieren sich für die Flutopfer. Auch das dürfte die Bereitschaft zu helfen im Westen schmälern. Die Opfer der Flut sind also auch die Opfer eines politischen Konflikts. Sie zahlen nun für ihre Regierung und die Taliban. Sie sind die Opfer  unserer Wahrnehmung Pakistans.

Das alles hilft Kindern, die ihre Eltern verloren haben nicht. Es sind auch keine guten Gründe, den Menschen nicht zu helfen. Denn durch nichts besseres als entschlossene und großzügige Hilfe können wir den Vorurteilen gegen den Westen in dieser Region entgegentreten.

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12 Kommentare zu “Pakistan: Warum helfen wir so wenig?

  • #1
    T. A.

    @ Stefan Laurin

    Deinen Schluss finde ich besonders gut und wichtig: „Denn durch nichts besseres als entschlossene und großzügige Hilfe können wir den Vorurteilen gegen den Westen in dieser Region entgegentreten.“

    Ja, jeder der kann, sollte helfen, sofort.

    Aber ich frage mich, ob Hilfe überhaupt hilft: Wie war das mit Haiti? Erst kamen die Spenden in Waschkörben und es gab keinen Politiker, der sich nicht mit großen Hilfszusagen meldete. Und wenn wir jetzt einen Blick auf die Situation in Haiti werfen?

  • #2
    RAG Mitarbeiter

    Die Gründe warum wir reserviert sind, dürften klar sein. Zu den Genannten kommt noch die Entfernung. Pakistan ist einfach weit weg.

    Trotzdem ist Hilfe wichtig. Die Amis hatten auch erst den Morgenthauplan, bevor sie begriffen haben, dass Care-Pakete besser waren, die Herzen den Deutschen zu gewinnen.

    Das machen aber nun die Taliban in Pakistan. Die Menschen dort lernen, dass ihnen die Taliban helfen und dass die Taliban sie töten. Je nachdem. Das macht folgsam.

    Davon ab, warum reden die Zeit und so nicht von der fehlenden China-Hilfe? Weil das noch weiter weg und die örtlichen Diktatur noch totaler ist. Die Menschen sterben trotzdem in China.

  • #3
    Petra Schmidt-Niersmann

    @ Stefan Laurin

    Wenn der Artikel die Intention verfolgt hat, an die Spendenfreudigkeit der Deutschen zu appelieren, ist das Thema verfehlt, weil überhaupt nicht dargestellt wurde, dass ausgerechnet die Landstriche in Pakistan überflutet wurden, in denen die Menschen bereits seit vielen Jahren einen erbitterten Kampf gegen die Taliban führen.

    Ich hätte es sinnvoller gefunden, wenn dies deutlicher dargestellt worden wäre. Das hätte die Spendenfreudigkeit erhöht.

  • #4
    Arnold Voss

    Die Spendenmüdigkeit könnte auch daran liegen, das die deutlich zunehmende Anzahl und Dimension der Naturkatastrophen aus sich selbt heraus klar macht, dass noch so viele Spenden das Problem nicht lösen werden. Das Spenden zur Sisyphosarbeitarbeit wird, wenn nicht mehr als das geschieht.

    Wenn man dann noch weiß, dass in der Regel die Spenden gar nicht oder nur zu einem kleinen Teil da ankommen, wo sie hingehören, dann macht sich unausweichlich Ernüchterung breit.

    Im Falle Pakistans könnten die Spenden übrgens ohne große Probleme direkt in die Taschen der Taliban fließen.

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  • #6
    leser

    Mir tun die Leute richtig leid. Wie man eben in den Nachrichten sehen konnte ist jetzt eine Flutwarnung für die südpakistanische Stadt Jacobabad gekommen. Die Behörden haben die 400.000 Einwohner aufgefordert, die Region zu verlassen. Tausende Menschen brachten sich mit Autos, auf Traktoranhängern oder auf Eselskarren in Sicherheit. Das Hochwasser im Noorwah-Kanal könne jederzeit über die Ufer treten.
    Siegfried Anton Paul

  • #7
    Wähler

    „Das alles hilft Kindern, die ihre Eltern verloren haben nicht. Es sind auch keine guten Gründe, den Menschen nicht zu helfen. Denn durch nichts besseres als entschlossene und großzügige Hilfe können wir den Vorurteilen gegen den Westen in dieser Region entgegentreten.“

    naja, das ist wieder der Abschluss eines Menschen der weder gut noch böse sein will….
    der Trick ist uralt!

    Gruss

  • #8
    Andreas

    Wollt ihr helfen oder nur euer Gewissen beruhigen? „Ich hab gespendet“ ist keine Hilfe. „Ich hab nicht gespendet“, ist kein Assoziales Verhalten.

    Beim Erdbeben 2005 wurden 367 Mio (!!) Euro Spenden veruntreut.
    Siehe hier http://www.stern.de/news2/aktuell/pakistan-hat-hilfsgelder-nach-erdbeben-2005-veruntreut-1593153.html
    und hier
    http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/asia/pakistan/7944792/300m-earthquake-aid-misused-by-Zardari.html

    Ich möchte die Frage noch schärfer formulieren: Wen stärke ich mit meinem gespendeten Geld? Und wen schwäche ich wenn ich nicht spende? Die Menschen erhalten so oder so nicht die von mir gewollte Hilfe. Aber das kann ich leider nicht ändern. Aber ich kann verhindern, ein Regime zu stärken. Die Menschen sterben doch in jedem Fall, so ist die bittere Wahrheit.

  • #9
    lebowski

    Vielleicht ist es eine Frage der Aufmerksamkeitsökonomie.
    Nach dem medialen Tsunami im Anschluss an den richtigen Tsunami in Asien und geschätzten einhundert brunzdoofen Spendengalas ist das Thema Katastrophenspenden erstmal durch. Auch bei Naturkatastrophen gibt es einen Abstumpfungseffekt. Waldbrände in Russland, Überschwemmungen in Kopenhagen, China usw, die Ölpest im Golf von Mexico. Man kann sagen, dass die Katastrophe der mediale Normalzustand geworden ist mit entsprechender Auswirkung auf die Spendenbereitschaft.

  • #10
    Michael

    Spenden wir darum so wenig, weil der grösste Teil der Hilfe nicht da ankommt, wo sie hin gehört? Bei der Tsunami-Hilfe war das so (1/8 kam tatsächlich bei den Betroffenen an, laut ernstzunehmenden Schätzungen, der Rest verblieb bei Hilfswerken, NGO’s, etc.) und in Pakistan wird’s nicht anders sein. Strukturell ändert sich auch kaum etwas. Wäre nicht die ganze Region so sehr entwaldet, würde eine Flut nicht derart katastrophale Ausmasse und Folgen haben. Aufforstungsprojekte in Pakistan waren wegen Korruption und Mismanagement Jahrzehnte erfolglos, das sind nun die Folgen.

  • #11
    Michael

    Und das ist voraussichtlich erst ein milder Vorgeschmack dessen, was in den kommenden Jahrzehnten an Katastrophen auf die Welt zukommt: Energie- und Ressourcenklemme, zerstörte Lebensgrundlagen, Artenverlust, Nahrungsknappheit, Überbevölkerung, Verteilungskämpfe, … Es ist schwer, bei diesen Aussichten – bei all den negativen Trends – optimistisch zu bleiben und sich am Leben zu freuen. Werden kommende Generationen immer noch mit dem Gefühl leben, alles werde immer besser?

  • #12
    jan Luiten

    Die Kurzanalyse Laurins scheint mir richtig.
    Mit dem Aufruf bin ich auch einverstanden.

    Man kann sich aber noch fragen warum damals in kürzester Zeit eine Invasion des Iraks zu organisieren war, das aber jetzt direkte Nothilfe so lange dauern muß.

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