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Pink Floyd: Einblicke in die Innenwelt einer Band im Dortmunder U

Große Pink Floyd Ausstellung im Dortmunder U // Credit: Hering Schuppener

Große Pink Floyd Ausstellung im Dortmunder U // Credit: Hering Schuppener

„The Pink Floyd Exhibition: Their Mortal Remains“. Diese Retrospektive bietet einen Rückblick auf eine Bandkarriere mit vielen Höhen und einigen Tiefen. Zu sehen und zu hören sind in der ehemaligen Union-Brauerei über 50 Jahre Musikgeschichte auf rund 1.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Mit ausgesuchtem Bildmaterial ist die Ausstellung chronologisch aufgezogen – und erzählt die Geschichte der britischen Kultband von 1965 bis heute. Das Geheimnis ihrer Musik wird anhand von mehr als 350 Exponaten sichtbar gemacht – darunter Bühnenoutfits, Konzertplakate, Musikinstrumente und Bühnen-Accessoires.

Diese Band hat in vielen Richtungen mit großen Pfunden gewuchert. Der erste Knackpunkt dieser Psychedelic- und Prog-Rocker ist die schizoide Störung ihres Aushängeschilds Syd Barrett. Dieses Wunderkind ist in den frühen Tagen der Sänger, Gitarrist und Komponist fast aller Pink Floyd Songs. Kurz nach dem Debütalbums „The Piper at the Gates of Dawn“ im Jahr 1967 entwickelt dieser sonderbare Songwriter eine Psychose: er konnte nicht mehr spielen und musste die Band verlassen. Syd hatte schon immer einen Hang zu gemütskranken Störungen und fütterte sein launisches Ego mit zu viel LSD. Das verschob innerhalb der Band die Statik. Und weil sich die anderen Bandmitglieder Nick Mason, Rick Wright und Roger Waters über ein Architekturstudium am Londoner Regent-Street-Polytechnikum kennen gelernt haben, wissen sie, dass sie ihre Bandchemie mit neuen Stützpfeilern verschalen müssen.

Irgendwann im Dezember 1971 saßen die Bandmitglieder von Pink Floyd im Haus von Schlagzeuger Nick Mason im Nordwesten von London beisammen – und wissen irgendwie nicht weiter. Der Grund für die trübe Verstimmung: Nach dem Ausstieg von ihrem Übersongwriter hatten Waters, Mason, Wright und Barrett-Ersatzmann David Gilmour das Gefühl, musikalisch in einer Sackgasse gelandet zu sein. Auf Konzerten spielte die Band immer noch Stücke, die Kreativguru Barrett geschrieben hatte, obwohl er schon drei Jahre nicht mehr da war. Auch verstrickte man sich während der Live-Auftritte immer mehr in ausufernde Improvisationen: sessionartiges Rumgedudel in unerträglicher Hippie-Ästhetik – übrigens der Grund, warum Sex Pistols-Sänger Johnny Rotten um 1977 herum gern ein T-Shirt mit der Aufschrift „I Hate Pink Floyd“ trug.

Etwa 350 Exponate wurden für die Ausstellung zusammen getragen // Credit: Hering Schuppener

Roger Waters nahm die kreative Lücke innerhalb des Bandgefüges auf, installierte sich immer mehr zum Alleinherrscher. Anstatt sich in utopischen Dudelrock-Welten zu verlieren, erklärte er, wäre es viel zeitgemäßer, sich mit jenen Zwängen auseinander zu setzen, die Menschen auf der ganzen Welt davon abhalten, glücklich zu sein. Die Bandkollegen waren begeistert. Und so entstand 1973 das Opus „The Dark Side of The Moon“, bis heute mit über 50 Millionen verkauften Einheiten ein Meilenstein der Rockgeschichte. Nur „Thriller“ von Michael Jackson und „Back in Black“ von AC/DC sind die beiden Alben, die noch häufiger verkauft worden sind, als der Pink Floyd-Megaseller.

Keine Frage: die Ausstellung ist toll! Mit Kopfhörer und vielen Informationen wird der staunende Zuschauer von Station zu Station getragen, die Musik spielt hier die Hauptrolle. Nächster Standort ist das Album „Wish You Were Here“. Dieses Werk ist eine weitere Hommage an ihren Querdenker Syd Barrett, die allerdings „nur“ noch knapp 10 Millionen mal über die Ladentheke ging. Aber Pink Floyd hatten sich bei aller bandinternen Pedanterie gefunden und Musik gemacht, die in jeder Teestube und bei jedem Erdkundelehrer auf der heimischen Grundig-Anlage rauf und runter lief. Nur wurde Waters innerhalb des Band-Gefüges immer mehr zum Kreativ-Diktator, während die anderen Pink Floyd-Musiker zu Nebendarstellern degradiert wurden. Das schlimme an Roger Waters ist seine von innen ausgehöhlte Existenz – und je weiter sich man in dieses Musikerleben im Laufe dieser Ausstellung hinein denkt, desto klarer wird das. Er hat offene Wunden, die er ein Leben lang mit sich herum tragen muss und in immer wieder neuen manipulativen Ergüssen seinem Publikum auf dem silbernen Tablett serviert. Im Alter von nur einem Jahr verliert Waters seinen Vater, der als Soldat im Februar 1944 in Anzio (Italien) im Kampf gegen die deutsche Wehrmacht gefallen ist.

In unterschiedlichen Facetten hat er diese Thematik in massenhaften Variationen präsentiert, als wolle er anklagen, dass seine Narzissmusstörung aus Mangel an väterlicher Zuneigung resultiert. Durch geschickte Überhöhung kompensiert Waters seine eigene Hochstapelei. Als Künstler hat ihm das zu gehörigem Wohlstand verholfen, als Musiker gilt er mal als Genie und mal als Arschloch. Aber als Mensch macht ihn das unerträglich – Interviews mit ihm sind kaum lesbar, er ist der unhaltbare Klugscheißer, der alles besser weiß. Auch Nick Mason spricht bei der dazugehörigen Pressekonferenz im Dortmunder U nur mit einer spitzen Bemerkung über Roger Waters: „Raten sie mal wer unbedingt wollte das diese Ausstellung den Beinamen „Their Mortal Remains“ bekommen hat?“ Natürlich war das Waters, der seine „sterblichen Überreste“ der Nachwelt fortschrittsgläubig, statusbewusst, sozial, weltbürgerlich, kultiviert und (wie zu oft) unerträglich eitel präsentieren möchte.


Nick Mason im Dortmunder U während der Eröffnung // Credit: Roland Baege

Irgendwann fällt dem Betrachter auf, dass ist die künstlerische Logik von Roger Waters einfach zu holzschnittartig geschnitzt ist. Für das 1977 erschiene Pink Floyd-Album „Animals“ hat der heutige BDS-Aktivist die Menschheit in drei Klassen eingeteilt: die Hunde (Dogs) stellen die kapitalistisch orientierten Menschen dar, die nur an Geld interessiert sind, sich nicht um ihre Mitmenschen kümmern – und für Profit sogar über Leichen gehen. Dann gibt es die Schweine (Pigs), welche laut Waters die „Moralapostel“ sind, die den Menschen jeden Tag predigen, wie sie sich richtig zu verhalten hätten. Waters betont, dass gerade diese Menschen die meisten Fehler machen und sich besonders unmoralisch verhalten. Und diese tierischen Prediger scharen immer Schafe (Sheep) um sich herum, die alles mit sich machen lassen.

In diesem einfach gestrickten Psychogramm gibt er zu viel von sich preis, denn er ist ja vor allem der „Schweine-Hund“, der mit Richard Wright, Nick Mason und David Gilmour seine Schafsherde (Sheep) um sich gepaart hat, damit er seine egozentrischen Spielbälle so erklingen lassen kann, wie er das will. Irgendwann sind Pink Floyd einfach keine Band mehr. Die Querelen nehmen zu und nach der Veröffentlichung von „The Final Cut“ im Jahr 1983 war Roger Waters an keinem weiteren Pink-Floyd-Album mehr beteiligt. Er verlässt die Band 1985 wegen starker Meinungsverschiedenheiten. Keine Frage: es ist toll, diese Bandgeschichte mit ihren Aufs und Abs leibhaftig in Dortmund mit ganz viel audiovisuellem Beiwerk zu durchlaufen.

Das Dortmunder U erlebt mit dieser Ausstellung einen Run, der sicher bis zum 10. Februar 2019 weitergehen wird, wenn Pink Floyd dann ihre Zelte in Dortmund wieder abbrechen werden. Kritisch ist nur die Bepreisung: ganze 30 Euro werden hier als Eintritt verlangt, auch ermäßigte Karten sind mit 19 Euro immer noch sehr viel Geld. Wer mal das Beatles-Museum in Liverpool besucht hat, weiß, dass man es auch anders umsetzen kann. Die dortige Ausstellung, über das Leben und Wirken der Lennon-McCartney-Pilzköpfe, ist etwa doppelt so umfangreich, wie die hiesige Pink Floyd-Sammlung. Aber in Liverpool liegt der Eintrittspreis bei umgerechnet 18 Euro.

 

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3 Kommentare zu “Pink Floyd: Einblicke in die Innenwelt einer Band im Dortmunder U

  • #1
    Robin Patzwaldt

    Schade, dass die finanzielle Situation der Anwohner im Ruhrgebiet von vielen noch immer völlig falsch eingeschätzt wird. 30 Euro hier, rund 20 Euro Eintritt für das DFB-Museum ein paar Meter weiter. Das ist für viel zu viele Leute in der Region schlicht nicht zu stemmen. Wir sind hier eben nicht in München, Hamburg oder Frankfurt. Traurig, aber wahr! 🙁

  • #2
    Gast

    30 Euro!? Das ist ja Wahnsinn! Dafür komme ich 5 x ins NRW-Forum in Düsseldorf! Was auch immer zu diesem Preis führt, da bin ich raus… Schade, habe mich lange darauf gefreut und war schon verabredet…

  • #3
    Robert Müser

    Der verlangte Eintritt von 30 € ist schon eine mehr als sportliche Ansage; ich werde ihn wohl zähneknirschend schlucken (mit der geballten Faust in der Tasche).

    By the way:
    Der Vergleich mit dem Beatles-Museum ist gut gewählt, allerdings würde ein spontaner Besuch für mich doch noch "etwas" teuer als 30 Euro werden, da noch die Kosten für die Anreise dazukommen würden.

    Ich stimme übrigens der Einschätzung zu, dass die Kulturbranche in Teilen ein wenig den Kontakt zu der Bevölkerung in den jeweiligen Städten verloren hat. Anders kann ich mir manche Eintrittspreise nicht mehr erklären oder steckt da Absicht hinter, damit man unter sich bleiben kann?

    Ich will dann mal hoffen, dass der Eintritt für diese Ausstellung gut angelegt ist.

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