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Peter Grimes in der Oper Dortmund

Peter Marsh und Ensemble ©Thomas M. Jauk / Stage Picture GmbH

Peter Marsh und Ensemble ©Thomas M. Jauk / Stage Picture GmbH

Benjamin Britten schrieb seine Oper „Peter Grimes“ 1944, uraufgeführt wurde sie ein Jahr später und begründete seinen Ruf als einen der bedeutendsten Opernkomponisten des 20. Jahrhunderts. Es war sein Erstling in dem Genre, zuvor hatte er nur eine Operette komponiert. Dass „Peter Grimes“ trotz des sperrigen Sujets Kindesmissbrauch, eines wenig glamourösen Handlungsortes in einem verkommenen englischen Fischerdorf und fehlender positiver Identifikationspersonen zu einem unmittelbaren Erfolg wurde, der bis heute andauert, hat Gründe. Das Libretto, das Montagu Slater auf Basis einer Ballade von George Crabbe schrieb, erzählt in sehr straffer Form die Geschichte und liefert mit dem vieldeutigen Charakter von Peter Grimes eine Vorlage, die niemals ganz aufgeschlüsselt werden kann. Noch entscheidender ist allerdings, dass Britten ein perfektes Musiktheaterwerk gelang. Nicht oft gehen Musik, Text und Story eine so organische Verbindung ein wie hier, ohne dass sich ein Baustein den anderen unterordnen würde. Schon Slaters Text macht das Meer zur heimlichen Hauptperson des Stückes, Britten gibt ihm besonders in den Zwischenspielen eine physische Gestalt. Das Meer als gewissenlose, gewalttätige, aber zum Überleben notwendige Kraft fungiert als direktes Spiegelbild der dörflichen Gemeinschaft. Peter Grimes setzt seine ganze Lebenshoffnung auf die Erträge, die ihm das Meer liefert – und wird genauso davon enttäuscht, wie von der dörflichen Gemeinschaft, in der er als Außenseiter mit unkontrolliertem Aggressionspotential von Anfang an keine Chance hat. Die Ansammlung von Egoismen, sozialen Defiziten, selbstbetrügerischen Verhaltensweisen, als die sich diese Dorfgemeinschaft darstellt, findet immer einen, den sie als Spielball nutzen kann, bis er untergeht. Und Peter Grimes? Er hat den Tod eines Lehrjungen zu verantworten, wie sehr, das ist unklar. Trotz gutgemeinten Rates nimmt er sich dennoch einen zweiten. Er mißhandelt ihn, schließlich kommt auch der wieder ums Leben. Und wieder sind die Umstände ungeklärt: Stürzt der Junge von der Klippe, weil im Sturm ein Stück weggebrochen ist, oder stößt Grimes ihn, versehentlich oder absichtlich? Zuletzt verliert Grimes den Verstand und fährt auf das Meer hinaus, wo er sein Boot und sich versenkt.

In Dortmund inszeniert Tilman Knabe die Geschichte. Er ist nicht gerade als Regisseur der Zurückhaltung bekannt. Die Qualität seiner Arbeit besteht oft auch darin, dass er die menschlichen Abgründe, Brutalitäten und Gewaltexzesse, die in den Werken stecken, schonungslos zutage fördert. Im Falle von „Peter Grimes“ musste er da nicht lange suchen. Und so gelingt ihm hier eine exzellente Arbeit, indem er die Geschichte schlicht genau so packend erzählt, wie sie ist. Das Wagnis dieser Inszenierung besteht am ehesten im Setting, denn Knabe geht nicht den bequemen Weg, indem er der Oper einen – wie auch immer gearteten – historischen Rahmen verpasst, sondern sie ganz in der heutigen Realität verortet. Dabei kann er sich voll auf seine Bühnenbildnerin Annika Haller und die Kostüme von Eva-Mareike Uhlig verlassen, die einen Realismus auf die Bühne bringen, wie er nur selten in der Oper zu sehen ist. Und unglaublich schlüssig ist es dabei, dass das Meer immer hinter einer hohen Kaimauer verborgen bleibt. Das nur scheinbar gezähmte Biest, das in der Musik und den Menschen weiterwütet, auch wenn wir es niemals zu Gesicht bekommen.

Vor der Kaimauer zwischen einem schäbigen Kiosk, in dem die ketterauchende und dauerbesoffene Dorfgemeinschaft ihren Stoff besorgt, und der Kneipe mit Bordell spielt sich das schäbige Leben ab. Auf der Mauer wird während des Dorffestes auch mal gevögelt. Da ist nicht viel, was die Menschen am Leben erhält. Doch diese Tristesse inszeniert Tilman Knabe in einer Perfektion, die atemberaubend ist. Dabei kann er sich auf alle Solisten wie auch den Chor verlassen, den er stets als Ansammlung von Individuen zeigt. Das ist höchste Regiemeisterschaft.

Bei der Ausdeutung von Peter Grimes‘ Charakter entscheidet sich Knabe für eine klare Haltung und greift deutlich in die Vorlage ein. Wenn die Dorfgemeinschaft Grimes‘ Haus stürmt, da sie den Kindesmissbrauch vermutet, hat Grimes den Jungen bereits umgebracht. Er hat ihn auf dem Bett erstochen, wischt das Blut auf, wickelt ihn in die Bettwäsche und bringt die Leiche aus dem Haus. Und bereits zu diesem Zeitpunkt ist Grimes offensichtlich nicht mehr Herr seiner Sinne, spricht er doch noch mit der Leiche. Doch ist überhaupt noch jemand bei vollem Verstand in diesem Dorf? Offensichtlich nicht. Die Phantasiebilder, die unsinnigen Träume, der Verlust von Realität nimmt in diesem letzten Drittel rasant zu. Mit Grimes verlieren auch alle anderen den letzten Rest an Bodenhaftung. Und der Schluss findet – was für ein großartiger Regieeinfall – nur noch in der Vorstellung der Zuschauer statt: Der Vorhang ist geschlossen, der Chor plötzlich im Rücken des Publikums.

Was für die Inszenierung gilt, gilt auch für die musikalische Umsetzung: Sie ist schlicht brilliant. Was an diesem Abend in der Dortmunder Oper geboten wird, ist auf einem schier unglaublichen Niveau. Allen voran ist da wohl Dirigent Gabriel Feltz zu nennen, der auch in hochkomplexen Szenen, in denen sich Orchester, Solisten und Chor vielschichtig überlagern, immer den Überblick behält und sicher durch jedes rhythmische Katarakt navigiert, dabei stets Klangschönheit und Durchsichtigkeit wahrt. Brittens Klangsprache fein austariert zwischen impressionistischen Nachklängen und modernen Attacken.

Peter Marsh bringt in der Titelpartie nicht nur eine Physiognomie mit, die ideal Rohheit, sexuelle Gewalt und Anziehungskraft verbindet, sondern auch eine überaus kraftvolle Tenorstimme, die besonders in der zweiten Hälfte immer noch ausreichend Stabilität hat, um auch wunderbar lyrische Töne zu finden. Emily Newton ist ihm als Ellen Orford ein in jeder Hinsicht ebenbürtiges Gegenüber. Sangmin Lee kommt als Balstrode überzeugend als Piratenrocker daher, Judith Christ, Tamara Weimerich, Ashley Thouret, Fritz Steinbacher, Karl-Heinz Lehnert, Martina Dike, Ks. Hannes Brock, Morgan Moody, Thomas Günzler – sie alle singen und spielen hier auf allerhöchstem Niveau. Und selbst die stummen Rollen sind an diesem Abend noch überaus beeindruckend: Erik Albrecht spielt Grimes‘ Lehrling mit geradezu erschreckender Überzeugungskraft und Dramaturg Hans-Peter Frings schiebt seinen Rollator als Dr. Crabbe glaubwürdiger über die Bühne als mancher Dortmunder Rentner seinen durch die Fußgängerzone.

Aber das alles wäre nichts wert, wenn da nicht dieser Dortmunder Opernchor wäre! Dieser unglaubliche Chor, den Manuel Pujol so perfekt vorbereitet hat, dass er sich souverän durch alle Stürme der Partitur singt und sich dabei noch so ganz und gar auf die Regie von Tilman Knabe einlässt.

Die Premiere am 9. April war nicht ausverkauft. Über die Gründe dafür kann man nur mutmaßen. Die weiteren Vorstellungen am 15.4., 24.4., 4.5., 15.5., 12.6., sollte jeder, der sich für Theater interessiert – nicht nur für Musiktheater – nutzen, um diesen absolut herausragenden Abend zu sehen.

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