Punk ist keine Religion – Die ideologische Vereinnahmung der Subkultur

Johnny Rotten während eines Konzerts 1977. Auch heute gehört er zu den bekanntesten Stimmen, die sich gegen ideologische Konformität innerhalb und außerhalb der Punkszene wenden. Foto: Koen Suyk / Nationaal Archief (CC0)
Johnny Rotten während eines Konzerts 1977. Auch heute gehört er zu den bekanntesten Stimmen, die sich gegen ideologische Konformität innerhalb und außerhalb der Punkszene wenden. Foto: Koen Suyk / Nationaal Archief (CC0)

Punk versteht sich als Gegenkultur. Er misstraut Autoritäten, Institutionen und Ideologien. Dennoch wirken Teile der heutigen Punkszene erstaunlich ideologisch geschlossen. Wie konnte aus einer Bewegung, die das Denken gegen den Strich kultivierte, eine Szene werden, in der manche Positionen kaum noch hinterfragt werden?

Der Festivalsommer läuft auf Hochtouren. Bei bestem Wetter könnte man jedes Wochenende woanders hinfahren, um schon frühmorgens Bier zu trinken, sich vor der Bühne einen Sonnenbrand zu holen und die Nächte in einem unbequemen Zelt zu verbringen. Zeitgleich geistern Meldungen von den überall stattfindenden Festivals durch Social Media: Diese Band soll dort nicht auftreten dürfen, ein Mitglied einer anderen Band habe etwas Falsches gesagt, oder die Crew baut die Bühne bei über 30 Grad im Schatten auf und zieht dabei ihre Shirts aus. Längst gibt es auf vielen Festivals sogenannte „Awareness-Teams“, die die Einhaltung der Regeln überprüfen, die die Besucher einzuhalten haben und die von Jahr zu Jahr zahlreicher werden. Doch wie kam es dazu, dass Punk zu einer Bewegung wurde, die ihre Mitglieder in ein enges Korsett eines Verhaltenskodex zwängt und sogar deren Gedanken kontrollieren möchte?

Der Ursprung des Punks: Offenheit statt Linie

Über die Entstehung des Punks scheiden sich die Geister. Die einen sagen, er sei Ende der 1970er Jahre in England entstanden und die Sex Pistols seien die erste Band gewesen, die das Genre einem breiteren Publikum zugänglich gemacht habe. Andere verweisen auf die US-amerikanische Band Ramones, die bereits 1976 – also ein Jahr vor dem Debüt der Sex Pistols – ihre self-titled LP veröffentlichten.

Natürlich ist auch der neue Stil des Punkrocks nicht in einem luftleeren Raum entstanden, denn es gab Bands wie die Stooges oder MC5, die heute als Proto-Punk bezeichnet werden und den Übergang von Rockmusik, die sich in den 1960er Jahren zu immer komplexer werdendem Progressive- und Psychedelic-Rock entwickelte, markieren. Mit der Rückführung zu simplen, kurzen Songs, die direkte Energie vermitteln sollten und mit einer Haltung gespielt wurden, bei der Ausdruck wichtiger war als technische Perfektion, legten diese Bands den Grundstein für das, was wir heute Punk nennen.

Da es für das Thema dieses Artikels nicht relevant ist, wer denn nun die erste Punkband war, schauen wir uns einfach die wichtigsten Protagonisten der ersten Stunde des Punks an. Die Texte von Bands wie den Ramones, den Sex Pistols, The Clash, Buzzcocks oder The Damned lassen sich grob in vier Themenbereiche einteilen:

1. Langeweile und Frustration

Ein zentrales Motiv war das Gefühl, dass das Leben eintönig, aussichtslos oder sinnlos sei (Ramones: Blitzkrieg Bop, 1976). Dabei geht es zum Beispiel um die Monotonie des Alltags, Arbeitslosigkeit (The Clash: Career Opportunities, 1977) und Perspektivlosigkeit (Sex Pistols: Pretty Vacant, 1977). Gerade in Großbritannien spielte die Wirtschaftskrise der 1970er Jahre eine große Rolle.

2. Rebellion

Nicht unbedingt gegen eine konkrete Regierung, sondern gegen Autoritäten im Allgemeinen (Sex Pistols: Anarchy in the U.K., 1976). Das können Eltern, Schule, Polizei, Konventionen oder die Musikindustrie sein. Der berühmte Slogan „No Future“ der Sex Pistols ist weniger als politisches Programm zu verstehen, sondern als Ausdruck von Hoffnungslosigkeit und Provokation (Sex Pistols: God Save the Queen, 1977).

3. Persönliche Themen

Vor allem die Buzzcocks schrieben erstaunlich viele Songs über Liebe, Zurückweisung, Sexualität und Unsicherheit. Das war für Rockmusik dieser Zeit ungewöhnlich offen und verletzlich (Buzzcocks: Ever Fallen in Love [With Someone You Shouldn’t’ve], 1978).

4. Humor und Absurdität

Gerade die Ramones schrieben viele Songs, die gar nicht politisch waren. Sie handelten etwa von Horrorfilmen (Ramones: Chain Saw, 1976), Comics, Drogen (Ramones: Now I Wanna Sniff Some Glue, 1976) und bewusst albernen Situationen (Ramones: Teenage Lobotomy, 1977). Viele dieser Songs waren eher schwarzhumorig als gesellschaftskritisch.

Eine ideologische Leitlinie gab es bei den ersten Punkbands also nicht. Gemeinsam war ihnen lediglich die Überzeugung, dass jeder Musik machen könne – unabhängig von musikalischer Ausbildung oder technischem Können –, die Ablehnung von Konformität und die Bereitschaft, gesellschaftliche Tabus zu brechen und Widersprüche offenzulegen.

Von Gegenkultur zu politischer Konformität

Auffällig ist auch, worum es in den Texten der frühen Punkbands nicht ging: Kapitalismuskritik, Feminismus, Antifaschismus, Tierrechte oder Klimaschutz.

Erst Bands der zweiten Welle des Punks wie Crass, Dead Kennedys oder Conflict griffen diese Themen auf und fügten sie dem Repertoire von Entfremdung, Frustration, Provokation sowie dem Einfordern und der Verteidigung persönlicher Freiheit hinzu.

Nun lässt sich überhaupt nichts daran aussetzen, dass junge Leute ihren Unmut kundtun und zu diesem Zweck Punk nutzen. Allerdings scheint es, als hätten heute bestimmte politische Positionen eine starke hegemoniale und normative Dominanz innerhalb der Subkultur entwickelt. Dadurch entsteht der Effekt, dass diese weniger als diskutierbare Positionen erscheinen, sondern eher als implizite Voraussetzungen für die Zugehörigkeit zur Szene. Das führt dazu, dass von der Mehrheit abweichende Sichtweisen schwerer geäußert werden können oder schneller zu Konflikten führen.

Es gibt einige solcher Positionen, die in dieses Schema passen: die sogenannte „Palästina“-Solidarität, die mittlerweile Ausmaße annimmt, die Ian Stuart in den 1980er Jahren neidisch gemacht hätten; die Ablehnung alles dessen, was irgendwie als „rechts“ gilt und unter der allgegenwärtigen Formel „FCK AFD“ subsumiert wird (das schließt einen Skeptizismus gegenüber unkontrollierter Massenmigration, der damit verbundenen Kriminalität, dem Islam oder gar die Befürwortung von Atomkraft ein); und schließlich die identitätspolitischen Auswüchse, wie die Gendersprache oder die Auffassung, es gäbe eine unendlich lange Liste an Geschlechtern, verbunden mit dem Leugnen biologischer Fakten.

Nicht nur, dass ein Großteil der Subkultur diese Positionen völlig unhinterfragt vertritt – die Zugehörigkeit zum Kollektiv hängt ja davon ab –, man ist auch nicht in der Lage, diese Positionen, die man auf allen Kanälen im Internet verbreitet und durch politische Transparente, Fahnen und Reden auf der Bühne postuliert, durch Argumente zu verteidigen. Auf kritische Nachfragen, etwa wie es um Punkkonzerte im Gazastreifen steht (Spoiler: Sie existieren nicht), wird in der Regel mit einem Nazi-Vorwurf reagiert. Logisch, denn Nazis waren nicht Oma, Opa und Karl-Heinz, sondern unmenschliche Bestien – und wer eine solche ist, hat im öffentlichen Diskurs nichts zu melden. Man selbst hat mit seinen Vernichtungsfantasien dem jüdischen Staat gegenüber aber selbstredend nichts mit diesen gemein.

Politische Kunst oder politische Erziehung?

Wenn man so dreist ist, Punk irgendwie als Kunstform zu begreifen – was meines Erachtens höchst streitbar ist, allerdings für das folgende Argument als Prämisse angenommen wird –, kann man allgemein feststellen, dass Kunst politisch ist und es auch sein sollte. Jedoch sollte sie zum Denken anregen und nicht eine vorgefertigte Ideologie anbieten. Der Zweck politischer Kunst besteht nicht darin, den Betrachter zu belehren, sondern ihn zum Denken zu bringen. Das lässt sich auf alle Bereiche der Kunst anwenden: die Malerei, die Bildhauerei, den Film, die Fotografie, die Architektur, die Literatur, das Theater und die Musik.

Kunst verliert ihren Wert nicht dadurch, dass sie politisch ist. Sie verliert ihn dort, wo sie aufhört, Fragen zu stellen, und stattdessen Antworten liefert. Dies knüpft an eine lange ästhetische Tradition an – von Theodor W. Adorno bis Hannah Arendt, wenn auch mit unterschiedlichen Begründungen. Auch George Orwell hat sich gegen Literatur gewandt, die nur noch politische Botschaften transportiert, obwohl er selbst hochpolitisch schrieb.

Punk ist kein Glaubenssystem – sondern Widerspruch

Heute scheint es, als wäre es eine Voraussetzung, um als Punkband „groß“ zu werden, dass man ein vorgefertigtes Set an Positionen übernimmt und dieses Mantra zu jeder Gelegenheit wiederholt.

Als „Konsument“ vor der Bühne, vor dem Plattenspieler oder als Leser von Fanzines fühle ich mich dadurch eher entmündigt als empowert, wenn mir jemand versucht die Welt zu erklären und sie dabei in Gut und Böse einteilt. Ich möchte mir meine eigenen Gedanken zum politischen Geschehen machen und diese mit anderen diskutieren, auch wenn sie anderer Meinung sind.

Subkultur sollte keine soziale Zwangsnorm politischer Einheitspositionen entwickeln. Es gilt, das Muster aus sozialer Identität, Gruppendynamik und „Virtue Signalling“ zu durchbrechen. Denn es erzeugt unmündige Menschen, die ihre Gruppenzugehörigkeit über eine geteilte Haltung zeigen und diese Positionen übernehmen, ohne selbst darüber nachgedacht zu haben.

In diesem Sinne: „Punk ain’t no religious cult, punk means thinking for yourself.“ (Dead Kennedys: Nazi Punks Fuck Off, 1981).
Oder wie die deutsche Band Normahl es ausdrückte: „Punk ist keine Religion.“

 

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