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Premiere in Dortmund: Triumph der Freiheit #1

Foto: Birgit Hupfeld

Foto: Birgit Hupfeld

Es hätte die deutschsprachige Erstaufführung von Joël Pommerats mehrfach ausgezeichneten Theaterstück „La revolution #1“ werden sollen, doch dann setzte die Dramaturgie des Dortmunder Schauspiels den Rotstift an und strich gut anderthalb Stunden aus dem Text. Immerhin drei Stunden Spieldauer sind noch übrig geblieben – für den Autor allerdings nicht genug, um sein Werk noch wieder zu erkennen. So hatte am 16.9. nur eine Bearbeitung nach Pommerat unter dem Titel „Triumph der Freiheit #1“ Premiere. Es geht immerhin um die französische Revolution, da sind auch fünf Stunden sicherlich nicht zu viel und eigentlich geht es sogar um die Mechanik des Revolutionären an sich.
Und dennoch: Pommerats Text, dessen vornehmliche Form die politische Rede ist, die freilich meist mit wenig rhetorischem Schliff ein bisschen tapsig daher kommt, die den Darstellenden kaum Möglichkeiten zur Enfaltung bietet, ist doch vor allem eines: Geschwätzig. Umso dankbarer sollte der Autor dem Schauspiel Dortmund sein, dass er gründlich gestrafft wurde. Warum der Text einen „Moliere“ als bestes französischsprachiges Stück bekommen hat? Da lässt sich nur mutmaßen und es liegt nahe, dass die französische Theaterliteratur vielleicht gerade nicht ihre beste Phase hat.

Es gibt an diesem Abend aber natürlich auch Schönes zu sehen. Lukas Gander hat einen überaus reizvollen Bauch, den er in der zweiten Hälfte auch schön zeigt. Merle Wasmuth trägt einen sehr attraktiven dunkelroten, fast schwarzen Lippenstift. Und Andreas Beck sieht in seinem Spitzenleibchen (Kostüme: Vanessa Rust) hervorragend aus. Susanne Priebs hat eine quadratische Spielfläche mit schwarzweißem Muster gebaut, die auf Federn gelagert bedrohlich schwankt und wippt. Eine echte Steilvorlage für die Inszenierung. Auf diesem wackeligen Spielfeld könnten sich schön die Machtverhältnisse hin- und herverschieben. Doch Regisseur Ed Hauswirth, der in der vergangenen Spielzeit bereits „Liebe in Zeiten der Glasfaser“ in Dortmund inszenierte, nimmt diese Spielfläche allzu wörtlich und schickt vor allem dann jemanden darauf, wenn auch im Text gerade von Unsicherheit und Schwanken die Rede ist. Da holzhammert die Inszenierung dann doch zu sehr. Ärgerlich auch, dass in den Projektionen (Voxi Bärenklau und sputnic), die rundherum über den Köpfen der Zuschauer über die Wände flimmern und im Nebenraum vor dem Greenscreen gedreht werden, Bild und Sprechton immer etwas zeitversetzt sind.

Dass uns alle heute diese Revolution noch etwas angeht, zeigen allerlei Utensilien aus der Mottenkiste der Postmoderne. Da kommen Smartphones zum wiederholten Einsatz, es gibt Nachrichtenliveschaltungen und Mikros am Rednerpult. Alles ein bisschen wie in Derek Jarmans „Caravaggio“, der ja nun auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, und als Sophia Coppola ihre Marie Antoinette in Sneakern daherkommen ließ, war das ja auch schon etwas überholt. Man kann das alles Ed Hauswirth gar nicht so recht übel nehmen. Er wusste wohl einfach nicht, mit diesem so spröden Textschwall umzugehen. Da wird ein bisschen was an die Tafel geschrieben, der Dortmunder Sprechchor darf wirkungsvoll aus den hinteren Reihen den endlosen Reden applaudieren und auch mal murren und dann wird mal wieder an der Bühne gerüttelt. Im zweiten Teil regiert dann endgültig die inszenatorische Hilflosigkeit, wenn eine Wahlkampfparty mit Lady-Gaga-Song, Plüschkostümen, Glitterkanonen und Seifenblasen aufgebrezelt wird, wenn Tomaten zermatscht und sogar eine Torte geworfen wird. So ist dieser Text nicht zu retten. Und diese Personen, die in ihrem endlosen Gerede einfach vorbei rauschen, eben auch nicht. Die Frage ist nur: Warum möchte man diesen Text überhaupt auf die Bühne bringen?

Termine und Karten: www.theaterdo.de

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