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Radschnellweg Ruhr – brauchen wir ihn wirklich?

Ein Radschnellweg, 60 -80 km lang, im Schnitt gut 5m breit, schön fahrradfreundlich asphaltiert, so gut wie kreuzungsfrei einmal längs durchs Ruhrgebiet, von Ost nach West, zwischen Hamm und Duisburg? Über diesen Plan unseres Regionalverbandes kann man als Alltagsradler doch nur begeistert sein, oder? Warum ich es nicht bin? Ich werde es euch erklären:

Weil es entlang der geplanten Strecke für die Ruhr-Rad Autobahn größten Teils parallel nicht nur eine Auto-Auto-Bahn gibt, sondern eine der höchst frequentierten ÖPNV-Trassen Deutschlands, in  deren Zügen man sein Fahrrad mitnehmen kann bzw. könnte. Diese Mitnahme ist leider kostenpflichtig und die Fahrradabteile reichen gerade in Ruhshour-Zeiten nicht aus. Aber das müsste nicht so sein. Im Gegenteil, es gibt prinzipiell kein schnelleres und zugleich ökologischeres Fahrradtransport- System als die Bahn.

Gegenüber der geplanten Radautobahn  hat es aber noch zwei weitere wesentlichen Vorteile: Es ist wetterunabhängig und erreicht direkt die Zentren der anliegenden Städte. D.h. bei fahrradunfreundlichem Wetter verkürzt sie z.B. für den zwischenstädtischen Biker die Zeit in Regen, Kälte und starkem Wind auf das unvermeidliche Minimum. Unsere Hardcore-Allwetter-Radler werden über solche Weicheierei zwar nur milde lächeln, sollten dabei aber bedenken, dass sie weit unter 10 % der Alltagsradler ausmachen.

Bei der geplante Rennstrecke geht es aber, wie ihre Initiatoren und Planer verkünden, vorrangig um den ökologischen Umstieg der regionalen Autopendler auf das Fahrrad, d.h. gerade um die Mehrheit derer, die diesem Fahrzeug bislang eher skeptisch gegenüber stehen, bzw. die es nur bei fahrradfreundlichem Wetter und vor allem in der Freizeit benutzen. Leute also, die bislang nicht mal bei Sonne, Wärme und Rückenwind sonderlichen Spaß daran haben, zig Kilometer, zwar  schön gerade, asphaltiert und  schnell, dafür  aber auch häufig entlang stark befahrener Autotrassen in die Pedale zu treten.

Auch die Menschen, die mittlerweile die elektrische Unterstützung beim Biken für sich entdeckt haben, wollen  nicht dauernd möglichst schnell fahren, obwohl genau das auf der geplanten Schnellstrecke besonderen Spaß bereiten würde. Was hat man schon von der Landschaft, und die gibt es im Ruhrgebiet reichlich, wenn man wie ein Teilnehmer der Tour de France durch sie hindurch flitzt. Mag sein, dass man auf dem Weg zur Arbeit sowieso nicht gerne nach links und rechts schaut. Aber schon auf dem Weg zurück könnte das, sofern sich dort nicht nur Windschutzwände befinden, zur notwendigen Entspannung beitragen.

Die geplante Fahrradautobahn könnte also in Ermangelung  ausreichend vieler Nutzer ganz leicht ein Flop werden. Ein 100 Million Flop, denn so viel soll das Ganze am Ende kosten. 100 Millionen die wir im sonstigen Fahrradwegenetz gut gebrauchen könnten. Denn dort gibt es im Ruhrgebiet nachwievor viel zu tun. Es fehlen immer noch entscheidende Verbindungen, die mit viel weniger Geld viel mehr Nutzen erzeugen würden. Von der Renovierung und der Pflege der bestehenden Radwege ganz zu schweigen.

Das Ruhrgebiet zeichnet sich vor allem durch seine baulich-räumliche Dispersion aus. Gerade beim Fahrrad ist deswegen die Vollständigkeit und Beschleunigung des Verkehrsnetzes als Ganzem hier wesentlich entscheidender als der Ausbau einer bestimmten Strecke, die obendrein nur in Ost-West-Richtung verläuft. Dazu gehört auch der bequeme und schnelle Umstieg von einem Verkehrsmittel ins andere. Hier vor allem vom Fahrrad in den ÖPNV, wobei die Mitnahme nicht nur für Pendler die beste Lösung ist.

Statt die Bahn dazu zu bewegen, den regionalen Fahrradverkehr z.B. durch größere Radabteile und vor allem durch eine kostenlose Mitnahme dauerhaft zu unterstützen und das Wegenetz in Richtung der Bahnhöfe zu optimieren, wird ein medial spektakuläres Großprojekt angeschoben, dass am Ende mehr ökologischer Schein als ökologisches Sein bedeutet. Nicht nur, dass die kleine Minderheit derer, die diese Rennbahn wirklich benutzen wird, da sie nur komplett und nicht als Stückwerk ihre Funktion erfüllt, auf die neue Piste noch sehr lange warten muss. Die große Mehrheit, die sie nicht braucht, muss derweil weiter um jeden Euro ringen, der ihr vor Ort das alltägliche Radlerleben erträglicher machen könnte.

http://www.bild.de/regional/ruhrgebiet/fahrradweg/das-wird-unsere-tretautobahn-22762520.bild.html

http://www.radimpott.de/resources/RIP2011-03.pdf“

http://www1.wdr.de/themen/panorama/radschnellweg106.html“
 

 

 

 

 

 

 

 

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55 Kommentare zu “Radschnellweg Ruhr – brauchen wir ihn wirklich?

  • #51
    CARambolagen

    100 Millionen Euro für 60-80 km Radweg? Da kann der Berliner nur beherzt lachen, wenn so eine Ausgabe hier als exorbitant bewertet wird. Bei uns werden 3km Autobahn für 500 Millionen Euro gebaut. Von Fahrradschnellstraßen können wir nur sehnsüchtig träumen!

    Das Ruhrgebiet soll sich glücklich schätzen, wenn es diesen Radweg bekommt. Ich schließe mich den Vorrednern an, die sagen, dass so ein Projekt ja auch zeigt, dass sich die Prioritäten verschieben. Und auch wenn nur Leute diesen Radweg nutzen würden, die in seiner Nähe wohnen, dann haben wenigstens DIE einen Radweg abseits allen Straßenverkehrs(lärms). Paradiesische Zustände! Freue Dich oh Menschheit!

    Und was sind schon 100 Mio im Vergleich zu den 60 MILLIARDEN JÄHRLICH, die der Autoverkehr die deutsche Volkswirtschaft kostet? Jedenfalls sind das die offiziellen Zahlen des Umweltbundesamtes. (Daten zum Verkehr 2012 -www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/4364.pdf ) Die unfassbare, aber wahre, Zahl findet man auf Seite 62.

  • #52
    Robert Müser

    Der RVR hat nun den Zwischenbericht zum geplanten Radschnellweg Ruhrgebiet mit Vorschlägen für die Trassierungen in den Innenstädten vorgelegt, der hier abgerufen werden kann:

    http://www.metropoleruhr.de/regionalverband-ruhr/aktuelles-rvr/archive/2013/september/article/radschnellweg-ruhr-rvr-legt-den-staedten-und-seinen-gremien-zwischenbericht-zur-machbarkeitsstudie-1.html

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