Premiere in Gelsenkirchen: „Moskau, Tscherjomuschki“ von Schostakowitsch

Chor und Ensemble in „Moskau, Tscherjomuschki“ von Dimitri Schostakowitsch am Musiktheater im Revier (Foto: Bettina Stöß)

Eigentlich geht es bei Schostakowitschs Bühnenwerk aus den späten 1950er Jahren um die Wohnungsnot in Moskau und korrupte Immobilienverwalter und Funktionäre, die bei der Wohnungsvergabe in der neu gebauten und begehrten Trabantenstadt Tscherjomuschki Willkür walten lassen. Da in Gelsenkirchen nun aber die Wohnungsnot nicht gar so groß ist, entschied sich das Regieteam um Dominique Horwitz, der vor allem als Chansonnier bekannt ist, eine gänzlich andere Geschichte zu erzählen. Die eher lose dramaturgische Form der Revue-Operette gibt das durchaus her.

Nur drei Bühnenwerke schrieb der Komponist Dimitri Schostakowitsch: „Die Nase“ nach Nicolai Gogol und „Lady Macbeth von Mzensk“, das ihn beinahe die Karriere und Freiheit kostete. Zu sozialkritisch sei die Oper gewesen, ist die gängige Erklärung. Es gibt aber auch die Geschichte, dass Stalin bei der Uraufführung ungünstig in der Loge direkt über den massiven Blechbläsern und dem Schlagwerk gesessen habe. Erst nach Stalins Tod traute sich Schostakowitsch erneut an ein Bühnenwerk: Die beinahe vergessene Operette „Moskau, Tscherjomuschki“. Dass der Komponist neben den zumeist von Revolutionspathos getränkten 15 Symphonien und etlichen Solokonzerten, am bekanntesten sind die Cellokonzerte, auch leichtere Kost komponierte, wurde lange übersehen. Erst seit Stanley Kubrick den Walzer aus der Jazzsuite in „Eyes Wide Shut“ verwendete, wurde diese Seite des Russen wieder vermehrt wahrgenommen.

Die Revue-Operette „Moskau, Tscherjomuschki“ ist zweifellos musikalisch die Wiederentdeckung wert. Auch oder vielleicht besonders im leichten Fach zeigt sich Schostakowitsch ganze Meisterschaft. Stilistisch orientiert er sich mit viel – auch parodistischer – Lust an klassischer Wiener Operette wie auch am Musical, karikiert aber genauso seine russischen Kollegen – insbesondere Tschaikowsky. Gerade was Instrumentierung angeht, ist Schostakowitsch schlicht brilliant. Mit traumwandlerischer Sicherheit und Ideenvielfalt nutzt er alle Klangfarben des Orchesterapparates. Seine spezielle Vorliebe für die Piccoloflöte, um Klangmischungen über die ganze Breite der Register zu schaffen, die den typischen Schostakowitsch-Sound ausmacht, flackert manchmal auf, aber auch die feine Süße der Österreicher beherrscht er. Man spürt in jedem Ton der Partitur den Spaß, den es Schostakowitsch gemacht haben muss, hier in verschiedenen Klangwelten zu brillieren. Die Neue Philharmonie Westfalen unter Stefan Malzew lässt sich von dieser Lust voll mitreißen und zeigt, welche Perlen in dieser Partitur zu finden sind.

Ein Feierabendtänzchen in der Gemeinschaftsunterkunft (Foto: Bettina Stöß)

Die Geschichte, die nun in Gelsenkirchen erzählt wird, ist die eines ganz gewöhnlichen Tages im utopischen Stadtteil Tscherjomuschki. Das Volk ist mit Pillen glücklich gestellt. Morgens zum Arbeitsantritt in der Fabrik gibt es eine Pille und sogleich geht es zum gemeinsamen Frühsport der Arbeitsbrigade, dann wird dem Fabrikchef artig mit Fähnchen gewinkt und es geht fröhlich an die Werkbank – immer unter den strengen Blicken einiger grauer Aufpasser. Nach Schichtende verschwinden die Arbeiter wieder im Untergrund, wo sie den Feierabend in einer heruntergekommen Gemeinschaftsbaracke verbringen und von der eigenen Wohnung träumen. Derweil geraten oben der Fabrikchef und seine Frau in Streit, weil der Wagen mit Chauffeur nicht kommt und sie sich nicht einigen können, ob man mit dem Taxi oder Bus fährt oder läuft. Es endet bitter für die Frau, die einfach den Aufpassern zur allgemeinen Vergewaltigung übergeben wird. Derweil hat sich das Arbeitskollektiv schlafen gelegt und als sie von Alpträumen geplagt werden, wird schnell die nächste Glückspille gereicht, woraufhin sie sich in einen ekstatisches wie absurdes Ritterschauspiel hineinträumen. Schließlich bricht der nächste Tag genauso an wie der vorangegangene, die Arbeiter steigen hinauf in die Fabrik, Pille, Frühsport, Fähnchen. Der Fabrikbesitzer wählt eine neue Geliebte, der es wohl auch nicht besser ergehen wird als der alten.

Dass das alles mit den Nummern der Operette glaubhaft umgesetzt werden kann, ist eine herausragende Leistung des Regieteams und da wohl insbesondere von Dramaturgin Gabriele Wiesmüller, die hier erstaunliches geleistet hat. Pascal Seibicke hat eine Bühne gebaut, die die technischen Möglichkeiten klug nutzt, um den Wechsel zwischen Fabrik und Massenunterkunft zu realisieren. Farbe bringen insbesondere nach der Pause seine fantasievollen Kostüme in den Abend. Unter den Sängern sticht vor allem Rolf A. Scheider hervor, der den Operettenton perfekt trifft. Anke Sieloff steht ihm sowohl stimmlich wie darstellerisch in Nichts nach. Die junge Lina Hoffmann gibt eine großartige Wawa, die in der Vergewaltigungsszene auch darstellerisch Außerordentliches zeigt. Zhive Kremshovski ist stimmlich manchmal etwas zu opernhaft, damit aber in der Rolle des Fabrikchefs gut besetzt. Bele Kumberger setzt gleich nach dem großen Anfangsensemble mit ihrem jugendlich frischen Sopran ein musikalisches Highlight. Piotr Procheras Bariton wirkt ganz zu Beginn etwas gepresst, schwingt sich aber im Laufe des Abends zu voller Größe auf.

Mit brillantem Witz: Igor Sousa als Tanzroboter (Foto: Bettina Stöß)

Herausragend ist der Chor unter Leitung von Johannes Eberle, der nicht nur große Teile der Partitur zu bewältigen hat, sondern auch schauspielend und tanzend den Abend prägt. Sieben zusätzlich gecastete Tänzerinnen und Tänzern komplettieren das Ensemble. Die Choreographie besorgte Rachele Pedrocchi. Den größten Auftritt haben sie in der zweiten Hälfte, während der Traumsequenz. Dort gibt Igor Sousa zunächst eine herrliche männliche Olympia, dann zeigt das gesamte Ballettensemble eine hochamüsante Schwanensee-Parodie.

Mit „Moskau, Tscherjomuschki“ von Dimitri Schostakowitsch ist am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen ganz sicher eine mutige und sehenswerte Wiederbelegung eines fast vergessenen Werkes gelungen. Vor allem, weil die anspielungsreiche und originelle Operetten-Partitur in allen Farben zum Strahlen kommt. Die Regie zeigt, wie viel szenische Möglichkeiten in dem Stück stecken, könnte aber im ersten Teil etwas mehr Schwung vertragen. Nach der Pause kommt der Abend erst so richtig ins Laufen.

Termine und Tickets: MiR

 

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